— 4 . * Rs — 90892280 L9LL € Ae 13 1 mr 7 * * Digitized by the Internet Archive in 2010 with funding from University of Toronto http://www.archive.org/details/glockentneerin00stra — 2 — Erinnerungen aus dem Leben eines jungen Geiftlichen von Friedr. Strauß. Drei Baͤndchen. Sechste Auflage. Elberfeld, 1831. Büſchlerſche Verlags-Buchhandlung. 11BRAR = DD. MAR 2 2 1976 O Q . e of 10 Vorrede. — — Mich duͤnkt, daß Erinnerungen aus dem Leben eines Geiſtlichen viel Aehnliches mit Glockentoͤnen haben, und darum habe ich ſie mit dieſem Bilde bezeichnet. An Toͤnen haͤlt ſich uͤberhaupt die Erinnerung am laͤngſten feſt und Erinnerungen an kirchliche Dinge an Toͤnen der Kirche, an Glockentoͤnen. Iſt doch auch das Leben eines Geiſtlichen ei— gentlich nur ein Glockenton, ein Ruf in die Ge— meinde, daß ſie ſich zu dem Gottesſohne verſam— mele, der Worte des ewigen Lebens redet. Glockentoͤne laden zum Feſte. So wollen auch dieſe Erzählungen, anſpruchlos und befher * * IV vorrede. den, nur einladen zu dem, der das ganze Leben zu einem Feſte machen kann. Jeder hat in feinem Gemuͤthe Bilder und An: ſichten, die ihm im Laufe des Lebens vor andern lieb geworden und von denen er glaubt, daß ſie unmittelbar mit ſeinem Weſen zuſammen hangen. Man fuͤhlt oft das Beduͤrfniß, ſie andern mitzuthei⸗ len und es ſind die Föftlichften Augenblicke in dem vertrauten Umgange, wenn ungeſucht und unwill⸗ kuͤhrlich ſich die Herzen zu ſolchen Mittheilungen eroͤffnen. Fehlt der Freund, ſo hoͤrt doch der Trieb zur Mittheilung nicht auf, und wenn die Umſtaͤnde verwehren, daß das lebendige Wort warm aus dem Herzen zum Herzen geſprochen werde, ſo muß das ſchriftliche Wort die Stelle vertreten. So ſind dieſe Blätter entſtanden. In einer Lage, wo ich mich ſelten in dieſer Hinſicht mit— theilen konnte, ergriff ich, wenn das Verlangen groß wurde, die Feder, um das zu ſchreiben, was ich nicht ſagen konnte. Auf ſolche Weiſe ſind dieſe Darſtellungen mehr aus meinem Herzen, als aus meinem Leben. Die Umgebungen Vorrede. * Vorfälle, Einkleidungen find nicht gewählt, wie ſie ſich wirklich vorfanden, ſondern wie ſie am beſten geeignet ſchienen, die innere Stimmung auszudruͤcken. Es ſind Erinnerungen aus der Jugend, weil fie innerhalb ihrer Graͤnzen nieder- geſchrieben wurden, und weil die Jugend gerade die rechte Zeit für den Ausdruck folder Empfin⸗ dungen iſt. Aber aus der Jugend eines Geiſtlichen ſind ſie genommen, weil ich gern helfen moͤchte, daß ein Amt verherrlicht wuͤrde, das Verherrlichung verdient. Das Gluͤck, welches es bereitet, iſt verborgen vor der Welt, und wer es nicht ſucht in den ſtillen Bewegungen eines Herzens, dem das Unſichtbare lieber iſt, als das Sichtbare, der wird nie den ſanften Frieden und das innere Gluͤck finden, die in dieſem Amte moͤglich ſind. Was die Form dieſer Darſtellungen betrifft, ſo wird ſie ihre Schwaͤchen haben. Ich ſah nur darauf, daß das Wort, wie es ſich in jeder Stim— mung aus meinem Herzen hervordraͤngte, frey, natuͤrlich und ungekuͤnſtelt bleiben moͤchte. 2 Vorrede. Es haͤtte noch Mehreres mitgetheilt werden koͤnnen; allein ich hielt für rathſam, aus der groͤ⸗ ßern Menge fuͤrs Erſte nur das auszuwaͤhlen, was kuͤnftigen, tiefer gehenden Mittheilungen die Bahn brechen koͤnne. ö Nehmt dieß denn freundlich hin, Ihr ſtillen frommen Menſchen! Rur Euch mag ich derglei⸗ chen anbieten, und nur Ihr werdet es verſtehen und empfinden. Wenn Euch bey Einer Stelle wohl wird fo laßt um ihrentwillen die übrigen, Mein beſter Wunſch iſt erfuͤllt, wenn Ihr beym Leſen die Nähe deſſen verſpuͤrt, in deſſen Umgange dieſe Blaͤtter geſchrieben wurden. Ronsdorf, den 11" Novbr. 