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Erinnerungen aus dem
Leben eines jungen Geiftlichen
von
Friedr. Strauß.
Drei Baͤndchen.
Sechste Auflage.
Elberfeld, 1831. Büſchlerſche Verlags-Buchhandlung.
11BRAR = DD. MAR 2 2 1976 O
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Vorrede.
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Mich duͤnkt, daß Erinnerungen aus dem Leben eines Geiſtlichen viel Aehnliches mit Glockentoͤnen haben, und darum habe ich ſie mit dieſem Bilde bezeichnet. An Toͤnen haͤlt ſich uͤberhaupt die Erinnerung am laͤngſten feſt und Erinnerungen an kirchliche Dinge an Toͤnen der Kirche, an Glockentoͤnen. Iſt doch auch das Leben eines Geiſtlichen ei— gentlich nur ein Glockenton, ein Ruf in die Ge— meinde, daß ſie ſich zu dem Gottesſohne verſam— mele, der Worte des ewigen Lebens redet. Glockentoͤne laden zum Feſte. So wollen auch dieſe Erzählungen, anſpruchlos und befher
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IV vorrede.
den, nur einladen zu dem, der das ganze Leben zu einem Feſte machen kann.
Jeder hat in feinem Gemuͤthe Bilder und An: ſichten, die ihm im Laufe des Lebens vor andern lieb geworden und von denen er glaubt, daß ſie unmittelbar mit ſeinem Weſen zuſammen hangen. Man fuͤhlt oft das Beduͤrfniß, ſie andern mitzuthei⸗ len und es ſind die Föftlichften Augenblicke in dem vertrauten Umgange, wenn ungeſucht und unwill⸗ kuͤhrlich ſich die Herzen zu ſolchen Mittheilungen eroͤffnen. Fehlt der Freund, ſo hoͤrt doch der Trieb zur Mittheilung nicht auf, und wenn die Umſtaͤnde verwehren, daß das lebendige Wort warm aus dem Herzen zum Herzen geſprochen werde, ſo muß das ſchriftliche Wort die Stelle vertreten.
So ſind dieſe Blätter entſtanden. In einer Lage, wo ich mich ſelten in dieſer Hinſicht mit— theilen konnte, ergriff ich, wenn das Verlangen groß wurde, die Feder, um das zu ſchreiben, was ich nicht ſagen konnte. Auf ſolche Weiſe ſind dieſe Darſtellungen mehr aus meinem Herzen, als aus meinem Leben. Die Umgebungen
Vorrede. * Vorfälle, Einkleidungen find nicht gewählt, wie ſie ſich wirklich vorfanden, ſondern wie ſie am beſten geeignet ſchienen, die innere Stimmung auszudruͤcken. Es ſind Erinnerungen aus der Jugend, weil fie innerhalb ihrer Graͤnzen nieder- geſchrieben wurden, und weil die Jugend gerade die rechte Zeit für den Ausdruck folder Empfin⸗ dungen iſt.
Aber aus der Jugend eines Geiſtlichen ſind ſie genommen, weil ich gern helfen moͤchte, daß ein Amt verherrlicht wuͤrde, das Verherrlichung verdient. Das Gluͤck, welches es bereitet, iſt verborgen vor der Welt, und wer es nicht ſucht in den ſtillen Bewegungen eines Herzens, dem das Unſichtbare lieber iſt, als das Sichtbare, der wird nie den ſanften Frieden und das innere Gluͤck finden, die in dieſem Amte moͤglich ſind.
Was die Form dieſer Darſtellungen betrifft, ſo wird ſie ihre Schwaͤchen haben. Ich ſah nur darauf, daß das Wort, wie es ſich in jeder Stim— mung aus meinem Herzen hervordraͤngte, frey, natuͤrlich und ungekuͤnſtelt bleiben moͤchte.
2 Vorrede.
Es haͤtte noch Mehreres mitgetheilt werden koͤnnen; allein ich hielt für rathſam, aus der groͤ⸗ ßern Menge fuͤrs Erſte nur das auszuwaͤhlen, was kuͤnftigen, tiefer gehenden Mittheilungen die Bahn brechen koͤnne. ö
Nehmt dieß denn freundlich hin, Ihr ſtillen frommen Menſchen! Rur Euch mag ich derglei⸗ chen anbieten, und nur Ihr werdet es verſtehen
und empfinden. Wenn Euch bey Einer Stelle
wohl wird fo laßt um ihrentwillen die übrigen, Mein beſter Wunſch iſt erfuͤllt, wenn Ihr beym Leſen die Nähe deſſen verſpuͤrt, in deſſen Umgange dieſe Blaͤtter geſchrieben wurden.
Ronsdorf, den 11" Novbr. 1813.
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Erſtes Bändchen. Der Abend vor der Frühlingsfeyer Met Herbe g „ Zu e Jahreswechſel s u. , Des Herrn Nachtmah l Die Einſegnung der Kinder ..
Der Einzug in der Gemeinde ..
Zweites Bändchen. Die goldene Hochzeit.. . Die Mitternacht g . Die Sterbende Mr Te. Die Hausandadit. » 2 2 2. 9 5. es, Das Feſt der heiligen drey Könige
Die erſte Predige .
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5. 6.
Drittes Bändchen.
Der Geburtstag Der Oſtermorgen Das Himmelfahrtsſeſt. . Die Pfingſten Die Michaelisfeyer 2. Der Thomastag Die Einweihung zum Amte .
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7 Der Abend vor der Fruͤhlingsfeyer,
Unmoͤglich konnte ich länger daheim bleiben. Die Fruͤhlingsſonne ſchien auf den Arbeitstiſch. Im Garten ſchlug die Nachtigall. Die ganze Herrlichkeit des Lenzes in Farben und Tönen umſchwebte mich, indem ich an mei— ner Fruͤhlingspredigt ſchrib. Es war Samſtag Abend, und da ſchlaͤgt ja immer hoͤher eines Pfarrers Herz, und es iſt jedesmal eine Art von Braͤutigamsgefuͤhl, das ihn dann in Erwartungen und Vorſaͤtzen, in Begeiſterung und Hoffnung bewegt. Aber ſo war mir noch nie geweſen an einem Samſtag Abende. Fruͤhe war ich des Morgens auf— geſtanden, hatte bethend meine Predigt begonnen, hatte tauſend Willkommen dem Lenze gerufen, und mich wieder niedergeſetzt, und ein feyernd Wort geſchrieben; war dann aufgeſprungen, hatte die Pſalmen ergriffen, und manchen Hochgeſang des Lenzes; hatte dann aufs neue andaͤchtig
hineingeblickt, bald von der einen Seite des Hauſes in die Glockentoͤne. 6. Aufl j
Sa
Gärten und Bluͤthenbaͤume, bald von der andern in die tiefen Wieſen, und das friſche Laub der Waldungen, und dann trat die theure Gemeinde mir vor die Seele, und ich eilte wieder zur Predigt, und ſo war es fort gegangen bis zum Abende. Aber nun war es mir unmoͤglich, laͤnger daheim zu bleiben. Kann ich in ſolchen Stunden nicht reden, ſo iſt es mir, als muͤßte ich wenigſtens wandeln.
Ich machte mich auf. Mein Herz ſchwamm in Won⸗ ne; mein Geiſt dachte an Gott, und mein Auge ſuchte überall die Spuren feiner Herrlichkeit. O wie mich da alles begruͤßte! Als ich hoch im Garten auf dem oberſten Grasplatze ſtand, und die ganze Gegend, die blauen Berge und die ſchwarzen Gruͤnde und das Städtchen uͤberſchaute, zwiſchen deſſen Wohnungen ſich die bluͤhenden Kirſchbaͤume erhoben, und dann auf die naͤchſten Umgebungen ſah: da riefen mir die Nagelbluͤthen, da die Mayblumen, da die Kirſchbluͤthen, da alle Blumen zu: Sey uns gegruͤßt, Juͤngling, Bruder! Siehe, wir ſind auch Juͤnglinge und Jungfrauen; komm in unſere Reihen; wir opfern dem Va⸗ ter im Himmel; komm, du Diener des Worts im Tempel mit Menſchenhaͤnden gemacht, ſey es auch im großen Got— teshauſe, — das iſt ja der Menſch in der Natur, — wir wollen dich hoͤren. Und laut jauchzte ich auf und ſprach meine Pſalmen und Feyergeſaͤnge. Die Leute die voruͤber— gingen, ſahen mich verwundert an uͤber die Hecken, und ſagten: der Pfarrer ſtudirt auf morgen.
Aber ich konnte auch auf dir nicht bleiben, liebliche Hoͤhe, Altar Gottes, von dem ſo oft meine Seele empor— geſtiegen. Hinaus, hinunter mußte ich, und meine Wonne durch die ganze Gegend tragen und meinen Jubel von der
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Hoͤhe hinab in das Thal. Da klopften die Eiſenhaͤmmer, die Gaͤnge waren dunkel geworden, die Wieſen verbreite— ten ihren zarten Wohlgeruch, und ein lieblicher Mayduft umwehte mich wie Himmelsathem von allen Seiten. Wie einſt bei der Schoͤpfung der Geiſt Gottes auf den Waſſern ſchwebte, ſo ſchien er mir jetzt auf den Wipfeln der Baͤu⸗ me, auf dem Mooſe am Boden, auf der ganzen Ausſicht und auf dem freundlich verborgenen Städtchen zu ſchwe— ben. Aus dem freundlich verborgenen Staͤdtchen blickte die Kirche hervor. O wie das Herz mir ſchlug, als ich dich erblickte, theures Gotteshaus, in dem ich heute vor drei Jahren die heilige Weihe empfing. Von der erſten, zit— ternden, ſcheuen Begeiſterung damals, bis zu der vollen, kuͤhnen am heutigen Tage, — der ganze Gang, alle Freu— den und Leiden meines Pfarrlebens kamen mir wieder vor die Seele, und ich konnte nur danken und preiſen. Liebes Kirchlein, o du mein Himmel auf Erden, mein wahrhaft Gotteshaus, wie oft habe ich in dir das Vorgefuͤhl des ewigen Lebens empfunden! Wenn ich in dir ſtehe, begei— ſtert unter den Andaͤchtigen, da moͤchte ich nimmer von der Kanzel, nimmer von dem Altare hinweg. Wahrlich Gottes Diener zu ſeyn auf Erden, Jeſu Bothſchafter an die Menſchen — das iſt unter allen Aemtern das ſchoͤnſte, unter allen Lebensweiſen die ſeligſte!
Ich ſah mein Fichtenwaͤldchen. Auch da mußte ich ſeyn, und an jeder Lieblingsſtelle ſehen, wie das Neue ſo ſchoͤn geworden. Es umfing mich nach langer Zeit wieder das feyerlich Duͤſtre ſeiner Schatten. Ein wehmuͤthiger Schauer fuhr durch meine Glieder, als ich jener Fruͤhlings⸗ tage in der Ordinationszeit gedachte, wo ich dieſes Waͤld⸗
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chen mir zum heiligen Haine geweiht hatte. Ein Hain gehoͤrt zum Pfarrerleben. Ich lobe mir die Alten, die bei ihren Altaͤren in Hainen wohnten. Als ich in dieſe Gegend kam, war es das Erſte, mich umzuſehen, ob ich nicht auch zum Altar einen Hain finden wuͤrde. Iſt doch dann der Eindruck, den ein mit Menſchenhaͤnden gebauter Tempel auf den Eintretenden macht, der richtige, wenn er dem eines Haines gleicht. Hain und Schauer der Daͤmmerung und die heiligen Geheimniſſe eines in Gott verborgenen Lebens liegen ſich ſehr nahe. Nun war ich in dem Haine, aber alle Herrlichkeit des Lenzes verſchwand mir in ſeiner Daͤmmerung vor dem Schauer der hoͤhern Welt, die ich ahnete. Es war eine eigene Stimmung, in der ich ihn nach einiger Zeit verließ. Ich gedachte der ſeligen Stun— den, die ich ſchon in feiner Umſchattung durchlebt hatte, und der Zeit meiner erſten Liebe zur Kirche. Da fragte tief aus dem Herzen eine Stimme hervor: ob dieſes Feuer, dieſes Gluͤck, und dieſe Liebe auch wohl bleiben werden? — Wie? erhoben ſich tauſend Stimmen dagegen, nicht bleiben? Gott iſt die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm. Nein, wie der ſicht— baren Sonne Licht wohl auf und untergeht, und nicht in jedem Augenblick an jeder Stelle der Erde ſcheinet, ſo mag auch wohl dieſes armen Lebens Licht und Waͤrme auf kurze Zeit untergehen, aber aufgehen wird es auch immer wieder, und was Gott mir gegeben, ſoll die Welt mir nicht nehmen. Ich bleibe ein Juͤngling, in Feuer, Gluͤck und Liebe, auch wenn graue Haare auf meiner Scheitel ſtehen. J Unter ſolchen Selbſtgeſpraͤchen kam ich in die Wieſen herab. Da ſprangen die Kindlein meiner Gemeinde, die
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zarten Schaͤflein der Heerde, und pflückten Blumen, und jagten ſich und freuten ſich in ihrer Unſchuld. Auch ein Opfer! dachte ich, das dem Herrn gebracht wird, aber die Prieſter wiſſen nicht, daß ſie Prieſter ſind. Siehe, da ſprangen alle an mir herauf und reichten mir ihre kleinen Haͤndchen, und kuͤßten ſie und ſprangen wieder hinweg.
Liebliche Kindheit, du biſt der rechte Fruͤhling des Le— bens! Da gruͤnet noch jede duͤrre Stelle, jede Pflanze hat ihre Bluͤthe, jeder Tag ſeine Freude, jede Jahreszeit ihr Spiel, und Thraͤnen und Jauchzen wechſeln mit derſelben Leichtigkeit. Ach, liebliche Jugend, wenn du nur wuͤßteſt, wie ſchoͤn es in dir iſt! Deine Engel ſehen allezeit das Angeſicht des Vaters im Himmel.
Aber ein ſchoͤnerer Fruͤhling kam noch, du theure So— phia, blühende Schweſter! Ich eilte an dein hochſchlagen— des Herz, und hielt dich in meinen Armen. Aus deinem großen ſchwaͤrmeriſchen Auge ſtroͤmte frommes Entzuͤcken. Wie freute ich mich, daß du jetzt gerade den Bruder be— ſuchteſt, und daß du in dieſem Augenblicke mir begegneteſt! Nun hatte ich ja in dir unſer Vaterhaus, und die ſchoͤne Jugend, die Liebe der alten Aeltern, und dein reines from— mes Herz — den Frühling meines Lebens, in dem Fruͤh— linge des Jahres. „O wäre doch der ehrwuͤrdige, alte Vater hier, ſagteſt du, noch heiliger waͤre mir dieſer ſchoͤne Abend. In ſeiner Naͤhe iſt mir Alles geheiligt.“ Unſere Augen wurden feucht, und wir ſchieden.
Ich ſtieg den Berg hinan zum Hauſe des Herrn. Das
mußte ich vor allen an dieſem Abende begruͤßen, und es weihen auf morgen, wenn auch nur mit Blicken des Ver—
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langens. Wäre es ſchon Morgen, fände ich ſchon oben! Alſo werde ich anheben:
Seyd mir willkommen geheiſſen, im Hauſe des Herrn, meine Freunde. Meine Pulſe ſchlagen hoͤher, mein Herz ſchwebt in Wonne, mein Mund fließt uͤber von Dank und Lob, denn ich will von der Fruͤhlingsfreude reden!
Ehe ich auftrat, iſt mein Gebeth zu Gott gegangen, daß mir wiederkehren möge alle Gluth und Freude, alle Luſt und Feyer, aller Segen und aller Preis, die ich oft in dieſen Tagen empfunden, daß ſie von neuem erfuͤllen moͤgen mit dem vollen Gefuͤhle des neu erwachten Lebens das hochbegluͤckte Gemuͤth; daß ſie mir helfen moͤgen, in Stroͤmen der Begeiſterung zu reden und das Wort zu fin⸗ den, das Euch gleichfalls entzuͤnde, und die Herzensſpra⸗ che, die wie ein laufend Feuer durch das Ohr Euch dringe in des Herzens tiefunterſten Grund! Denn ſiehe, der Win⸗ ter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blur men ſind hervorgekommen im Lande. Der Lenz iſt herbei— kommen.
So ſprach der Sänger des hohen Liedes. — Im ſchoͤ— nen feurigen Morgenlande ſchlug ſeine flammende Seele in Liebe und Freude empor, und unter den Duͤften und Farben des bluͤhenden Oſten ergoß ſich das wallende Herz in heiligen Geſaͤngen; man athmet den Jugendodem aus Morgen, wenn man lieſet in ſeinem Fruͤhlingspſalm: „Die Turteltaube läßt ſich hören in unſerm Lande, der Felgen: baum hat Knoten gewonnen, die Weinſtoͤcke haben Augen gewonnen, und geben ihren Geruch.“ Stehet auf, meine Freunde, und kommt, o kommt her, drauſſen iſt Morgen⸗
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land, Jugend und Frühling, denn ſiehe, der Winter iſt vergangen, die Blumen ſind hervorgekommen im Lande. Der Lenz iſt herbeikommen. f
Hoͤre ich Klagetoͤne? Dringen ſie aus Eurer Bruſt uͤber des Lebens Leiden in mein Ohr? O verſtopft Euch ſelbſt nicht die Quellen der Freude, verbindet Euch nicht die Augen, verhaͤrtet nicht Euer Herz! Freilich die Men— ſchenwelt iſt voll Jammers, und blutend kehrt das Herz heim aus den Sorgen der Nahrung, und den Kuͤmmerniſ— ſen der Ehre. Werft ſie heute weg von der armen, ge— preßten Bruſt! Nein, zieht fie herein in eure Freude, und verklaͤrt ſie in Euerm Danke, und laßt alle Traurigkeit Wonne werden, denn ſiehe der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blumen ſind hervorkommen im Lande. Der Lenz iſt herbeikommen.
Zu dir erheb' ich Herz, und Blick, und Stimme, du heiliger Gottes- und Menſchen-Sohn! In jenen ſeligen Tagen, als Du noch auf der Erde wandelteſt, — es wa— ren ihre ſchoͤnſten — da ſtandeſt Du gern an den bluͤhen— den Ufern des Sees Genezareth, gingeſt gern zwiſchen den wogenden Saaten in Galilaͤas Gefilden, ſaheſt gern wie die Cedern auf Libanon ragten, die Roſen zu Jericho bluͤ⸗ heten, die Palmen zu Engeddi weheten. Unter Oelbaͤumen wandelteſt Du mit Deinen Juͤngern, und aus Deinem Munde freuen wir uns noch des Fruͤhlingswortes: wenn der Feigenbaum ſaftig wird, und Blaͤtter gewinnet, ſo wiſſet, daß der Sommer nahe iſt. O Du eingeborner Sohn des Vaters voller Gnade und Wahrheit, Du Koͤnig und Hoheprieſter beſeelige uns heute mit Deiner Naͤhe, und laß Deine Stimme aus der blühenden Welt an unſere See—
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len reden, damit wir geheiligt und gereinigt, in Deiner Nähe einen uͤberirdiſchen Frühling feiern, und wiedergebo— ren zu einem neuen Leben in hoͤherer Bedeutung ausrufen: Siehe, der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin, die Blumen ſind hervorgekommen im Lande. Der Lenz iſt herbeikommen. — a Ob ich's geſagt, oder ob ich's nur gedacht, als ich unter der Vorhalle der Kirche ſtand, ich weiß es nicht. Es war unterdeß ein Gewitter gekommen. Der Blitz umleuch⸗ tete mich, der Donner hallte uͤber mir — in langſamen dicken Tropfen ſtuͤrzte der Regen herab, und hoͤrte bald wieder auf. In der Zeit hatte ich, ſinnend auf morgen, unter der Vorhalle geſtanden. Als der Regen aufgehoͤrt hatte, wollte ich uͤber den Kirchhof heim kehren. In dem hohen Baumgange trat mir der alte Andreas entgegen, der ſo andaͤchtig mir gegenuͤber ſitzt in der Kirche, und ſo fromm alles auf ſich und ſein Leben anwendet — dieſes Symeons Antlitz, auf dem geſchrieben ſteht: Herr, nun laͤſſeſt du Deinen Diener im Frieden fahren. Wie mir heute Alles zum Fruͤhlingszeichen werden ſollte, ſo wurde es mir auch dieſer Greis. Auf ſeinem alten tiefgefurchteten Antlitz ſchwebte ja ein himmliſcher Lenz voll Hoffnung, und ſeine ganze Seele war Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Wie geht's? fragte ich ihn. Er erwiderte: Ich habe Heimweh, Herr Pfarrer. Ich ſagte: gerade jetzt im Fruͤhlinge? Ach Herr, antwortete er, ich bin auf dem Kirchhofe geweſen, meine Entſchlafenen haben mir wieder ſo viele Gruͤße und Bothen geſchickt, daß ich nun wohl nicht lange mehr ausbleiben darf. Jedes Grab der Meinigen hatte wenigſtens Eine neue Blume. Das ıfl
—— 9 —— jedesmal ſo viel, als ein neuer Gruß von jedem Heimge— gangenen. Der irdiſche Fruͤhling ſcheint nicht recht mehr zu dieſem Wintergewande zu paſſen, er ruft mich nicht mehr zu meiner Mutter, der Erde, ſondern zu meinem Vater im Himmel. — So ſprach er noch lange über fein Heimweh im Fruͤhlinge, ehe ich fuͤrder ging.
Ich war auf dem ſtillen, dicht beſchatteten Gottes⸗ acker. Waͤre ich auf ihm nicht geweſen ſo haͤtte mir etwas gefehlt an der Fruͤhlingsfeyer. Wer im irdiſchen Fruͤhling nicht den himmliſchen genießt, verſteht keinen von beiden. Nirgend iſt die Geſtalt des Fruͤhlings heiliger als auf dem Kirchhofe, vor allen auf dem unſrigen, wo man aus dem dichten Pappelgebuͤſche eine fo weite Ausſicht auf die Ge gend, die Landſtraßen, und, ich moͤchte ſagen, auf das Leben hat, denn die gebuͤhrt den Graͤbern. Auf des from— men Vorgängers Grabe knospeten ſchon die weißen Roſen. Eine treue, kindliche Seele, die auch durch's Grab hin⸗ durch noch Dank ſagen wollte, hatte ſie gepflanzt. An dieſem Grabe verweilte ich am laͤngſten. Hier ſchlaͤft der Hirt in der Mitte ſeiner theuern Heerde. Das treue Herz, das ihre Freuden heiligte, und ihre Schmerzen maͤßigte, das ſo oft bewegt war in Gebeth und Fuͤrbitte, das keine groͤßere Freude kannte, denn daß ſeine Kindlein in der Wahrheit wandeln, verlaͤßt ſie auch im Tode nicht, und ichläft im Frieden bei den Seinigen. Es iſt gebrochen und verweſet; aber feine Liebe lebt noch in den Herzen ber bin; terlaſſenen Gemeinde. Droben, Du treuer Hirt, leuchteſt Du wie die Sterne, und hier erwaͤrmt Dein Andenken noch manches dankbare Herz — und auch das Deines Nachfolgers!
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Auf den Graͤbern, an denen ich ſelbſt ſchon geſtanden, und die Huͤlle manches Freundes der Erde geweiht hatte, gruͤnten die erſten Graͤſer. Seyd mir gegruͤßt, ihr freund⸗ lich gruͤnenden Graͤſer, ſeyd mir ein Unterpfand, daß aus dem Tode das Leben kommt! Es waren zum Theil liebe Menſchen, uͤber deren Haͤuptern ihr aus der Erde keimt, und nun ſenden ſie zum Zeichen ihrer Liebe, und ihres Andenkens dieſe Sinnbilder der Hoffnung aus den Graͤ— bern herauf. Ich fühle mich in unſichtbarer, heiliger Ger meinſchaft; ich empfinde, daß eine hoͤhere Welt mir nahet, wo ein ewiger Fruͤhling gruͤnet. Der irdiſche Fruͤhling vergeht, der Sommer kommt, die Blumen ſchießen in Sa men, und keine von ihnen allen bleibt. Es wird Herbſt, und bald iſts Winter und Froſt. Dann iſt der Wald ent⸗ laubt, kein Kindlein iſt auf der Wieſe, die Schweſter iſt weggezogen, und die letzten Blaͤtter fallen zur Erde, und bald kehrt dann ein neuer Fruͤhling wieder. Aber einſt, wenn alle Fruͤhlinge meines Lebens abgebluͤht, alle Blu— men abgefallen, alle Abſchiede genommen ſind, dann bricht ein ewiger Frühling ein, jenſeits. Was hier mir welfte, finde ich dort wieder, jede ſchoͤne Stelle des Lenzes, jede theure jugendliche Geſtalt, jede Stunde voll Begeiſterung. Hier iſt nur Ahnung, dort iſt der wahre Frühling.
Als ich das dachte voll Wehmuth und Sehnſucht, ſchlu— gen die Glocken zuſammen, und lauteten den Sonntag ein. Es war kuͤhl in der Luft geworden. Alles duftete um mich her. Der Geſang der Nachtigall erſcholl von neuem. Ein Regenbogen ſtand im Oſten, ſo breit und hell, ſo glaͤn⸗ zend und triumphirend, wie ich noch nie einen ſah. Ich kehrte heim und aus dem Fenſter der Buͤcherſtube blickte
ich noch einmahl in den Frühling hinaus, und grüßte die Schweſter. Dann blieb ich ſtill und froh, bis am Mor: gen die Glocken wieder läuteten, die Kirchgaͤnger hinauf zogen zum Berge des Herrn, und ich anfing zu verkuͤn— digen ein neues Jahr unſers Gottes. —
So feierte ich den Sabbathabend vor der Fruͤhlings— feier.
2.
Mein Herbſttag.
Von meiner Kindheit an hat der Herbſt am ſtaͤrkſten unter allen Jahreszeiten auf mich gewirkt. Ein gewiffer Hang zur Wehmuth, der in meinem Gemuͤthe liegt, fand reichliche Nahrung in ihm, und ich erinnere mich noch aus meinen Kinderjahren, daß ich einen ganzen Tag in einer freudigen Ruͤhrung hinging, wenn mir ſo etwas recht Herbſtliches vorgekommen war. Nie aber habe ich die ganze Stimmung des Herbſtes ſo rein empfunden, als an dem Tage, den ich jetzt beſchreiben will. Ich glaube daß jeder Menſch in feinem Leben Einen Tag bat für jede Jahres- zeit, worin er ihr Eigenthuͤmliches am ſtaͤrkſten und rein, ſten in ſich aufnimmt. Einen ſolchen Tag ſollte man ſich recht nahe und deutlich im Andenken halten, wie denn auch unſer Gemuͤth uns bei aͤhnlichen Anklaͤngen wieder in
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ihn verſetzt, und jedes ſpaͤtere Gefühl auf dieſes erſte und ſtaͤrkſte zuruͤckfuͤhrt. Ich habe dies bei meinem Herbik tage — ſo will ich ihn vorzugsweiſe nennen — oft er⸗ fahren, und erzaͤhle jetzt von einem Bilde, das unvergaͤng⸗ lich in meinem Herzen lebt. Es iſt mir um ſo theurer, da fo viel Herbſtliches, fo viel Heimweh und Wehmuth in dem Leben des Geiſtlichen vorkommt, und ich mich gern aus jeder Anregung deſſelben in meinen Herbſttag verſetze, damit mir im Schmerze der Troſt und in der Wehmuth die Hoffnung nicht fehle. Damals erfuhr ich beide aufs lebhafteſte und in dem ſtoͤrenden Treiben des Lebens kann man ſie oft nicht beiſammen haben, wie man ſollte.
Die Aernte war ſchon einige Zeit voruͤber. Wir bat ten ſie froh und fromm gehalten. Nachdem der letzte be— kraͤnzte Wagen mit Getreide unter Aerntegeſaͤngen herein— gebracht war, und der reiche Obſtertrag den Kindern einige ſchoͤne Tage veranlaßt, auch am frühen Morgen der Bie— nenſtand von feinem Ueberfluſſe hatte abgeben muͤſſen, bat- ten wir im Genuſſe nicht vergeſſen, dem Geber ſo vieler Gaben für feine Treue zu danken, die groß, und für feine Barmherzigkeit, die alle Morgen neu iſt. Dieß Alles lag ſchon hinter uns. Der Weinmonat war hereingebrochen, und immer mehr und mehr zerfiel die Herrlichkeit der Welt, und alles wurde herbſtlich duͤſter und verwelkte. Der Sam ſtag Abend ſchien nur die aͤuſſerſte Spitze eines ſchweren, traurigen, langen Feierabendes zu ſeyn. In der Nach⸗ barſchaft fielen die taktmaͤßigen Schläge der Dreſcher. Eine lange Reihe von Hausmuͤttern und Maͤgden, auf dem Kopfe Körbe, die von dem letzten Aernteſegen gefuͤllt wa⸗ ten, zog vor den Fenſtern vorbei. Dann und wann er—
ſchien ein Wagen mit verſaͤumtem Feldertrag. Tas letzte Obſt wurde im Baumhofe abgenommen. Das verdorrte Holz der Gaͤrten loderte in Feuern auf, und man ſpuͤrte ſchon die zunehmende Kaͤlte. Am Sonntag Morgen wehete der kalte Hauch des Herbſtmorgens herein als ich die Fen— ſter oͤffnete, obgleich die Sonne ſchien. Ich ſahe nach den letzten Blumen, die als ein werthes Geſchenk ſorgſamer gepflegt und laͤnger erhalten waren, als die andern, und auch ſie waren gewelckt. In der Nacht hatte es gereift. Wie nun die Sonne ſchien, rieſelten die erfrornen Blaͤt— ter von den Baͤumen, und rauſchten wie klagend in ihr Grab. Das erinnert mich jedesmal an das Ende ungluͤck— licher Menſchen, die nach einer zerſtoͤrenden Froſtnacht ſpaͤterhin den Sonnenſchein des Gluͤckes nicht mehr ertra— gen koͤnnen, und wenn wir hoffen, das erkaltete Herz werde nun wieder aufthauen, und noch eine Weile recht munter ſchlagen, ſo bricht es und ſinkt in ſein Grab, wie dieſe Blaͤtter im Sonnenſchein nach dem naͤchtlichen Reife. Dieſe Erinnerung hatte alle alte Wehmuth wieder aufge: regt, und als ob ſie heute von der Natur aus zu ihrer Hoͤhe kommen ſollte, verblich ſchon gleich wieder das Son— nenlicht, nach und nach legte ſich ein truͤber Schleier uͤber die Gegend, und bald hatte der dichte Nebel alles umzo— gen. Er hielt noch an, als wir zur Kirche gingen. Was ich mir vorgenommen zu reden, mußte ich liegen laſſen, denn es paßte nicht zu der Stimmung, in der ich jetzt war. Dem Herzen thut man nie ungeſtraft Gewalt an, und die Rede muß es bßuͤen, wenn der Redner ein ge— genwaͤrtiges, ſtarkes Gefuͤhl verlaͤugnet. Er ſollte es nie. Da es mir nur darauf ankommt, meine innere Stimmung
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zu ſchildern, fo will ich Einiges aus der Predigt herſetzen, wie ich ſie vielleicht ſprach. Worte und Wendungen gab der Augenblick, und ſind mit ihm vergangen, aber der Ton, den ich gehalten, und der Gedankengang, dem ich gefolgt, ſind mir im Gedaͤchtniß geblieben.
Das Gras iſt verdorret, die Blume iſt abgefallen;
aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. Dieſe Worte find Worte des Heimwehs. Sie reden von der Ver—
gaͤnglichkeit des Irdiſchen und von dem Beſtande des Ewi-
gen. Ein Gefuͤhl, das beides umfaßt, und eine heilige Sehnſucht darauf gruͤndet, iſt Heimweh. Zu keiner Zeit im Jahre wird uns dieß Gefuͤhl naͤher gelegt, als jetzt.
Darum iſt der Herbſt eine Zeit des Heimwehs fuͤr den
Menſchen.
Schon ſofern er mit der Natur lebt. Ein hoͤheres Leben im Glauben iſt uns gegeben, und eine heilige beſſere Welt, in der wir Buͤrgerſchaft haben ſollen. Allein der irdiſchen moͤgen wir uns nicht ganz entreiſſen. Wir leben mit der Natur. Der natuͤrliche Menſch gehoͤrt ihr ganz an. Der hoͤhere reißt ſich zwar von ihr los, wenn er in ſich kehrt, und nicht mehr von auſſen nach innen lebt, ſondern von innen nach auſſen. Aber bald, wenn er in der inneren Welt heimiſch geworden, wendet auch er ſich freundlich zuruͤck zu der Natur, und wird ſich bewußt, daß er mit ihr lebt, und daß der Herr ſich offenbare, wie am Herzen, ſo auch an der Natur. Dann wird die Umgebung verklaͤrt zur Stimmung. Jeder Fruͤhling verherrlicht ſich in feinem Herzen zur Hoffnung, jeder Herbſt zur Weh— muth. Wenn der Herbſt herannahet, die Abende fruͤher ſinken, das Angeſicht der Sonne blutroth wird, indem ſie
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ſcheidet, und die Nebel ziehen über die Felder; wenn falb und braun unſere Wieſen und Waͤlder ſtehen, und die Farbe der Hoffnung ſich in die Farbe der Vergaͤnglichkeit verwandelt; wenn nach kalten Naͤchten beim erſten Son⸗ nenblick die verdorrten Blaͤtter von den Baͤumen rauſchen: dann regt ſich in unſerm Herzen tiefe Wehmuth. Dunkel iſt der Himmel uͤberdeckt, und nur ſelten dringt ein mat: ter, ſchneller Sonnenſtrahl hindurch, gleichſam als der letzte Liebesblick eines ſterbenden Freundes. Die Voͤgel des Himmels ziehen hinweg weit uͤber Berg und Thal, uͤber See und Land, und verlaſſen die arme Wintergegend. Viel verlaͤßt uns; die Blumen verſchwinden, die Waͤrme nimmt ab; Tod iſt das Wort, das uͤberall erſchallt, und Tod, das nachhallt in der Menſchen Seele. Eine traurige Ah— nung zieht in unſerm Herzen herum; ein geheimes Leid, thut ſich kund; wir moͤchten auch wohl fort, hinaus, hin⸗ weg! wir fuͤhlen Heimweh.