1813. — 2 —-— nr A Fe 1 a el 8 —1 „ nh een Erſtes Bändchen. Der Abend vor der Frühlingsfeyer Met Herbe g „ Zu e Jahreswechſel s u. , Des Herrn Nachtmah l Die Einſegnung der Kinder .. Der Einzug in der Gemeinde .. Zweites Bändchen. Die goldene Hochzeit.. . Die Mitternacht g . Die Sterbende Mr Te. Die Hausandadit. » 2 2 2. 9 5. es, Das Feſt der heiligen drey Könige Die erſte Predige . * * * Seite 1 77 71 „ „ „ [23 „ „ „ „ „ „ „ 105 123 136 154 168 186 200 VIII 5. 6. Drittes Bändchen. Der Geburtstag Der Oſtermorgen Das Himmelfahrtsſeſt. . Die Pfingſten Die Michaelisfeyer 2. Der Thomastag Die Einweihung zum Amte . Seite 219 75 239 260 281 306 — 7 Der Abend vor der Fruͤhlingsfeyer, Unmoͤglich konnte ich länger daheim bleiben. Die Fruͤhlingsſonne ſchien auf den Arbeitstiſch. Im Garten ſchlug die Nachtigall. Die ganze Herrlichkeit des Lenzes in Farben und Tönen umſchwebte mich, indem ich an mei— ner Fruͤhlingspredigt ſchrib. Es war Samſtag Abend, und da ſchlaͤgt ja immer hoͤher eines Pfarrers Herz, und es iſt jedesmal eine Art von Braͤutigamsgefuͤhl, das ihn dann in Erwartungen und Vorſaͤtzen, in Begeiſterung und Hoffnung bewegt. Aber ſo war mir noch nie geweſen an einem Samſtag Abende. Fruͤhe war ich des Morgens auf— geſtanden, hatte bethend meine Predigt begonnen, hatte tauſend Willkommen dem Lenze gerufen, und mich wieder niedergeſetzt, und ein feyernd Wort geſchrieben; war dann aufgeſprungen, hatte die Pſalmen ergriffen, und manchen Hochgeſang des Lenzes; hatte dann aufs neue andaͤchtig hineingeblickt, bald von der einen Seite des Hauſes in die Glockentoͤne. 6. Aufl j Sa Gärten und Bluͤthenbaͤume, bald von der andern in die tiefen Wieſen, und das friſche Laub der Waldungen, und dann trat die theure Gemeinde mir vor die Seele, und ich eilte wieder zur Predigt, und ſo war es fort gegangen bis zum Abende. Aber nun war es mir unmoͤglich, laͤnger daheim zu bleiben. Kann ich in ſolchen Stunden nicht reden, ſo iſt es mir, als muͤßte ich wenigſtens wandeln. Ich machte mich auf. Mein Herz ſchwamm in Won⸗ ne; mein Geiſt dachte an Gott, und mein Auge ſuchte überall die Spuren feiner Herrlichkeit. O wie mich da alles begruͤßte! Als ich hoch im Garten auf dem oberſten Grasplatze ſtand, und die ganze Gegend, die blauen Berge und die ſchwarzen Gruͤnde und das Städtchen uͤberſchaute, zwiſchen deſſen Wohnungen ſich die bluͤhenden Kirſchbaͤume erhoben, und dann auf die naͤchſten Umgebungen ſah: da riefen mir die Nagelbluͤthen, da die Mayblumen, da die Kirſchbluͤthen, da alle Blumen zu: Sey uns gegruͤßt, Juͤngling, Bruder! Siehe, wir ſind auch Juͤnglinge und Jungfrauen; komm in unſere Reihen; wir opfern dem Va⸗ ter im Himmel; komm, du Diener des Worts im Tempel mit Menſchenhaͤnden gemacht, ſey es auch im großen Got— teshauſe, — das iſt ja der Menſch in der Natur, — wir wollen dich hoͤren. Und laut jauchzte ich auf und ſprach meine Pſalmen und Feyergeſaͤnge. Die Leute die voruͤber— gingen, ſahen mich verwundert an uͤber die Hecken, und ſagten: der Pfarrer ſtudirt auf morgen. Aber ich konnte auch auf dir nicht bleiben, liebliche Hoͤhe, Altar Gottes, von dem ſo oft meine Seele empor— geſtiegen. Hinaus, hinunter mußte ich, und meine Wonne durch die ganze Gegend tragen und meinen Jubel von der — 3 — Hoͤhe hinab in das Thal. Da klopften die Eiſenhaͤmmer, die Gaͤnge waren dunkel geworden, die Wieſen verbreite— ten ihren zarten Wohlgeruch, und ein lieblicher Mayduft umwehte mich wie Himmelsathem von allen Seiten. Wie einſt bei der Schoͤpfung der Geiſt Gottes auf den Waſſern ſchwebte, ſo ſchien er mir jetzt auf den Wipfeln der Baͤu⸗ me, auf dem Mooſe am Boden, auf der ganzen Ausſicht und auf dem freundlich verborgenen Städtchen zu ſchwe— ben. Aus dem freundlich verborgenen Staͤdtchen blickte die Kirche hervor. O wie das Herz mir ſchlug, als ich dich erblickte, theures Gotteshaus, in dem ich heute vor drei Jahren die heilige Weihe empfing. Von der erſten, zit— ternden, ſcheuen Begeiſterung damals, bis zu der vollen, kuͤhnen am heutigen Tage, — der ganze Gang, alle Freu— den und Leiden meines Pfarrlebens kamen mir wieder vor die Seele, und ich konnte nur danken und preiſen. Liebes Kirchlein, o du mein Himmel auf Erden, mein wahrhaft Gotteshaus, wie oft habe ich in dir das Vorgefuͤhl des ewigen Lebens empfunden! Wenn ich in dir ſtehe, begei— ſtert unter den Andaͤchtigen, da moͤchte ich nimmer von der Kanzel, nimmer von dem Altare hinweg. Wahrlich Gottes Diener zu ſeyn auf Erden, Jeſu Bothſchafter an die Menſchen — das iſt unter allen Aemtern das ſchoͤnſte, unter allen Lebensweiſen die ſeligſte! Ich ſah mein Fichtenwaͤldchen. Auch da mußte ich ſeyn, und an jeder Lieblingsſtelle ſehen, wie das Neue ſo ſchoͤn geworden. Es umfing mich nach langer Zeit wieder das feyerlich Duͤſtre ſeiner Schatten. Ein wehmuͤthiger Schauer fuhr durch meine Glieder, als ich jener Fruͤhlings⸗ tage in der Ordinationszeit gedachte, wo ich dieſes Waͤld⸗ 1 * — 4 — chen mir zum heiligen Haine geweiht hatte. Ein Hain gehoͤrt zum Pfarrerleben. Ich lobe mir die Alten, die bei ihren Altaͤren in Hainen wohnten. Als ich in dieſe Gegend kam, war es das Erſte, mich umzuſehen, ob ich nicht auch zum Altar einen Hain finden wuͤrde. Iſt doch dann der Eindruck, den ein mit Menſchenhaͤnden gebauter Tempel auf den Eintretenden macht, der richtige, wenn er dem eines Haines gleicht. Hain und Schauer der Daͤmmerung und die heiligen Geheimniſſe eines in Gott verborgenen Lebens liegen ſich ſehr nahe. Nun war ich in dem Haine, aber alle Herrlichkeit des Lenzes verſchwand mir in ſeiner Daͤmmerung vor dem Schauer der hoͤhern Welt, die ich ahnete. Es war eine eigene Stimmung, in der ich ihn nach einiger Zeit verließ. Ich gedachte der ſeligen Stun— den, die ich ſchon in feiner Umſchattung durchlebt hatte, und der Zeit meiner erſten Liebe zur Kirche. Da fragte tief aus dem Herzen eine Stimme hervor: ob dieſes Feuer, dieſes Gluͤck, und dieſe Liebe auch wohl bleiben werden? — Wie? erhoben ſich tauſend Stimmen dagegen, nicht bleiben? Gott iſt die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm. Nein, wie der ſicht— baren Sonne Licht wohl auf und untergeht, und nicht in jedem Augenblick an jeder Stelle der Erde ſcheinet, ſo mag auch wohl dieſes armen Lebens Licht und Waͤrme auf kurze Zeit untergehen, aber aufgehen wird es auch immer wieder, und was Gott mir gegeben, ſoll die Welt mir nicht nehmen. Ich bleibe ein Juͤngling, in Feuer, Gluͤck und Liebe, auch wenn graue Haare auf meiner Scheitel ſtehen. J Unter ſolchen Selbſtgeſpraͤchen kam ich in die Wieſen herab. Da ſprangen die Kindlein meiner Gemeinde, die — 5 — zarten Schaͤflein der Heerde, und