Indem wir mit der Natur leben, oͤffnen wir ihr, als einer treuen Gefaͤhrtin das Herz fuͤr ihre Sprache, aber wir antworten ihr auch. Sie wirkt auf uns, aber wir wir⸗ ken auch zuruͤck. Unſere Antwort und unſere Arbeit muß ſich nach ihrer beſondern Lage richten. Wie ihre Einwir; kung auf uns verſchieden iſt, fo iſt es auch unſere Thätig- keit. Im Lenze wird geſaͤet, und in Hoffnung gepflanzt; im Herbſte wird geaͤrntet und in Scheune geſammelt. Man trifft Anſtalten zum Erdulden einer armen verlaſſenen Zeit, eines rauhen und kalten Winters. Wie am Abende des Lebens, in der Nähe des Todes jeder Vorſichtige feine An⸗ gelegenheiten ordnet, das Ferne beitreibt, das Gefchäft be— ſchließt, den Freunden Lebewobl ſagt, und dann in Ruhe
und Ergebung die Abſchiedsſtunde erwartet, fo treiben wir die Arbeit am Abende des Jahres. Es iſt als ruͤſteten wir uns zur baldigen Heimkehr und das geſchieht nicht ohne die Freuden und Schmerzen des Heimwehs. Die Welt iſt im Herbſte ein großes Sterbhaus. In einem Sterbhauſe geziemt ſich nicht Freude; man ſieht den Sterbenden, wo⸗ hin man ſich wendet; und alle Arbeit die noch im Hauſe geſchieht, iſt darauf gerichtet, den geliebten Todten mit Ehren ins Grab zu bringen. So iſt die Schoͤpfung im Herbſte ein großes Trauerhaus; tauſend Sterbende hauchen vor unſern Augen ihr Leben aus; alles trauert, und un- ſere Arbeit geht darauf hin, die Leichen zu ordnen und zu beſtatten. Wir ſind allein, und alles iſt einſam. Es iſt ein Schweigen in der Natur, wie unter Todten. Dann iſt es Heimweh, Schmerz des Abſchiedes was uns erfuͤllt; Trauer, daß wir bleiben; Sehnſucht hinaus nach der Hei— math. Das Gras iſt verdorret, die Blume iſt abgefallen; aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit.
Doch das iſt nur Eine Seite. Der Herbſt iſt eine Zeit des Heimwehs, auch ſo fern wir in der Natur leben. Mit dem Koͤrper leben wir in der Natur. Was ſie trifft, trifft auch ihn, er iſt denſelben Geſetzen unter— worfen, derſelben Regel der Vergaͤuglichkeit und des Fl ches. In der Natur ſchauen wir im Herbſte zuruͤck auf eine ſchoͤne Vergangenheit. Eine Zeit voll Licht und Leben, ein Frühling voll Bluͤthen, ein Sommer voll Frucht, Mo: nate voll Arbeit und Freude ſind geſchloſſen. Wehmuͤthig ſtehen wir, und nehmen von dem Allen Abſchied. Was haben die Abende, was haben die Morgenſtunden uns ge— bracht, was die vielen Stunden des langen Tages? Stan—
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den wir nicht oft mit einem uͤberſtroͤmenden Herzen vor der ſchoͤnen Welt unſers Gottes? Bluͤhete und jauchzte nicht alles um uns und in uns? Das iſt nun voruͤber! Jeder Augenblick im Leben iſt der Scheidepunkt der Vers gangenheit; wir fühlen es aber nie mehr als im Herbſt. Da kehren noch Ein Mal die koͤſtlichen Bilder der Vergan⸗ genheit zuruͤck. O lebt nun alle wohl, ihr ſchoͤnen Tage und Stunden, ihr kommt nie wieder, und waret doch ſo ſchoͤn! Nun erfahren wir, wir ſind nicht daheim, wir ſind in der Fremde. Wir fuͤhlen Heimweh.
Wir leben in der Natur und gehen mit ihr manchem Leiden entgegen. Die Natur ſteht vor dem Winter, vor der Kaͤlte, vor dem Tode. Wie wird in ihm ſich alles vers aͤndern? Welche Leiden werden uns verwunden, welche Sorgen werden uns druͤcken, welche Hoffnungen werden fuͤr uns zu Grunde gehen? Der Herbſt iſt eine gefaͤhrliche Zeit. Wer wird von uns erkranken, welche Uebel wird der Winter uns bringen? Der Herbſt iſt das Alter der Natur. Auch uns kommt es nach Gottes Willen, es kom— men die Jahre, wo die Kraft gelaͤhmt, wo Schoͤnheit und Jugend verbluͤht, und das Herz tauſend Freuden verſchloſ— ſen iſt. Und dann kommt der Tod. Der Herbſt iſt eine Zeit des Sterbens. O Gott, wie wird mir dann ſeyn, wenn dieſe ſchwere Stunde erſcheint? Wird mein Herz reiner, und mein Wandel heiliger ſeyn? Werden der Lieben viele um mich ſtehen, und die erkaltende Hand mit ihren heißen Thraͤnen zum letzten Male erwärmen? Wer den dann meine Werke mir nachfolgen, und wird eine himmliſche Stimme mir zurufen: Gehe ein zu deines Herrn Freude? Wird dann noch ein treuer Freund auf
Glockentoͤne. 6. Aufl. 2
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meinem Grabe eine Roſe pflanzen und auf den Grabſtein ſetzen: „Hier verweſet ein Herz, das oft in unendlicher Freude geſchlagen, oft in namenloſem Schmerz gezittert hat. — Aber feine Freude war in Gott, und ſein groͤß⸗ ter Schmerz uͤber Suͤnde und Schwaͤche. Das bleibt mir nun allein, — ſteh Wanderer — und alles Andere iſt hin!“ Und wird dann die Leichenrede nur ein verhei⸗ ßungsvolles Amen ſeyn, zu dem langen Gebete, das mein Leben ſeyn moͤchte? Ja, Freunde, die ſterbende Natur iſt eine Mahnung an unſer eigenes Sterben. Jedes fal⸗ lende Laub ſoll uns ſagen: ſo faͤllt auch von deinem Leben eine Freude nach der andern ab. Jede oͤde Wieſe ſoll uns ſagen: ſo iſt die Erde ein großer Gottesacker, wo die Gebeine der Deinigen ruhen, bald auch deine Gebeine. Jeder Son⸗ nenblick ſoll uns ſagen: fo will die ewige Gnade uns erleuch⸗ ten, die Thraͤnen find gezaͤhlet, der Hüter Iſrael ſchlaͤft. und ſchlummert nicht. Der ganze Herbſt ſoll uns ſagen: Du lebſt in der Natur, und du leideſt und ſtirbſt mit ihr. Das Gras verdorrt und die Blume faͤllt ab. Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. Damit geht unſer Blick höher, und unſer Heimweh wird himmliſch. Wir leben uͤber der Natur. Die Vergaͤnglichkeit des Irdiſchen verweiſet uns auf das wahre Ende, das nur Ein Mal kommt und alles beſchließt. Iſt ein Herbſt in der Natur voruͤber, ſo beginnt ein neuer Lauf der Jahres⸗ zeiten, es kommt ein anderer Herbſt und ſo immer weiter. Aber wenn unſer Herbſt voruͤber, der Tod uns einmal erſchienen iſt, kehret nichts wieder. Der Lauf iſt vollendet, wir gehen zur ewigen Heimath und ſchauen Gott, an den wir hier glauben, dort von Angeſicht zu Angeſicht. O es
wäre unerträglich, denſelben Gang noch einmal zu machen. von Kindeswahn zu Juͤnglingsthorheit, von Mannes Plage zu Greiſes Schwaͤche! Das iſt unſer Heimweh, daß wir uns ſehnen nach dem Ende alles Vergaͤnglichen, und her⸗ aus aus den Geſetzen des Wechſels und der Fremde. Doch das Wiederkehrende im Irdiſchen verweiſet uns auf das ewig Beſtehende, unſer wahres Vaterland. Wir haben hier keine bleibende Staͤtte, die zukuͤnftige ſuchen wir. Nicht ſchoͤner koͤnnen wir das Ewige benennen, als unſer Vaterland. Das wahre Ende iſt auch der wahre Ans fang. So wird Herbſtes Wehmuth zum Heimweh. Hier ſind wir in wilder Fremde, man liebt uns ſo ſelten: haͤufig iſt man hart gegen uns; man ſcheint nicht zu wiſſen, wo— her wir find. Droben it das Vaterland. Da iſt die Hei⸗ math, aus der wir ſtammen und deren Spuren wir an uns nicht verwiſchen koͤnnen. Da das ewige Vaterherz, nach dem wir uns ſehnen, mit ſeinem graͤnzenloſen Erbar— men, und feiner uͤberſchwaͤnglichen Liebe. Da unſere Tod— ten. Sie waren unſer und werden uns einſt Willkommen zurufen. Da im Vaterlande biſt du, Jeſus Chriſtus, du Helfer und Retter, Bruder und Koͤnig, du deſſen Kreuz unſer Stern, deſſen Tod unſer Leben, deſſen Liebe unfere . Seligkeit iſt. Des Chriſten Heimweh iſt Sehnſucht nach dem Himmel — Verlangen nach Gott. Darum iſtt dieſes Heimweh in ſeinen bitterſten Schmerzen unſere hoͤchſte Freude, in ſeiner dringenden Unruhe unſer koͤſtlicher Friede, in einer Welt voll Vergaͤnglichkeit, ein ewiges Wort Gottes. Das iſt der reinſte und hoͤchſte Sinn von dem heiligen Ausſpruche: das Gras iſt verdorret und die Blume abge— fallen, aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. — — 82
Dieſe Rede war Erguß des Herzens geweſen. Ge danken, Bilder, Empfindungen draͤngten ſich zu ſehr und ich ſehe, daß es mir mißlingt ſie in gehoͤriger Ord⸗ nung wiederzugeben. Doch der erſte Segen fehlte ihr nicht, naͤmlich der am Herzen des Redenden. Als ich aus der Kirche ging, bemaͤchtigte ſich meiner jener heim— wehartige Gedanke, den wir oft hegen, wenn wir waͤhnen, daß uns einmal mehr wie gewoͤhnlich, das innere Leben des Herzens offenbar geworden. Moͤchten doch die Aeltern, Schweſtern und die fernen Freunde gegenwaͤrtig ſeyn, und dieſe Feyer mit mir halten! war mein Wunſch. Mich duͤnkt oft, als koͤnne das Tiefſte aus meinem Herzen zu— naͤchſt nur fuͤr ſie geſagt ſeyn. Vor ihnen ſprach ich die erſten, ſcheuen Verſuche. Sie faßten ſchon damals in der ſehr ungeuͤbten Form das Innere auf. Darum möchte jes des klaͤrer ausgeſprochene auch wieder zu ihnen zuruͤck. Gluͤcklich ſind alle zu preiſen, welche die Menſchen zu Zeu⸗ gen und Theilnehmern ihrer Erfahrungen behalten, die den erſten hervorbrechenden Zeichen des neuen Lebens Will— kommen zugerufen haben. Aber wenige koͤnnen ſich dieſer Gunſt ruͤhmen. Den meiſten entfällt in ihren ſchoͤnſten Stunden unter den Freudenthraͤnen eine Thraͤne des Schmerzes, und wenn der Mund es auch nicht vorbringt, ſo ruft doch das Herz: ach, daß ihr nicht mehr lebt, ihr liebreichen Aeltern, ihr theilnehmenden Pfleger meiner Ju— gend, und daß ihr ſo fern ſeyn muͤßt, ihr fruͤhen, alten Freunde, und die Fruͤchte nicht ſehen koͤnnet, zu denen ihr den Keim und die Bluͤthe mit ſo treuer Sorgfalt pflegtet und ſchirmtet.
Dieſe Gedanken waren nur die Fortſetzung von dem, was in der Predigt vorgekommen war. Aber es ſollte ſich
heute nicht bloß in Gedanken, ſondern auch im Leben fort— ſetzen. Das hingeſprochene Wort wird oft die Ahnung und Weiſſagung der Begebenheiten und Zufaͤlle, zum Be⸗ weiſe, daß es ein großes, von uns unerkanntes Geſetz ſey, das, von einer hoͤhern Hand gegeben, Wort und Ereigniß, Geiſt und Leben, innere und aͤußere Welt zu der Einheit eines geordneten Ganzen verbindet.
Ich wurde am Nachmittage zu dem Krankenbette des alten Andreas gerufen, den ſchon der Fruͤhling zu nichts Anderem ſtimmen konnte, als zum Heimweh. Als ich in feine niedrige Hütte trat, lag er auf ſeinem reinlichen Las ger, wie in himmliſch mildem Glanze. Einige alte Freunde ſaßen neben ihm, auch der Blinde, der mit ihm jung ge— weſen. Lieber Herr, rief dieſer, als er meinen Gruß hoͤrte, es geht alles zu Ende. Der Herbſt iſt da, und wir Alten fallen ab. Wie iſt es Euch, guter Andreas? fragte ich den Kranken. Jetzt wieder ruhiger. — Sie ſangen eben: „Wenn mein Stuͤndlein vorhanden iſt ꝛc.“ da wurde mir fo freudig, daß ich faſt in Ungeduld fiel. — Aber ich ſterbe noch heute. — Mein Heimweh wird immer groͤßer. — Ich weiß ja, an wen ich glaube. — Unter dieſen Worten brach er oft ab. — Was hab' ich auch auf dieſer Welt? — Da ſtitzt der Blinde, der Einzige, mit dem ich noch jung geweſen, und mit dem ich von der alten Zeit ſprechen kann. Die Andern find alle todt. — Herr Sefu, Dir leb“ ich, Herr Jeſu Dir ſterbe ich. Im Leben und im Sterben bin ich Dein. — Gott hat mich fruͤhe zu ſich gezogen, und immer mehr, je mehrere er von den Meinigen in ſein Vaterhaus nahm. — Ich meine oft, ich hoͤrte das Rufen der Alten, die mir vorangegangen in die himmliſche Woh⸗
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nung. — Hoͤrſt du denn nicht auch mein Rufen zum Bleiben? ſagte der Blinde. Du biſt mein einziger Troſt geweſen. Nun bin ich armer, blinder Mann allein. Die junge Welt verſteht uns nicht. Doch fahre hin aus dieſem Elende! Ich bleibe auch nicht lange mehr in der Fremde. — Die Alten reichten ſich die Haͤnde, und tiefes Heimweh lag auf dem Angeſichte des Sterbenden und des Blinden.
Sie wuͤnſchten, ich ſolle mit ihnen beten. Ich that es, aber mit dem Gefuͤhle, daß ein Juͤngling nicht genuͤgend beten kann aus dem Herzen ſolcher Greiſe. Dann ſegnete ich den ſcheidenden Greis ein zu ſeinem Abſchiede, und fühlte, daß hier etwas Hoͤheres, mein Amt, durch mich. ſprach und handelte. Nun, wir ſehen uns wieder, ſagte der Sterbende, als er mir zum Schluſſe die Hand druͤckte. Im Himmel ſind wir alle Juͤnglinge. Ich konnte mich faſt aus dieſer heiligen Verſammlung der Alten nicht loßreißen. Gewiß, wem der Fruͤhling Heimweh bringt, den muß der Herbſt in die Heimath bringen.
Ich ging hinaus, dem verſchwundenen Sommer Lebe— wohl zu ſagen. Wie war alles ſo traurig und duͤſter! Der Abendnebel ſchien ſich verbreiten zu wollen. Hie und da waren Herbſtfeuer angelegt, und die Kinder ſaßen dabei und waͤrmten ſich. Ein kalter Wind drang durch alle Glie⸗ der. Die Wieſen waren blaßgruͤn und die Blumen hin⸗ weg. Nirgend war mehr der Frohſinn und die Hoffnung des Fruͤhlings zu ſehen. Ich trat in mein Waͤldchen. Mein Fuß ging rauſchend uͤber hohe Haufen von Laub, und ganze Fluthen von Blaͤttern ſtroͤmten auf mich herab. Die Waldungen, die ich in der Ferne ſahe, ſtanden da in dem bunten, vielfarbigen Laube, womit der Herbſt ſeine
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duͤſtre Geſtalt etwas erhellen möchte. Im Thale klopfte kein Hammer und in dem ſonſt fo dunkeln, fchattenreichen Gange ſah man durch große Luͤcken in die Wolken. Der Himmel war rings grau bezogen. Mir wurde immer weh— muͤthiger ums Herz. Kleinere Kinder, deren Haͤndchen vor Kaͤlte erſtarrt waren, liefen an mir vorbei nach Hauſe, und dachten eilend nicht daran, mich zu begruͤßen. Ich ging an tauſend Orte, wo ich im Fruhlinge und Sommer froh geweſen, auch in den lieblichen Grund, den ich an der Hand der Schweſter zum erſtenmale betreten, in jener Zeit, wo alles in der Natur im Feyerkleide erſcheint. Jetzt war alles zerſtoͤrt und verkommen. Der Glanz war erblichen an den ſchoͤnen Stellen, und faſt kannte ich ſie nicht wie⸗ der. Kaum hing noch die Erinnerung an dieſem oder je⸗ nem feſt, und mahnte mich, wie ein oder der andere Zug in der Leiche des Freundes, an die Liebenswuͤrdigkeit des entflohenen Geiſtes. Als ich uͤber den Bach, der zwiſchen den Wieſen hindurchgleitet, wegſtieg, ſah ich, daß ſeine ſonſt ſo hellen Waſſer jetzt mit abgefallenem Laube trieben.
Ein Zug Kraniche flog uͤber die Gegend hin. Die Knaben verließen ihr Feuer, und ſpraugen auf die Bruͤcke, und riefen ihnen Willkommen und Abſchied zu. Hier und da ſtanden auch einige Maͤnner, die zu ihnen aufſahen. Kraniche! Kraniche! erſcholl es von allen Seiten her.
gehmt auch meinen Gruß mit, ihr gluͤcklichen Wande— rer dort oben, die ihr nach Suͤden eilet, und bringt ihn dem viel lieben Thale meiner Jugend. Wie gerne zoͤge ich mit euch! — Ueber die Berge flohen ſie dahin, und ich ſahe ihnen nach ins ſuͤd-weſtliche Abendroth, fo weit mein Auge ſie verfolgen konnte. ‘
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O eilt nur! Hinter euch liegt der Winter, ewig vor euch der blühende, reiche Sommer. Ihr habt ihn in Nor: den und Suͤden, in unſern dunkeln Eichenhainen, und im Lichte waͤlſcher Oehlwaͤlder. Moͤchte auch ſo immer vor mir Fruͤhling und Sommer liegen! Moͤchte ich ſie finden in Liebe und Hoffnung, und beide uͤberall ſuchen!
Wie ihr dahin zieht, fliegt mancher Seufzer aus be— wegter Bruſt euch nach. Es endet die herrliche Zeit. Wenn wir euch ſehen, dann iſt vieles ſchon hinweg. Ihr ſeyd die letzten, die uns verlaſſen, die letzten Genoſſen ei— nes lange hinter uns verſunkenen Lenzes. Lebe wohl, du ſchoͤner, ſchoͤner Frühling, mit all deinen verblichenen Hoff— nungen, und du herrlicher, warmer Sommer, mit deinen untergegangenen Sonnentagen und deinen nur zu kurzen Sternennaͤchten. Lebe wohl.
Wie? ihr wendet euch? ihr kehrt wieder um? ihr wollt bleiben? O nein, es war nur Irrthum. Der Zug hatte ſich verwirrt; ſie kehren wieder, aber erſt nach einem langen Winter. Taͤuſche dich nicht, armes Herz, im Herbſte kehrt dir kein Fruͤhling wieder. Hin iſt hin, todt iſt todt.
Immer weiter und weiter traͤgt euch euer Flug hinweg. Bald ſeyd ihr verſchwunden. Wann kehret ihr wieder? Wenn ihr euch uͤber die Berge hinweg ſchwinget, ſehen wir euch trauernd nach und wuͤnſchen euch wieder heim. O wie wirds werden im Lenze, wenn ihr umkehret, wenn eure Zuͤge hinter den Bergen wo ihr jetzt verſchwindet, wieder erſcheinen, und immer naͤher und immer näher kommen, und mit euch die ſchoͤnern Tage, wie hergetragen auf den Fluͤgeln der Fruͤhlingsbothen. Dann glaͤnzt euch das be— gruͤßende Auge der erfreuten Erwachſenen entgegen. Kra⸗
niche! Kraniche! jauchzen die Kinder mit andern Tönen in eure Hoͤhen hinauf, und Willkommen! Willkommen! rufen alle, die euch ſehen.
Wo ſeyd ihr ſchon, ihr eiligen Wanderer in den Luͤf— ten? Ihr fliegt. Aber des Menſchen Gedanken fliegen auch, und erheben ſich, wohin ihr euch nicht erheben koͤnnt — zu Gott! Die Blume iſt abgefallen, das Gras iſt ver dorret; aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit.
In ſolchen Geſpraͤchen mit ihnen und mit mir ſelbſt ſtand ich da und ſah ihnen nach. Als ſie hinweg waren, eilte ich nach Hauſe. Ein dunkeles Abendroth ſtand am Himmel und goß uͤber die herbſtliche Landſchaft das daͤm⸗ mernde, roͤthliche Licht, das wir nur an Herbſtabenden ſe⸗ hen. Ich moͤchte es Verklaͤrung des Todes nennen, was uns aus ihm anſpricht. Es wird uns jedesmal ſo eigen, wenn es erſcheint, und ruͤhrt und erhebt zugleich. Als ich mich dem Kirchhof näherte, kam ein Leichenzug. Keine Glocke ertoͤnte. Es war Nacht. Der Sarg wurde lang— ſam voraufgetragen, und in langer Reihe folgten die Freunde des Verſtorbenen mit ſchwarzen Schleyern und Maͤnteln. Das iſt das Letzte vom Menſchenleben. Dem, der getragen wird im ſchwarzen Zuge, iſt vielleicht das Heimweh genommen aus dem triumphirenden Geiſte, aber denen, die da gehen, hat er es zuruͤckgelaſſen und nur bit terer und ſchwerer. Indem der Zug neben mir hinging, dachte ich, wie manchmal auch ich noch dieſen Weg gehen muͤſſe, bis man mich ihn endlich traͤgt; wie oft mir das Heimweh von meinen Lieben zuruͤckgelaſſen werde, bis es auch mir weicht aus der triumphirenden Seele. Ich habe ſchon viele Freunde begraben, aber noch mehr ſinken viel—
leicht vor mir ins Grab. Es war mir, als muͤſſe ich mir dieſes Bild ausmalen, und ich ſtellte mir vor, alle meine Freunde ſeyen geſtorben und ich allein nur noch uͤbrig. Das dunkle Heimweh im Herzen kann ſich durch den Se: danken allein nicht Luft machen. Es ſehnt ſich auch nach Bildern. Sie verwunden das Herz und ſind doch wohl— thaͤtig, weil ſie Gluͤck und Liebe zum Bewußtſeyn bringen. Der Blinde klagte, der alte Andreas ſey der Einzige, mit dem er von der Jugend ſprechen koͤnne, bald ſey er ganz allein, und koͤnne von keinem den Wiederhall der alten Freunde ſeines Herzens hoͤren, wenn er aus jenen Zeiten erzaͤhle. Immer ſtirbt mit einem ſterbenden Freunde ein Theil von uns ſelbſt. So lange die Genoſſen der Jugend noch leben, iſt ſie ſelbſt noch nicht geſtorben. So oft wir einen von ihnen ſehen, kehrt ſie ja ganz wieder, und jeder hat eigene Züge, in denen er fie von neuem herſtellt. Reiner, vollſtaͤndiger und ſegensreicher bleit fie uns nir— gend anfbewahrt, als im Herzen der Mutter, und in dem Vorbilde des Vaters. Aber wenn keiner von dieſen allen mehr da iſt, die Aeltern nicht mehr, die theuren, lieben; die Geſpielen des Knaben nicht mehr, und die erſten Freunde beim erwachenden Selbſtbewußtſeyn; du nicht mehr, Karl, mit dem ſich in mir ſo manche neue Welt aufſchloß; du nicht, Rudolph, in dem ich mir alle Froͤhlich⸗ keit der Jugend feſthalte, du nicht, mein Bruder, mit dem ich zuerſt lernte: Wir, ſagen im hoͤheren Sinne; wenn Ihr alle, in denen mir meine Jugend lebt, weg ſeyd, wie viel bitterer wird dann mein Heimweh werden! Das wird es ſchon fruͤher werden, wenn ihr um mich her hinſcheidet, in denen ich, wie dort das Gefuͤhl der Jugend, die Ehr⸗ urcht fuͤrs Alter feſthalte. Ach, wenn alle die Alten aus
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der Gemeinde find, und ich kein wuͤrdiges Haupt mehr finde, das ich nur als ſolches gekannt, ſondern bloß an— dere, die ich noch juͤnger und fluͤchtiger und weltlicher ge— ſehen, wenn ich ſchon uͤber Euch alle, ihr theuern Greiſe, den letzten Segen geſprochen: und von manchem unter Euch nur noch eine dunkle, gebrochene Kunde umhergeht, — dann ſind die liebſten mir aus der Gemeinde genom— men, und mein Heimweh wird anfangen, bitter zu werden.
Doch alsdann und jetzt ſoll es nicht unthaͤtig und uns geheiligt bleiben. Ich darf nicht in der Heimath erſcheinen ohne den Gewinn aus der Fremde. Ich will wirken, die⸗ weil es Tag iſt, und glauben, dieweil dieſer Tag immer nur noch eine Art Nacht iſt. Gott wolle mit mir ſeyn, daß ich in meiner Schwachheit taͤglich mehr beſſere an mir und an den Meinigen. Vielleicht wird noch oft der Lauf der Jahreszeiten mir einen Herbſttag geben, wie heute; aber jeder folgende moͤge mein Herz reiner und mein Heimweh himmliſcher finden. Bis einſt, wenn auch dieſe Graͤber da vor mir, und das meinige unter ihnen ſich auf— thun und auferſtehet, unverweslich, was geſaͤet war ver— weslich, die Sehnſucht geſtillt, und das Vaterland offen iſt.
Ich ſahe umher und bemerkte, daß die Leichenbeglei⸗ tung jchon hinweggegangen war, und der Todtengraͤber allein uͤber dem Grabe ſtand, und es mit leiſer Hand an— füllte, Er fang dabei, wie er immer zu thun pflegt: Mein Zeit und Stund iſt, wenn Gott will u. ſ. w.
Dieſer Geſang und das Abendgelaͤut weckten mich aus meinen Traͤumen. Unter den dumpfen und langſamen Schlaͤgen der großen Glocke kam ich zum Pfarrhauſe zu⸗ ruͤck. Der Mond war aufgegangen und ſchien helle.
er Die Chriſtnacht.
Es ſchlug zwei Uhr Nachts. Ich ſah in die flimmernde Winterlandſchaft hinaus, als vom Markte her die Schel— len des herbeieilenden Gefaͤhrs ertoͤnten. |
Den heiligen Abend — ein Samſtag im hoͤhern Chor — hatte ich recht froh in einer Geſellſchaft erwachſener, aber doch recht kindlicher Menſchen verlebt. Die Vorleſung einer geiftreichen Weihnachtsfeyer hatte uns bis gegen Mitters nacht zuſammengehalten, und wir waren geſchieden mit der Erfahrung, wie wahre Kindlichkeit allein auf Weihnachten zu lernen ſey. Darauf hatte ich mich noch eine Weile hingeſetzt, und war die Arbeiten und Freuden des ſo eben hereingebrochenen hohen Feſttages durchgegangen. Nun dachte ich all' der Lieben, mit denen ich ſonſt einſt dieſen Abend gefeyert, und erwartete im Anſchauen der ſchoͤnen glanzreichen Mitternacht die Ankunft des Freundes. Die Sterne flammten in ihrem ſchoͤnſten Lichte. Der glaͤnzende Himmelswagen war ſchon weit herumgewendet, und die Erde hatte ihr weißes Feyerkleid, das Feſtgewand auf Weihnachten, an. Ich vergegenwaͤrtigte mir die baldigen Gottesdienſte, und wie mir ſeyn wuͤrde, in dem ungewohn— ten Lichte die Geburt des Herrn zu verkuͤndigen. So kam der Augenblick der Abfahrt. N
Bald war das ſchnaubende Roß vor der Thuͤr. Der Freund rief herauf. Ich warf den Mantel um, gruͤßte den Freund mit dem Gruße des Feſtes, und ſaß neben ihm. Dahin flog das leichte Gefaͤhr mit dem muthigen Thiere. Das wird eine Nacht geben! ſagte der Freund. — Siehſt du, erwiderte ich, wir fahren dem theuern Doppelgeſtirne entgegen, dem leuchtenden Sinn— bilde der Freundſchaft. Dort glaͤnzen die Zwillinge; ſie ſind mir die liebſten Sterne am Himmel; jetzt beleuchten ſie die heilige Nacht, und dann ſteht bald die Sonne an ihrer Stelle. — Der frierende Schnee ſeuzfte unter uns; auf dem Eiſe des Stromes, an deſſen Seite wir fuhren, traten den Sternen tauſend funkelnde Abbildungen entgegen, und die beiden Freunde feyerten in raſcher Rede und Gegenrede die hohe, heilige Nacht.
Es war doch recht vaͤterlich von den Vaͤtern der Kirche, daß ſie das herrliche Feſt in die oͤden, kurzen Tage des Winters verlegten, ſagte er. Und recht weiſe verſetzte ich, gleich nach der laͤngſten Nacht, wenn das Naturjahr geboren iſt, auch des Heilands Geburt zu feyern, und Ihm in ſein Leben, bis zum ſchoͤnen Fruͤhlinge zu folgen, in deſſen Bluͤthen er ſterben mußte. — Ach, rief er aus: der Heiland iſt nur Kind und Juͤngling geweſen. Das kann mich oft fuͤr meine jetzige Lebenszeit begeiſtern. In dieſen beiden Geſtalten tritt das Goͤttliche im Leben aufs ſchoͤnſte heraus. Seine Mutter und ſeine Freunde waren in hoͤhern Jahren, und Symeon und vielleicht auch die Weiſen aus dem Morgenlande, Greiſe; wir finden unter den Seinigen alle Lebensalter; aber Er war nur Kind und Juͤngling. Freue dich nicht zu ſehr, ſagte ich, und laß dir
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jetzt nicht zur uͤberfluͤſſigen Freude gereichen, was dir ſpaͤ— ter nur Trauer verurſachen wuͤrde. Deine grauen Weiſen wurden durch den Stern zur Krippe geleitet. Wir wollen uns mit dem Alter verſoͤhnen, indem wir feyerlich dieſe beiden Lichter dort im Oſten zu unſern Fuͤhrern in das heutige Feſt erwaͤhlen. — So ſprachen wir weiter, und das Heilige der Nacht, das Geheimnißreiche naͤchtlicher Got tesdienſte und reitzende Bilderſprache in den Feyerlichkeiten dieſes Feſtes wurde von vielen Seiten betrachtet. Bald waren wir dem Orte der Beſtimmung nahe. Wir ſahen ſchon den Kirchthurm des Dorfes. Immer näher kam das erſte Feſtgelaͤute. In den Haͤuſern brannten die Lampen, und aus den vier Weltgegenden, auf allen Wegen ſahen wir die Fackeln leuchten, und in ihrem Scheine ganze Wall: fahrten von Landleuten zu dem naͤchtlichen Gottesdienſte ziehen.
Aus dem Pfarrhofe ſcholl uns der Geſang der Kin— der entgegen. Hoͤrſt du aus dem Munde der Unmuͤndi⸗ gen wird Ihm Lob bereitet? — Das iſt, was ich eben fagte, antwortete der Freund. Er iſt ein Kind und Juͤng⸗ ling geweſen, und von beiden wird er am herzlichſten geprie⸗ ſen: und ich glaube, daß er ihnen auch am naͤchſten iſt! — Ich wollte darein reden, da waren wir ſchon im Hofe, und wir ſprangen heraus. Kein Menſch hatte uns gehoͤrt. Ich ließ den Freund bei ſeinem Roſſe, ging die Stiege hinauf, und trat langſam in den vollen Saal! — O, da war rechte Chriſtfeyer! Welch ein Anblick in die fromme Geſellſchaft hinein! Der Vater ſaß in dem Seſſel, und leitete den Geſang mit der Baßgeige. Die Mutter ſtand unter den Kindlein, die in ſchoͤner Reihenfolge der Groͤße
nach ihren Jahren vor dem reich geſchmuͤckten und koͤſtlich beſetzten Tiſch, dem Vater gegenuͤber, geſtellt waren, und bald auf die Gaben, bald auf das theure Aelternpaar ſa— hen, und ihre Stimme im lieblichen Geſange erhoben. So⸗ gar der kleine Julius ſang mit, ſo gut es gehen wollte. Hinter ihnen ſtanden ſaͤmmtliche Dienſtbothen in ehrerbieti⸗ ger Ferne und verſuchten das auch ihnen bekannt gewor⸗ dene Lied zu begleiten. Dich ehrwuͤrdige Großmutter, haͤtte ich zuerſt nennen ſollen! Sie ſaß in dem Ehrfurcht erwek— kenden Anſehen, das nur das Alter hat, vor dem eigenen Tiſche, auf dem ſie alle beſchenken wollte, und war ſelbſt zum Kinde geworden; aber in hoͤherer Art. Man fang: Fern in Oſten wird es helle, g Graue Zeiten werden jung; u. ſ. w.
Ich ſtand an der Thuͤr — nur der Vater hatte mich bemerkt, — das Herrliche dieſes echt prieſterlichen Fami⸗ lienlebens ergriff mich dergeſtallt, daß ich meine Ruͤhrung nicht zuruͤckhalten konnte. — Ich faßte des Freundes Hand, der ſo eben hereingetreten war, und hielt ſie feſt, und immer feſter bis zum Ende des Geſanges. Da ſtand der Vater auf und ſagte: J
Meine Kinder, ihr Erwachſenen ſeyd es ja auch — Kinder, uns iſt heute der Heiland geboren und in ihm die groͤßte Gabe des Lebens gegeben. Man kann Freude am beſten durch Geſchenke an den Tag legen. Der Himmel bat uns fo hoch beſchenkt — wir wollen uns auf der Erde auch beſchenken. Seyd mir heute alle willkommen geheiſ— fen. Hier, Kinder! — Hier, du theure, wuͤrdige Mut- ter! — Hier, ihr treuen Leute! — Hier mich ſelbſt, du liebes und holdes Weib! Mutter meiner ſieben Kinder,
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hoͤchſtes Gluͤck meines Lebens! — Er umarmte ſein Weib. Die Kinder ließen ihre Geſchenke und hingen ſich an Va— ter und Mutter, und die Dienſtbothen kamen und wuͤnſch⸗ ten Gluͤck und ſagten Dank. Die Großmutter erhob ſich, und ſprach nichts. Alle weinten. Wir ſtanden da und konnten nichts fagen und weinten. Es waren heilige Au— genblicke! Dieſer Sinn aus der Vaͤter Zeit, dieſes echt Prieſterliche, was in allem, in Geraͤth, Kleidung und Wort ausgepraͤgt war; dieſes Eine, feſte Familienband, das ſich auch um das Geſinde legte und es zu Kindern erhob, und vor allem das ungeſucht Kindliche, das nur in dem Hauſe ſeyn kann, wo Ernſt und Milde aus dem Glauben an Chriſtum hervorgegangen, — kurz, das Feſt als Ganzes, (denn an ſolchen kann man nur mit Schaden das Ein— zelne nennen,) machte mich ſo froh: daß ich den Amtsbru— der umarmte und ſagte: o wuͤrde ich einſt ſo gluͤck lich wie du!
kun wurden die Geſchenke durchgegangen und beſe— hen und geprieſen. Laßt mich von der Freude des wonne— trunkenen Julius, von dem ſinnigen Gluͤck des liebenswuͤr— digen Milchen, von der klugen Ausrechnung des aͤltern Julchen — von dem Jauchzen und den Umarmungen und dem Emporhuͤpfen aller dieſer Kinder nichts ſagen. In dieſem Hauſe, unter dieſen Aeltern, an der Bruſt einer ſol— chen Mutter, muß es ſchon hienieden wahr werden: das Himmelreich iſt ihnen, naͤmlich den Kindern.
Jetzt wandte ſich die Pfarrerin an die Knechte und Maͤgde. Sie lobte ibre Treue und ihren Fleiß, und reichte jedem ein Kleidungsſtuͤck, das ihnen am nuͤtzlichſten war. Rur die eine, welche Braut geworden, und den Dienſt bald
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verlaſſen wollte, erhielt einen Spinnrocken und einige Er⸗ mahnungen der klugen Hausfrau. Das Mädchen Füßte ihr weinend die Haͤnde und ſagte: Von Vater und Mutter haͤtte ihr der Abſchied nicht ſo wehe gethan als jetzt von ihrer Herrſchaft. Der Amtsbruder waͤhlt ſich die beſten Knaben und Mädchen aus feinen Confirmanden, und ers zieht ſie zu ſeinem Dienſte. Sie werden wie Kinder ge— halten, fie empfinden den Segen der Liebe, und verlaſſen den Dienſt nicht eher, bis ſie heirathen. Faſt immer wer— den es gluͤckliche Haus vaͤter und Hausmuͤtter, und gehören der vorigen Herrſchaft auch dann noch mit ganzer Seele an. Das wußte ich, aber hätte ich es nicht gewußt, ich hätte es an der Thraͤne geſehen, die in den Augen der ſtarken Knechte bebte, und an der freudigen Ruͤhrung der Maͤgde.
Endlich traten wir an den Tiſch der Großmutter, die bisher an unſerm Beſehen nicht Theil genommen, ſondern emſig dieſes und jenes noch zurecht gelegt hatte. Den Kindern gab ſie allerlei Kleinigkeiten — auch dem Geſinde dieſes und jenes. Nun wandte fie ſich an die Schwieger: tochter. Ich habe in dir, ſagte fie, durch meinen Sohn eine Tochter gefunden, die mir Gott fruͤher verſagte. Da— fuͤr ſegne dich Gott! Aber zum Gedaͤchtniß der gluͤcklichen Tage Euers Findens empfange hier eine wohlverwahrte Halskette, mit der mich dein Schwiegervater zum letzten Male beſchenkte. — Die gute Alte konnte nur mit Stuͤk— ken aus der vergangenen Zeit beſchenken, ſie liebte nichts Neues mehr fuͤr die Gegenwart — das Leben lag hinter ihr. Sie hatte einen eigenen Vorrath von ſolchen Stuͤcken des Andenkens, um den niemand wußte. Allein da ſie ſchon zehn Jahre immer mit ibnen beſchenkte, mußte man
Glockentoͤne. Gte Aufl. 3
glauben, daß er ſehr groß geweſen. Sie hatte mit einer Fibel angefangen, mit derjenigen, woraus ihr Sohn die erſten Buchſtaben gelernt hatte. Jetzt reichte ſie ihm die Handbibel ihres ſeligen Mannes. Halte ſie heilig, fuͤgte fie endlich hinzu; nimm kein Zeichen heraus, lege keine Falte auseinander, ſie ſind von deinem ſeligen Vater. Es iſt das Letzte, was ich von ihm hatte — und da ich fuͤhle, daß ich wohl zu keinem Chriſtfeſte wieder beſchenken werde, ſo nimm das Beſte und Liebſte, das ich habe, und lies die unterſtrichenen Stellen. Ich ſehe ihn bald wieder, und will ihm von heute erzaͤhlen. Dann bin ich ſelbſt nur ein Andenken bei Euch. — O bleibt uns, ehrwuͤrdige Mut⸗ ter, ſtammelten alle und umringten die theuere, alte Mut— ter, die als der Segen des Pfarrhauſes angeſehen wurde.
Der Ehrenſtuhl wurde ihr geſetzt, die Kinder ſpielten umher, und verſuchten ihre Gaben, das Geſinde war ber ausgegangen und wir ſetzten uns zum Fruͤhſtuͤck nieder. Wovon unſere Geſpraͤche handelten, und wie froh wir zu— ſammen waren, will ich nicht beſchreiben. Der Großmut⸗ ter zu Gefallen, die ſchon nicht mehr gut hoͤrte, mußten wir lauter ſprechen, und das laute Sprechen, machte auch unſere Freude lauter. Mit Einem Worte, wir wir ren alle Kinder geworden.
Einmal nahm ich den Freund zur Seite, und wies auf die fromme Alte. O noch immer wahr, ſagte er, iſt ſie nicht das liebenswuͤrdigſte Kind unter uns allen? Nun in dem Sinne gebe ich dir alles Frühere zu, antwor⸗ tete ich. N 8
Ploͤtzlich ſprangen die Kleinen herein und riefen uns hinaus. Durch das ganze Dorf ſchwebten die Fackeln, alle
Einwohner waren in frohem Jauchzen, und der Sterne Licht ſchien immer noch ſo milde von oben herein. Aber das war es nicht allein. Auf dem Gelaͤnder des Kirch— thurms ſahen wir ein leuchtendes Kreuz, und von oben herab mit dem Scheine des Lichts toͤnte der Geſang in Luthers munterer Melodie: „Vom Himmel hoch da komm ich her!“
Wir hoͤrten ihm zu, und mit dem Steigen der Melo— die ſtieg auch unſer Herz und unſere Freude. An der Wiege ſeiner Kinder hatte der ſtarke Mann dies Liedlein
geſungen, und der Freund meinte, man hoͤre es demſel— ben an.
Nach einem kleinen Zeitraume laͤutete man zum zwei— ten Male in die Lichterkirche, wie ſie hier heißt. Ich hatte mich lange nach einem ſolchen Gottesdienſte geſehnt, und den Amtsbruder gebeten, ihn mir zu uͤbertragen.
In einer beſondern Freude und in dringender Sehn— ſucht legte ich Mantel und Kragen um, und faſt das ganze Haus zog mit zur Kirche. Die Kirche war ſchon voll, tauſend Fackeln warfen ihr Licht durch die Fenſter, und die feyer— lichen Toͤne der Orgel ſchienen vorab die froͤhliche Menge weihen zu wollen. Kein Kind der Gemeinde war zu Hauſe geblieben. Das Laͤuten in dunkler Nacht, die eigene Stims mung bei ungewoͤhnlich fruͤhem Aufſtehen, das goldene Licht in der Kirche, der antreibende Froſt, der helle Ster— nenhimmel, die raſchen, frohen und doch ſo einſamen Mor— gengruͤße, die Muͤtter in Maͤnteln mit ihren Kindern auf den Armen, und die einhuͤllende Kleidung aller Kirchen— gaͤnger, und uͤber das alles das dumpfe, ſtarke, maͤchtige Gelaͤut — hier habt ihr allen Zubehoͤr zu dem innern Ge—
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fuͤhl des Herzens an dieſem Morgen; hier das Gewand, möchte ich fagen, meiner Rede, oder der Hintergrund, auf den meine Predigt aufgetragen war.
Die Kronleuchter waren angezuͤndet. Kraͤnze von Immergruͤn waren bedeutungsvoll um die Kerzen am Al— tare gewunden, die frohe Menge ſchaute luſtig unter ihren Fackeln herum, die Bekannten gruͤßten ſich, und doch war alles fill.
Den Altardienſt hatte der Amtsbruder ſich nicht neh— men laſſen. Er trat vor und ſang nach altem Brauche, wie es hier noch uͤblich iſt: Gloria in excelsis Deo! Nun erhob ſich die Muſik und mit der Orgel goß ſie die Stroͤme des Hallelujah durch die Menge. Man ſang darauf:
„Ein Kindelein, ſo löbelich, Iſt uns geboren heut.“
Die Kirchenmuſik geleitete mich zur Kanzel. Ich muß es geſtehn, ſo war mir noch nie bei einer Predigt. Licht in der Nacht, das iſt ja der von der Jungfrau Geborne — das iſt ja unſer beſeligender Glaube — das iſt ja ums ſer theurer ſegensreiche Gottesdienſt. Laßt mir dieſe Freude uͤber das Sinnbild. Vielen mag ſie kindiſch erſcheinen. Aber wenn ihr kindiſch nennt, was mir kindlich iſt, ſo laßt mir nur ganz Kind ſeyn, und mich freuen wie ein Kind. Ich ſprach von Weihnachtsfreude. Die ganze frohe Ruͤh— rung der vorigen Stunden draͤngte ſich zur Rede heraus. Ich will einige Stellen herſetzen. An den Worten mag wenig ſeyn: hohen Gedanken jagte ich nicht nach: aus dem Herzen floß die Sprache. Ich ſahe die frohen Kin— der, und die kindlichen Landleute, ich hatte ſelbſt ſo viel
Freude genoſſen in dieſer Nacht; darum find fie mir lieb geworden.
Das Licht ſcheinet in die Finſterniß. So kuͤndigt der Juͤnger der Liebe die Geburt des Herrn an, und kann ich ſie Euch mit beſſeren Worten ankuͤndigen? Drauſſen iſt dunkle Nacht. Eure Lichter haben ſie erleuchtet, zum ſchoͤnen Zeichen, daß heute vor langen Jahrhunderten das göttliche Licht in unſerer Finſterniß ſchien. Wo Licht iſt, da iſt Freude. Man kann mit David ausrufen: Dieß iſt die Nacht, die der Herr gemacht. Laßt uns freuen und froͤhlich darinnen ſeyn. Gelobt fey, der da kommt im Nas men des Herrn. Der Herr iſt Gott, der uns erleuchtet! — Aber zu dieſer Freude gehoͤrt ein reines Herz. Die Menſchen muͤſſen wieder Kinder werden, wenn ſie ſich recht freuen ſollen. Sie muͤſſen den wunderlichen, irdiſchen Ernſt der ſpaͤtern Jahre von ſich thun, die Sorgen und die Schlauheit und die Gewohnheiten der Leidenſchaft ab— legen. Sie muͤſſen kindlich werden, um ſich freuen zu koͤnnen. In dem Augenblicke, wo ein Menſch ſich recht herzlich und innig freut, hat er wirklich etwas ruͤhrend Kindliches an ſich. Der Kindheit und Jugend, der Un— ſchuld und Offenheit hat Gott es allein gegeben, ſich freuen zu koͤnnen. Die Chriſtnacht, in der wir die Geburt des göttlichen Kindes feyern, uͤbt die eigene Gewalt über uns aus, uns alle wenigſtens auf kurze Zeit wieder zu Kin— dern zu machen. An der Krippe des Heilandes, vor der gebenedeyeten Mutter, unter den kindlichen Hirten, und bei dem Lobgeſange der Engel — wie koͤnnen wir ſie beſ— ſer nennen als verklaͤrte Kinder — wer kann da in ſeinem gewoͤhnlichen Treiben verharren? wer wuͤnſcht da nicht
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Vergebung und Unſchuld und Frieden? wer möchte unter dieſen ſeligen, kindlichen Naturen nicht mit zum Kinde werden, und ſich wieder freuen lernen? Aber weſ— ſen freuen wir uns denn?
Mein Geiſt freuet ſich Gottes meines Hei— landes. |
Ihr wißt, das iſt ein Wort von Maria. Nur die geſegnete Mutter kann uns heute den rechten Text zu ums ferer Freude geben, denn ihr Herz mußte am tiefſten fuͤb⸗ len, was uns erfreut, — ja unſere Freude iſt nur der ferne Nachklang von ihrer Freude. Als ſie die Freundin gegruͤßt hatte, und dieſe ſie geſegnet, da erhob Maria im erſten ſeligen Muttergefuͤhl ihre Stimme und ſagte den Lobgeſaug den ihr kennet. Die ſchoͤnſte Stelle iſt in ihm: Mein Geiſt freut ſich Gottes, meines Heilandes. — Wen ſie da meint, den Vater oder den Sohn, das koͤnnten wir nur fragen aus unſerer Entfernung und Kaͤlte. Aber die frohe, fromme, ſelige Liebe trennt nicht, im Vater hat ſie den Sohn, und im Sohne den Vater. Wir wollen ihr aͤhnlich werden, nicht fragen und ſpalten; ſondern jauchzen in unſerer Weihnachtsfreude: Unſer Geiſt freut ſich Gottes unſers Heilandes!
Wie herrlich iſt die Weihnachtsfreude, wenn wir auf ihren Gegenſtand ſehen! Immer iſt es eine frohe Zeit, wo ein neuer Weltbuͤrger geboren wird. Va⸗ ter⸗ und Mutterherz ſchwellen hoch in Freude, und alle Bekannten und Freunde heißen ihn willkommen zu Luſt und Leid. Aber unter den Millionen, die vor Jeſu gebos ren, unter den Millionen, die nach ihm kamen, ward kei⸗ ner geboren, wo das Herz der Mutter von ſo ſonderbaren
Ahnungen wogte, wo die fremdeſten Menſchen ſich fo zur Theilnahme aufgefordert fanden, wo der Himmel ſelbſt ſeine Freuden und Wuͤnſche aͤußerte. Ja, ſo lange die Erde ſteht, ſo lange Menſchen auf ihr lebten, geboren wurden und ſtarben, ſo weit die Geſchichte reicht, und der Menſchheit Schickſale zu uͤberſchauen ſind, war kein Au— genblick von der Bedeutung, als der, in dem der Sohn der Jungfrau geboren wurde. Seit Jahrtauſenden hatte man Ihn geahnet, und nach Jahrtauſenden wird ſein Name mit Liebe genannt. Er war das Licht, das in die Finſter⸗ niß ſchien, es wohnte unter uns, und wir ſahen ſeine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Und wie finden wir denn num dies ſen Herrlichen, wie finden wir heute den Einzigen und Un— vergleichlichen? O noch nicht gebeugt vom Ungluͤck, und niedergedruͤckt vom Haſſe der Menſchen; noch nicht blutig gegeiſſelt, und an ein ſchimpflich Kreuz geſchlagen; noch nicht in Thraͤnen uͤber Jeruſalem, und in Wehmuth uͤber ein Volk, das ihn, das fo viel Liebe nicht faſſen wollte. — Nein, wir ſehen den laͤchelnden Knaben, in aller Glorie der Unſchuld, an weicher Mutterbruſt, ſehen das verklaͤrte Antlitz der uͤberfeligen Mutter — ſehen, mit einem Worte, das Herrlichſte, was je die Erde trug in der lieblichſten Stellung, die es auf Erden gibt — den Sohn Gottes als ein ſchlummerndes Kindlein an der Bruſt ſeiner menſch⸗ lichen Mutter. Welch ein herrlicher Gegenſtand der Weih- nachtsfreude! Ja mein Geiſt freuet ſich Gottes meines Heilandes!
Ich ſchwieg. Die Kinder auf dem Chore fangen:
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In der heil'gen Mutter Schoße Lag das Kind wie Sarons Roſe In der Morgenröthe Licht. — Voll Gedanken Standen ſie und ſahn und ſanken Betend auf ihr Angeſicht.
Aber ſie, die Hochbeglückte, Neigt ihr Haupt zum Kind und drückte Schweigend es an ihre Bruſt; Und der Hehren Lächelnd Auge füllten Zähren Hoher Wonn' und Himmelsluſt.
Und doch iſt die Weihnachtsfreude dabei fo ſtill in ihren Erweiſungen. Die wahre Freude iſt immer ſtiller Natur. Sie wohnet und waltet im Innern, in der geheimen Tiefe des Herzens. Wer ſich innig freuet, der freuet ſich ſtill. Als das Kindlein geboren ward, blieb die Freude nur zwiſchen zwei liebenden Menſchen, ja, ganz rein wohl nur in dem Herzen der hochgeſegneten Mutter. Die Hirten fuͤrchteten ſich, nur ein Mutterherz freute ſich, und das freut ſich immer ſtill. — Aber laut war die Freude im Himmel, und was auf Erden verkannt wurde, feyerten Engel in Lobgeſaͤngen! Und iſt es nicht immer noch ſo mit der Weihnachtsfreude? Nur die Kindlein, de— ren Engel allezeit ſehen das Angeſicht ihres Vaters im Himmel, nur die Kleinen und Unmuͤndigen, die wir in ihrer Unſchuld wohl oft ſelbſt menſchliche Engel nennen, freuen ſich laut und ihr Jauchzen ſchallt gen Himmel. Es iſt, als koͤnnten ſich nur Engel oder was dem verwandt iſt auf Erden, in der Chriſtnacht laut freuen. Wir Andern,
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bei uns iſt ſtill dieſe Freude. Sie ſagt uns ja auch, daß die Zeit der Unſchuld dahin iſt, daß wir von der Welt vielfach beengt und befleckt worden, daß unſere Klugheit uns weit von Kindes-Einfalt, unſere Sorgen uns weit von Kindes-Glauben, unſere ſelbſtgeſchaffenen Leiden uns weit von Kindes-Freude entfernt haben. Das macht uns wehmuͤthig, und wehmuͤthige Freude iſt ſtill. Dann ſinnen wir, wie das Verlorne wieder herbei geſchafft, das Verſchwendete wieder gewonnen werden koͤnne, und fin nende Freude iſt ſtill. So freuet ſich unſer Geiſt, Got— tes, unſers Heilandes!
Die Kinder ſangen:
Wie ſchön biſt du, Freundliche Stille, himmliſche Ruh! — In des Kindes zarter Hülle, In der heiligen Mutter Schoß, Auf der Krippe weichem Moos Lag des ew'gen Lichtes Fülle!
Werfen wir nun auch einen Blick auf die Bedeu— tung der Weihnachtsfreude. Wie troſtvoll iſt dieſe! Wenn einer wäre, der des Troſtes nicht beduͤrfte, nicht bei den Freuden, ja nicht einmal bei den Leiden dieſes Le— bens, nicht bei der immer ungeſtillten Sehnſucht des Her— zens: dem wuͤrde man freilich vergeblich reden von der tiefen Bedeutung der Weihnachtsfreude. Freude troͤſtet und Kindheit auch. Wenn in dunkeln Stunden ein hei— teres Angeſicht uns begegnet, oder unſer Blick auf die zarten Kindlein, und ihr ſchoͤnes, ſchuldloſes Thun faͤllt; da wird unſer Sinn gleich geſchwichtigt und geſtillt und getroͤſtet. Aber das iſt noch nicht, was ich meyne. Wen
bedeutet dieſes Geburtsfeſt? wer iſt es eigentlich, der uns in jeder Chriſtnacht immer von neuem geboren wird? O es iſt der, zu dem nicht bloß ein heller Stern einſt aus dem Morgenlande fuͤhrte, ſondern zu dem noch taͤglich aus den Abendlanden und aus allen Gegenden her die volle gluͤhende Sonne der Gerechtigkeit leitet — es iſt der, an deſſen treue Bruſt voll Wunden ſich gläubig jedes blutende Herz fluͤchten darf — der, deſſen Gnade uns alles gibt, was wir nur beduͤrfen, zu deſſen verklaͤrten Bilde wir in jeder Stunde der Schwachheit und der Freude aufblicken und deſſen Herz vor Liebe bricht, wir kommen, oder kom— men nicht, wie Euer ſchoͤner alter Kirchengeſang ſagt. Wahrlich, wer das bedenket, dem klingt es als der Aus— ſpruch ſeines eigenen Herzens, wenn unſere Vaͤter ſangen: „Wär uns das Kindlein nicht geboren, fo wären wir all; zumal verloren. Das Heil iſt unſer aller.“ Mein Geiſt freuet ſich Gottes, meines Heilandes.
Die Kinder fielen mit Luthers unvergleichlichen Wor— ten ein:
Das hat er alles uns gethan, Sein' große Lieb zu zeigen an, Deß freue ſich die Chriſtenheit Und dank ihm deß in Ewigkeit! Hallelujah!
Denke ich an den Einfluß der Weihnachtsfreude, jo wird es mir ſchwer, mich hier kurz zu faſſen, wenn ich zeigen will, wie fruchtbar er iſt. Ihr wißt ja, jede wahre Freude beſſert. Das iſt nicht die rechte Freude, in der und nach der man ſich nicht beſſer fühlt. O, ich ſage jetzt nur noch Geringes, aber es bleibt ewig wahr: eine
reine Freude in dieſer Nacht muͤßte uns ſtaͤrken in allem Guten auf ein ganzes Jahr. Und doch iſt das nur noch ein Geringes gegen das Hoͤhere, das ich von der Weih— nachtsfreude zu ruͤhmen habe. Iſt von der erſten Chriſt— feyer nicht das Heil der ganzen Welt ausgegangen? War dieſe nicht der Quell, aus dem eine Fülle von Seligkeit für unzählige Menſchen hervorgeſtroͤmt iſt? So wird auch in jedem einzelnen Gemuͤthe die erſte, tief empfundene »Weibnachtsfreude und das erſte ſelige Bewußtſeyn, daß ihm der Erloͤſer geboren worden, die Grundlage zu einem ſeligen Leben voll Friede und Freude, die Morgenroͤthe zu einem neuen Tage voll Licht, der hochgeſegnete Anfang zu einem Leben, das ſchon hier ein Wandel im Himmel iſt. Die erſte wahre Freude iſt nicht anders zu nennen, als Freude der Verſoͤhnung, und dieſe Freude iſt Anfang, Grundlage und Kraft zur Beſſerung, und wird empfunden als werdende Seligkeit. Heil dem, welchen eine Weih— nachtsfreude in dieſe Seligkeit einfuͤhrt; deſſen Geiſt ſich ſo freuet Gottes, ſeines Heilandes! Der Chor der Kinder ſang: Es kam ein Heiland, ein Befreier
Ein Menſchenſohn voll Lieb und Macht;
Und hat ein allbelebend Feuer
In unſerm Herzen angefacht.
Nun ſahen wir erſt den Himmel offen
Als unſer altes Vaterland,
Wir konnten glauben nun und hoffen,
Und fühlten uns mit Gott verwandt.
Wie wenig dagegen alle Freude auf Erden zu bedeu— ten habe, gegen das, was ein menſchliches Herz an Freude
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wohl empfinden koͤnnte und möchte, iſt daran zu ſehen, daß wir zu jeder Freude noch der Hoffnung beduͤrfen, um fie zu genießen. Hoffen zu koͤnnen, iſt die ſchoͤuſte und reinſte Freude. Laßt uns von dieſer Seite noch zuletzt auf die Weihnachtsfreude blicken, um ſie auch hier in ihrer ganzen Herrlichkeit zu finden, nämlich — fo hoffnungs— reich in ihren Verheißungen. Schon viele Jahr⸗ hunderte wurden Weihnachten gefeyert; das erſtemal von wenigen und immer von mehrern und mehrern. Ihre Freuden breiteten ſich immer weiter aus, dem Beſten muͤſ— ſen alle Herzen zufallen, das Reich Gottes beſteht, und immer mehr wird es kommen. Das iſt die Hoffnung, mit der wir in die Zukunft der Menſchheit ſchauen, aber an ihr ſoll jeder Einzelne Theil nehmen. Das Chriſtfeſt feyert den Bund, in den menſchlich Schoͤnes mit goͤttlich Herr— lichem getreten iſt. Wie in dem goͤttlichen Kinde himmliſch Erbabenes, und irdiſch Liebliches zuſammenfließen, ſo ſoll es fortan in unſerm ganzen Leben ſeyn. Das iſt unſere Beſtimmung, auf die unſere beſte Hoffnung geht. Haben wir nur Einmal verſtanden, uns der Weihnachten wahrhaft zu freuen, ſo iſt fuͤr unſer Gemuͤth und Leben dieſer Bund eingeleitet, und es kann nun immer beſſer werden. — Aber hienieden ſoll ſich dieſer Bund nicht vollenden. So hoch und geiſtig Weihnachtsfreude auch ſeyn mag, wir warten noch auf eine beſſere, auf ein ewiges Chriſtfeſt, in einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde, wo zwar auch nur unſer heutiger Lobgeſang ertoͤnen kann, aber doch wie ganz anders: Ehre ſey Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den Menſchen ein Wohlgefallen! Da finden wir die geſegnete Mutter wieder, und mit ihr in Einer
Wonne, und Einer Seligkeit werden wir jauchzen und ſa— gen: Mein Geiſt freuet ſich Gottes, meines Heilandes. Amen.
Es war eine eigene, heitere Stimmung in der Kirche, wie es wohl natuͤrlich iſt, wenn eine ſolche Feyer begangen wird. Man ſang:
Dies iſt die Nacht da mir erſchien,
Des großen Gottes Freundlichkeit, u. ſ. w.
Nach dem Gebete und Segen ertoͤnte wieder die Muſik in ihren freudigſten Toͤnen. Die Menge hielt aus bis zu Ende, und wie fie ſich nun aus den Thuͤren ergoß, jauchzte alles durch einander. Die Fackeln waren noch nicht nie- dergebrannt, und das ganze Dorf war durchleuchtet. In der Kirche waͤre es faſt wieder Nacht geworden, aber der Kronleuchter auf dem Chor brannte noch, und das Mor; genroth ſchien durch die Fenſter. — Im Vorgefuͤhl noch ſchoͤnerer Weihnachten, wo wir alle noch mehr Kinder ſeyn werden, gingen wir durch die leer gewordene ſtille Kirche, in die nun aus der Ferne der aͤußere Jubel hereinhallte. Wir verließen ſie mit dem feyerlichen Gefuͤhl, mit dem man durch eine, ſo eben noch volle, nun leer gewordene Kirche geht und das Schallen der einzelnen Fußtritte hört, und gleichſam die letzten Toͤne der Gebete und Geſaͤnge, wie ſie an den Woͤlbungen verhallen.
Roß und Gefaͤhr ſtanden am Eingange des Kirchho— fes. Wir ſtiegen ein, und fuhren mit hoher Freude in unſere Heimath zuruͤck. Hier und da auf dem Wege ſahen wir noch den Zug der Landleute und Fackeln, deren Licht mit der Daͤmmerung ſtritt. Vom Thurme leuchtete matter das ſtrahlende Kreuz. Die Sterne waren verblichen, nur
* 2 der Stern der Liebe, der Verkuͤndiger des Tages und gleichſam der Bothe der Sonne, ſchien uns ins Auge, wenn wir uns umwendeten. Als wir der Heimath uns naͤherten ſahen wir ſchon die Anſtalten zum neu eroͤffne— ten Chriſtmarkte; das Feſtgelaͤut empfing uns auch hier, und hatte ich auch freilich keine Kinder daheim, denen ich in der Nacht Chriſtfreude veranſtalten konnte, ſo hatte ich doch eine kindliche Gemeinde, der ich ſie am Tage predi— gen ſollte. Die Nacht ſtaͤrkte mich fuͤhlbar darin.
Als ich ſchon ausgeſtiegen war, rief mir der Freund noch zu: Ohne Kinder waͤre uns dieſe Nacht nicht ſo ge— ſegnet geweſen, und ohne Juͤnglinge zu ſeyn, haͤtten wir zu dieſer Fahrt nicht Muth gehabt. Ich bleibe dabei: Je— ſus iſt nur Kind und Juͤngling geweſen, und — 5
Ja, ſprach ich ein, in jenem Sinne —
Aber das Roß ließ ſich nicht halten, und die Thuͤr des eigenen Pfarrhauſes oͤffnete ſich.
4. Der Jahreswechſel.
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Ich habe in jedem Jahre zwei lange Feſtzeiten. Durch das ganze Jahr thut es mir wohl, wenn ic) fie ungeſtoͤrt in meiner Weiſe verleben kann. Es iſt im Fruͤhlinge die Zeit der Einſegnung der Kinder und im Winter der zehn Tage von St. Thomas bis Neujahr. Vorzüglich die letz ten Tage bilden nur Eine Feſtreihe. Sie faͤngt bei dem kuͤrzeſten Tage an, dann kommt der Chriſtabend, die bei—
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den hohen Feſttage, des Vaters Geburtstag, dann faͤllt gewoͤhnlich noch ein Sonntag dazwiſchen, und endlich der Abend des Jahres und das Neujahr. In dieſen Tagen feyere ich nur; die liebſten Schriften liegen auf dem Tiſche; alte Lieblingsſtellen werden wieder geleſen; alle ernſte Bes ſchaͤftigung mit menſchlicher Wiſſenſchaft muß für jetzt zus ruͤcktreten, und Predigt ſchreiben und halten, und immer anregen und angeregt werden, iſt das eigenthuͤmliche dieſer Zeit. Es fuͤgt ſich oft, daß ich faſt taͤglich in dieſer Zeit oͤffentlich zu reden habe; die Kirche iſt voll und auch mein Herz.
So war ich auch dieſes Jahr durch die theuern zehn Tage hindurch gegangen, und hatte des Lieben und Guten viel erfahren. Die letzten Tage in einer langen Feſtreihe haben immer etwas Wehmuͤthiges an ſich. Ruͤhrung, die ſich oft nicht ausſprechen kann, erfuͤllt meine Seele am alten Jahres Abende und am Neujahrstage. Denk' ich dankbar an all' das Gute, das ich genoſſen — ſo iſt es doch voruͤber, und denk' ich hoffend an die Zukunft, — ſo kann doch der Menſch nur fragend hineinblicken.
Selten aber bin ich ſo tief geruͤhrt geweſen, als dieſe ceujahrsnacht. Mit Thraͤnen in den Augen hatte ich meine Predigt geſchrieben, — ſie war wie das letzte Abend— roth, das ſo dunkel und ſchwarz in die Stube leuchtete. Von da wurde ich in ein Trauerhaus gerufen, wo der Vater, ein treuer guter Menſch, ploͤtzlich am Schlage ge— ſtorben war; der Abend des Jahres war auch der ſeinige geweſen; mit dem Jahre war auch er geſtorben. Dieſer Vorfall hatte mich erſchuͤttert, und was ich ſpaͤter daruͤber zu reden hatte zu der Wittwe und den Kindern, war nur
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geeignet, meine Wehmuth zu erhöhen. Mit ſolchen Gefuͤb⸗ len — o, ſie waren noch verſtaͤrkt, als ich mein Tagebuch durchgeblaͤttert, die Reihe meiner Predigten angeſehen, im Geiſte bei den Freunden umhergeſchwebt, und mich ins liebe Vaterhaus verſetzt hatte, — mit dieſen Gefuͤhlen ging ich in der letzten Stunde des Jahrs in den Garten am Pfarrhauſe. Der Schnee ſeufzte unter meinen Tritten und ernſt und feyerlich ſchienen die Sterne herab. Der Mond war hinter einer Wolke. Ich war kaum im Gars ten, als ſchon der Geſang des blinden, ungluͤcklichen Nach⸗ bars aus ſeiner dunkeln Huͤtte emporſchlug, — er ſang ſo hell und freudig, als jauchze er, daß doch wenigſtens Ein Jahr wieder hinweg ſey von der ſchweren Laſt ſeiner Zeit, — und als ich näher zuhorchte, fang er das alte Lied: Gott Lob, nun geht mit gutem Glücke,
Und beſſer als ich je gedacht,
Der Reſt des alten Jahrs zurücke,
Der Herr hat alles wohl gemacht;
Und macht es wohl noch fernerhin,
Daß ich bei ihm in Gnaden bin.
Ich hoͤrte ihm bis zu Ende zu, denn dieſer Geſang von dieſem Saͤnger, paßte recht zu meiner Stimmung. Aber als er den letzten Vers: „Bringt ja dies Jahr mein letztes Ende,“ anfing, fo hoch und ſehnſuchts voll, fo zuver— ſichtlich und dringend, da erhob ſich auch mein Herz und ich dachte: Welch eine unausſprechliche Gnade Gottes iſt doch die Hoffnung des ewigen Lebens in dem Kummer des Zeitlichen. Eine Pauſe trat ein. Der Blinde mußte ge— weint haben, denn bald darauf folgte in einem gedaͤmpften, gebrochenen und beſchwichtigenden Tone:
a
Weine nicht!
Durch den Tod,
Stirbt die Noth;
Und wenn der erſcheinet, Haſt du ausgeweinet.