pflückten Blumen, und jagten ſich und freuten ſich in ihrer Unſchuld. Auch ein Opfer! dachte ich, das dem Herrn gebracht wird, aber die Prieſter wiſſen nicht, daß ſie Prieſter ſind. Siehe, da ſprangen alle an mir herauf und reichten mir ihre kleinen Haͤndchen, und kuͤßten ſie und ſprangen wieder hinweg. Liebliche Kindheit, du biſt der rechte Fruͤhling des Le— bens! Da gruͤnet noch jede duͤrre Stelle, jede Pflanze hat ihre Bluͤthe, jeder Tag ſeine Freude, jede Jahreszeit ihr Spiel, und Thraͤnen und Jauchzen wechſeln mit derſelben Leichtigkeit. Ach, liebliche Jugend, wenn du nur wuͤßteſt, wie ſchoͤn es in dir iſt! Deine Engel ſehen allezeit das Angeſicht des Vaters im Himmel. Aber ein ſchoͤnerer Fruͤhling kam noch, du theure So— phia, blühende Schweſter! Ich eilte an dein hochſchlagen— des Herz, und hielt dich in meinen Armen. Aus deinem großen ſchwaͤrmeriſchen Auge ſtroͤmte frommes Entzuͤcken. Wie freute ich mich, daß du jetzt gerade den Bruder be— ſuchteſt, und daß du in dieſem Augenblicke mir begegneteſt! Nun hatte ich ja in dir unſer Vaterhaus, und die ſchoͤne Jugend, die Liebe der alten Aeltern, und dein reines from— mes Herz — den Frühling meines Lebens, in dem Fruͤh— linge des Jahres. „O wäre doch der ehrwuͤrdige, alte Vater hier, ſagteſt du, noch heiliger waͤre mir dieſer ſchoͤne Abend. In ſeiner Naͤhe iſt mir Alles geheiligt.“ Unſere Augen wurden feucht, und wir ſchieden. Ich ſtieg den Berg hinan zum Hauſe des Herrn. Das mußte ich vor allen an dieſem Abende begruͤßen, und es weihen auf morgen, wenn auch nur mit Blicken des Ver— ee langens. Wäre es ſchon Morgen, fände ich ſchon oben! Alſo werde ich anheben: Seyd mir willkommen geheiſſen, im Hauſe des Herrn, meine Freunde. Meine Pulſe ſchlagen hoͤher, mein Herz ſchwebt in Wonne, mein Mund fließt uͤber von Dank und Lob, denn ich will von der Fruͤhlingsfreude reden! Ehe ich auftrat, iſt mein Gebeth zu Gott gegangen, daß mir wiederkehren möge alle Gluth und Freude, alle Luſt und Feyer, aller Segen und aller Preis, die ich oft in dieſen Tagen empfunden, daß ſie von neuem erfuͤllen moͤgen mit dem vollen Gefuͤhle des neu erwachten Lebens das hochbegluͤckte Gemuͤth; daß ſie mir helfen moͤgen, in Stroͤmen der Begeiſterung zu reden und das Wort zu fin⸗ den, das Euch gleichfalls entzuͤnde, und die Herzensſpra⸗ che, die wie ein laufend Feuer durch das Ohr Euch dringe in des Herzens tiefunterſten Grund! Denn ſiehe, der Win⸗ ter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blur men ſind hervorgekommen im Lande. Der Lenz iſt herbei— kommen. So ſprach der Sänger des hohen Liedes. — Im ſchoͤ— nen feurigen Morgenlande ſchlug ſeine flammende Seele in Liebe und Freude empor, und unter den Duͤften und Farben des bluͤhenden Oſten ergoß ſich das wallende Herz in heiligen Geſaͤngen; man athmet den Jugendodem aus Morgen, wenn man lieſet in ſeinem Fruͤhlingspſalm: „Die Turteltaube läßt ſich hören in unſerm Lande, der Felgen: baum hat Knoten gewonnen, die Weinſtoͤcke haben Augen gewonnen, und geben ihren Geruch.