Er ſang noch mehr, aber es wurde ſo leiſe, daß ich ihn nicht mehr verſtehen konnte. Da zog es mich zu ihm hin. Ich nahm eine Leuchte, ging hinüber, und trat in feine dunkle Kammer. Ach, noch dunkler, wie in feiner Kammer, war es vor ſeinen Augen, denn dort fiel doch noch ein mattes Sternenlicht hinein. Als ich ihn ſahe, und das Licht in meiner Hand auf den Blinden traf, fiel mir das Wort jenes blinden Saͤngers ein: „Preis dir, o heilig Licht!“ — Der ehrwuͤrdige Alte ſaß auf ſeinem aͤrmlichen Lager. Ein Paar ſchoͤne weiße Locken hingen von der ſonſt kahlen Scheitel herab; er hatte das Haupt entbloͤßt, und die Haͤnde gefalten. Ich dachte an jenen Herbſtabend, wo ich ihn bei ſeinem ſterbenden Freunde ſah, dem einzigen, der noch von allen uͤbrigen geblieben, mit denen er jung geweſen war. Der war nun todt, und der arme Blinde allein. Mir war, als ſage mir feine vers fallene Geſtalt das klagende Wort jenes Sängers: „Ich ſahe die Graͤber aller meiner Freunde und bin nun blind.“ In einem ſchmerzlichen Gedraͤnge von Empfindungen ers griff ich ſeine Hand und gruͤßte ihn. O ſeyd Ihr es, Herr Pfarrer ?. — Ja, ſagte ich, Euch altem blinden Mann mußte ich noch gluͤcklichen Ausgang und Eingang wuͤn⸗ ſchen, es bedarfs auch keiner in der Gemeinde ſo, wie Ihr. — Ach Gott ſeufzte er, waͤre es mein letzter! — Nun, Ihr habt ja eben geſungen: „Weine nicht!“ Laßt
Glockentoͤne. öte Aufl. 4
A — 1 es uns noch einmal ſingen. — Er wollte es, aber der Geſang erſtickte in den Thraͤnen. Ich konnte mich nicht mehr halten. Mein volles Herz ergoß ſich im Geſpraͤche über die Seligkeit der Leidtragenden, wie ſie getroͤſtet wer— den ſollen, und uͤber des Apoſtels Wort: Geduldig in Truͤbſal, froͤhlich in Hoffnung. — Ich verließ ihn ſpaͤt. Dann kehrte ich zuruͤck in den Garten, aber ich hoͤrte den Alten nicht wieder. Ein Paar Mal noch verſuchte er: „Weine nicht,“ allein er konnte es nicht herausbrin— gen. Da rauſchte von fern etwas vorbei. Es waren die Jubellieder einer Geſellſchaft, die mit Eſſen und Trinken den Jahreswechſel zu feyern meinte. O dieſes wilden Ge— raͤuſches, womit ſie das alte Jahr beſchloſſen, und dage— gen, der fromme, frohe, dann in Thraͤnen erſtickte Geſang des Alten! Ich habe mich nie freuen koͤnnen in lauter Geſellſchaft am Silveſterabend. Er iſt faſt ſchon zu ge— heimnißvoll fuͤr den haͤuslichen Kreis; ihn ſollte jeder nur fuͤr ſich begehen. Ein frohes Feſt kann ſich nur mit und in andern feyern laſſen; allein der Silveſterabend iſt kein ſolches Feſt, es iſt ein aͤngſtlicher Wendepunkt der Zeit an dem ſich jeder recht feſt ſtellen muß, daß er nicht ſchwin— delig werde. Unſere Vorfahren blieben daheim. Sie hat— ten fuͤr das Ernſte ein zu feines Gefuͤhl. Allein wir — dachte ich weiter — ach Gott, wir, haben es im Gefuͤhl und im Leben verloren, und wenn eiſernkalt und eiſern— ſchwer das Schickſal uͤber uns verfaͤhrt, unſer Geſchlecht kommt doch nicht zur Beſinnung. Wem iſt es zu unſrer Zeit nicht oft geweſen, als ob er allein ſtehe, mit dem Ernſt und der Begeiſterung für Chriſtenthum und Ewig— keit, in einer Menge von Menſchen, die beides oft ſo we—
nig haben? Die Beſſern unter uns ſelbſt werden ſich des wahren Grundes von dem Ungluͤck unſerer Zeit nicht be— wußt. Sie reden immer nur von Krieg, Unterdruͤckung, Knechtſchaft. O, ich habe auch dafuͤr Gefuͤhl, meines Volkes Schickſal ging mir ſehr nahe, und ich verſtehe alle Eure Klagen. Aber jetzt iſt ja Friede, Gluͤck und des Volks kes alte Freiheit wiedergekehrt. Aber wahrlich, auch jetzt noch werdet Ihr des Gluͤckes nicht froh werden, wenn Ihr es nicht auf den Glauben gruͤndet. Warum war Euer Wohlſtand und Euer Gluͤck ſo tief geſunken? Weil die Froͤmmigkeit aus dem Gemuͤth des Volkes entflohen. Da ſitzt noch wohl insgeheim eine ſtille Familie, die eine Huͤtte Gottes bei den Menſchen iſt, in der ſich die Knie beugen vor dem Namen Jeſu. Da ſteht noch wohl hier oder da ein ehrwuͤrdiger Greis oder ein begeiſterter Mann, die ſich als Bothſchafter an Chriſti Statt anſehen, aber insgemein! — O laßt mich nicht davon reden. Gluͤck— liche Zeit, wo es noch ein oͤffentliches Heiligthum gab! Gluͤckliche alte Zeit, wo die Sitte noch gottesfuͤrchtig war, und manches Haus ein Tempel des Allerhoͤchſten! Gluͤck— liche Redner in jenen Jahrhunderten, die nur zu reden hatten an Glaͤubige und Ueberzeugte, und ſich um die nicht kuͤmmern durften, die drauſſen ſind! Jetzt hat ſich die Welt das Wort gegeben, alte Sitte und fromme Gewohn— beit zu verhoͤhnen, dann kindiſch zu finden, und endlich abzuſchaffen. Das Gemeinſame, das Feſtliche, das von den Vaͤtern Ueberlieferte verſchwindet; die Todten werden ſtill begraben; man verachtet das Sakrament; man hat Feſte genug, nur keine heiligen. Und doh ließ es ſich noch verſchmerzen, daß kein aͤußeres Heiligt um mehr ge— 4 *
achtet wird, wenn das innere Heiligthum, die fromme Ger ſinnung, und der Wandel vor Gott deſto eifriger geſucht wuͤrden; dann waͤre es nur Irrthum, und kein Verder— ben. Aber nun! — Laßt mich ſchweigen! Vielleicht muß ich mich noch vertheidigen über die Kuͤhnheit dieſes Geſtaͤnd— niſſes. O nennt es doch nicht, wie ihr ſo gerne thut, Standesgeiſt, Pfarrerverdruß, der ſich wohl erklaͤren laſſe. Glaubt doch an wahre Liebe zu dem Volke, an innere es berzeugung des Gemuͤthes, o nur an die Noͤglichkeit, daß einem Menſchen das Ewige mehr ſeyn koͤnne, als Gewinn und Chre. Nennt mich lieber ſchwach, oder wie ihr wollt, aber ſuͤndiget nicht wider das Heiligſte im menſchlichen Herzen!
Dieſe Betrachtungen, noch ſchaͤrfer und bitterer, als ich fie hier ausſprechen mag, erfüllten lange mein Gemuͤth. Doch, da trat auf einmal der Mond wieder hervor, hinter der Kirche ſtand er, und gerade fo, daß fein Licht vermit⸗ telſt zwei gegenuͤberſtehender Fenſter durch das Gebäude ſchien. Mich duͤnkte ich ſaͤhe die Kanzel im Mondenſchein. Ein troſtreicher, erhebender Anblick nach ſolchen Betrach— tungen! Leuchte nur, freundlicher Mond, leuchte nur durch die theuern Mauern, beſtrahle die Kanzel mit deinem ſchoͤnſten Lichte, denn am Altar und auf der Kanzel lebt ſichs immer im Licht!
Nun fielen einige Schuͤſſe. Die Nachbarſchaft wurde lauter. Ich ſah den wandelnden Menſchen in der langen Straße nach, durch die ich im verfloſſenen Jahre fo mans chen frohen und geſegneten Gang gethan, bald in die Kam⸗ mern der Sterbenden, bald in die Saͤle der Brautleute, bald in Taufzimmer, bald in das Gotteshaus. Mebr als
hundertmal ſtand ich unter dem Volke, und öffnete ihm das Innerſte meines Herzens, und predigte von dem Geheim— niſſe des Herrn unter ſeinem Volke, und faſt immer haͤtte ich ſagen moͤgen: „O ihr Maͤnner und Frauen da unten, waͤret ihr doch ſo ſelig, wie ich, fuͤhltet ihr doch die Naͤhe des Herrn, wie ich ſie fuͤhle!“ Ach ſo manches ſchwebt noch ein Mal vor dem geiſtigen Auge voruͤber!
Wie herrlich doch das Amt eines Geiſtlichen iſt! Da iſt unter vielen hundert Menſchen keiner, dem ein entſchei— dender Abſchnitt im Leben gekommen, welchem er nicht zur Seite geſtanden, ein Wort Gottes in die Seele geredet, und ſich nicht mit ihm gefreut oder betruͤbt haͤtte. O es iſt ein hoher Auftrag: die Gefuͤhle einer ganzen Gemeinde in ſein Herz aufzunehmen und ſie jedem geheiligt durch Got— tes Wort und im Licht des Evangeliums verklaͤrt, wieder zu geben! — Des Geiſtlichen Amt fordert daß er jeden einzelnen Fall geſchickt unter eine allgemeine Regel bringe, allen irdiſchen Wechſel auf einen ewigen Beiſtand beziehe, und das Tiefſte und Reichſte im Leben der Menſchen zum Heiligen beauftrage. So hat er von der einen Seite die Fuͤlle des beſonderſten Lebens und von der andern die Hoͤhe des allgemeinſten. Jeden neugebornen Weltbuͤrger heißt er willkommen, in einem hoͤhern und beſſern Sinne, als die Welt, und das Herrlichſte, das ihm einſt begegnet, hat derſelbe als Erfüllung prieſterlicher Weiſſagung anzu— ſehen. Jede gluͤckliche Mutter ſegnet er und lehret fie, ih⸗ rer Liebe erſt innig und ewig froh zu werden. Da tritt eine Reihe Juͤnglinge und Jungfrauen, noch in dem Kranze der Unſchuld, und ſchon an der Schwelle der hoͤheren Ju— gend in die Kirche; ſie knien am Altare und er heißt ſie
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empfangen den heil. Geiſt, und Schutz und Schirm vor allem Boͤſen, und Staͤrke und Kraft zu allem Guten, aus der gnaͤdigen Hand Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Und wenn dem Menſchen Gluck und Leben in der Bluͤthe ſtehen, auf der Spitze namenlo— ſer Jugendgefuͤhle, ſtehen Braut und Braͤutigam vor dem Geiſtlichen, und er beſtaͤtiget ihre eheliche Liebe und Treue die ſie eines dem andern geſchworen, im Namen des drei— einigen Gottes und erklaͤrt: was Gott verbunden, ſoll der Menſch nicht trennen; und nun gehts noch ein langes Leben abwaͤrts durch Muͤhe und Abnahme, durch Sorge und Schmerz. Endlich erſcheint der Diener Gottes am Todtenbette wieder, und betet um Kraft im Sterben und um noch Einen Strahl der göttlichen Gnade, da es Abend. werden will o Herr Jeſu — und bald geht der Zug vor dem Pfarrhauſe her, er tritt in die Reihen, und ſpricht das Letzte: Menſch, du biſt Erde. — Ach, da liegt der Gottesacker. — Ueber Euren Gruͤften ſchwebe Gottes Friede, ihr Todten!
Schlaft wohl! ſchien mir des Nachtwaͤchters Horn berein zu toͤnen. Aus den Haͤuſern erſcholl Jauchzen, die Glocken laͤuteten, die Schuͤſſe verdoppelten ſich, Muſik ſcholl heruͤber, und tauſend, tauſend Gluͤckwuͤnſche empfingen das neue Jahr. Es hatte zwoͤlf Uhr geſchlagen. Ich fuhr auf. Der Mond leuchtete mir entgegen. — Es iſt alſo da, rief ich, aber — ich konnte nichts mehr ſagen. Ein gewaltiges Gefuͤhl machte mich ſtumm, und ich konnte nur wortlos beten! —
Nun klang das Lauten der nachbarlichen Gemeinden aus den Thaͤlern herauf, aus der Ebene herbei, und die
dumpfen, fernen Schläge der großen Glocken boten einen herrlichen Hintergrund zu dem feinen, fröhlichen Gelaͤut aus unſern Thuͤrmen. Die Haufen der Saͤnger zogen durch die Stadt; die Hoͤrner ließen nach alter Weiſe ſich hoͤren; die ſtille Nacht wurde zum geraͤuſchvollen Tage. Einige Bekannten wuͤnſchten mir ein gluͤckſelig Neujahr von der Straße herauf, und einige Nachbarfrauen ſandten Ge— ſchenke ins Haus, die nach altem Brauch von den fleißi— gen Hausmuͤttern in dieſer Nacht bereitet werden zu Ehren des neuen Ankoͤmmlings. Der Mond ſchien lichter, und der Froſt wurde immer heller und ſchaͤrfer.
Nun denn, Gott ſey mit euch im neuen Jahre, und der Jubel beim Anfange ſey von guter Vorbedeutung! Ihr treuen Freunde, ihr Aeltern in der Ferne, ſeyd mir gegruͤßt! Jeder Pfarrer, durch den auch nur Einmal in dieſem Jahre das Herz des Volkes bewegt, und es nach oben gezogen wird, ſey geſegnet! Ihr Feſttage, Oſtern, Pfingſten und Weihnachten, ſeyd mir willkommen, und werdet mir rechte Feſttage, warm und froh, fromm und geſegnet! Ihr dem Tode Geweihete, Sterbende in dieſem Jahre, gebe Gott, daß ich wenigſtens nur Einmal noch ein Wort des ewigen Lebens an euch rede! O du ganze, theure Gemeinde, Gnade ſey mit dir und Friede, von dem, der da iſt und war und ſeyn wird. — Kindlein, laßt uns einander lieben — Kindlein, laßt uns bleiben bei Ihm! Und dein Hirt, du gute Heerde, freue ſich immer deiner Liebe und werde immer beſſer — reifer im Glauben, und ſicherer im Lehren, — im Entfagen und Thun, im Kaͤm— pfen und Siegen, dir ein wahrhaft prieſterlich Vorbild, und was die Erde ihm nicht geben kann, das verleihe ihm
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der Himmel. O, Gott, es hätte wohl manches im alten Jahre anders an mir ſeyn koͤnnen. Herr vergib mir meine Suͤnden und Uebertretungen, und nimm den Dank fuͤr deine tauſend Gnaden. — Nicht ich, ſondern die Gnade, die mit mir war — Amen dem langen ſegensreichen Jahre! Amen wie einem großen Gebete!
5. Des Herrn Nachtmahl.
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Es war Gruͤndonnerſtag. Die Faſtenzeit iſt uͤber⸗ haupt die ſegensreichſte Zeit des Jahres für die Gemeinde, und die feſtlichſte fuͤr den Geiſtlichen. Wehmuth und Liebe ſteigen in ihr mit den haͤufigen Gottesdienſten bis zu dem hoͤchſten aller Feſttage, und im Kirchenweſen ſcheint ſich wieder das Alterthuͤmliche einzufinden. Wenn ſich dies von der ganzen Zeit behaupten laͤßt, ſo zeigt es ſich be— ſonders in der Charwoche. Nicht mit Unrecht heißt ſie die heilige Woche des Jahres, denn fie iſt die Woche der lei— denden, der verſoͤhnenden Liebe. Jeder Tag hat in ihr eine eigene Bedeutung, und je mehr das Feſt nahet, deſto ernſter und feyerlicher wird das Andenken, welches er zu— ruͤckruft. Am Gruͤndonnerſtage faͤngt die Reihe der ſtill— ſten und wehmuthvollſten Feyertage an. Man begeht auch in Familien nebſt den Geburtstagen der lebenden Geliebten, die Todestage der geſtorbenen; aber dieſe auf ganz audere Weiſe, wie jene. Nur die naͤchſten Verwandten und ver⸗
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trauteſten Freunde nehmen an ihnen Theil. Die laute Freude iſt verſchwunden, und Herz und Sitte fordern ein ſtilles und einſames Trauern. In dem kleinen Kreiſe de— rer, die den ſchmerzlichen Verluſt mitzufuͤhlen verſtehen, allein gefeyert, und verborgen vor der Welt vergeht ein ſolcher Tag. Eine Ähnliche Bewandtniß hat es' mit dieſen heiligen Tagen. Auf Oſtern freuet ſich auch die Welt. Sie draͤngt ſich ja zu jeder Freude, und wo Frohſinn und Jubel zu finden ſind, da mag ſie nicht fehlen, und ſollten ſie ihr auch zu hoch und geiſtig ſeyn, ſo nimmt ſie ihren Theil davon, und weiß ihn fuͤr ſich einzurichten. Aber die ſtillen Schmerzenstage, die drei heiligen Tage der Trauer, Gruͤndonnerſtag, Charfreitag und ſtiller Sabbath, pflegen nur in dem Herzen der Froͤmmern heilig gehalten und zwar in Demuth und Stille, aber mit unausſprech⸗ lichem Segen begangen zu werden.
Am Gruͤndonnerſtage hat in unſerer Gemeinde Nach⸗ mittags die Vorbereitung auf des Herrn Nachtmahl Statt, und Vormittags kommen die Abendmahlsgaͤſte zum Pfarz rer, um ſich einſchreiben zu laſſen und zum Zwiegeſpraͤche zu ſtellen. Dieſe Morgen ſind mir immer heilig geweſen. Die wunderbaren Wege, welche Gott die Menſchen fuͤhrt, und die manigfaltigen Zuſtaͤnde, in denen das Eine Noth iſt, legen ſich alsdann ſo klar vor, und wenn von der ei— nen Seite des Geiſtes Blick an Menſchenkenntniß gewinnt, ſo hat das Herz von der andern die Genugthuung, man⸗ ches Wort des Troſtes und der Ermahnung zu ſprechen. In dem Pfarrhauſe iſt ein eigenes, kleineres Zimmer zu dieſem Zwiegeſpraͤche eingerichtet. Der Tiſch iſt mit einer ſchwarzen Decke behangen, das Bildniß des guten Hirten
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hängt an der Wand, Spiegel und andere Zierrathen feh— len; und alles verkuͤndiget, daß hier ernſte Dinge vorzuge— hen pflegen. Schon fruͤhe am Morgen habe ich hier in der Amtskleidung die Abendmahlsgaͤſte zu empfangen. Es iſt eine ehrenwerthe Einrichtung, die man Privatbeichte im Sinne der evangeliſchen Kirche nennen mag. Manchen aus dem Volke fehlt es an Freimuͤthigkeit, ſich geradezu in einer Herzensangelegenheit an den Geiſtlichen zu wen— den, und mancher bedarf auch ſogar einer aͤußern, wieder⸗ kehrenden Sitte um das Herz zu oͤffnen. Zu dem thut es einer Gemeinde in manchen Gliedern Noth, daß ſie ein— zeln, vor dem Genuſſe des Abendmahls auf eine beſtimm— tere Weiſe berathen werden. Mehr wie hundert Menſchen pflegen ſich oft an dieſen Morgen bei mir einzufinden, und wenn gleich die groͤßere Anzahl nur im Allgemeinen ſtehen bleibt, und das Gluͤck entbehrt, etwas Beſonderes und Eigenthuͤmliches von ihrem inneren Zuſtande ſagen zu koͤnnen, ſo iſt hier doch der Ort, der heranwachſenden Jugend und dem vielbeſchaͤftigten Mannesalter heilſame Winke zu geben, die mit Liebe und Dank angenommen, wie ſie mit Liebe und Beſcheidenheit gegeben werden. Das einzige Schmerzliche bringt bloß der Fall mit ſich, wenn ein offenbarer Suͤnder wagt, ſich einzufindeu, und mit Ernſt und Strenge gewarnt werden muß. Wenn hinge— gen in einer ſonſt chriſtlichen Familie Friede und Liebe un— terbrochen ſind, nimmt man den freundſchaftlichen Rath, in ſolcher Stimmung ſich dem Heiligthum nicht nahen zu wollen, mit Erfolg fuͤr die Zukunft an. Außerdem aber wird ſo manche tiefe Aeuſſerung aus dem Innerſten des Herzens, ſo manches erfreuliche Zeugniß uͤber die Erfah—
rungen im höheren Leben, fo manches, das regſte Mitleid erweckende Geſtaͤndniß uͤber die Schwaͤche der menſchlichen Natur gehoͤrt, und es biethet ſich ſo viel Gelegenheit zu einer geſegneten Seelenpflege dar, daß hier der Geiſtliche eigentlich Hirt des Volkes im alten Sinne des Wortes iſt.
Dieſen Morgen kam eine Frau, von der mir ſchon manches Gute bekannt war, und nachdem ſie mir einen Strauß von gruͤnen, balſamiſchen Kraͤutern, wie viele zur Feyer des Gruͤndonnerſtags zu thun pflegen, uͤberreicht hatte, ſagte ſie, daß ſie morgen gewiſſermaßen zum erſten Male zum Abendmahle gehe. So wie jetzt, waͤre ihr noch nie geweſen. Sie hätte den lieben, erſehnten Gruͤndon— nerſtag kaum erwarten koͤnnen. Ihr Chriſtenthum habe ſich bisher nur am Aeuſſern gehalten, und die guten Ruͤhrun⸗ gen waͤren ſchnell und ohne Frucht verſchwunden. In den erſten Faſtenpredigten ſey ſie auf ihren innern Zuſtand aufmerkſam geworden. Einige ſchwere Wochen waͤren zu uͤberſtehen geweſen; aber ſie haͤtte den Kampf mit ſich ſelbſt in der Stille gekaͤmpft. Am Abende vor Palmſonn— tag wäre ihr durch das Wort Gottes Beruhigung gewors den; ſie wiſſe daß ihr Erloͤſer lebe, und brenne vor Ver— langen, ſich ihm im heiligen Abendmahle gaͤnzlich hinzuge⸗ ben. Darauf erzählte fie noch einige beſtaͤtigende Züge aus der Geſchichte ihres Herzens. Ich hatte nichts hinzu— zuſetzen. Es iſt die hoͤchſte Freude, jemanden auf dieſer Hoͤhe des innern Lebens bewillkommen zu koͤnnen. Ich bezeugte ihr meine frohe Theilnahme „ und ſagte ihr: Freuet euch in dem Herrn allewege und abermal ſage ich, freuet euch.
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Es erſchien auch eine Witwe. Sie hatte kuͤrzlich ei— nen braven Gatten verloren, mit dem ſie ſehr gluͤcklich ges lebt. Jetzt wollte ſie nach langer Zeit zum erſtenmal allein zu dem Altare des Herrn gehen. Sie war tief gebeugt, kaum konnte ſie ſich finden in die Wege des Herrn, und ihr lauter Wunſch, und ihre unaufhoͤrlichen Thraͤnen be— zeugten das Verlangen des nahen Todes. Ich mußte ihn mildern. Die ſchoͤne Treue, und das lebhafte Andenken an den Seligen erkannte ich an, aber ich wies ſie auf die Pflicht hin, das Leben ſo lange zu lieben, als der Allmaͤch— tige es darreicht, es nie zu verachten ſondern mit Muth und Ergebung zu tragen bis zum großen Tage der Aernte. Sie fuͤhlte das ſelbſt und ich entließ ſie mit dem Wunſche, daß die Feyer des Todes Jeſu ihr eine Feyer zum Leben werden moͤge, wie denn ſein Tod der Welt das Leben gebracht habe.
Anders hatte ich zu reden mit einem kraͤnkelnden Manne, der wohl zum letzten Male in der ſichtbaren Ge— meinde des Herrn Nachtmahl genießt. Er ſahe das auch ſelbſt ein, aber er ſprach von ſeinem guten Weibe, von ſeinen unerzogenen Kindern, und von ſeinem großen Haus— halt, der eine ernſte Aufſicht fordere, und von der Freu— digkeit zum Tode, die er nicht auf ſein Leben gruͤnden koͤnne. Ihm zeigte ich, wie die irdiſchen Zwecke des Lebens dem Herrn muͤſſen anheim geſtellt werden, wie jeder beſſere Menſch ſich ſehnen ſolle abzuſcheiden, und bei Chriſto zu ſeyn, und wie dieſe Freudigkeit nur im Glauben zu erlangen ſey, und ſich nur auf Gottes Gnade in Chriſto gründen koͤnne. Erſt ſpaͤt, und nach manchen Vorberei— tungen erkaunte er ſeinen Zuſtand und was ihm Noth ſey.
Es war ein feyerlicher Augenblick. Weinend und doch ges troſt geſtand er, noch nie ſich ſo gering und Gottes Gnade ſo reich geſehen zu haben, und wuͤnſchte dann mit freudi— ger Ruͤhrung, daß ſein letztes Abendmahl ihm Vorfeyer des Todes ſeyn moͤchte.
Ich koͤnnte noch von einigen jungen Leuten erzaͤhlen mit denen ich das Andenken an ein Paar geſegnete Con- firmationen erneuerte, — von einem Greiſe, der mit ſelt— ner Ruhe und Zuverſicht ſagte, es iſt noch nicht erſchie— nen, was wir ſeyn werden, aber bald, bald wird es mir erſcheinen, — und von einigen Armen, die mit Ergebung die Naͤhe deſſen fuͤhlten, der den Armen das Evangelium verkuͤndigt hat. Solcher Geſtaͤndniſſe kommen viele vor, und man bewundert die Kraft des Chriſtenthums, welches, obgleich immer daſſelbe, fuͤr jede beſondere Lage doch im— mer einen beſondern Segen hat.
Es war ſpaͤt geworden, ehe mich die Letzten verließen. Ich ſchloß die Reihe der Namen mit dem meinigen, und warf noch einen pruͤfenden Blick in das eigene Innere. Der Geiſtliche hat große Gefahr, uͤber der Freude und dem Leid an andern ſich ſelbſt zu vergeſſen, und in fremder Leitung ſich ſo zu verlieren, daß er ſeine eigene hintanſetzt. Dieſe Verirrung iſt leicht. Wenn wir anderen fortſchrei—⸗ ten helfen, ſo meinen wir oft, wir ſelbſt ſchritten fort. Man lebt ſich fo ganz in andere hinein, und nimmt fo lebhaften Antheil am Kampfe, daß man am Ende mit ih⸗ nen lebt, und ihren Sieg zu theilen glaubt. In gewiſſer Ruͤckſicht iſt dies auch wahr. Durch das Beſſern an ans dern wird man ſelbſt beſſer, wie man durch Lehren lernt. Aber der Geiſtliche wirkt in andern nur durch Wort, Rath,
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Belehrung, kurz durch eine aͤußere Form und indem er ſeine ganze Kraft darauf wendet, tritt das innere Weſen zuruck. Dieſe Klippe ſcheint mir die gefaͤhrlichſte, welche der Geiſtliche zu vermeiden hat. An ihr ſind die trefflich— ſten Menſchen geſcheitert. Vielleicht laͤßt ſich hierin der hauptſaͤchliche Grund fuͤr den oͤfteren Verfall ſolcher Die— ner der Kirche finden, die doch fruͤher mit Ernſt und Be— geiſterung, und mit allen Zeichen eines gotterfuͤllten Ge— muͤthes ihr Amt anfingen.
Der heutige Mittag hat durch eine theuere Sitte der Vaͤter eine beſondere Bedeutung erhalten. Was aufgetra— gen wird hatte die holde Farbe des Gruͤnen, und alles iſt mit Kraͤutern entweder gewuͤrzt oder geſchmuͤckt. Die Straͤuße der Gemeindsglieder ſtanden auf der Mitte des Tiſches, und verbreiteten einen lieblichen Duft. Die chriſt— lichen Feſte, obwohl ſie rein geiſtige Feſte ſind, lehnen ſich kindlich an die Natur, und nehmen gern jede beſondere Gabe der Jahreszeit in ſich auf. Man hatte jetzt noch keine Blumen, aber nach dem oͤden Winter im erſten Auf— gange des Fruͤhlings, begruͤßen wir die gruͤnen Graͤſer mit einer Freude und Leben, wie ſpaͤter kaum die Blumen. Und zu ſo ſtillen Tagen ziemen ſich auch beſſer Graͤſer als Blumen. Wir bringen es ja kaum weiter hienieden, als zu Charfreitag und Oſterabend, und heiſſen das hoff— nungsreiche Gruͤn willkommen; droben erſt prangen die Blumen. Dieſes Gruͤne gehoͤrt ganz eigentlich zur Feyer der Einſetzung des Abendmahls. Es iſt ein eigentliches Abendmahlsgruͤn, da es auf die gruͤnen Kraͤuter hindeutet, die bei dem Oſterlamme genoſſen wurden. So vereinigt es nebſt der ſchoͤnen ſinnbildlichen Bedeutung noch die erſte
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Feyer des aufgehenden Frühlings mit der geſchichtlichen Erinnerung an die Einſetzung des Sacraments; und ſo wollen wir das Gruͤne am Gruͤndonnerſtage dreifach will— kommen heiſſen.
Wie werth wird uns deshalb in den erſten Tagen des Frühlings ein grüner Fichtenwald. Ich fühlte es, und eilte in das ſchoͤne Waͤldchen, aus dem ich die Ausſicht auf die Kirche habe. Ich feste mich in feinem vom Sons nenlichte freundlich durchbrochenen Dunkel nieder. Die lauen Fruͤhlingsluͤfte hauchten um mich her. Es war eine ſtille Stunde einſamer Vorbereitung, demuͤthigen Gebets und eigener Hinwendung des Herzens zu Gott, die immer vorhergehen ſollte, wenn man in einer Gemeinde des Herrn zu reden hat. Unter dieſer Beſchaͤftigung las ich noch den Abendmahlspſalm der alten Kirche, und indem ich ſo, jetzt ſchon beſeliget, in einer heiligen Hoffnung, noch einige Gaͤnge durch die gruͤnen Baumreihen machte, ertoͤnte das einfache Gelaͤut zur Vorbereitung.
Ich war in der rechten Stimmung zu einem ſolchen Gottesdienſte. Als ich in die Kirche trat, war die Gemeinde ſchon verſammelt, und ſaß in tiefer Andacht. Kaum hoͤrte man einen Laut durch die Gewoͤlbe wiederhallen. Ich kenne keinen ernſtern und ſtillern Gottesdienſt als die Vorberei— tung zum Abendmahle. Die Orgel ſchweigt. Man kommt leiſe herein, um ſich und andere nicht zu ſtoͤren. Alle An— weſenden ſind ſchwarz gekleidet, und Gebet und Andacht ſprechen aus jeder Miene. Der Geſang, kaum von einem Vorſaͤnger geleitet, erhebt ſich ſchuͤchtern und langſam und es iſt, als wenn ein heiliges Beben in jedem Tone zittre. Der Altar iſt weiß behangen. Nur Erwachſene find gegen—
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waͤrtig, und alle nach langer, ernſter Vorbereitung. Da iſt die Stunde, das Herz reden zu laſſen. Es ſind nicht mehr Geiſtliche und Laien; alle ſtehen auf derſelben Stufe vor dem Heiligſten des Gewiſſens und dem Allerheiligſten der Religion. Wir ſind Suͤnder, wir wir — ſagt, der das Wort nimmt, und in der fuͤhlbaren Naͤhe des Erzbirten ſind alle nur Schafe der Einen Heerde. Aller irdiſche Un— terſchied verſchwindet. Reichthum, Stand und Bildung koͤnnen die Menſchen nicht mehr trennen, die durch De— muth und Liebe vereinigt ſind.
„Mich hat herzlich verlangt dies Oſterlamm mit euch zu eſſen.“ Das war der Text zu meiner Rede. Ich ver— breitete mich uͤber dieſe ruͤhrenden Worte, die der Heiland am letzten Abende vor ſeinem Tode ſprach, und zeigte, wie der erſte Gruͤndonnerſtag der chriſtlichen Kirche, mit welchen Empfindungen des Herrn und mit welchen der Juͤnger er gefeyert worden. Darauf gedachte ich der großen, erhabenen Feyer der ſpaͤteren Zeiten, in den ers ſten Jahrhunderten der Kirche, und ich beſchrieb, wie die erſte Liebe der Welt zu dem Sohne Gottes ſich ſo innig und warm ausgeſprochen; wie die Feyer des Abendmahles das große Geheimniß der Glaͤubigen geweſen; und alles, was Andacht, Liebe, Ausſonderung des Unwuͤrdigen und Weihung des Beſſern nur aufbiethen konnten, fuͤr die Feyer des Hochwuͤrdigen verwandt ward. Dann kam ich auf unſere Zeit, ihren wankenden Glauben und ihre erkal⸗ tende Liebe, und ſchloß die dringende Ermahnung mit den Worten des Herrn: „Siehe, ich ſtehe vor der Thuͤre und klopfe an. So jemand meine Stimme hoͤren wird, und die Thuͤr aufthun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.“
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Es war ſchauerlich, wie das dumpfe, zitternde Ja! auf die ernſte Nachfrage um die genaue Pruͤfung, und die rechte Geſinnung durch die Kirche hallte, und in einem tiefen, hohlen Tone erſtarb. Wenn das Herz noch ſo freudig und voll Sehnſucht iſt, ſo kann das Ja des Ge— ſtaͤndniſſes doch immer nur bebend und ſchuͤchtern ſeyn.
„Selig ſind, die zum Abendmahle des Lammes beru— fen ſind,“ waren die wahrhaftigen Worte Gottes, die un— ter dem Segensſpruche unſere Herzen einweiheten auf morgen. y
Man fang zum Ausgange:
Ich kam gebeugt in Gottes Haus, Mich reu'ten meine Sünden: Da theilteſt Du mir Gnade aus Und ließeſt Troſt mich finden. O Heiland, viel haſt Du gethan Die Sünder zu befreyen! Ach nimm das Freudenopfer an Das Herz und Mund Dir weihen!
In eingezogener Stille verbrachte ich den Abend der Einſetzung, und ſah den Morgen zu des Herrn Todestage anbrechen. Ich bereitete mich zu ſeiner Feyer, indem ich Johannis Evangelium uͤber die letzten Stunden des Herrn las, an deſſen Bruſt er gelegen.
Wie iſt es, daß ein dunkler, mit Wolken behangener Himmel am Charfreytage uns fo wohl thut? Das Mor— genroth gluͤhete ſchwarzroth, die Daͤmmerung hatte lange gedauert, und den ganzen Tag hing ein truͤber Schleier uͤber der Gegend, die geſtern ſich ſo ſchoͤn im neuen Son— nenlichte auseinander gelegt hatte. Iſt es doch, als freue
man ſich, daß die Welt mit uns traure, und in der Nas Glockentoͤne. te Aufl. 5
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tur das Abbild von der Wehmuth geſehen werden koͤnne, die unſer Herz durchdringt. Wir leſen es aus demſelben Grunde ſo gern, daß am Todestage des Herrn die Sonne ihren Schein verlor, und eine Finſterniß uͤber das ganze Land ſich verbreitete. Wir meinen darin die Verſicherung zu finden, daß Ein heiliges Band die Natur und die Menſchheit umſchlingt.
In der Kirche ließ ſich Charfreytags-Stimmung ver— ſpuͤren. Es war nicht mehr die Stille der Einkehr und Pruͤfung am geſtrigen Abende. Es war die Stille der Trauer und Wehmuth. Es iſt, als feyerten wir in dem Tode des Heilandes den Tod aller geliebten Menſchen, den Untergang alles Irrdiſchen, die Niederlage unſers ganzen natuͤrlichen Lebens. Ich ſprach in der Predigt uͤber das Eigenthuͤmliche dieſes Tages, wie es in ſeinen Benennun— gen ausgedrückt if. Man heißt ihn den ſtillen Freytag, den lieben Freytag (Charfreytag), und den Ruͤſttag auf Oſtern. Es iſt der liebe Tag, denn an welchem hat ſich mehr Liebe offenbart? Es iſt der ſtille Tag, denn es iſt ein Tag des Todes und der Buße. Es iſt der Ruͤſttag, denn durch des Herrn Tod gehen wir zu dem großen Feſte des Lebens ein. Und das alles iſt ja Abendmahlsem— pfindung⸗ a
Wir ſtehen heute und Tauſende ſeiner Treuen mit uns an ſeinem Kreuze. Was er war und was er uns gewor— den, ſeine Liebe und Treue, ſein ſchwerer Tod und ſein geheimnißvolles Verdienſt, ſein großes Herz und ſeine er— habene Aufopferung, und nun die Ruhe in ſeinem Grabe,
und die Stille um feine Leiche her, wen, der ihn kennt,
erfuͤllt dieſe Betrachtung nicht mit Wehmuth und Daukbar⸗
keit? Er ging durch die Welt, wie ein fröhlich Kindlein; er ſtritt wider das Boͤſe wie ein Held; er liebte die Menſchheit, wie ein Braͤutigam; — doch nun iſt alles vol— lendet, wovon die Propheten reden; er liegt da und ſchlaͤft in ſtillem Frieden. Die Welt konnte ihn nicht faſ— ſen. Sein Sinn ging nach oben, der ihrige geht nach unten. Der Heilige kam in fein Eigenthum, aber die Sei nen nahmen ihn nicht auf. Das Goͤttliche gehoͤrt dem Himmel an, darum kann es bier unten nur erſcheinen, und muß bald wieder hinweg. Nur an Einer geweihten Stätte bleibet es, nur Ein Heiligthum gibt es, dem es nicht geraubt werden kann, und das es beſitzt, wenn es auch nach oben zuruͤck gekehrt iſt. Der Erloͤſer lebt im Himmel, und lebt in dem Herzen der Seinen. Für fie ſtarb er, ihre Suͤnden hat er ſelbſt geopfert, auf daß ſie der Gerechtigkeit leben. Jedes Abendmahl iſt ein neuer Beweis davon. Innigſte, ſeligſte Vereinigung mit dem Hirten und Biſchofe unſerer Seele, und in dieſer Vereini— gung Vergebung aller Suͤnde, Liebe zu den Brüdern, Schmerz uͤber jedes Boͤſe, Entſchluß zu allem Guten, und Hoffnung auf ein ewiges Leben, das heißt des Herrn Tod verkuͤndigen, und das iſt das Weſen des Abendmahls.
Die Gemeinde ſang den uralten Nachtmahlsgeſang:
„O Lamm Gottes unſchuldig.“
In unbeſchreiblicher Empfindung trat ich vor den Al— tar. Die ganze Gemeinde ſtand. Es war feyerliche Stille in der vollen Verſammlung. Ich wandte mich nach Oſten, wo der Herr gewandelt, und von wannen dieſer große Tag und dieſes heilige Mahl uns gekommen, und ſprach betend die Worte der Conſecration. Nun begann die Or:
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gel in leiſen, kaum gehauchten Tönen eine ernſte Weiſe. Die Gemeinde ſtimmte ſanft und andaͤchtig mit ihrem Ge fange ein. Dann kamen die Muͤhſeligen und Beladenen, die Frohen und Geretteten zu dem heiligen Genuſſe. Arme und Reiche, Greiſe und Juͤnglinge, Gebildete und Ungebildete, alle kamen und empfingen die heilige Speiſe und den geweihten Trank. Aus manchem Auge ſprach ein getroͤſtetes und erhabenes Gemuͤth, und bey vielen war große Ruͤhrung. Ich werde den Blick nicht vergeſſen, mit dem eine reine, kindliche Seele zum Himmel aufſah, als ſie vor den Altar trat, und den Kelch der Dankſagung em⸗ pfing. Faſt moͤchte ich ſagen, daß ein Geiſtlicher, indem er das Abendmahl austheilt, mehr als je auf den unterſten Grund im Herzen der Gemeinde blicken kann. Ueber— haupt iſt die Begeiſterung im Reden bey weitem nicht von ſo hoher und reiner Art, als die Begeiſterung bey der Ver— waltung des Sacramentes. Die Augenblicke, wo ſie ge— ſchieht, gehoͤren zu den feyerlichſten im ganzen Berufe. Der einzelne tritt durchaus zuruͤck, indem nur die ganze Gemeinde und ihr Herr ſich begegnen. Das Wort des Geiſtlichen iſt nicht ſein Werk, ſondern ein alter, heiliger Spruch, und indem er unter dem Geſange der Gemeinde ausgeſprochen wird, iſt dem Geiſtlichen nicht mehr einge— raͤumt, als jedem ſingenden Gemeindsgliede. Aber es macht auf den Hoͤrenden und den Redenden einen eigenen nicht leicht auszudeutenden Eindruck, wenn unter dem leiſen Geſange der Gemeinde, die Stimme des Geiſtlichen das Hochwuͤrdige ausſpendet.
Nachdem alle genoſſen hatten vom Malle des Herrn, empfing auch ich daſſelbe. In ſtiller Demuth feyerte meine
Seele das Geheimniß der Liebe, die ſich ſelbſt gab, um den Menſchen ſeinem Elende zu entnehmen. Ich fuͤhlte, daß auch fuͤr mich der Mann der Liebe und der Schmerzen in den Tod gegangen ſey, und in dieſem Gefuͤhle fand ich neuen Muth, das Wort vom Kreuze meinen Bruͤdern zu verkuͤndigen.
Es folgte das Dankgebet. Unter demſelben fuͤhlten wir alle, wie ſehr es ſich wahr macht an dem Herzen der Glaͤubigen, was geſchrieben ſteht: „Ihr ſeyd die Geſegne— ten des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Aber auch der Dank am Charfreytage iſt ein ſtiller, innerlicher, zwar in wenigen Worten ausgeſprochener, jedoch tief im Gemuͤthe empfundener Dank.
Am Nachmittage und am folgenden Tage, welcher ſehr paſſend der große Sabbath genannt wird, zitterte die heilige Trauer des Charfreytagmorgens, mit der erneueten im Abendmahle verſiegelten Hoffnung rein und beſeligend in unſerm Herzen nach. Dieſer Tag iſt der ſtillſte des Jahrs. Der Herr liegt im Grabe, und Grabesruhe und Grabesgedanken erfüllen Herz und Geiſt. Es gebuͤhrte dem ſtillen Sabbath wohl ein eigener Gottesdienſt, allein die Kirche hat vorgezogen, daß er ganz ſtille, und darum auch nur in den innerlichen Empfindungen und Betrach— tungen der Gläubigen begangen werde. Ich kenne zu Dies ſer innern Feyer keinen ſchoͤnern Text, als jene reiche, aus der feinſten Kenntniß des weiblichen Herzens hervor— gehobene Erzählung: »Es war Ruͤſttag, und der Sabbath brach an. Es folgten aber die Weiber nach, die mit Ihm gekommen waren aus Galilaͤg, und beſchauten das Grab, und wie der Leichnam gelegt war.« Die
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ſes ſtille Beſchauen des Grabes, dieſer liebevolle, thraͤnen— reiche Blick zu dem Leichnam hin, und die zarte Beſorg— niß, daß Er auch im Tode noch geehrt werde von from— men Gemuͤthern, da die Welt Ihn ausgeſtoßen, koͤnnen wir im Geiſte wiederholen, und wer moͤchte es nicht an dieſem ſtillen Tage in der Gemeinſchaft dieſer heiligen Frauen. Auch einmal ein ſeliger Todter zu ſeyn, der in dem Herrn geſtorben, der nun ruht von ſeiner Arbeit, und dem feine Werke nachfolgen: dieß iſt das inbruͤnſtigſte Ge— bet, das man bei dem Grabe des Herrn betet.
Den ganzen Tag brachte ich wie einen hochheiligen Tag in tiefer Eingezogenheit zu. Erſt am Abende ging ich hinaus, um von einer Anhoͤhe hinab auf den Landſtra— ßen die ankommenden Fremden zu ſehen, die mit Sehn— ſucht und Hoffnung, muͤde von oft weiter Reiſe, am Oſter— abende dem vaͤterlichen Hauſe, oder dem gaſtlichen Heerde guter Freunde entgegen zu eilen pflegen. Dieſer Anblick ſtoͤrte mich nicht. Des Menſchen Leben iſt ja eine Reiſe zum Feſte und ins Vaterhaus, und an die Muͤdigkeit und Sehnſucht bey ihrem Ende erinnert der ſtille Sabbath. Erſt am andern Morgen war dieſe Sabbathsſtille im Ge— muͤthe ausgefeyert, als die aufgehende Sonne das groͤßte Ereigniß verſinnlichte, die Oſterfeuer auf den umherliegen— den Bergen brannten, alle Glocken aus der Nachbarſchaft ineinander laͤuteten, und der Kirchner mich mit den Worz. ten begrüßte: Der Herr iſt auferſtanden, und ich nach al⸗ tem Brauche antwortete: Ja, er iſt wahrhaftig aufer⸗ ſtanden!
6. Die Einſegnung der Kinder.
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Im ganzen Jahre gibt es keine Feſtlichkeit der Kirche, die ſich einer herzlichern Theilnahme der Gemeinden zu erfreuen hat, als die oͤffentliche Einſegnung der Kinder. Iſt es die unmittelbare Beziehung auf den Einzelnen, die in ihr hervortritt, da die andern Feſte mehr auf das Ganze gehen, und hier ſo recht klar wird, wie das Gemuͤth jedes Einzelnen durch's ganze Leben dem Erloͤſer hingegeben ſeyn muß? Oder iſt es der herrliche Anblick von der ju— gendlichen Begeiſterung, von der friſchen, neuen, aufſtre⸗ benden Waͤrme fuͤr das Hoͤchſte? Gewiß, es kann der Anblick von Juͤnglingen und Jungfrauen, deren erſte um— faſſendern Gefuͤhle in dem reinen Lichte des Evangeliums aufgehen, keinen unerfreut und ungehoben laſſen. Oder iſt bey den meiſten dieſe Theilnahme nur der letzte Verſuch des guten Geiſtes, der die zerſtreute und verweltlichte Seele noch Ein Mahl auf ihre Beſtimmung hinweiſen, und durch die Anſchauung der begeiſterten Kinder an die eigene Begeiſterung, die nun ſchon ſo lange verflogen und vers geſſen iſt, erinnern und ſie mit Scham und Schmerz er— füllen will? Es mögen wohl alle dieſe Empfindungen dunkel zuſammenwirken, um den Gemeinden im Ganzen, auch ohne Ruͤckſicht auf die naͤheren aͤlterlichen und andern Verhaͤltniſſe, die Einſegnung der Kinder in ſo hohem Grade wichtig zu machen. Nie ſieht man ſo viel Ruͤhrung im
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Gottesdienſte, und wer zu dieſer Zeit in des Volkes Herz hat ſchauen koͤnnen, wird manche Bewegung gewahr ge— worden ſeyn, nach der man ſich ſonſt vergebens umſieht. Bey dieſer Feyerlichkeit kann man zuweilen das ſeltene Schauſpiel haben, eine Reihe von Kindern aus den ver— ſchiedenſten Staͤnden, und von der verſchiedenſten Bildung durch Ein hohes Gefühl, Einen herrlichen Vorſatz verbun— den, und in der erſten, gluͤhenden Liebe des Herzens nach dem Einen, was Noth iſt, ſtreben zu ſehen. Sogar in den roheren Gemuͤthern, wo Anlage und Ausbildung gleich unbedeutend geweſen, zeigt ſich wenigſtens eine Ahnung des Hoͤhern, zu der in ſolcher Staͤrke ſie ſich bisher noch nicht erhoben hatten. Kann es auch anders ſeyn? Wenn dem unverdorbenen Kinde das Erhabenſte und Seligſte, das der menſchliche Geiſt finden kann, vorgehalten wird; wenn es einen geliebten Lehrer, mit der ganzen Waͤrme ſeines innerſten Lebens daruͤber reden und lehren hoͤrt; wenn die Aufforderungen der Aeltern, die Ermahnungen der Lehrer, das Zeugniß des eigenen Herzens zuſammen— wirken fuͤr denſelben Zweck: ſollte alsdann das noch weiche Gemuͤth ungeruͤhrt bleiben koͤnnen, und ſich nicht dafuͤr gez winnen laſſen? Wahrlich, nicht an Krankenbetten, und bey des Herrn Nachtmahl, nicht an andern feſtlichen Ta⸗ gen habe ich ſo große Wirkungen des Chriſtenthums an den Menfchen geſehen, als bey der Confirmation. Erſt als ich das kindliche Herz in feinen frommen Begeiſterun⸗ gen betrachtete, habe ich die Erſcheinung des Chriſtenthums im Menſchen in ihrer ſchoͤnſten Bluͤthe geſchaut. Preiſet immerhin die erhabene Gewalt des Wortes Gottes in dem thätigen Manne, feine hohe, ruͤhrende Stärke in dem lei
denden Weibe, feine Macht in der Todesſtunde, und feine Verklaͤrung zweyer liebenden Seelen am Hochzeitstage:
ich ziehe immer das Gemuͤth eines Kindes vor, das der
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leiſe Hauch der Unſchuld noch umweht, deſſen Herz voll Freude dem Gekreuzigten entgegenfchlägt, und deſſen kaum von der Welt beruͤhrter Sinn ſich am Altare dem Himmel weihen will.
Wie heilig dieſes Feſt dem Geiſtlichen ſeyn werde, laͤßt ſich leicht ermeſſen. Da kommen ſie heran, mit der ganzen Hoffnung der Unſchuld im Herzen, ihre Blicke leuch⸗ ten, ihre Herzen ſchlagen ſtaͤrker, ſie wollen leben fuͤr den, der für fie farb, und es feyerlich beſchwoͤren in die Hand
des Mannes, der ſie zu ihm fuͤhrete, der bey ihren Wor⸗ |
ten ſich feiner Thraͤnen nicht enthalten kann, und voll Dank zu dem Erzhirten blickt der ihn würdigte, bey ſol— chem Werke zu dienen. Ach, ſagt ihm denn nicht die ei— gene und fremde Erfahrung, es bleibt ſo nicht, ihr ſteht auf einer Hoͤhe, von der ihr herabſteigen werdet, die viele nie wieder erreichen, die ſie ſpaͤter mit Thraͤnen in den Augen anſehen, und es fuͤr das ſchoͤnſte Gluͤck ihres Le— bens halten werden, daß fie doch Ein Mal da gewefen ? Muß er denn nicht weiſſagen: Kinder, nun ſiegt der Hin mel in Euern jungen, unbefangenen Seelen; aber die Zeit wird kommen, wo die Welt wieder ſiegt, wo vielleicht ei— nem oder dem andern laͤcherlich dieſe Begeiſterung, oder wo manchem kindiſch dieſe Thraͤnen erſcheinen, wo die ge liebten Confirmanden von dem Herzen des Seelſorgers, und was unendlich mehr iſt, von dem Herzen des Heilan— des ſich losreiſſen? Kann man es da dem Seelenhirten verdenken, wenn in ſeine Freude ſich die bitterſte Wehmuth
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miſcht, und er die Unerfahrnen nur naͤher an ſein Herz druͤckt, gleich als wolle er mit vaͤterlicher Liebe ſie ſo feſt halten, daß ſie ſich nicht losreiſſen koͤnnten. Dieſe Furcht
muß dazu dienen ihn zum Bewußtſeyn feiner Freude zu
bringen. Wenn er ſich etwa daruͤber freuen wollte, daß ſein Gefuͤhl im Chriſtenthum, und ſeine Anſicht von dem— ſelben mit ſolcher Lebendigkeit in vielen menſchlichen Ge— muͤthern ſich verbreitet, und ſo gruͤndlich mitgetheilt habe, daß ſie nie ganz aus ihnen verſchwinden koͤnnen: ſo waͤre es nur eine eitle, leere und eigenſuͤchtige Freude. Aber daß dieſe Kinder mit der ganzen Innigkeit und Offenheit der Jugend an dem geiſtlichen Vater hangen; daß ſie in ihm den Fuͤhrer zu ihrer Seligkeit erblicken; daß die Liebe, womit ſie den Heiland ihrer Seele umfaſſen, ihnen auch den theuer macht, der ihnen denſelben verkuͤndigte; daß ſie ihre Anhaͤnglichkeit oft auf eine ruͤhrende und überwältigende Weiſe ausſprechen und daß ſie kuͤnftig in der groͤßeren Ge— meinde eine kleinere, naͤhere fuͤr ſein Herz bilden werden — o wer muß nicht geſtehen, daß dieſe genaue Verbin— dung des Geiſtlichen mit ſeinen Confirmanden eine reiche Freudenquelle für ihn ſeyn wird. Des Seelſorgers Herz kann ſich unglaublich an die Kinder anſchließen. Mir iſt oft in ſolchen Zeiten geweſen, als lebte ich nur in den Kindern, und als wäre die ganze, übrige Gemeinde nur in Beziehung auf fie für mich da.
Erſcheint mir noch Ein Mal in Eurer beſſern Geſtalt, meine Soͤhne und Toͤchter, in der ich Euch leider ſelten wiederſah — in Euern Feſtkleidern, die doch nur das aͤuſ— ſere Zeichen der herrlichen Verfaſſung Eurer Seelen was ren — erſcheint mir noch Ein Mal, fo betend, fo eutzuͤckt,
fo in Ruͤhrung und Wonne aufgeloͤſt, wie Ihr damals vor mir ſtandet, damit ich von dieſem Tage etwas aufbe— wahre fuͤr Eure und meine Zukunft! f
Seit einem Monate hatten wir ung täglich geſehen; in jeder Stunde ſah ich neue Fortſchritte, und mit jedem x Fortſchritte wurde ihnen Chriſtus und Chriſtenthum mehr. Wir freuten uns auf die Stunde, und hatten gewoͤhnlich noch mehr Segen in ihr, als wir erwartet hatten. Jede neue Empfindung, die mit einiger Staͤrke ſich der Herzen bemaͤchtigte, gewaͤhrte uns ein neues Feſt und ſogar die aͤußern Vorfaͤlle zogen wir in unſere frommen Unterhal— tungen. Einigen Kindern waren die Aeltern geſtorben, andere hatten ſonſtige Vorfälle im Haufe erlebt, noch an— dere erwarteten zur Feyer ihre Verwandten: die eigenen Krankheiten und Geneſungen, alle dergleichen Ereigniſſe machten wir allgemein; aus unſerer Geſellſchaft war eine große Familie geworden; wir nahmen Theil an den Schick⸗ ſalen des Einzelnen, und die innigſte Liebe verband uns mit einander. Die letzten Verſammlungen kamen fuͤr un— ſere Wuͤnſche bei weitem zu fruͤhe. Viele waren in ein ganz neues, unbekanntes Leben verſetzt worden. Sie hat ten nicht geglaubt, daß Menſchen ſo mit einander leben koͤnnten. Aber wenn eine Verbindung, die nur einzig auf den hoͤhern Beduͤrfniſſen des Herzens beruht, bis zu derje— nigen Junigkeit gekommen iſt, welche wir ſonſt nur in dem Familienleben finden, ſo uͤbt ſie ſelbſt uͤber gewoͤhnliche Menſchen eine wunderbare Gewalt aus.
Am Nachmittage des zweiten Oſtertages wurde die Gemeinde verſammelt, um der Pruͤfung beizuwohnen. Ich benutze dieſe Gelegenheit, Ein Mal im Jahre den aufmerk—
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ſamen Zuhoͤhrern das als Theil in dem Ganzen der chriſt— lichen Lehre nachzuweiſen, was in der Predigt als ein fuͤr ſich beſtehendes Ganzes angeboten wird. So ſehr naͤmlich in den einzelnen Wahrheiten des Chriſtenthums eine uͤber— zeugende Kraft liegt, ſo erhoͤht ſich dieſelbe doch in dem Blick auf den Zuſammenhang und in dem Eindrucke, den das nothwendig verbundene Ganze auf uns macht, zu ei— ner Gewalt der Ueberzeugung, die keinen Zweifel aufkom— men laͤßt. Einen ſolchen Ueberblick nimmt jeder nachden— kende Menſch von Zeit zu Zeit, und aus demſelben Grunde thut er jährlich wenigftens Ein Mal einer Gemeinde Noth. Der Schluß dieſer Pruͤfung war der rechte Anfang unſe— rer achttaͤgigen Feyer. Er war gleichſam das heilige Ge— bet, mit dem die Feſtreihe anhob, nachdem die Ruͤſttage vollendet waren. Von nun an erſchienen die ganze Oſter⸗ woche hindurch die Kinder mehr zu Erbauungs- als Un— terrichtsſtunden. Wem in der Gemeinde die Zeit es er— laubte, wen ſein Herz antrieb, war gegenwaͤrtig, und vor allen erfreulich war die zahlreiche Auweſenheit der Mütter. Abwechſelnd wurde uͤber die Einſegnung, das Abendmahl, die Zukunft, der ſie entgegen gingen, die Kindheit, die ſie verließen, uͤber den Herrn, der ihr Eins und Alles blei— ben muͤſſe, die Schwaͤche des menſchlichen Herzens, und den Troſt und die Kraft des Glaubens geredet. Zwiſchen durch kamen Morgens die Kinder einzeln zu mir, und ich verſuchte, jedem den Gang anzudeuten, den es nach der Eigenthuͤmlichkeit, die mir von ihm kund geworden, in fei- nem innern Leben zu nehmen habe. In dieſen geheimen Unterredungen hat ſich mir manches Herz ſo tief eroͤffnet, habe ich ſo viel Demuth, Liebe und Glauben geſehen, daß
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ich beſchaͤmt mich oft fragte: du ſollſt hier Fuͤhrer ſeyn? — Am Freytag Abend bey vorzüglich zahlreicher Verſamm— lung trat der Schullehrer herein. Auch die kleineren Kin⸗ der waren gegenwärtig. Von beiden nahmen die Confir⸗ manden Abſchied, und der geruͤhrte Lehrer ertheilte ihnen ſeinen Segen. An des Samſtags heiligem Abende war es das letzte Mal, daß wir zuſammen kamen. Ich kann es nicht beſchreiben, wie bewegt ich war, als ich in die Kirche trat, wo wir uns dieſes Mal verſammelten. Wir wurden geruͤhrt, als wir uns nur erblickten. Ich ging die Feyer des folgenden Tages durch. Es war ein reiches Gemaͤlde von dem Feſte, das die Kinder uͤber die Ordnung der Feyerlichkeiten unterrichten, nein, das ihre Herzen durch die— ſen vollen Vorgenuß noch mehr erregen und erheben ſollte.
So vorbereitet, erwarteten wir den Sonntag Mor⸗ gen. War dieſe Woche nach dem alten Brauche der Kirche eine Fortſetzung der Oſtern geweſen, recht wie ſie ehedem hieß, Tage der Neugebornen, fo war die Einſegnung am Sonntage Quasi modo geniti nach jenem Vorbilde eine Feyer, wie damals, als die auf Oſtern Getauften ihre, die Woche hindurch getragenen, weißen Kleider ablegten. Die Kinder waren hingegangen, und hatten Vater und Mutter um Vergebung ihrer Fehler gebeten, und fuͤr den neuen Zeitraum ihnen neue Liebe und Folgſamkeit anges lobt. Ich war ſelbſt Zeuge von einem ſolchen Auftritte. Ein etwas wilder, ſonſt ſehr gutmuͤthiger Knabe trat in die Stube. Ich ſah ſeine innere Bewegung. Als er mich erblickte, zoͤgerte er einen Augenblick. Der Vater ſaß mit mir an dem Bette der kranken Mutter. Auf einmal ſtuͤrzte er an das Herz der Mutter hin, und weinte in
ihren Armen. „O du gute, gute Mutter, ehe ich morgen eingeſegnet werde, vergib mir doch alle meine Jugendſuͤn— den. Ich habe dir viel Mühe gemacht, ich bin oft uns dankbar geweſen, und du wareſt ſo gut, vergib mir.“ Die Mutter konnte nicht antworten, und umarmte ihn. Der Vater reichte ihm die Hand und ſprach: Du willſt auch mir daſſelbe ſagen, aber du kannſt es nicht. Sieh, mein Sohn, wir vergeben dir alles, weil wir denken, du fehlteſt nur aus jugendlichem Leichtſinne. Tritt mit Frieden in ein hoͤheres Alter. Ueber ein Jahr biſt du ſchon aus dem aͤlterlichen Hauſe und in der Fremde; aber, mein Sohn, denke daran, deine Mutter und ich haben keine groͤßere Freude, als wenn wir unſere Kindlein in der Wahrheit wandeln ſehen. — Die Mutter hatte ſich erholt, die an— dern Kleinen kamen herbey, ich fuͤhrte ſie zu dem Bruder, und erzaͤhlte ihnen was vorgegangen. Es entſtand eine Familienſcene, wie fie in jedem Haufe vor einem Confir— mationstage die Hausgenoſſen auf das Feſt vorbereiten ſollte. Solche Auftritte waren in vielen Haͤuſern vor— gefallen.
Ich darf geſtehen, es war mir, als ſollte ich morgen mit den Kindern noch ein Mal confirmirt werden. Mußte mich nicht dieſe allgemeine Bewegung ergreifen? Schwaͤ— cher geht fie von dem Geiſtlichen aus und ſtaͤrker, gewalti— ger kehrt ſie aus den Herzen der Kinder zu ihm zuruͤck.
Ich erwachte fruͤhe genug, um die Sonne zu dieſem ſchoͤnen Tage aufgehn zu ſehen. Es war einer von jenen gelinden, hoffnungsvollen Tagen, die man als die Vorbo— then des Fruͤhlings betrachten kann. Das Laub iſt noch in den Knospen, die Waͤlder ſehen winterlich aus; allein
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der Wind wehet lau aus Mittag her, und allem, was da lebt, verkuͤndiget ſich der Lenz. So war es an dieſem Morgen. Aus der Ferne langte ſchon ein und der aus dere Zuhoͤrer an. Die Fruͤhglocken laͤuteten zum Feſt. Ich ſtudierte nicht mehr; ich uͤberließ mich ſinnend der Vorfeyer, und dem zuſtroͤmenden, immer wachſenden Ge— fuͤhle von der Wichtigkeit des Tages.
Um neun Uhr riefen ein Paar feine Glockenſchlaͤge die Abendmahlsgaͤſte in die Vorbereitung. Die Kinder wa— ren in der Schule verſammelt. Ich mußte ſie gruͤßen und ihnen Gluͤck zum heutigen, hohen Feſte wuͤnſchen. Dann gab ich ihnen die Geſaͤnge an, die ſie bis zu dem Augenblicke ſingen ſollten, wo ich ſie abholen wuͤrde. Nun ging ich in die Kirche; eine große Menge Menſchen ſaß da in ſchwarzen Feſtkleidern, in feyerlicher Stille, und mit einem Ausdruck von Andacht in den Mienen, wie man ihn ſelten in andern Verſammlungen ſieht. Nur zuweilen unterbrach der Fußtritt eines Hereintretenden die Todes— ſtille der großen Verſammlung. Aus der Schule heraus hoͤrte man, wie aus weiter Ferne, den leiſen, geruͤhrten Geſang der Kinder. Wir beteten fuͤr ſie; ich legte den Aeltern beſonders die heilige Angelegenheit an's Herz; und fuͤhrte uns alle in den heiligen Morgen unſers erſten Abendmahles zuruͤck. Ein guter Geiſt hatte ſein Walten unter uns, das that ſich jedem Anweſenden kund, und wie koͤnnte er auch wohl da fehlen, wo chriſtliche Aeltern ver— ſammelt ſind, ſich auf das Abendmahl vorzubereiten, das ihre Kinder zum erſten Male mit ihnen halten. Ich ver— ließ dieſe Verſammlung, um die Kinder abzuholen. In dieſer Zeit fuͤllte ſich die Kirche. Die Kinder fand ich leiſe
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fingend und betend. — Kinder, ſagte ich, ſegnet die Schule in der ihr einen großen Theil eurer Kindheit verlebt habt, und vielleicht den beſten. Ihr geht aus der Schule in die Kirche, das heißt, aus der Kindheit in das maͤnnliche Al⸗ ter. Sie knieten und beteten. Ich forderte ſie auf fuͤr die ſchoͤnen, gluͤcklichen, nie wiederkehrenden Jahre Gott zu danken, in dem Augenblicke, da ſie dieſelben verlaſſen woll— ten. Lebe wohl, du gluͤckliche Kindheit! ſchienen mir die Kinder zu rufen. — Gott ſey mit uns! — als ſie paar⸗ weiſe aus der Schulſtube heraustraten. Es war ein ſchoͤ— ner Zug, der ſich durch den freyen Platz in die Kirche be— wegte, welche nebſt dem Schulhauſe die Anhoͤhe einnimmt, um die der liebliche kleine Ort gebaut iſt. Die Thuͤren der Kirche waren weit geoͤffnet. Als nun die Gemeinde uns entgegenſchaute; als der Zug der weinenden Kinder ſo feyerlich durch den breiten Gang zum Altare hinauf— ging; als mancher Vater und manche Mutter, von dieſem Anblicke ſo ergriffen wurden, daß ſie ſich niederſetzen mußten; als faſt aus jedem Auge Thraͤnen uns entgegen blinkten, und die Orgel ihre ſanfteſten, innigſten, ruͤhrend— ſten Toͤne durch die Verſammlung ſchweben ließ — o, wer moͤchte es wagen zu beſchreiben, was da in dem Herzen der Kinder, der Altern, der Gemeinde und der Lehrer vorging ?
Die Kinder umzogen den Altar, und nahmen ihre Sitze auf dem Chore ein. Nach einer augenblicklichen Stille begann ein Wechſelgeſang, der eigens fuͤr dieſen Tag beſtimmt war. Bey der Einſegnung ſollten immer Wech— ſelgeſaͤnge geſungen werden. Man kann bei ſolchen Feſten die kirchliche Verſammlung nicht als Eine Gemeinde be—
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trachten; aber die Kinder follten mit den Erwachſenen in eine lebendige Wechſelwirkung geſetzt werden. Die ſich antwortenden Choͤre der Maͤdchen und Knaben, in welche zuletzt die ganze Gemeinde einfiel, vollendeten den ſchoͤnen Eindruck, den wir ſo eben empfangen hatten. Innigſt ge⸗ ruͤhrt betrat ich die Kanzel. Ich fing von dem Aeuſſern dieſer Feyer an, und ſprach darauf von ihrer inneren Wichtigkeit; wie viel ſie vorausſetze: deutliche Erkenntniß von dem Weſentlichen des Chriſtenthums, mancherley An— faſſungen des Gemuͤthes von Kindheit auf, und den heili— gen Vorſatz zu einem frommen Leben; — wie fie der Wendepunkt zweyer Lebensalter, die hoͤchſte Foyer des Ges muͤthes, und nur Ein Mal im Leben da ſey; — wie ſie endlich ihre Wirkungen uͤber das ganze Leben verbreite, Schutz und Schirm wider alles Boͤſe verheiſſe, ſo wie Staͤrke und Kraft zu allem Guten und einſt den Maßſtab ausmachen helfe, nach dem wir gerichtet werden.
Was ich vorher bedacht und mir vorgenommen hatte zu reden, verſchwand mir vor der Fuͤlle von Gedan— ken, die der Augenblick mitbrachte, und die mir gleichſam aus dem Herzen heraufſtiegen. Deiner dachte ich, Du ehrwuͤrdiger Vater, und des heiligen Morgens, an dem Deine weihende Hand ſegnend auf mir ruhete, und Du kaum etwas Anderes aus dem uͤberſtroͤmenden Herzen her— vorbringen konnteſt, als: Kindlein, bleibet bey Jeſu!
Nach der Predigt wurde der Vers gefungen:
Blick herab von Deinen Höhen! Höre, Gott, auf unſer Flehen, Hör' auf dieſer Kinder Lallen, | Laß ihr Stammeln Dir gefallen! Glockentoͤne. te Aufl. 6
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— 82 — Dieſen frohen Tag zu feyern, Ihren Taufbund zu erneuern,
Knien ſie jetzt betend nieder, Heiligen Dir Geiſt und Glieder.
Ehe er noch zu Ende war, trat ich vor den Altar- Ich blickte zu dem Bilde des Gekreuzigten uͤber dem Al— tare auf, und ſahe den Heiland, wie er den Zwoͤlfen mit dem gebrochenen Brodte und dem geweiheten Kelche auch ein: „Kaͤmpfet den guten Kampf, ergreifet das ewige Le— ben, zu dem ihr berufen ſeyd, und bekannt habt ein gut Bekenntniß“ zurief. Aber des Verraͤthers Auge blickte aus dem heiligen Kreiſe. Wie ein zerſpaltender Blitz ſchoß dies ſer Blick durch mein Inneres. Ach vielleicht auch hier einer, der Treue nicht zu ſchaͤtzen, der ſo viele Liebe nicht zu achten verſteht! — Da war der Geſang zu Ende, und mit dieſem zwiefachen, dieſem hoffenden und zugleich fuͤrch— tenden Gefuͤhle, mußte ich mich zu den Kindern wenden. Sie waren aufgeſtanden, und die ganze Gemeinde hatte ſich mit ihnen erhoben. Ihre Namen wurden verleſen. Nun noch einen Blick der Kinder auf ihre gegenwaͤrtigen Aeltern oder hinuͤber jenſeits des Grabes zu den Geiſtern der vollendeten und ſie ſanken auf ihre Knie nieder und wir fleheten um Gnade und Beiſtand. Hier noch konnte ich der fuͤrchtende, und viel hoffende Freund, der treue Begleiter durch die ſchoͤnſten Tage ihrer Jugend, der innig theilnehmende Lehrer ſeyn. Aber als ſie jetzt ſich wieder erhoben hatten; als eine erwartungsvolle Stille in der Kirche war; als ich nun das Bekenntniß von ihnen neh⸗ men, und ſie fragen ſollte, und ihnen vorlegen, Gutes und Boͤſes, Himmel und Hoͤlle — fuͤhrwahr, ich weiß nicht, es
war, als wenn alle jene Empfindungen aus meinem In⸗ nern verſchwunden, und nur ein großer Ernſt geblieben waͤre. Dieſer Augenblick war fuͤr mein Gemuͤth gleich ſchmerzhaft und erhebend. Als ſie aber nun Ja, und drey Mal Ja hervorgezittert, hervorgebetet, hervorgeſchluchzet hatten: da zerſchmolz mein ganzes Herz in Freude, Liebe und Segnung, da wandte ſich mein ganzes Gefuͤhl wieder zu den theuern Confirmanden. Laut vor den vielen Hun⸗ derten von Menſchen; laut vor heiligen Zeugen aus der unſichtbaren Gemeinde hatten ſie bekannt, was ſie lange in
ihrem Gemuͤthe gehegt und gepflegt hatten. Ich breitete
meine Arme uͤber ſie aus, mein Herz oͤffnete ſich ihnen, und ſprach: Seyd die Geſegneten des Herrn! Wir ſegnen Euch, die ihr vom Hauſe des Herrn ſeyd! Darauf kam die ganze Reihe von Knaben und Maͤdchen vor den Altar. Einzeln kniete jedes an den Stufen nieder, und wurde nach alter Sitte der Kirche geheiſſen, durch Handauflegung
zu empfahen den heiligen Geiſt, Schutz und Schirm vor
allem Argen, Staͤrke und Kraft zu allem Guten aus der gnaͤdigen Hand Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Amen. Dann fügte ich noch für jes den ein beſonderes Wort hinzu, welches naͤher ſeiner Stim— mung und feiner Lage angepaßt war. Einem lieben, tuͤch— tigen Knaben ſagte ich: Vater und Mutter ſind dir geſtor— ben. Du biſt der aͤlteſte Sohn. Dein Wandel ſey im Himmel. Dann wirſt du auch ein nuͤtzlicher Mann fuͤr die Welt, und bald der Verſorger deiner kleinern Geſchwiſter werden. Auch der vollendeten Aeltern Segen bauet den Kindern Haͤuſer. — Ein gutes, frommes, ungluͤckliches Maͤdchen wurde vorgefuͤhrt und ich ſagte: Kind, des Ta— 0
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ZUR ges Sonnenlicht entzog Gott deinen Augen, aber ein hoͤ— heres Licht hat er in deinem Geiſte angezuͤndet, das da leuchte in Ewigkeit. Wandle im Lichte! —
Gibt es eine beſſere Vorbereitung zum Abendmahle, als die Confirmation? Die alten Nachtmahlslieder der Kirche wurden angeſtimmt, und die halbe Gemeinde em— pfing, um ſich das Feſt zu kroͤnen, des Herrn Leib und Blut. In ſolchen Stunden bedarf man eines ſolchen Ger nuſſes. Er war Theil des Feſtes und ſeine hoͤchſte Beſiege⸗ lung. Knieend empfingen es die Kinder, betend wir alle.
Ein feyerlicher Morgen, ein Morgen, wie du gnaͤdiger, heiliger Gott! ihn jedem Menſchen in ſeinem Leben wenig⸗ ſtens Ein Mal geben wolleſt, damit keiner ſterbe, ohne we— nigſtens Ein Mal empfunden zu haben, was Deine Naͤhe, was Chriſtenthum, was kirchliche Gemeinſchaft ſey!
Des Nachmittags gingen die ernſten Knaben, jeder für ſich, oder hoͤchſtens nur ein Paar Freunde in die Ein⸗ ſamkeit des Feldes und des Waldes hinaus; aber die an— ſchließlichen Maͤdchen hatten ſich nicht trennen wollen. Ich fand fie alle zuſammen in dem Haufe des blinden Maͤd⸗ chens. Wie freute ich mich, dieſe lieben Kinder an dem heutigen Tage noch Ein Mal vereinigt zu ſehen. Ich ſetzte mich in ihre Mitte, hörte ihre Lieder an, freuete mich eini⸗ ger Aeußerungen, die ſie mit kindlicher Offenheit gaben, und benutzte dieſe Gelegenheit, zu wiederholen, was ich ihs nen ſchon oft geſagt hatte, daß eine Freundſchaft, unter ſolcher Begebenheit geſtiftet, fuͤr's ganze Leben eine hoͤhere Weihe behalte. Die Erfahrung hat das oft gelehrt. In den untern Staͤnden findet man uͤberhaupt wenige Buͤnd⸗ niſſe, die den Namen der Freundſchaft tragen. Aber, wenn
man fie findet, fo find fie entweder in Zeiten der Noth geftiftet oder fie ſchreiben ſich aus der Zeit der Einſegnung her. Untreue gegen denjenigen, mit dem man am Altare zuſammen gekniet, wird für fo ſchaͤndlich gehalten, als die verletzte Liebe gegen die naͤchſten Anverwandten Die Jugend iſt bei allen Menſchen die Zeit des geoͤffneten Herzens, und der warmen Freundſchaft; aber jene Offenheit und dieſe Waͤrme bleiben nur, wenn der Thau des Himmels das Herz offen und der Strahl der geiſtigen Sonne es warm erhaͤlt. Es ruͤhrte mich, indem ich hieruͤber unſer Geſpraͤch ſich ver⸗ breitete, wie ſich manche unter dieſen Maͤdchen ſo innig um faßten, und das ungluͤckliche Kind des Hauſes mit leidenſchaft⸗ licher Waͤrme ihre Freundin umarmte, die kurz nachher in die Fremde ziehen ſollte. Wo ich ſonſt an dieſem Nachmittage in der Gemeinde erſchien, kam mir uͤberall die Erinnerung an den Morgen entgegen. Jeder Tag dieſer Art belohnt uͤber Verhaͤltniß, ſelbſt auf menſchliche Weiſe, jede Muͤhe und Sorge; aber unbeſchreiblich iſt das Gefuͤhl, mit Gott das große Werk vollendet zu haben. Es gibt unter allen ruhigen Stimmungen keine koͤſtlichere, als die, wo der von Anſtrengung und Begeiſterung ermattete Koͤrper die Seele in ein ſtilles, freudiges Ausruhen herabzieht. Faſt moͤchte man fagen, die Erwuͤdung ſelbſt belohne den en für feine Anſtrengung.
Die Erinnerung an das Feſt erheiterte noch manchen folgenden Tag. Doch aus den Freuden der Erinnerung, zu denen mich immer von neuem die Beſuche von Aeltern und Kindern anregten, wurde ich am Dinſtag Abende hers ausgeriſſen durch das dumpfe Gelaͤut zur Abſchiedsſtunde.
Eine kleinere, aber immer noch zahlreiche Verſamm⸗
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lung hatte fich eingefunden. Zum letzten Male ſaßen die Kinder auf ihren alten Sitzen, und ihr feſtlicher Anzug ſtach recht bedeutſam von der mehr alltäglichen Kleidung der Uebrigen ab. Die ſchwere Stunde begann mit einem leiſen Geſange, den die Confirmanden allein angeſtimmt hats ten. Sie waren jetzt Juͤnglinge und Jungfrauen, nicht mehr Knaben und Maͤdchen, aber immer noch meine theuern Kin— der. Mit einer Empfindung wie zum Todtenbette eines ges liebten Freundes trat ich in ihren Kreis. Die Lehrſtunden was ren nun zu Ende, die große Feyer des Bekenntniſſes war zu Ende, der taͤglich wohlthuende Umgang mit einander war zu Ende. Aber ich mußte ſie noch Ein Mal zuſammen ſehen, noch Ein Mal in unſerer alten, ſchoͤnen Weiſe. Ich ging unſer gemeinſchaftliches Leben durch, gab jedem Einzelnen einen Denkſpruch, nahm von jedem insbeſondere Abſchied, und bat fie, mich immer als ihren treuen Freund anzuſe⸗ hen. Als ſie nun kamen, und jedes mir ſeine Hand reichte, und ſchluchzend die meinige feſthielt, da konnte ich mich der Thraͤnen nicht laͤnger enthalten — es war ja eine ſo ſchoͤne Zeit geweſen, in der ich ſie zu Gliedern der Kirche erzog, und nun mußte ich ſie entlaſſen in die Welt, in die Gefahr, in die ungewiſſe Zukunft. Ich mußte mich bes kaͤmpfen, um zum Schluſſe den Segen ſprechen zu koͤnnen. Eine ſanfte, beruhigende Singweiſe ſchloß den Gottesdienſt. Ich verließ den Altar und rief ihnen noch das letzte Lebe— wohl durch die Toͤne hindurch. Keiner wollte fort. Zuletzt gingen die Kinder. Mehrere Vaͤter kamen zu mir. Wir ſahen geruͤhrt den Kindern nach, und als wir aus der Kirche traten, fiel ein warmer, fruchtbarer Fruͤhlingsregen.
7 Der Einzug in die Gemeinde.
Kein Wort ſchildert die Empfindungen des Juͤng⸗ lings, mit denen er zu dem Tage erwacht, an dem er feyerlich feine öffentliche Wirkſamkeit beginnt. Bisher hatte den Sehnenden die Verborgenheit des Vaterhaufes und der Vorbereitung zum Berufe zuruͤckgehalten. Nun ſind die Uebungen geendet. Das Volk ſammelt ſich vor den Tho⸗ ren des ſtillen Hauſes. Von Vater und Mutter reißt er ſich los, und dem Volke gibt er ſich hin. Vater und Mut⸗ ter, Schweſter und Bruder ſoll es ihm ſeyn, und er will es demſelben werden. Wiſſenſchaft, Freundſchaft, Jugend — alles tritt zuruͤck. Die ganze Menſchheit draͤngt ſich in einer Gemeinde um ihn her und nur feine ſteigende Begeis ſterung kann dem Andrange das Gegengewicht halten. An einem ſolchen Tage wird es demuͤthig und dankbar empfun⸗ den, was es heiße, fuͤr andere forthin leben zu wollen, wie viel Entſagungen da Gott erleichtern, wie viel Sieg auf ſchwere Kaͤmpfe Er geben, wie viel Muth und Aus⸗ dauer Er verleihen muͤſſe, und endlich, wie es doch etwas viel Hoͤheres ſey mit einem Volk, einer Gemeinſchaft, als mit dem Einzelnen. Was der Menſchheit Noth thue, und wie ihr geholfen werden koͤnne, und wie Einer ſey, durch den wir alles vermoͤgen, wenn Er ſtark iſt in unſerer Schwachheit: das iſt der Hauptgedanke, der, wie eine auf⸗
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gehende Sonne das vielfach bewegte Gemuͤth des jungen Geiſtlichen beleuchtet und beruhiget. Tiefe Wehmuth des Abſchiedes aus der Jugend und Freiheit, herzliche Demuth und heilige Scheu bey dem Gedanken an den großen Be⸗ ruf, und dann wieder die feſte, hohe, in Gott gefaßte Hoffnung: das ſind die Gefuͤhle, die das Herz bewegen, und es aufwärts treiben zu jenem lichtreichen Gedanken.
So erwachte ich zu dem Tage, deſſen Andenken ich hier erneuern moͤchte.
Es war einer von jenen lauen Maymorgen, an de nen das Leben ſelbſt zu athmen ſcheint. In der Daͤmme⸗ rung war ich ſchon aufgeſtanden. Jetzt, als die Sonne uͤber den oͤſtlichen Bergen heraufkam, begruͤßte ich ſie mit einer namenloſen Empfindung. Ich kann es ein langes, ungeſprochenes Gebet nennen. Zukunft und Vergangen- heit, Dank und Bitte floſſen in ihm zuſammen. Das ganze vergangene Leben mit allen ſeinen Freuden und Genuͤſſen lag wie ein dunkler Abgrund hinter mir, und die Zukunft, die Gemeinde, das Leben im Berufe, breitete ſich vor mir aus, wie die Gefilde eines Paradieſes. Wenn ſich mir dann auch zuweilen die Erfahrungen, die ich aus dem Munde Älterer Geiſtlichen, oder aus dem Anſchauen des vaͤterlichen Amtslebens empfangen hatte, darſtelleten, ſo fuͤhlte ich den heiligen Vorſatz, und betete um Gottes Bei— ſtand feſt und ernſt zu handeln, mit Mannes Kraft da zu ſtehen, und alles Laue, Troſtloſe und Schmerzliche zu bez ſiegen und den Glauben, der ein Sieg iſt, die Welt zu uͤberwinden. Aber lange fanden dieſe Gedanken nicht Raum in meiner Seele. Freude, Kraft, Hoffnung, Ent⸗ ſchluß, Zuverſicht und Vertrauen füllten die ganze Seele
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aus. Mit dieſen Gefühlen ſtand ich da, und fahe den ſchoͤnſten Tag hereinbrechen. Bald kam die theure Schwe— ſter zu mir: ſie hatte geweint, und legte ihre Hand auf meinen Arm. Wir konnten uns nicht viel ſagen. An den Zweigen der dichten Linden vor unſerm Fenſter kamen die erſten Blaͤtter aus den Knospen, eine Nachtigall ſang in den benachbarten Baͤumen, und der Bach, der oben aus einem ſchoͤnen Berggrunde hervorfließt, warf die erſten Strahlen der Sonne zuruͤck. Mit einem Worte der inni gen, geruͤhrten Liebe ſanken wir uns in die Arme und fuͤhlten, wie nahe wir uns angehoͤrten. Ich wußte, daß jetzt kein Gefuͤhl ſich in meiner Bruſt bewege, deſſen Wel— len nicht auch in die ihrige hinuͤber ſchlugen. Es iſt mir nicht anders bey deinem Abſchiede, als ob du ſterben ſoll— teſt, fagte die Schweſter. Der eben hereintretende Vater hoͤrte dieſe Worte und ſprach: Nein, ihr lieben Kinder, ich will euch eine beſſere Auslegung geben. Dem regſten Le; ben muß billig der Gedanke des Todes zur Seite gehen, und ſehr paſſend erinnert man den angehenden Arbeiter im Weinberge des Herrn, wie ſchwach des Menſchen Macht, und wie unzulaͤnglich ſeine Plane ſeyen, wenn nicht eine hoͤhere Macht ihn haͤlt und traͤgt. Leben und Tod reichen ſich in dem Herzen des Geiſtlichen unaufhoͤrlich die Hand, und nur der hat die Weihe von oben, in welchem dieſer Bund feſt und ununterbrochen iſt. Lieber Sohn — und hier kam eine feyerliche Wuͤrde in ſeinen Blick und in ſeine Worte — du biſt von Kindheit an zu dem Dienſte des Herrn erzogen. Als du mir geboren wurdeſt, und ich dich in meine Arme nahm, habe ich dich Ihm zum erſten Male geweiht; und als du bei der Confirmation am Al—
tare vor mir knieteſt, zum zweiten Male. Ehe dir morgen andere oͤffentlich die Weihe geben, empfange ſie jetzt zum dritten Mal in der Stille deines vaͤterlichen Hauſes aus meinem vaͤterlichen Herzen. Kein anderer vermag ſie dir fo, zu geben. Mein Sohn, nimm den Schild des Glau- bens, den Helm des Heils und das Schwert des Geiſtes, welches iſt das Wort Gottes, und bete ſtets in allem An— liegen. — Unſer Amt hat große Freuden, aber auch große Leiden. Bleibe beſcheiden wenn dir jene zu Theil werden, und trage kindlich, wenn dieſe kommen. — Wer ein Biſchofsamt begehrt, begehrt ein koͤſtlich Werk. Wiſſe, die Lehrer werden leuchten wie die Sterne, und die, ſo viele unterweiſen, wie des Himmels Glanz. — Zuerſt arbeite an dir, dann an andern. — Rede nur, was du ſelber vom Chriſtenthum erfahren. — Lies fleißig Pauli Briefe an den Thimotheus. Laß mir im Alter den Troſt, der Kirche des Herrn einen tuͤchtigen Diener erzogen zu haben. Und ſo geſegne dich Gott, der — —
Er konnte ſeinen vaͤterlichen Segen nicht ausſprechen, ohne durch ſeine Ruͤhrung unterbrochen zu werden; ſeine Hand lag auf meinem Haupte; ſein Auge blickte gen Him⸗ mel. Die Mutter mit den uͤbrigen Schweſtern war her— eingekommen. ] JWir ſtanden ſtumm und weinten, und ums armten uns.
Nach einer kleinen Weile wurde angeſagt, daß die Leute ſich vor dem Hauſe verſammelten. Die Jugend— freunde kamen und ſuchten den Abziehenden auf ſeinem Zimmer auf. Es wurde mir ſchwer zu ſcheiden. Die Ju— gend hat etwas, das uns, wie mit tauſend Banden, noch einmal feſthaͤlt, wenn wir aus ihren Auen in die harten
Wege des Berufes treten. Auch jetzt noch fällt dir eine dankbare Thraͤne nach aus meinem Auge; jetzt noch, da ich ſchon lange aus deinen Graͤnzen bin, du gluͤckliche Kindheit, du meine ſtille, ſegensvolle Jugend! Dieſe Thraͤne faͤllt in die Flamme meines Herzens, und ſteigt von ſeinem Altare auf, als ein heiliger Opferduft, fuͤr dle Liebe und Pflege der frommen Aeltern, dem Herrn dars gebracht!
Als ich die theuern Jugendfreunde um mich ſah, und wir uns noch eines oder des andern unvergeßlichen Tages erinnerten, ſchien es faſt, als wenn in dieſem Schmerze der Trennung alle meine Hoffnung untergehen wolle.
Nun erſchienen in einer langen Reihe von Reitern die kuͤnftigen Gemeindeglieder, die mich abholten. Mit ihnen noch mehr des Volks aus der Vaterſtadt. Als das Ge— tuͤmmel in's Haus drang, ging's mir wie ein Schwert durch das Herz, und Mutter und Schweſtern weinten. Wie ſollte ich mich faſſen in dieſer drangvollen Stunde? Der ehrwuͤrdige Vater ſtand allein ruhig unter den Frem— den und Einheimiſchen; aber das vermochte ich nicht. Ich wußte nur Ein Mittel, dem Herzen Ruhe zu geben, und ſein Wallen und Wogen zu beſchwichtigen. Ich mußte re⸗ den. Was mir immer geholfen hat, von Kindesbeinen, in der Freude zur Maͤßigung, in dem Schmerz zur Erman⸗ nung, und in dem Gewirre zur Beſonnenheit — reden, das ergriff ich auch jetzt. Richtet mich daruͤber nicht. Dem Einen hilft Stille, dem Andern Geſchaͤft; dem Einen Einkehr, dem Andern Handeln; dem Einen Schweigen, dem Andern Reden. Es gibt aus jedem Gemuͤthe einen Ausweg zum Allgemeinen und Ganzen.
Wer dieſer auch ſey, er wird zu der übrigen Natur des Menſchen paſſen. Laßt uns nur offenherzig ſeyn, und Gott danken, wenn er uns verleiht, in ſolchen Stunden ein Mittel der Beruhigung zu finden. — Ich hatte es gefunden. Ich trat in die Thuͤre des Hauſes, und ſprach von der erhoͤhten Treppe an das zudraͤngende Volk. Den nahe Stehenden reichte ich die Hand. Mit altdeutſcher Herzlichkeit druͤckten ſie mir dieſelbe, und wuͤnſchten mir Gluͤck und Heil und Segen. Ich hatte mich immer nahe an das Volk angeſchloſſen. Schon als Kind hatte ich ei— nen Kreis von Freunden unter den Buͤrgern, die mir mit ganzer Seele anhingen. In meinen Juͤnglingsjahren, als ich von der hohen Schule kam nach meinen erſten Predig— ten, war dieſer Kreis noch weiter ausgebreitet, und der Abſchied von dieſen lieben Menſchen ging mir nahe.
Aber ſehr gut war es, daß ich mir hier durch den Ausdruck des Gefuͤhles den Drang im Innern beſprochen hatte, denn nun kam der ſchwerſte, lange gefuͤrchtete Au— genblick, wo ein ſolches Mittel zwar nicht mehr hilft, aber wo es doch wohlthaͤtig iſt, es fruͤher angewandt zu haben. Von Dir, treue Mutter, von dem zaͤrtlich, innig, fromm⸗ liebenden Mutterberzen, das aus huͤlfloſer Kindheit bie heute mich mit ſo viel Aufopferung geliebt und gepflegt hatte — von ihm ſollte ich ſcheiden. Es iſt wahr, ein Sohn reißt ſich anders von ihm los, wie eine Tochter, ſcheinbar leichter und freyer; aber wenn er in ſolchen Au— genblicken bedenkt, daß in ſeinem ganzen Daſeyn der Trieb zu dieſem Losreiſſen herrſchte; daß die Mutter es ſehen mußte, von Anfang an und immer mehr, daß ihre muͤtter— liche Treue nie ganz erkannt und vergolten wurde, und
dennoch — o unbegreifliche, himmliſche Gewalt der Mut terliebe! — dennoch nur treuer pflegte, nur inniger liebte, nur beſorgter den hinaus Strebenden umfaßte; wenn er dieß führt und ſich geſtehen muß, daß das, was ein Muts terherz iſt und gibt, in ſeiner Fuͤlle nur der einzige Sohn unter mehreren Toͤchtern erfaͤhrt: o dann muß er unter⸗ ſinken in den tiefſten und bitterſten Schmerzen. Ich kann nicht beſchreiben, wie mir war, als Du, fromme Mutter! dort in der täglichen Stube vor dem Bildniſſe des Erlös ſers mich an dein Herz nahmeſt, mich mit deinen Armen umpfingeſt und nichts vermochteſt, als weinen und ſchluch⸗ zen. Leb' wohl! das war alles, was ſie ſagen konnte. In einer Art von Betaͤubung riß ich mich von ihr, von dem Vater, von den Schweſtern, von dem Hauſe, von allen los.
Mutterſegen — o du laͤſſeſt dich nur empfinden, nicht beſchreiben! — Kein Wort mehr! —
Wir zogen durch die Straßen der Stadt. Ueberall ſtanden die Haufen des Volkes und riefen mir ihre Wuͤn⸗ ſche nach. Drauſſen, als ich von der Anhoͤhe zum letzten Male den ragenden Thurm, und das Vaterhaus an ſeinem Fuße ſah, — da erwachte ich aus der Betaͤubung, da flürzte eine heiße Thraͤne aus meinem Auge, und mir ward klar, was Vaterland, Vaterſtadt, Vaterhaus iſt.
Unſer Weg war eine Tagereiſe, welche das Land faſt gerade von Oſten nach Weſten durchſchnitt. Gegen Mit⸗ tag trafen wir in einem anmuthigen Thale eine neue Ge— ſellſchaft kuͤnftiger Gemeindeglieder, welche den Zug der Reiter dreyfach vermehrte. Ueberall zogen wir durch Ges meinden, in denen ich ſchon im letzten Jahre mich geuͤbt
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und frohe, feſtliche Stunden der erſten geiſtlichen Arbeiten genoſſen hatte. Ueberall war ich von alter und nener Liebe, von der Waͤrme der Bekannten und der Hoffnung der bis jetzt noch Fremden umgeben. Iſt das nicht des aͤu⸗ ßern Lebens hoͤchſter Gipfel? Iſt er nicht da, wo Ver⸗ gangenheit und Zukunft ſich in einem gegenwaͤrtigen Au— genblick zuſammendraͤngen? Nicht da, wo beyde ſich im ſchoͤnen, hellen Lichte der Liebe zeigen? Gewiß, wenige Menſchen haben eine Zeit in ihrem Leben, wo ihnen alles mit Liebe ſo entgegen kommt, wo ſie von Liebe ſo geho— ben und getragen werden, als der Pfarrer beym Eintritt in ſein Amt. Dieſe vielfache, vielſeitige Liebe ſteigert ſein Gemuͤth zu einer ſo warmen, und ſiegreichen Gegenliebe, daß dieſer wiederum nichts widerſtehen kann, und ſelbſt der Kalte und Entfernte durch ſie mit fortgeriſſen wird. O es ſind koͤſtliche, jedem Geiſtlichen unvergeßliche Tage! Muͤſ— ſen ſie etwa ſo ſchoͤn ſeyn, damit durch ihre Erinnerung ſpaͤterhin das Schwere leichter ertragen werden koͤnne; fo wie die Kindheit des Menſchen ſo reich begluͤckt iſt, damit das Andenken an ſie das muͤde, matte Herz in ſpaͤteren Jahren aufrichte? Es gibt keinen Stand, der in der Re— gel ſo glaͤnzend beginnt, wie der geiſtliche; vielleicht auch darum, weil der Anfang der Liebe immer ſo glaͤnzend iſt, als ob ſich da allein ihr himmliſcher Urſprung in uͤberirdi— ſcher Reinheit offenbaren koͤnne. Sey es nun, weil Geiſt— lichkeit das Leben und die Liebe im hoͤheren Sinne iſt, oder ſonſt aus einem andern Grunde: ſo fuͤhlt man bey dem Eintritt in dieſelbe, was dem Timotheus geſagt wurde: Das iſt je gewißlich wahr, fo jemand ein Biſchofsamt ber gehrt, der begehrt ein koͤſtliches Werk.
Von außen und innen krenzten und draͤngtenzſich die Anſprachen an mein Herz. Es war der unruhigſte Tag meines Lebens. Indeß es gibt Stimmungen, wo uns auch die groͤßte Unruhe nicht zerſtreut. Man geht in alles ein, und nimmt an allem Theil, und doch bleibt das Gemuͤth bey Einem, und kann von ihm aus alles Andere mit un— begreiflicher Ruhe uͤberſchauen, aufnehmen und ordnen. Dieſes Eine war jetzt bey mir jenes Wort des Apoſtels: Wer ein Biſchofsamt begehrt, der begehrt ein koͤſtlich Werk, — jenes theuere Wort, das ich ſchon als Kind von dem Vater hoͤrte, wenn er ſich gluͤcklicher als gewoͤhnlich fuͤhlte, das mich damals ſchon mit einer uͤberſchwenglichen Ahnung von etwas uͤberaus Herrlichem erfüllte, und ſich nun mit einer Seligkeit an mir bewies, die ich kaum geahnet hatte. In dieſem Gedanken fand ich die Einheit fuͤr alles Ein— zelne, das mir dieſen Tag wiederfuhr. Wo Einheit iſt, kann nie Zerſtreuung und Unruhe ſtatt finden. Man bes darf nur Eines großen, durchgreifenden Gedankens, nur Einer unausloͤſchlichen, wahren Begeiſterung, um ſelbſt un⸗ ter den verſchiedenartigſten Ereigniſſen und Stoͤrungen nicht verwirrt und zerſtreut zu werden. Jedes Mal nur Eins zu wollen, das iſt der Weg, wie zu großen Thaten, ſo zur Ruhe der Seele.
Schneller, als ich gedacht, waren wir an der Graͤnze des theuern Vaterlandes, des ſtarken, kraͤftigen Landes, des treuen, geraden Volkes, in dem noch das Blut der alten Saſſen fließt. Da, wo man die Trümmer der. Ks nigsburg aus der Ferne heruͤberragen ſieht, wo vielleicht der letzte Schoͤppenſtuhl der alten Fehme ſtand, wo in ei— nem Raum von fuͤnf Minuten ſich Land, Sprache und
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Sitte ändern — an der alten großen Eiche ſtanden die zu Fuße gekommenen Gemeindeglieder in dichter Menge. An ihrer Spitze die goͤßeren Schulkinder. Bis hierher waren ſie dem kuͤnftigen Lehrer entgegen gegangen. Die Maͤdchen uͤberreichten mir einen Blumenſtrauß, und indem ich ab— ſtieg, und ihn annehmen und danken wollte, hatte die Kin— derwelt rings um mich einen Kreis geſchloſſen, und hob ein Lied zum Willkomm an. Einfach und kindlich waren Worte und Geſang, und ſie gingen mir zu Herzen.
Als ich das Vaterland verließ, und in ein fremdes Land eintrat, hatten mich gleich die Kindlein in ihre Mitte genommen. Mußte mir das nicht zum guten Zeichen, und zur ſchoͤnſten Vorbedeutung werden?
Jetzt zogen wir in ein reiches, geſegnetes Thal hinab. Auf der Spitze des Bergruͤckens uͤberſieht man feine Städte, ſeine Pallaͤſte, ſeine Kirchen, ſeine Bleichen und Anlagen. Der Zug ordnete ſich. Vorauf die Kinder, dann die Leh— rer der Gemeinde, und der Ankoͤmmling in ihrer Mitte, darauf die Reiter und die Menge der Fußgänger, die mit jedem Augenblicke groͤßer wurde.
Im Herzen des Volkes iſt noch Liebe zur Kirche. Bey ſolchen Gelegenheiten zeigt ſie ſich in ihrer ganzen Kraft, und uͤbt ihre Gewalt ſelbſt uͤber rohe Gemuͤther aus. Ich hoͤrte Anreden, Wuͤnſche, Aeuſſerungen, uͤber die ich bald wegen ihrer Innigkeit, bald wegen ihrer Bedeutſamkeit ers ſtaunte. Merkwuͤrdig und troſtreich in einer Zeit und un— ter einem Volke, von denen man oft ausſagt, daß alles kirchliche Leben aus ihnen verſchwunden ſey. Nein, im Herzen des Volkes iſt noch ein Heiligthum des Herrn! Der Altar des Bundes im Gotteshauſe, und die Diener
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der Kirche, die am Altare ſtehen, bleiben feiner Liebe ge: wiß. Seine Begeiſterung mag voruͤbergehend, ſeine Liebe oft dem Unwuͤrdigen zugewandt ſcheinen, man mag ſeine Rohheit und Unerfahrenheit anführen: — o es weiß in den meiſten Faͤllen beſſer was es will, als die Gebildeten, und es kann ſich wenigſtens noch fuͤr etwas Ueberſinnliches begeiſtern. Feſt und ſicher ſteht des Volkes Liebe. Es taͤu— ſchet ſich ſeltener, denn es ſiehet auf Eins, auf das Ju— nerſte, auf Glauben und Liebe. Der Heuchler mag es auf eine Zeit irre fuͤhren, aber es blickt bald tiefer, als ihr denkt, und wenn er ſich erhaͤlt, ſo erhaͤlt er ſich nur durch den Schein von dem, was das Rechte iſt. Des Volkes Liebe iſt noch Liebe. Seht die Thraͤnen am Grabe ſeiner Lehrer, fragt nach dem Manne, bey dem es das Glaubens— bekenntniß abgelegt, geht in ſeine Kammern und Huͤtten, wenn der Tod vor der Thuͤr ſteht, — und ihr werdet mit mir lieben und hochachten das Volk. In der Kirche biſt du noch etwas, edles, treues Volk! In allen andern oͤf⸗ fentlichen Angelegenheiten mußt du dienen, aber hier haſt du Stimme und Wahl! O ſey mir geſegnet, des Landes Kraft und Mark, und geſegnet die Stunde, da ich deinen Werth erkannt!
Immer groͤßer wurde der Zug, immer raſcher das Rufen, immer lauter der entgegen Kommenden Gruß und Willkomm. Aus dem geſegneten Thale wandten wir uns einen Berg hinan. Etwas weiter war der Graͤnzſtein der Gemeinde. Man uͤberſieht bei ihm die ganze herrliche Ge— gend. Er ſteht auf dem hoͤchſten Gipfel des bergreichen Landes. Aus der Tiefe ragen unter Bäumen das Staͤdt⸗ chen und der Kirchthurm hervor. Hier ſtand ploͤtzlich die
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ganze Menge, die Haͤupter wurden entbloͤßt, das Rufen verſtummte, und auf einmal verbreitete ſich eine feyerliche Stille. Es iſt in dieſer Gegend Sitte, daß ein einziehen— der Prediger an der Graͤnze eine Dankrede halte. Wie freute ich mich dieſer Sitte! Wahrlich ein Volk, das ſo feinen Lehrer empfängt, hat ſich das Wort des waͤrmſten Dankes verdient.
Gott gruͤß' Euch, lieben Freunde! — Ich bin ange⸗ langt an den Graͤnzen der Gemeinde, wo ich von nun an das Pfarramt verwalten ſoll. Laßt mein erſtes Wort ein Wort des Gebetes ſeyn! — Gottes Segen ſey mit uns! Glauben, Liebe, Hoffnung, aber die Liebe die groͤßt unter ihnen! — Wir ſind auf der hoͤchſten Spitze des Landes: die ganze Gegend liegt zu unſeren Fuͤßen; wir ſind dem Himmel naͤher. Freunde, ihr habt mich ihm naͤher ge— bracht! Gebe der Allmaͤchtige mir Kraft, Euch ihm wieder näher zu bringen. Da blickt der Thurm Eurer Kirche aus den Baͤumen herauf. Seht, er weiſet gen Himmel. Der Gott unſerer Vaͤter ſegne mein Wort, daß es Euch gleich— falls gen Himmel weiſe. — Mein Gebet, meine Liebe, meine Arbeit ſey mein beſter Dank. Aber jetzt ſchon em pfange das Wort des Dankes, du innig geliebte Gemeinde, fuͤr deine große, unverdiente Liebe. Ihr Kindlein, Dank — ich ſehne mich, Euch zu dem heiligen Kinderfreunde zu führen! Ihr Greiſe, Dank — an Euerm Sterbebette möchte ich Eure Liebe vergelten! Ihr Waiſen und Witts wen, ihr Armen und Verlaſſenen im Volke, Dank — Gott helfe mir, daß ich Euch troͤſten und aufrichten moͤge. Ihr Maͤnner und Frauen, Dank — ich reiche Euch meine Hand bruͤderlich, nehmt ſie an bruͤderlich, damit wir einan—
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der ftärfen im Glauben und in guten Werken! Ihr Vaͤter und Vorgeſetzten der Gemeinde, Dank — mit Gott im Glauben laſſet uns wirken Frucht die da bleibet ins ewige Leben! Dank, Euch allen, und vor allen Dir Dank, Du Hirt und Biſchof Deiner Gemeinde, daß Du mich an dieſe Gemeinde wieſeſt. Aus dem blauen Fruͤhlingshimmel herab, und aus den vollen lieberfuͤllten Herzen dieſer Menſchen herauf toͤnet mir Dein Wort: nimm hin den heiligen Geiſt Schutz und Schirm vor allem Uebel, Staͤrke und Kraft zu allem Guten. Der Herr ſegne meinen Ausgang aus Zus gend und Vaterland, und meinen Eingang in Euern Tem— pel, in Eure Haͤuſer und in Eure Herzen! Amen.
Der Zug ſetzte ſich darauf wieder in Bewegung und ging langſamer und feyerlicher vorwaͤrts. Erſt nach und nach erhob ſich das freudige Geſchrey von neuem. Die Glocken laͤuteten. Viele draͤngten ſich an mein Pferd, er— griffen meine Hand und hießen mich willkommen. Da wir in der, Stadt anlangten, mußten wir bey dem Gottesacker vorbey. Als wir demſelben gegenuͤber waren, rief eine tiefe Baßſtimme: „Iſt er da?“ Ich ſah mich um. Ein alter, blinder Mann, ehrwuͤrdig von Anſehn, reinlich aber duͤrftig bekleidet, fuhr mit ſeinem Stabe in der Luft herum, und rief noch einmal: „Iſt er da?“ — Ja, da iſt er! antwortete man ihm. Nun, willkommen, lieber Herr Pfar— rer, ſagte er, in Gottes Namen willkommen! Sehet Euch um; ich kann es Euch nicht zeigen, aber da liegt auf dem Kirchhofe das Grab unſers ſeligen Herrn. Werdet ein Seelenhirt, wie der war, ein Ruͤſtzeug in Gottes Hand, wie er: ein Vater der Armen, wie er! Dann ſind unſere Freudenthraͤnen nicht vergebens gefloſſen, und unſere Ge—
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bete erhöret! O Herr Pfarrer, ich habe den ganzen Tag fuͤr Euch gebetet, Gott ſegne Euch — wir haben Euch von ganzem Herzen lieb! —
Der Zug ging weiter. Alle Fenſter waren mit Men⸗ ſchen beſetzt, alle Thuͤren und Treppen waren angefuͤllt. — Ach, dachte ich, in dieſen Haͤuſern, von welchen frohen und traurigen Ereigniſſen wirſt du noch Zeuge ſeyn — unter dieſen vielen Menſchen, wie viel Freude und Leid wird dir noch werden! — Da ſtanden wir auf dem mit Baͤumen beſetzten Markte. Das Gedraͤnge war ſehr groß. O ſo ſtehſt du einmal wieder mit ihnen am Tage des Ge⸗ richtes vor Gottes Thron! Wer ein Biſchofsamt begehrt, begehrt ein ſchweres Werk. Noch ein Mal ſah ich mich um, und fragte mich: Wer unter dieſen Vielen wird mir ſein Herz am meiſten oͤffnen? Wo ſteht der kuͤnftige, naͤchſte Freund?
Endlich waren wir im Pfarrhofe. Vor der Ehren— pforte, die man aufgebaut hatte, ſtieg ich ab. Die beiden Aelteſten der Gemeinde nahmen mich in ihre Mitte und fuͤhrten mich ins Haus. Da war ich in dem eigenen Hauſe; da hatte ich den eigenen Wirkungskreis gefunden — gefunden mit Liebe und in Liebe. |
Ich verließ die Geſellſchaft und trat auf die ſtille Buͤcherſtube. Eine Himmelfahrt war aufgehangen. O moͤchte mein Wirken hier ein Fahren gen Himmel ſeyn!
Jetzt, jetzt in dieſer heiligen Stunde mußte ich den Ort der ſtillen Einkehr weihen. Wie beſeligend empfand ich es in dieſem Augenblicke, daß das Leben des Geiſtlichen das oͤffentlichſte und doch dabey das ſtillſte und eingezo—
rat. =
genfie ſeyn fell. Könnte ich beydes in mir vereinigen, fo hoffte ich gluͤcklich und geſegnet zu ſeyn.
Auf dem Tiſche lag eine neue, ſchoͤne Handbibel und neben derſelben folgendes Gedicht von einem geiſtvollen jungen Pfarrer aus der Nachbarſchaft:
Was betet dort oben im Kämmerlein? Ein Strahl vom Himmel da leuchtet, Es glänzet durch Wolken ein lichter Schein, Welch liebendes Auge mag das ſeyn? Es iſt ja von Thränen gefeuchtet. Und wenn ihr fragt, und wenn ihr's verſteht, Ein Pfarrer es iſt, der zum Himmel fleht.
Was murmelts dahin, was rauſcht es daher, Von edeln Reitern und Wagen? Es wogt, als zög' ein begeiſtertes Heer, Es drängt und treibt fte kein Ungefähr, Wohl gibt es ein Ziel zu erjagen. Und wenn ihr fragt, und wenn ihr's verſteht, Es iſt Liebe, die zu dem Pfarrer geht.
Was redet dort ein geweiheter Mund? Die Liebe kann ſolches nur lehren. Sey hoch geprieſen, geſegneter Bund! Von Herzen zu Herzen gehet es rund, Was kann man der Liebe verwehren? Und wenn ihr fragt, und wenn ihr's verſteht, Es iſt die Flamme, die Begeiſtrung weht.
Glockentöne.
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Zweiter Band.
1. Die goldene Hochzeit.
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Au Tage vor Michaelis feyerte ein prieſterliches Ehepaar in der Nachbarſchaft die goldene Hochzeit. Die Seltenheit eines ſolchen Feſtes, die vielfachen Empfindun— gen, die es in alten und jungen Eheleuten aufregte, die Achtung welche dieſes Paar ſeit undenklichen Jahren genoß und das muſterhafte haͤusliche und eheliche Leben, welches ſie fuͤhrten — hatte unſere Erwartung im voraus geſpannt; allein wie ſehr wurde ſie durch die Feyer ſelbſt uͤbertroffen!
Es war ein koͤſtlicher Herbſttag. Noch ſtanden Wald und Flur in ihrer ganzen Herrlichkeit da; allein hier und da ein leeres Feld, die Geſchaͤftigkeit der Aernter, und ein und der andere Baum mit feinen gelben Blättern erinner— ten, daß es nicht lange mehr ſo bleiben werde, und das Jahr ſich zu ſeinem Ende neige. Die Sonne ſchien zuwei— len noch recht freundlich und warm. Aber oft traten auch Wolken vor, Licht und Schatten wechſelten und gaben der
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Landſchaft jenen wehmuͤthigen und verklarenden Schein, der dem Herbſte eigenthuͤmlich iſt. Man koͤnnte ſagen, es war ein ſolcher Herbſttag, der mit allen Zeichen der Hin. faͤlligkeit doch alle Guͤter des Sommers noch im Beſitze hat, und durch dieſen zweifachen Umſtand ſich zum goldnen Hochzeitsfeſte eines ſolchen Paars eignete, wie wir es nun begruͤßen wollten. Wir bewunderten das Gluͤck des alten Brautpaares, welches, wie es uͤberall einen ſtillen, natur- gemaͤßen Gang durchs Leben gethan, ſo auch von der Na— tur hinwiederum ſo uͤberraſchend beguͤnſtigt werde.
In dem Baumhofe über dem grünen Grasplatz hin kam uns der achtzigjaͤhrige Jubelbraͤutigam entgegen, eine hohe Geſtalt, groß und ſtark gebaut, mit viel Ausdruck von Kraft. In den Augen und um den Mund Zuͤge ſanfter Milde und jenes Friedens, der nur bey dem iſt, der ihn im Glauben an den Erloͤſer gefunden. Das Gebuͤckte und Gebogene, nebſt der Langſamkeit in der Bewegung gab dies ſer edeln Greiſesgeſtalt jenes Ehrwuͤrdige, das eben ſo ſehr anzieht, als entfernt haͤlt. Der ſchwarze Rock, den er trug, war fein und wohl erhalten, aber von ſehr veraltes tem Schnitt. Wir ahneten gleich und es wurde uns her— nach beftätigt, das ſey noch der Braͤutigamsrock von fünf zig Jahren her.
Er hieß uns mit jugendlicher Heiterkeit willkommen. Wir wuͤnſchten ihm zu dem ſeltenen Tage Gluͤck, und prie— ſen das Wohlbefinden, das ihm moͤglich gemacht, uns ent— gegen zu kommen. Das iſt einmal Pflicht des Braͤutigams, auch des achtzigjaͤhrigen, verſetzte er, den Gaͤſten entgegen zu gehen, beſonders wenn er die Braut ſchon im Hauſe hat. Kommt, fuhr er fort, ich will Euch zu ihr fuͤhren.
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Wir folgten ihm durch den Baumhof, der keinen Obſt— baum enthaͤlt, welchen er nicht ſelbſt gepflanzt und ver— edelt hatte, und außerdem nur einige ſtarke Eichen aus ur— alter Zeit. Er machte uns aufmerkſam auf einen Baum, den er vor fuͤnfzig Jahren in den bluͤhenden Braͤutigams— tagen, und auf fünf andere, die er in den Geburtsjahren
ſeiner Kinder gepflanzt hatte. Das ſind Brautkraͤnze, die
ſchon Fruͤchte getragen, ſagte er, indem er auf die Baum— reihen hinwies, und ſolche geziemen einem goldenen Hoch— zeitspaar.
Im Pfarrhauſe war alles geſcheuert und praͤchtig auf— geputzt. Vor der Thuͤr ſtand eine Ehrenpforte, mit vielen Inſchriften, welche die Jugend der Gemeinde in der Nacht aufgerichtet. Inwendig im Hauſe, an allen Thuͤren, Spie⸗ geln und Stuͤhlen prangten Herbſtblumen auf dem gruͤnen Grunde der Hoffnung. An den Waͤnden hingen die Bild— niſſe der Lehrer‘, die der Pfarrherr auf der hohen Schule gehoͤrt, und man erblickte manchen hochverehrten, aber nun laͤngſt verſtorbenen Gottesgelehrten. Zwiſchen ihnen hingen Bibelſpruͤche, die ſich bald auf den Grund des Chriſtenthums, bald aufs haͤusliche Leben bezogen, in Glas und Rahmen. Das alte, dauerhafte, aus einer laͤngſt vergangenen Zeit herſtammende, und die Merkmahle oͤfteren Gebrauchs an ſich tragende Hausgeraͤth war ſo ganz an ſeiner Stelle, daß es allgemein mit der Aufmerkſamkeit von den Gaͤſten betrachtet und behandelt wurde, die man ſonſt dem koſt— baren Erzeugniß des neueſten Kunſtfleiſſes widmet. Die großen Familientiſche ruheten auf ſo gewaltigen Saͤulen, daß fie dem Zahn vieler Jahrhunderte zu trotzen ſchienen.
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Die hochgepolſterten, mit rothem Sammet uͤberzogenen Stuͤhle ſchienen Andenken an die Feyertage laͤngſt verſtor— bener Geſchlechter, und die beiden großen Seſſel fuͤr das Brautpaar von ſtarkem Holze mit vielem kuͤnſtlichen Schnitz⸗ werk, wollten gleichſam heute noch gelobt werden, daß ſie dem Ehepaar in den Freuden und Leiden, in den muͤden und bequemen Stunden von fuͤnfzig Jahren treulich gedient.
Die alte Mutter, braͤutlich und doch ehrwuͤrdig ge: ſchmuͤckt, hatte die Holdſeligkeit ihrer jugendlichen Brautzeit noch nicht verloren. Mehr klein, als groß, vereinigte ſie in ihrer eigenthuͤmlichen Weiſe eine ungewoͤhnliche Zartheit der Empfindung mit viel Feuer und Beweglichkeit, und da heute ſich die innige, warme Muͤtterlichkeit, die über ihr ganzes Weſen ausgegoſſen war, mit braͤutlicher Anmuth verband, ſo ſchien ihr ganzes Weſen in einer wunderbaren Verklaͤrung.
Die Geſellſchaft war bald verſammelt. Sie beſtand aus den Kindern und Enkeln des ehrwuͤrdigen Pfarrhau— ſes, aus den angeſehenſten, auch meiſt alten Gliedern der Gemeinde, und den benachbarten Geiſtlichen. Unter den Kindern waren der Sohn und ein Schwiegerſohn ſelbſt Pfarrer, und ſollten heute das Amt der Rede verwalten. Die Gemeindeglieder, unter denen mancher wackere Mann, der mit Kraft dem alten Herrn in der Leitung der Ge⸗ meinde beygeſtanden, und von denen er die meiſten einge⸗ ſegnet, laß mit dem Bus if e mer die W en. den e und ihn der 2 a eine ge⸗ wiſſe, ſeyerliche Oeffentlichkeit und Vielſeitigkeit.
Es iſt ein ſchoͤner Gebrauch am goldenen Hochzeitfeſte, das Brautpaar noch einmal zu trauen. Iſt doch im che lichen Leben jedes ernſte und frohe Ereigniß eine ſolche wiederholte Trauung. Dem Eheſtand iſt in der heiligen Schrift die Ehre wiederfahren, daß er unzaͤhligemal als das Bild der Verbindung des Herrn mit der menſchlichen Seele genannt wird. Durch dieſe Auszeichnung iſt er uͤber alle anderen menſchlichen Verbindungen als die hoͤchſte her— vorgehoben, und wenn man dem Bilde weiter nachgeht, findet man mit jedem Schritte neues Zuſammentreffen. Um nur Eins zu erwaͤhnen, dieſe Verbindung, die zwiſchen Gott und Menſchen beſteht, muß ſie nicht mit jedem Tage in dem fehlſamen menſchlichen Herzen erneuert werden, und liegt nicht in der Natur des chriſtlichen Lebens, daß ſie zuweilen auf eine beſonders feyerliche und eindringliche Weiſe erneuert werden muͤſſe? Iſt es nun nicht ſchoͤn, wenn ſolche Erneuerung auch in dem Verhaͤltniſſe, das ein Bild von jenem iſt, Statt hat? Wenn das wahre eheliche Leben auch ein ſolcher Bund iſt, in welchem der Mann Herr heißt, und das Weib das Herz im Hauſe genannt werden muß, was mag denn angemeſſener ſeyn, als daß ein ſolcher Ehebund, wenn er ein halbes Jahrhundert un⸗ ter Gottes Segen, in viel Liebe und Einigkeit, durch viel Huͤlfe und Gebet, und durch immer naͤheres Anſchließen des Einen an den Andern fortgegangen iſt, nun auch feyer- lich am Altare des Herrn erneuert werde? Es iſt gewiſ⸗ ſer Maßen eine Trauung in Erinnerung, wie ſonſt in Hoffnung.
Wir gingen zur Kirche. Vorauf der Sohn und Schwiegerſohn in der Amtskleidung, weil ſie die Feyer lei—
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ten follten. Dann das ehrwuͤrdige Brautpaar, die Mutter an des Vaters Arme. Hierauf die uͤbrigen Kinder und die Enkel. Sodann die Knechte und Maͤgde, nach der ausdruͤcklichen Anordnung der Herrſchaft, die das Geſinde immer als Kinder betrachtet hatte, und die ſich auch wirk lich als zum Haufe gehörig anſahen. Endlich die Geiſt— lichen aus der Nachbarſchaft und die Gemeindeglieder, je zwey und zwey. |
Kaum waren wir aus dem Wiedemhof, als uns vom
Thurm ein feſtliches Gelaͤute entgegenſchallte. Eine Menge
von Menſchen ſchloß ſich dem Zuge an. Die Kirche war ſchon angefuͤllt, als wir hineintraten. Dem Brautpaare waren Seſſel vor den Altar hingeſtellt.
Zum Anfange wurde das bekaunte Loblied geſungen: „Nun danket alle Gott,“ und die Herzlichkeit, mit der es geſungen wurde, bewies, daß dieſes Feſt ein allgemeines, die ganze Gemeinde betreffendes ſey, und daß man an ihm wohl ein Lob- und Danklied ſingen duͤrfe, das ſonſt nur fuͤr Landes- und Gemeinde-Angelegenheiten beſtimmt iſt. Der alte Pfarrherr hatte viel Sorgfalt auf den Ges ſang gewandt, und mit Erſtaunen hoͤrten wir hier eine Gemeinde wie einen kunſtgeuͤbten Chor ſingen. Der Ge— ſang der Gemeinde wurde von der Tonkunſt, auch durch Glieder der Gemeinde, meiſterhaft begleitet.
Jetzt betrat der Schwiegerſohn die Kanzel. Seinen erſten Worten hoͤrte man die Ruͤhrung ſeines Herzens an, und dieſe Ruͤhrung zog ſich ſanft bewegend durch ſeine ganze Rede. In einem ſolchen Kreiſe von Zuhoͤrern ver— mied er es nicht, da er einige Worte uͤber das haͤusliche Gluͤck wahrer Chriſten geredet, und an Abraham und Sara,
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an Zacharias und Eliſabeth, an Joſeph und Maria erin— nert hatte, ſo fort ſich zu dieſem aͤcht und alt chriſtlichen Ehepaar zu wenden, und ſelbſt auf ſein eigenes haͤusliches Gluͤck mit der Tochter ſolcher Aeltern hinzudeuten, das ihm ja auch nur durch ihre Ehe, und die Gottſeligkeit, wo— mit ſie gefuͤhrt worden, geſchenkt ſey. Die ganze Ver— ſammlung fuͤhlte, daß hier jemand uͤber haͤusliches Gluͤck rede, der es aus Erfahrung kenne, und dem es durch Chriſti Geiſt geworden. Dann zeigte er, wie die eheliche Liebe nach den drey Lebenszeiten, worein ſie faͤllt, eine drey— fache Geſtalt empfange, und Theil nehme an dem Feuer der Jugend, an der Arbeit der maͤnnlichen Jahre, und an der Ruhe des Alters. Zuerſt ſchilderte er das eheliche Gluͤck in ſeinem Anfange, wie es ſelten mit Gott begon— nen werde, aber ſtets mit ihm begonnen werden ſolle, wie es dadurch eine Weihe, einen Frieden, eine Innigkeit und Treue empfange, die man ſonſt wohl erſehne, aber nicht beſitze. Er beendigte die fromme und doch ſo feurige Schilderung mit der Bemerkung, daß man der Hochzeit, bey welcher dieſer erſte Abſchnitt des ehelichen Lebens eingeſegnet wird, im gemeinen Leben keinen beſondern Namen beygelegt habe, da fie ja nur der Anfang ſey, und noch nicht beſtimmt werden koͤnne, wie es ſich weiter ent— wickeln werde. Nun kam er auf die Zeit der Bewaͤhrung, wo die Gatten ſich ſchon ein Vierteljahrhundert geliebt ha— ben, wo die Kinder hinanwachſen, wo Sorge und Arbeit in Fuͤlle das Aelternpaar umgeben, wo des Geraͤuſches und der Unruhe viel im Haufe iſt, und das Beduͤrfniß, in guten und boͤſen Tagen ſich ſtuͤndlich aufs neue vor dem Herrn an einander zu ſchließen, immer lebhafter gefuͤhlt
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wird, und wo ſich in jeder Hinſicht kund gibt, daß der Eheſtand ein Huͤlfsmittel gemeinſchaftlicher Heiligung ſey. Wenn dieſe Zeit in einem Feſte gefeyert wird, fo mag mau es mit Recht die ſilberne Hochzeit nennen, ſagte er, denn es iſt der Silberblick des Lebens, den dieſe fromme Liebe unter fo viel Arbeit und Mühe gibt. Aber wie fol ich endlich, fuhr er fort, die ehrwuͤrdigſte Zeit des ehelichen Lebens ſchildern, in der man die goldene Hochzeit feyert? Die Kinder find erwachſen, und haben wieder Kinder; fie bil⸗ den ihren eigenen Haushalt, und im Hauſe der Alten iſt es ſtill und wieder ruhig, wie am Aufange, und doch iſt es nicht wie im Anfange. Die Jugend iſt verſchwunden. Das Alter mit feiner Ruhe und Bedaͤchtigkeit iſt gekommen. Das Herz iſt der Welt geſtorben, und lebt nur noch den Seinigen. Das iſt eine erhabene Zeit, und du Gemeinde, wir Kinder, ſehen ihren Segen an dieſem ehrwuͤrdigen Paare. Da heißt mit dem größten Rechte das Feſt der ehelichen Liebe die goldene Hochzeit. Das Gold bedeutet im Allgemeinen das Koͤſtlichſte und Dauerndſte, und iſt insbeſondere das Bild der Weisheit, der Liebe, und des Glaubens, wie es denn auf die Sonne hinweiſt. Bey den Alten iſt Weisheit. Ein Ehepaar, das die Erfahrung eines halben Jahrhunderts gemeinſchaftlich aufgenommen und verarbeitet; das geſehen, wie der Suͤnder endet und wie
er Gerechte; das in vielen Kindern das menſchliche Le— ben von neuem durchgelebt, und an ſich ſelbſt das Wort Gottes in Geiſt und Wahrheit erfahren hat: das muß reich ſeyn am Golde der Weisheit. Aber wie der Sonnen— ſtrahl nicht kaltes Licht, ſondern Waͤrme und Feuer gibt, ſo wird auch die Weisheit eines ſolchen Paars getragen,
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veredelt und geweiht durch Liebe. Eine Liebe, die in fünf Jahrzehnten nicht erkaltete, die unter ſo vielen aͤußeren Abwechſelungen nur wuchs und zunahm, die erneut aus ſo vielem, was ringsumher unterging, immer wieder hervor— kam, die durch das Band gemeinſchaftlicher Erinnerungen aus dem aͤußeren und dem innerſten Leben in dem Ge— liebten einen unerſetzlichen Gegenſtand hat, — das iſt Gold der Liebe. Doch dieſe Verbindung von Weisheit und Liebe hat ihren Grund im Glauben. Was dieſe Weisheit zur wahren Weisheit, und dieſe Liebe zur wahren Liebe macht, das iſt der Glaube. Des Glaubens Sinnbild in der heiligen Schrift i das Gold. In dieſem evangeliſchen Glauben ruht die Weisheit, bey der nicht viel Graͤmens iſt, auf der Gewißheit der Erloͤſung, und gruͤndet ſich die Liebe auf die vaͤterliche Gnade des Herrn; und in dieſem Glauben hat ein ſolcher Bund die Verheiſſung, daß er un— aufloͤslich, uͤber alle Gewalt der Zeit erhaben, eine Verbins dung der Seelen fuͤr die Ewigkeit iſt. Hier hielt der Red— ner inne, und vermochte nur noch die ganze Rede in dem goͤttlichen Worte zuſammen zu faſſen, das ihr zum Grunde lag: „Der Allmaͤchtige wird dein Gold ſeyn.“
Man ſahe, er wollte noch viel ſagen, allein er ver— mochte es nicht. Es wurde darauf geſungen der alte Vers:
Die längſt vermählten Beyde, Die Du erſt Dein genannt, Und dann zu Freud und Leide Vereint mit eigner Hand; Die wollen vor Dich treten, In gleicher Harmonie Zu danken und zu beten. O Pater, höre fie! Glockentoͤne. te Aufl. 8
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Die Alten ſtanden von ihrem Seſſel auf. Alle Kits der und Kindeskinder bildeten einen Kreis um ſie herum. Die Gemeinde erhob ſich. Der Sohn trat vor den Altar.
Er begann mit einem kurzen, feyerlichen Gebete. Dann rief er die Gemeinde auf, mit dem ehrwuͤrdigen Paare dem Herrn für ſeine fuͤnfzigjaͤhrigen Bewahrungen und Wohlthaten zu danken, ihn zu loben fuͤr dieſe Stunde, und ihn um ferneren Segen zu bitten. Er ſprach darauf den ganzen herrlichen Pſalm, der das haͤusliche Gluͤck ei— nes Mannes beſchreibt, der den Herrn fuͤrchtet und auf ſeinen Wegen geht. Als er an die Stelle kam: Siehe, ſo wird geſegnet der Mann, der den Herrn fürchtet — beugte ſich der Greis, überwältigt von Ruͤhrung. Der unvers gleichliche Schluß: Du ſieheſt deiner Kinder Kinder, Friede über Iſrael! bildete dann den Uebergang zu der jetzigen Feyerlichkeit. Er gedachte einiger beſonders traurigen und frohen Vorfaͤlle in dem Leben der Alten, und brachte dem ehrwuͤrdigen Paare den Dank der Gemeinde und ihrer Kin— der und Enkel. Er bemerkte, wie keiner von den jetzt An— weſenden ihre erſte Hochzeit einſt mit gefeyert habe, und wie alle, die damals betend und Gluͤck wuͤnſchend, zugegen geweſen, ſchon geſtorben ſeyen, und wie ſo dieſe beyden Feſte in zwey durchaus verſchiedene Geſchlechter der Men— ſchen fielen. Als er nun der Einſegnung nahe war, aͤuſ— ſerte er, wie gluͤcklich er ſich fühle, daß er als Sohn die Aeltern auf der goldnen Hochzeit amtlich einſegnen ſolle, da bey der erſten Hochzeit ſein Großvater, ihr Vater, die Kinder amtlich eingeſegnet habe. Er redete noch viel von dem verklaͤrten Großvater und als er nun des Heern Se— gen uͤber ſie ausſprechen und ſeine Hand auf die vereinten
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Hände des Vaters und der Mutter legen wollte, trat auch der Schwiegerſohn hinzu, und unwillkuͤhrlich folgten alle ſieben anweſenden Geiſtlichen, und ſo unter neunfacher Handauflegung, unter allgemeinen Thraͤnen und Gebeten, fegnete mit ſtammelnden Worten der Sohn die Aeltern.
Zum Schluß wurde geſungen:
* Dieſer von dem Herrn beglückter Von ihm oft freundlich angeblickter Vor fünfzig Jahr geknüpfter Bund, Hat Dein Schaffen und Erlöfen, Das ſtets der Ehe Troſt geweſen, Zum feſten und bewährten Grund. Du warſt in Freud und Leid, Herr, ihre Seligkeit! Hallelujah!
e Herr, fegne Du,
. Erhalte Du,
Dieß Elternpaar, dies Prieſterpaar!
Einiger ſtillen Augenblicke bedurfte die Verſammlung, nachdem die Feyer mit dem allgemeinen Segen beſchloſſen war. Nun umarmten ſich die ehrwuͤrdigen Alten vor dem Altare des Herrn, als wollte Eins das Andere ihm zum Opfer bringen. Die Kinder und Kindeskinder legten ſich ſchluchzend an das Herz der theuern Aeltern, und die Vaͤter und Muͤtter der Gemeinde draͤngten ſich hinzu. Die meiſten waren von dem Pfarrherrn getauft, und hatten in allen feſtlichen Zeiten ihres Lebens immer nur ihn ſegnend, weihend und belehrend geſehen. Alle kamen mit naſſen Augen und nur wenige vermochten ihm zu danken fuͤr alles, was er ihnen im Geiſtigen und Leiblichen geweſen. Zuletzt erſchienen in foͤrmlicher Ordnung die Geiſtlichen der
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Nachbarſchaft, und uͤberreichten ihm ein feyerliches Gluͤck— wuͤnſchungsſchreiben der Landes-Geiſtlichkeit, der er durch Rath und Muſter, und in allen Ehrenaͤmtern gedient hatte. Sie nannten ihn mit ſeiner Familie und der Gemeinde nur den Vater.
Der Zug ging unter dem Gelaͤute in den Wiedemhof zuruͤck, und die Gemeinde hatte von der Kirche bis zum Pfarrhauſe eine lange Doppelreihe gebildet, wo von un⸗ zaͤhligen Lippen die Segenswuͤnſche dem durchziehenden Paare wiederholt wurden. Als die Mutter uͤber die Schwelle trat, uͤber die ſie einſt vor fuͤnfzig Jahren als Braut in ihres Braͤutigams Haus gezogen, war es, als wenn alle jene früheren Gefühle in ihrem Herzen in alter Staͤrke erwachten. Sie ſchluchzte und bebte, und mußte hineinge⸗ hoben werden.
Daheim wurde das Paar auf alle Weiſe beſchenkt. Die Toͤchter beſchenkten den Vater mit einem neuen Haus— kleide, um dadurch anzudeuten, daß ſie hofften, er werde es noch durch viele Jahre gebrauchen. Die Soͤhne be— ſchenkten die Mutter mit einem bequemen Seſſel, um darin von allen Anſtrengungen der Erziehung auszuruhen. Die Maͤgde hatten einen koͤſtlichen Strauß Herbſtblumen zuſam— mengeſucht, und die Knechte brachten das koͤſtlichſte Obſt von den vom Hausherrn ſelbſt gepflanzten Baͤumen. Die Aelteſten der Gemeinde baten ihren Seelſorger, in die Hausthuͤr zu treten, wo einige junge Leute mit einem ſtatt⸗ lichen Roſſe hielten. Auch ſie hatten nur den Wunſch, daß ihr lieber Pfarrherr nach Gottes Willen noch recht lange auf demſelben die Gemeinde beſuchen moͤge. Von den Gedichten und Angebinden der Enkel, und den Ge—
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ſchenken der Hausfrauen aus der Gemeinde wäre noch manches zu erzaͤhlen.
Das ehrwuͤrdige Brautpaar mußte feine Seſſel einneh—⸗ men und die Feſtleute ſetzten ſich nach der Reihe die lan⸗ gen Tiſche herab. Oben an ſaß das ehrwuͤrdige Paar — noch Brautpaar, obwohl Kinder und Enkel ſie umgaben, und haͤtte man ihre Zaͤrtlichkeit heute und vor fuͤnfzig Jahren vergleichen koͤnnen, ſo wuͤrde man die heutige nicht ge— ringer und kaͤlter, aber wohl inniger und tiefer gefunden haben. Sahen ſie doch in ihren Kindern nichts als den Wiederſchein ihres eigenen, gemeinſamen Lebens, und ſtellte ihnen doch jedes ihr aus zwey Gemuͤthern ſo gluͤcklich ver⸗ eintes gemeinſchaftliches Gemuͤth, nur von einer andern Seite, dar. Denn das ſcheint bei wahren, das heißt gluͤck⸗ lichen, Ehen immer der Fall zu ſeyn. Jedes Kind traͤgt auf irgend eine Weiſe die Eigenthuͤmlichkeit des Vaters, und auf eine andere die der Mutter. In Ehen, wo kein gemeinſchaftliches Gemuͤth — wenn man es ſo nennen darf — Statt findet, ſondern jeder, einige Augenblicke der erwachenden Liebe ausgenommen, fuͤr ſich fein eigenes Le; ben fuͤhrt, zeigen die Kinder gewoͤhnlich die Art und Unart bald des Vaters, bald der Mutter in einem hervorſtechen⸗ den Grade. In Ehen, wo wahre Liebe beyde vereint, und die Eigenthuͤmlichkeit des einen Gatten durch die des an— dern gemildert und veredelt wird, und zumal in Ehen, wo durch Glaube, der das Allgemeinſte, und doch wieder das Beſonderſte in allen menſchlichen Herzen iſt, dieſe Einheit hervorgebracht und erhalten wird, pflegen die Kinder in ihrer Gemuͤthsart dieſes gemeinſchaftliche Leben, aber frey⸗ lich immer von einer beſondern Seite, darzuſtellen.
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Als ein anweſender Geiftlicher dieſen Gedanken Aufs ſerte, verſuchte der Vater in ſeiner heitern Laune ihn gleich anzuwenden. Das wuͤrde ja ein rechter goldner Hochzeits— gedanke ſeyn, meinte er, wie ja uͤberhaupt die Gedanken und Betrachtungen bey ihr Erinnerungen deſſen waren, wovon man auf der erſten Hochzeit nur Hoffnung habe. Wohlan, fuhr er fort, ſo will ich an meinem Erſtgebornen anfangen, und an jedem meiner Kinder unſer, Gottlob, gemeinſchaftliches Leben von einer beſondern Seite auf⸗ ſuchen. Er verſuchte es mit viel Geiſt, doch ſo ganz in Braͤutigams Art, daß er ſelbſt dabey ſehr zu kurz kam, aber die Mutter in deſto helleres Licht geſetzt wurde. Dieſe hatte ſo viel Einwendungen zu machen, und machte ſie mit ſo viel Demuth, Beſchaͤmtheit und Hingabe, daß der Vater, tief geruͤhrt, mit jugendlicher Innigkeit das im Alter noch holde Weib in ſeine Arme nahm, und ſeine Thraͤne an ihrem Herzen verbarg.
Da ſaß das ergraute, und doch noch ſo innig liebende Paar, und hielt mit den bald ſterbenden Armen ſich um⸗ ſchlungen. Es liegt immer etwas ſehr Ruͤhrendes in dem Anblicke alter Menſchen, die in dem, was nie veralten, und immer ſeine himmliſche Abkunft zeigen ſollte, noch jung ſind. Aber ſolche innige Liebe in Greiſen hat etwas Ueberwaͤltigendes. Das fuͤhlte die Geſellſchaft, und keiner wagte zu ſprechen.
Indeß ſuchte der Vater ſich bald wieder in ſein wuͤr⸗ diges und heiteres Gleichgewicht zu bringen, und fuͤllte einen großen, mit vielen Namen beſchriebenen, Familien: kelch. Er reichte ihn der Mutter, und ſagte: nun, trink zum letzten Male daraus, Großmutter, heute geht er aus
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unfern Händen. Die Mutter nippte fehr bewegt. Darauf nahm er ihn und ſagte: Dank meinem gnaͤdigen Gott fuͤr ſo manche frohe und troſtreiche Stunde, von der dieſer Kelch Zeuge geweſen! Es war ein Familienkelch von Sil— ber, der ſchon ſeit Jahrhunderten von Vater auf Sohn vererbt war, und an den jeder folgende ſeinen Namen und die Glieder ſeiner Familie hatte einſchreiben laſſen, ſo daß er eine vollſtaͤndige Stammtafel enthielt. Der Va⸗ ter trank. Nun nimm du ihn, mein Erſtgeborner, ſprach er zum Sohne. Wie mein feliger Vater ihn mir reichte an meinem Hochzeitstage, ſo reich' ich ihn dir an meinem goldnen Hochzeitstage, und ſo reich ihn, will's Gott, wie⸗ der deinem Sohne. Aus eines gottſeligen Mannes Hand kam er in die meinige. Der war ein Lehrer des Volks, und leuchtet nun ſchon, wie des Himmels Glanz, nach der Verheiſſung. Ich und du find auch Diener des Worts. Gott gebe in Gnaden, daß wir dermaleinſt nicht dunkel ſeyn moͤgen!
Man erkundigte ſich naͤher nach dem Kelche, und be⸗ ſah ihn. Der Wein perlte wie Gold in der ſilbernen Schale. Dieſer Kelch, fuhr er fort, hat alle Schickſale un⸗ ſerer Familie getheilt und jeder hat ihn wie das theuerſte Kleinod bewahrt. Auch an meines Lebens Schickſal hat er vielfach Theil nehmen muͤſſen. Seit dem Tage, daß ich ihn von meinem Vater empfing, hat des Seligen Hand mich nie wieder beruͤhrt, als um mich zum letzten Male zu ſegnen. Sein Tod verwandelte unſere erſten Ehemo⸗ nate in Trauermonate. Das war das erſte Leid, das wir zuſammen theilten, Mutter, und da erſt lernte ich deinen Werth kennen. Ferner, lieben Freunde, dieſer Kelch war
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auf allen Tauffeſten meiner Kinder. Auch am Abende nach der Confirmation ging er in unſerm haͤuslichen Kreiſe herum. Nicht wahr, das war ein himmliſcher Tag, So— phie? rief er der Tochter zu. An dem Tage wurdeſt du auch mein geiſtliches Kind. Doch weiter, aus der Aſche unſerer alten Kirche habe ich ihn errettet, als ich ihn bey gefaͤhrlicher Kriegszeit in dem Kirchenſchatze verborgen, und der Blitz in unſern Tempel ſchlug, den wir nun mit vie⸗ ler Muͤhe wieder aufgebaut. Bey deiner Hochzeit, lieber Sohn, war er vor dem eindringenden Feinde gefluͤchtet, und ich konnte dir ihn damals nicht uͤbergeben. Indeß bey Eurer Hochzeit, er wandte ſich zum Schwiegerſohn und deſſen Frau, und auf der ſilbernen Hochzeit hat er ſein Amt redlich verſehen, und heute geht er aus meiner Hand. Bleibe immer in eines redlichen Mannes Hand, du lieber Vaͤterkelch, rief er mit erhöhter Stimme aus, in eines Mannes Hand, der ein Freund Gottes und der Menſchen, und wenn es Gott gefaͤllt, auch ein Diener des Worts iſt!
Der Sohn blickte den Vater und den Enkel an, er trat mit dieſem vor den ehrwuͤrdigen Greis, und ſprach hoͤchſt bewegt ein Geluͤbde aus.
Daß ich Eins nicht vergeſſe! rief der Vater ihm zu, wißt, Eure Mutter lag einmal am Tode, und da habe ich ihr das Abendmahl daraus gereicht. Das iſt ſeine hoͤchſte Weihe. Ein Kelch, der den hochheiligen Trank umſchloſſen hat, iſt ein wahrhaft geweihtes Geräth.
Er wurde ſtill, und alle ſchwiegen. Hört, iſts moͤg⸗ lich, und kommt mein, oder der Mutter letztes Stuͤndlein, ſo reicht uns den Himmelstrank noch einmal daraus.
Nach einer zweyten Pauſe begann er: Ey, warum habt ihr beyden Redner, auch dieſes Stuͤndleins uns alte Leute nicht erinnert? Es iſt ja Abend, und da ſoll man es ſich nicht verhehlen wollen, daß die Sonne untergeht. Sey nicht traurig, Mutter, und ihr uͤbrigen, die Sonne ſcheint uns in einem ſchoͤnen Abendrothe, und ginge ſie uns auch heute fuͤr immer unter, ſo weißt Du, daß es uns ei— nen noch ſchoͤneren Morgen verkuͤndigt. Uebrigens haͤttet ihr dieſen Morgen noch ſagen koͤnnen, fuhr er dann wie— der in ſeiner heitern Weiſe fort, daß die erſte Hochzeit dem Sonnenaufgange gleicht. Da gibts ein Morgenroth; und es waͤre der erſten Hochzeit mehr ihr Recht geworden, als wirklich geſchehen, denn ich denke an ſie immer noch mit Dank, und dieſen Morgen iſt ihr zu wenig Ehre an— gethan. Aber ſo macht ihr es, ihr Redner! Nun die Sonne am Mittage mit ihrem ſilbernen Licht iſt ſo recht Bild der ſilbernen Hochzeit. Die goldene laßt dann immer das Abendroth ſeyn.
Ploͤtzlich erſcholl ein vierſtimmiger Geſang unter dem Fenſter. Die ganze Jugend der Gemeinde hatte ſich in ihren Sonntagskleidern ſtill um den Saal geſtellt, und einen herzlichen, einfachen Ehrengeſang auf ihren alten Vater begonnen. Man hoͤrte ihn bis zu Ende. Dann ging die ganze Geſellſchaft zu ihnen ins Freye, und der Vater ſtand unter ihnen, wie unter ſeinen Kindern. Er nannte alle mit dem väterlichen Du, ſelbſt die Erwachſe⸗ nen, die ſich unter ſie gemengt, und ſagte ihnen einige warm aus dem Herzen quillenden Worte. Wir ergingen uns mit ihnen unter den Eichen, und den vom Pfarr— herrn ſelbſt gepflanzten Obſtbaͤumen, an denen ſo manche
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Erinnerungen ſich fortpflanzten. Nach und nach war das ganze Dorf im Baumhofe. Aus den Reden der Gemeins deglieder ſah man, was ein fuͤnfzigjaͤhriges treues Wirken fürs Chriſtenthum in einer ganzen Menge von Menſchen ausrichtet. Endlich kam wirklich ein ſchoͤnes Abendroth. Die Abendglocken laͤuteten im Dorfe. Alle Maͤnner ent⸗ bloͤßten ihr Haupt. Denn es war hier noch die alte Sitte, beym Morgen- und Abendgelaͤute zu beten. In demſelben Augenblicke vereinen ſich alle zum Gebete, der Ackerer am Pfluge, und die Ausfrau am Heerde, alle Arbeit ruht, und das ganze Dorf und ſeine Felder werden zu einem großen Gotteshauſe. Der Greis nahm feine ſammtne Muͤtze ab, und dankte feinem lieben Gott für dieſen Eh- rentag. Alle drängten ſich um ihn her. Er redete zu dem Herrn von ſeinem ganzen Leben. Mit jedem Augenblick ſtroͤmten ihm die Gedanken reichlicher zu. Er vergaß alles Aeußere, und ſprach nur mit ſeinem Herrn. Ihm uͤbergab er Leibes Leben, und der Seele Heimfahrt, die treue Ges faͤhrtin feiner Tage, die Kinder, die Gemeinde, das Pfarr; haus, und ſchloß mit der glaͤubigen Hoffnung eines ſeligen Scheidens.
Wir alle ſtanden da, wie der Erde entruͤckt. Es wurde dunkel. Als wir Abſchied nahmen, ſprach er: Ja, Freunde, eine Ehe mit Gott angefangen, mit ihm fortge— ſetzt, iſt ein Himmel auf Erden. Das iſt der 128. Pſalm. Gott gebe es euch allen!
Es wurde uns ſchwer, zu ſcheiden.
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Die Mitteruacht.
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Den Tag uͤber war ich faſt in allen Geſchaͤften des Berufs thaͤtig geweſen. Zu der ganzen Gemeinde hatte ich in voller Verſammlung geredet; ich hatte getauft, ge— traut, Kranke getroͤſtet und Kinder gelehret. Wenn die Gegenwart uns eine ſolche Fuͤlle biethet, ſo uͤberwaͤltigt ſie das Gemuͤth. Wie ſehnt man ſich am Abende nach Bil dern aus einer andern Welt! Wie ich zu thun pflege, hatte ich auch dieß Mal, als ich am ſtillen Abende daheim auf meiner Buͤcherſtube angelangt war, meine Erholung in der alten anfaͤnglichen Zeit der Kirche geſucht. Wenn ein Pfarrer Abends nach ſolchen Tagen und in ſolcher Ermuͤdung von der Gegenwart und dem eigenen Wirken, einen Kirchenvater vor ſich legt und die Geſinnungen und Thaten der Glaubenshelden jener Zeit lieſt: ſo wird eine heilſame Beſchaͤmung uͤber ſein Thun und Wirken die Ta⸗ gesarbeit beſchließen, allein bald werden auch ſeine Seele die Zuͤge von Tiefe und Kraft erheben, welche damals die Kirche bauten und hernach in wilden Stuͤrmen erhielten. So koͤnnte der Geiſtliche einem Baume gleichen, der ſeine Zweige durſtend nach dem Lichte der ewigen Sonne gen Himmel ausſtreckt, und ſeine Wurzeln tief in die alte beſſere Zeit der Kirche, in die Tage ihrer erſten Liebe hinablaͤßt. Wie waͤre es moͤglich, daß er dieſe Lieder betrachtet, welche
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ganze Wallfahrten in ihrem Zuge vor Erſtaunen und Ruͤh⸗ rung zum Stehen brachten; dieſe Reden, vor einer Menge von zehntauſend Menſchen geſprochen, die hingeriſſen von der Gewalt des Worts an ihre Bruſt ſchlugen und Stroͤme von Thraͤnen vergoßen; oder dieſe Briefe, in ſchmaͤhlicher Verbannung und der Naͤhe der Scheiterhaufen geſchrieben; oder dieſe Begebenheiten, die uns zu wunderbar duͤnken, weil wir den Glauben nicht mehr haben, aus dem fie her⸗ vorgingen — wie koͤnnte er das Alles betrachten, ohne an Demuth und Begeiſterung fuͤr dieſes Amt zu wachſen? Die Mitternacht kam herbey. Immer bringt ſie eine eigene Stimmung mit, aber vorzuͤglich unter ſolchen Betrachtungen. Die Ruhe und Stille auf Erden, das Erbleichen der Farben, das Kuͤhne und Ungeheure der in einander laufenden Geſtalten, das Erhabene in dem Anblick, daß der Himmel voll Sternenlicht iſt, indeß die Erde voll Finſterniß, verſetzen uns in eine Lage des Gemuͤths, in der man mehr wie ſonſt, ſich geneigt findet, die groͤßten Gegenſaͤtze, Vergangenheit und Ge— genwart, Leben und Tod, Himmel und Erde zu umfaſ— ſen. Ich möchte behaupten, zum Leben eines Pfarrers ger hoͤre es, zuweilen eine Mitternacht im Umgange mit den alten Vaͤtern der Kirche zu feyern, und ſo von Natur und Geſchichte jene Groͤße und Erhabenheit der Geſinnung zu lernen, deren er ſtuͤndlich bedarf. Iſt er doch damit zus gleich in einer hoͤhern Gemeinſchaft. Der Tag hat ihn zu Menſchen geführt, und die Nacht führt ihn zu hoͤhern Geiz ſtern. Am Tage hat er feine Brüder nach obenhin gewie⸗ ſen, und in der Nacht wollen ſeine vollendeten Bruͤder von oben her ihn ſtaͤrken. Das iſt ja auch recht geiſtlich, und
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bildet in feinem Herzen den Uebergang aus der ſichtbaren in die unſichtbare Welt, und vereinigt zugleich in ſeinem Leben die freyeſte Oeffentlichkeit und die entſcheidenſte Ein⸗ gezogenheit.
Etwas davon empfand ich in dieſer Stunde. Alter: thum, Mitternacht, Prieſterſchaft verbanden ſich, meinem Geiſte den Schwung zu geben, der als die Bluͤthe des geiſtlichen Lebens angeſehen werden kann. Nach ſo vieler Tagesarbeit ward ich friſch und munter, wie am Morgen; der Wechſel der Zeiten war mir entſchwunden; meine Seele wandelte unter den erſten Chriſten und den ehrwuͤrdigen Vaͤtern der Kirche. Eben betrachtete ich die großartige Jugend eines der beſten und die Art, wie er ſich durch ſie zu dem kuͤnftigen Berufe habe vorbereiten muͤſſen. Mein Inneres war ergriffen, und meine ganze Seele ſtaunte. Ich konnte nicht weiter leſen. Viele Reihen von Gedan⸗ ken ſtroͤmten aus jeder Bemerkung. Ich hielt inne und verſank in Nachdenken. Es waren ſegensvolle Augenblicke. Als ich endlich aufſah, fiel mein Blick auf die Bildniſſe meiner Vorgaͤnger, die ſeit einem Jahrhundert an der Ge⸗ meinde gewirkt. Eine edle Familie hatte fie in einer ſchoͤ⸗ nen, dankbaren Liebe geſammelt, und mit feinem Gefuͤhle dem Pfarrhauſe geſchenkt. Ich liebe dieſe Geſellſchaft und hatte die Bildniſſe in meiner Arbeitsſtube aufhaͤngen laſſen. Da reden ſie in mancher Stunde gar kraͤftig zu mir, und die alten vielfach bewaͤhrten Vorgaͤnger lehren zu jeder Zeit, was dem jungen Nachfolger fehlt. Jetzt erinnert der ſanfte Blick des einen mich an Ergebung, dann das Adler⸗ auge des andern an Muth. Heute weckt die feurige Lippe des dritten meine Traͤgheit auf und morgen ermahnt mich
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die ruhige Beſonnenheit des vierten an das Maaß in allen Dingen. Dann fallen mir die Geſchichten ihres Lebens, die entſcheidenden Tage, wo ſie ſich bewaͤhrten, und die Sagen von dieſem und jenem Ereigniſſe aus ihrer Amts führung ein, und ſo iſt ein gewiſſes vertrauliches Verhaͤlt— niß zwiſchen den Bildern und mir entſtanden, daß ich einſt mit den Maͤnnern ſelbſt fortzuſetzen hoffe.
Als ich in jener Stimmung ſie unwillkuͤrlich anſahe, zog es mich ſo maͤchtig zu ihnen hin, daß ich aufſtand und vor ſie trat. Was ſie mir ſagten, paßte ſehr wohl zu den Betrachtungen, die meine Seele beſchaͤftigten. Die eigent- liche kirchliche Vorzeit iſt doch fuͤr jeden die, welche gerade die Gemeinde und Gegend erlebt hat, in der er lebet. An ihr wird die Erkenntniß lebendig und ihr Licht ſtrahlt auf die ganze übrige Geſchichte der Kirche, wie auf einen Hinz tergrund.
Die Bildniſſe waren zufaͤllig ſo geſtellt, daß ſie dem Fenſter gegenuͤber, auf den Kirchhof blickten. Der helle Mondſchein drauſſen brachte mich zu dieſer Bemerkung. Ach, dachte ich, dort ruhen ſie ſchon ſo lange, die hinfaͤl— lige Hölle ſchlaͤft den feſten Schlaf im Grabe: aber hier blicken, reden ſie noch wie vormals in den Tagen ihrer Kraft. Das Vergaͤngliche iſt zuſammen gefallen, aber das Unvergaͤngliche lebt noch fort und nicht bloß im Bilde, ſondern auch in der That. Da das Mondlicht immer hel— ler herein ſchien, ſo blickte ich auf die Graͤber hinaus. Zu dieſen Graͤbern, dachte ich weiter, iſt noch mancher von den Tauſenden gegangen, die Euch liebten, und denen ihr nuͤtzlich geweſen, und hat Euern Hintritt beweint. Ich muß auch hin an Eure Gräber, und die gute Zeit beweis
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nen, die Ihr mit in Euer Grab genommen und Euch ſeg— nen, daß Ihr ſie aufrecht erhalten!
Ich verließ das Zimmer und ging binab auf den Kirchhof. Es iſt der alte Kirchhof. Ein Jahrhundert hin⸗ durch haben die Geſtorbenen in der Gemeinde hier ihre Ruheſtaͤtte gefunden; aber als die Menge ihrer Glieder anwuchs, hat man einen neuen angelegt. Jetzt wird ſeit Jahren auf ihm kein Grab mehr gemacht; aber die Pay- peln wehen noch an feinen Gängen, die Leichenſteine ra⸗ gen noch herauf und die erhoͤhten Grabhuͤgel zeigen, wo die Leichen liegen. Ein Kirchhof iſt an ſich ein Denkmal der Vergangenheit, aber ein alter, nicht mehr gebrauchter Kirchhof iſt ein zwiefaches Denkmal der Vergangenheit.
In einer eigenen Bewegung ging ich den breiten Gang hinauf, der ſo manchen Leichenzug zum Gottesacker gefuͤhrt. Mich duͤnkte oft, ich traͤte in die Fußſtapfen der Trauernden. Es war eine laue Sommernacht. Die Sterne blickten mild herab. Der Mond ſchien auf die Lei⸗ chenſteine, die einen langen, ſchwarzen Schatten hinter ſich warfen. Todesſtille herrſchte auf dem Gottesacker. Aus der ſchlafenden Stadt kam kein Laut herauf, als nur der ernſte Schlag der Mitternachtsſtunde von dem weit ent- fernten Kirchthurme.
Bey den Graͤbern der Kinder ſind die Graͤber der Pfarrherren, nahe an der Mauer, wo die Pappeln ſtehen. Zu Kindern wollten ſie die Erwachſenen ziehen, naͤmlich zu Kindern Gottes und kindliches Weſen war das Abzei— chen ihres Amtes: darum wurden ihre Leichen zu den Leich⸗ namen der jungen Himmelserben gelegt, die in ihrer Un— ſchuld ſtarben. Der Bezirk auf einem Kirchhofe, wo die
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Kinder begraben werden, iſt der heiligſte. Durch die Taufe geweiht, iſt ihr Leben noch nicht befleckt geweſen, wie das der Erwachſenen. Sie ſind leichten Todes, ohne Kampf mit der Welt, und ohne Unruhe des Gewiſſens geſtorben. Sie haben gelebt und nur geliebt; fie haben ſich viel ges freut und wenig getrauert. Ihre Engel ſahen allezeit das Angeſicht ihres Vaters im Himmel und als ſie heimgehen ſollten, und die zarteſten Engel geſandt wurden, fie abzu- holen, haben ſie hoͤchſtens mit einem dankbaren letzten Blick auf die Mutter Abſchied von der Welt genommen und ſind gewiß in ewige Freude eingegangen. Da ruht nun der zarte, unentweihte Koͤrper. Mutterthraͤnen ſind auf die Grabſtaͤtte gefallen und die reinſte, treueſte Liebe hat auf ihr getrauert und ſich troͤſten laſſen.
Wie freute es mich, daß gerade hier die Hirten der Gemeinde ſchliefen. Fuͤnf Pfarrer, das wußte ich, ſind hier begraben. In ihrem Leben folgten ſie ſich einander, im Tode find fie vereint. An ihrem Wirken lief ein gan- zes Jahrhundert ab. Der Juͤngling kam in die Aernte des Greiſes, und ſchnitt, wo er nicht geſaͤet hatte und was er ſaͤete, das aͤrntete wieder ein anderer. Die Männer und Frauen, die der Vorgaͤnger getauft und eingeſegnet hatte, belehrte, ermunterte der Nachfolger und bereitete ſie zum Tode; und die Kinder, die dieſer in den Schoß der chriſt— lichen Kirche fuͤhrte, gab er ſterbend in die Sorge eines meiſt noch unbekannten Dritten ab und hoffte, daß der- ſelbe auch pflegen und fortfuͤhren werde ſein Werk, wie er ſeines Vorgaͤngers Werk. Es war ein Band zwiſchen ihnen, wie zwiſchen Vater und Sohn, und ſie gehoͤrten ſich in ihrem Leben und Wirken ſo nahe an, daß ſie billig im Tode nicht getrennt wurden.
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Wie im Leben, ſo im Tode, iſt auch die Gemeinde um ſie her. Herrlicher Gedanke, was im Leben das Beſte, allein Werthe iſt, Liebe und Treue, das geht auch im Tode nicht unter! Vielleicht — ſo dachte ich und ein froͤhlicher Schauder ergriff mich — vielleicht begegnet ſo gar in die— ſem Augenblick im Himmel ein Seliger einem dieſer Hir— ten, der ihm bier den Weg des Heils gewieſen, und ſagt ihm jetzt himmliſchen Dank!
Wie mochte Dir ſeyn, du ſchlummernde Gemeinde, als Du einſt um dieſe geoͤffneten Graͤber ſtandeſt, in die ſie deine theuern Lehrer begraben wollten! Ich ſahe im Geiſte dieſe trauernden Verſammlungen. Dem Grabe zu— naͤchſt die Pfarrfrau, die ſo manchen Schweiß von der Stirne des Entſchlafenen getrocknet, die ſo manche Sorge und Freude getheilt, und ſo oft den Ermuͤdeten und Be— kuͤmmerten im Schoße ihres häuslichen Gluͤcks getroͤſtet und aufgerichtet. An der Schluchzenden Seite — o laßt ſie nur ſchluchzen, mit des Mannes Tagewerk iſt auch ihr größtes geſchloſſen, und mit dem theuern Gatten begräbt ſie ihr ſchoͤnſtes Leben, — an der Seite der ſchluchzenden Witwe die unverſorgten Waiſen. Neben ihnen die wuͤrdi— gen Vorſteher, dem Verewigten die Naͤchſten in der Ge— meinde. Und weiter hin die Tauſende ſeiner Schafe', die er geweidet. Wie manchem ſchlaͤgt das Herz vor Reue, daß er nicht folgſamer war der treuen vaͤterlichen Stimme! Wie mancher, ob dem der Entſchlafene ſein Amt mit Seufzen that, fuͤhlt nun ſchon, daß es ihm nicht gut iſt. Dieſe Hand, die da verweſen ſoll, und nun im Sarge liegt, lag auf meiner kindlichen Stirne, als ich getauft ward, ſagt der eine, — und ruhte ſegnend auf meinem
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Haupte, als ich mein Glaubensbekenntniß ablegte, denkt der Andere — und legte meine Hand in meines lieben Weibes Hand, als wir getraut wurden, fuͤgt der Dritte hinzu. Wer weint da ſo untroͤſtlich? Es ſind die Juͤng⸗ linge und Jungfrauen, die der Selige zum letzten Male eingeſegnet. Warum fließen jenem Ereiſe dort fo häufige Thraͤnen aus den Augen? Ach, denkt er, an meinem Krankenlager haſt Du, Mann Gottes, mich ſo ernſtlich zum Tode bereitet und haſt ihn noch eher ſchmecken muͤſſen, als ich. Haͤtte ich nur ſtatt Deiner ſterben koͤnnen! Jetzt endet der Grabgeſang. Man hoͤrt nur Weinen und Seuf⸗ zen. Da nimmt ein Amtsbruder das Wort und redet von den Lehrern, die auf Erden durch viel Muͤhe und Sorge geläutert werden, um jenſeits zu leuchten, als die Sterne, und wie der Selige den guten Kampf gekaͤmpft, Glauben gehalten, und nun die Krone erwarte, die ihm beygelegt werden ſoll. Ach, der da redete, uͤber den redete nach Jahren wieder ein anderer, und nun ſind ſie alle Vorgaͤn— ger und Nachfolger, Hirten und Gemeinde zuſammen und werden gerichtet nach Gerechtigkeit und Glauben. Selig ſind die Todten, die im Herrn ſterben. Sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach! Dann iſt kein Unterſchied des irdiſchen Standes mehr, und nach an— deren Maßſtaben werden die Staͤnde und Stufen geſchie— den. Nicht wie hier, die Gaben der Natur, ſondern die Gaben der Gnade werden den Maßſtab ausmachen, und wie mancher wird dort ſein hoͤheres Gluͤck von dem Schmerz den er auf dieſem Gottesacker empfunden, herleiten.
Ich blickte uͤber den Kirchhof hin und meine Betrach— tungen ſetzten ſich fort. Wie manche wankende Geſtalt hat
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ein kummervolles Herz hierher getragen! Wie viel Thraͤ— nen ſind hier geweint! Wie viel Entſchluͤſſe ſind hier ge— faßt! Wie viel Troſt des Evangeliums iſt hier empfun⸗ den! Wie oft ſang ein durch den Geiſt des ewigen Lebens aufgerichteter Haufen hier uͤber dem zugeſcharrten Grabe das alte Grablied: Nun laſſen wir ihn hier ſchlafen u. ſ. w. Wie manches Mannes Auge, ſelten naß, weinte hier, wenn das Weib ſeiner Jugend begraben wurde! Wie manches Herz einer Mutter wollte hier brechen vor Schmerz, wenn ſie den Vater ihrer Kinder beerdigen ließ! Hier ruht die Braut, die der Tod aus des Vraͤutigams Armen riß! Da geht blutenden Herzens der Ungluͤckliche hinter dem Sarge. Sie ſtarb, — und alle ſchoͤnen Bilder von der Zukunft, alle Hoffnungen ſeines Herzens wurden mit ihr zu Grabe getragen. Er fuͤhlt, daß man nur Ein Mal im Leben ſo lieben kann. Dort iſt das Grab eines Juͤnglings, der der Stolz ſeiner Mutter und die Freude ſeines Vaters war. Der alte Mann ſteht weinend vor der Gruft und der gebogene Ruͤcken beugt ſich tiefer ins Grab, dem Geliebten nach. — Wo biſt du, Grab, in dem mei⸗ nes Vaters Vater ſchlaͤft? Sey mir geſegnet, du heilige Stelle! Du ehrwuͤrdiges Grab! Mit Ehrfurcht nahe ich mich dir! Schlaft ſanft, ihr Gebeine eines edeln, frommen Mannes, und wenn du mir jetzt nahe biſt, ſeliger Geiſt, deſſen irdiſche Huͤlle hier ruht, o ſo bitte Gott, daß er mir Kraft gebe, deines Segens theilhaftig zu werden. Du warſt nicht bedeutend unter den Menſchen, du warſt ein Fremdling, der ſein irdiſches Vaterland in dieſem freund— lichen Tahle vermißte: aber dafuͤr haſt du nun dein himm⸗ liſches Vaterland gefunden und den Lohn fuͤr dein ernſtes 9 *
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und freudiges Glauben. Siehe, dein Enkel, bringt dir Dank an deinem Grabe, daß du ſolch ein Gedaͤchtniß uns hinterlaſſen, und einen Segen auf Kind und Kindes Kind, der nicht von dieſer Welt iſt!
Ach, was iſt dieſe Welt! wie eitel iſt ihr Ruhm! wie nichtig ſind ihre Guͤter! Unter dieſer Erddecke des Kirch— hofes ſchlafen Arme und Reiche, Geehrte und Unbekannte, Begluͤckte und Leidende. Alle dieſe Herzen, die hier ver modern, haben ihr Leid und ihre Freude gehabt; ſie ſchlu— gen oft hoch auf in namenloſer Wonne und waren zerriſ— ſen in unausſprechlichem Wehe — und das alles iſt hin, und keiner denkt mehr daran. Ganze Familien find aus⸗ geſtorben, von manchem Stamme liegt hier der Letzte be graben und ihre Namen werden nicht einmal mehr gehoͤrt; ihre Guͤter ſind vertheilt, und es iſt keine Spur mehr von allem, was ſie waren und thaten auf Erden. O was iſt die Welt und das was ſie geben kann! Es iſt Spreu, der Todeshauch faͤhrt hinein und zerſtreut ſie. Das ſagen mir Eure Gräber, ihr Todten: das die halb zerſtoͤrten Ge: beine, die ich hier und dort ſehe; das die verloſchene Schrift auf euern Leichenſteinen. Einſt werde ich ſeyn, was ihr jetzt ſeyd. Das Todtengerippe, daß ich einſt ſeyn werde, trage ich ja ſchon in mir. Auch mich wird man morgen ſuchen und ich werde nicht da ſeyn! — nein, nicht hier ſeyn — aber wo werde ich ſeyn? Irgendwo werde ich ſeyn, etwas wird mir bleiben, und dieß Etwas iſt das Hoͤchſte. Der Glaube an meinen Erloͤſer, die Liebe zu ihm, und jede Freude frommer Liebe, die werden mir bleiben. Wohblan, fo will ich für Schaden achten alles, was mir durchs Grab nicht folgt, auf daß ich Chriſtum gewinne!
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Meine Betrachtungen wurden immer lebhafter und ernſter. Ich fuͤhlte das Beduͤrfniß zu beten. Auf dem Grabhuͤgel des Großvaters beugte ich meine Knie, und betete.
Es ſchlug Eins. Ich ſtand auf. Des Waͤchters Tritt ſcholl in den ſtillen Straßen der Stadt. Huͤther, Huͤther, iſt die Nacht ſchier hin? haͤtte ich rufen moͤgen.
Da ſchwebte eine milde Lichtgeſtalt uͤber die Graͤber hin. Durch die Schatten der Leichenſteine wandelte ihr Licht, wie Aufgang der Morgenroͤthe. Der Mond goß fein ſilbernes Licht um ſie her. Sie ſchwebte zu mir herauf. Iſt es ein Bote der Auferſtehung? fragte ich mich.“ Iſt es der im Himmel erwachſene Geiſt eines der Kinder, die hier begraben ſind? Iſt es die zarteſte Jungfrau unter allen, die hier ſchlafen, und die einen Augenblick erwacht, die Welt noch einmal zu ſchauen, die ihr in ihrem unfchul- dig heitern Sinne ſo ſchoͤn war? Immer naͤher kam die Geſtalt. Du warſt es, mein liebes, holdes Weib! Ueberall ſucht mich dein liebendes Herz, ſelbſt auf den Graͤbern, und immer biſt du das Licht meines Lebens am hellen Tage, wie in ſolchen heiligen Mitternachtsſtunden.
Wir gingen uͤber den breiten Gang zum Pfarrhauſe herab, und dachten an den Graͤbern, die unter Thraͤnen geſchloſſen wurden, des Augenblickes, wo ſie mit Freuden ſich öffnen werden. Schon liegen die Leichen dem Auf⸗ gange entgegen und ſchauen gleichſam in den kommenden Morgen der Auferſtehung hinaus. Wir fuͤhlten aufs tiefſte, das Sinnvolle der alten Sitte. Schlaft nur noch ruhig, rief die Pfarrfrau aus, mit Euern Augen, welche liebreiche Haͤude zugedruͤckt haben. Der Morgen kommt, noch lieb—
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reichere Hände werden Euch die Augen öffnen und wenn ihr erwacht, ſeht ihr das Morgenroth mit dem erſten Blicke.
Hand in Hand, mit Einem Gefuͤhle, traten wir ins theure Pfarrhaus. Wird dem Pfarrer das Haus durch die fromme Liebe der Hausfrau heilig, fo ſoll es der Ge meinde heilig ſeyn durch das ganze Leben, das in ihm ge⸗ fuͤhrt wird. Das Pfarrhaus hat fuͤr die Gemeinde eine beſondere Bedeutung. Liegt die Urſache in den Erinnerun⸗ gen an die wichtigſten Zeiten des Lebens, in denen man es betritt, da das Kind zum Unterrichte, der Braͤutigam in den ſchoͤnen Hochzeitstagen und der Trauernde mit der Todesbothſchaft es ſuchen muß? Oder iſt es das, weil man fuͤhlt und begehrt, hier ſoll das Leben, nach alter, einfacher Sitte in ſtiller Eingezogenheit geführt werden, und aller Aufwand und alle Luſtbarkeit der Welt ſoll hier einem heitern Eruſte weichen? Oder iſt es das, weil fie ahnen, in dieſer Wohnung werde ihrer oft vor dem Herrn gedacht und was ſie ſelbſt verſaͤumen, werde hier liebend fuͤr ſie gethan! Was es auch ſey, je feſter das Band zwiſchen der Gemeinde und dem Pfarrer iſt, deſto theurer iſt ihr auch das Haus, das auf eine eigene Weiſe das ſtillſte und zugleich das oͤffentlichſte des Orts iſt, und kei⸗ nem Einzelnen, ſondern der ganzen Gemeinde, als einer durch goͤttliche Dinge verbundenen Menge, gehoͤrt. Aber bey dieſem Pfarrhauſe tritt noch ein anderer Grund ein. Es war ehedem das Bethaus der Gemeinde. Viele Jahre haben die Menſchen ſich in ihm zum Gottesdienſt verſam— melt, manches Wort Gottes iſt hier verkuͤndigt, mancher Suͤnder erſchuͤttert, mancher Bekuͤmmerte getroͤſtet worden. Bedeutſam iſt ein Brunnen gegraben, wo ehedem der Lehr⸗
ſtuhl ſtand. Jede Stelle war vormahls der Sitz einer an— daͤchtigen Seele und oben ſcheinen noch die letzten Nach— haͤlle der Geſaͤnge und Gebete zu erklingen.
Ein ſolches Haus iſt fuͤrwahr ein heiliges Haus. Eine Wohnung, von Stein und Erde erbaut, kann nur gehei— ligt werden durch das, was in ihr geſchieht. Das Größte, was in ihr geſchehen kann, iſt Gebet und Lehre. Eiu Saal, in dem einſt Fuͤrſten ſich beriethen, und Frieden ſchloſſen, iſt nicht ſo ehrwuͤrdig, wie ein Haus, in dem einſt Gottesdienſt gehalten wurde. Man kann es nicht be⸗ treten ohne eine ernſte Mahnung; man kann es nicht bez wohnen, ohne daran erinnert zu werden, den Gottesdienſt im Leben fortzuſetzen; man kann in ihm nicht ſinnen und handeln, ohne ſich aufgefordert zu fühlen, ein fo ehrwuͤrdi⸗ ges Gedaͤchtniß nicht zu entheiligen.
Als ich auf meiner Buͤcherſtube, zu den Bildniſſen der Vorgaͤnger, und zu den aufgeſchlagenen Urkunden aus der alten Zeit der Kirche zuruͤckkam, und nun auf alle Gedan⸗ ken und Gefuͤhle zuruͤck ſah, die in dieſer Nacht mein In⸗ neres erfuͤllt hatten, empfand ich einen Segen, der meine ganze Seele erhob; neuen Muth, friſche Freudigkeit und geſtaͤrkten Glauben. Ich nahm mir vor, oft ein ſolche Mitternacht zu feyern.
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8. Die Sterbende.
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Es hat eine eigene Bewandtniß mit den Erzaͤh— lungen von den letzten Stunden der Unſrigen. Man fuͤhlt ſich wie durch eine unſichtbare Macht dazu bewogen und doch fürchtet man, die Wunden des Herzens wieder auf: zureißen. Beginnt man endlich, ſo ſtockt die Rede oft, bricht ab, muß wieder aufgenommen werden, und das Herz hoͤrt nicht auf zu bluten, ſo lange der Mund erzaͤhlt. Aber bey dem Allen fuͤhlt man ſich unausſprechlich wohl. Man kann nicht aufhoͤren. Immer neue Erinnerungen kommen herauf. Es iſt, als wenn eine innere Nothwen— digkeit uns triebe, das, was jetzt nur der Himmel beſitzt, der Welt wenigſtens im Bilde darzuſtellen. So ſitzen die Leidtragenden im Sterbhauſe und werden nicht muͤde, wie viele Beyleid bezeugende Freunde und Nachbarn auch kom— men mögen, die ganze Geſchichte der letzten Stunden des Verſtorbenen, die einzelnen Worte und Aeußerungen, die Ausdruͤcke des Schmerzes und die Bewegungen des Todes— kampfes zu erzaͤhlen. So kommt ſpaͤterhin, wenn die Thraͤne getrocknet und die Wunde faſt geheilt iſt, an ſtil— len Abenden im Kreiſe der Familie faſt kein Anlaß, keine Beruͤhrung, kein ſchicklicher Uebergang, der nicht alsbald von dem Einen oder Andern zur Schilderung jener Stun— den benutzt werde, und die Uebrigen hoͤren mit derſelben
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Theilnahme die laͤngſt bekannte, oft gehoͤrte, und oft von ihnen ſelbſt erzählte Geſchichte an, als wenn ſie dieſelbe jetzt zum erſten Male vernaͤhmen, und es iſt ruͤhrend, wie ploͤtzlich die andern aus der Andacht des Zuhoͤrens heraus— gehn, und dieſen oder jenen Umſtand hinzufuͤgen, oder ihre Betrachtungen dabey anſtellen. Wer je einen tief em— pfundenen Verluſt erlitten, der wird dieß ſchmerzlich Suͤße und dieſe auffallenden Erſcheinungen bey der Erzaͤhlung von den letzten Stunden der Unſrigen kennen. Mich duͤnkt, es iſt ein Ringen mit dem Schmerze, und ein Stre; ben, dadurch, daß man ihn außer ſich hinausſtellt, und zum Gegenſtande von Betrachtungen macht, ſeine zerſtoͤrende Kraft zu mildern, und die tiefe Trauer, die man noch je— des Mal bey der Erinnerung fuͤhlt, in hoͤhere Wemuth zu verwandeln. Vielleicht gar iſt es der Wiederſchein des hoͤ— hern Beduͤrfniſſes, ſein Leid dem Allerbarmenden zu klagen, und muß man in dieſem Erzaͤhlen nur ein Vergreiffen und menſchliches Irren ſehen, indem das Herz, Troſt ſuchend, auch gegen Menſchen, die nicht troͤſten koͤnnen, ſeinen Schmerz klagt. Auch liegt