“ Stehet auf, meine Freunde, und kommt, o kommt her, drauſſen iſt Morgen⸗ en land, Jugend und Frühling, denn ſiehe, der Winter iſt vergangen, die Blumen ſind hervorgekommen im Lande. Der Lenz iſt herbeikommen. f Hoͤre ich Klagetoͤne? Dringen ſie aus Eurer Bruſt uͤber des Lebens Leiden in mein Ohr? O verſtopft Euch ſelbſt nicht die Quellen der Freude, verbindet Euch nicht die Augen, verhaͤrtet nicht Euer Herz! Freilich die Men— ſchenwelt iſt voll Jammers, und blutend kehrt das Herz heim aus den Sorgen der Nahrung, und den Kuͤmmerniſ— ſen der Ehre. Werft ſie heute weg von der armen, ge— preßten Bruſt! Nein, zieht fie herein in eure Freude, und verklaͤrt ſie in Euerm Danke, und laßt alle Traurigkeit Wonne werden, denn ſiehe der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blumen ſind hervorkommen im Lande. Der Lenz iſt herbeikommen. Zu dir erheb' ich Herz, und Blick, und Stimme, du heiliger Gottes- und Menſchen-Sohn! In jenen ſeligen Tagen, als Du noch auf der Erde wandelteſt, — es wa— ren ihre ſchoͤnſten — da ſtandeſt Du gern an den bluͤhen— den Ufern des Sees Genezareth, gingeſt gern zwiſchen den wogenden Saaten in Galilaͤas Gefilden, ſaheſt gern wie die Cedern auf Libanon ragten, die Roſen zu Jericho bluͤ⸗ heten, die Palmen zu Engeddi weheten. Unter Oelbaͤumen wandelteſt Du mit Deinen Juͤngern, und aus Deinem Munde freuen wir uns noch des Fruͤhlingswortes: wenn der Feigenbaum ſaftig wird, und Blaͤtter gewinnet, ſo wiſſet, daß der Sommer nahe iſt. O Du eingeborner Sohn des Vaters voller Gnade und Wahrheit, Du Koͤnig und Hoheprieſter beſeelige uns heute mit Deiner Naͤhe, und laß Deine Stimme aus der blühenden Welt an unſere See— — 8 — len reden, damit wir geheiligt und gereinigt, in Deiner Nähe einen uͤberirdiſchen Frühling feiern, und wiedergebo— ren zu einem neuen Leben in hoͤherer Bedeutung ausrufen: Siehe, der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin, die Blumen ſind hervorgekommen im Lande. Der Lenz iſt herbeikommen. — a Ob ich's geſagt, oder ob ich's nur gedacht, als ich unter der Vorhalle der Kirche ſtand, ich weiß es nicht. Es war unterdeß ein Gewitter gekommen. Der Blitz umleuch⸗ tete mich, der Donner hallte uͤber mir — in langſamen dicken Tropfen ſtuͤrzte der Regen herab, und hoͤrte bald wieder auf. In der Zeit hatte ich, ſinnend auf morgen, unter der Vorhalle geſtanden. Als der Regen aufgehoͤrt hatte, wollte ich uͤber den Kirchhof heim kehren. In dem hohen Baumgange trat mir der alte Andreas entgegen, der ſo andaͤchtig mir gegenuͤber ſitzt in der Kirche, und ſo fromm alles auf ſich und ſein Leben anwendet — dieſes Symeons Antlitz, auf dem geſchrieben ſteht: Herr, nun laͤſſeſt du Deinen Diener im Frieden fahren. Wie mir heute Alles zum Fruͤhlingszeichen werden ſollte, ſo wurde es mir auch dieſer Greis. Auf ſeinem alten tiefgefurchteten Antlitz ſchwebte ja ein himmliſcher Lenz voll Hoffnung, und ſeine ganze Seele war Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Wie geht's? fragte ich ihn. Er erwiderte: Ich habe Heimweh, Herr Pfarrer. Ich ſagte: gerade jetzt im Fruͤhlinge? Ach Herr, antwortete er, ich bin auf dem Kirchhofe geweſen, meine Entſchlafenen haben mir wieder ſo viele Gruͤße und Bothen geſchickt, daß ich nun wohl nicht lange mehr ausbleiben darf. Jedes Grab der Meinigen hatte wenigſtens Eine neue Blume. Das ıfl —— 9 —— jedesmal ſo viel, als ein neuer Gruß von jedem Heimge— gangenen. Der irdiſche Fruͤhling ſcheint nicht recht mehr zu dieſem Wintergewande zu paſſen, er ruft mich nicht mehr zu meiner Mutter, der Erde, ſondern zu meinem Vater im Himmel. — So ſprach er noch lange über fein Heimweh im Fruͤhlinge, ehe ich fuͤrder ging. Ich war auf dem ſtillen, dicht beſchatteten Gottes⸗ acker. Waͤre ich auf ihm nicht geweſen ſo haͤtte mir etwas gefehlt an der Fruͤhlingsfeyer. Wer im irdiſchen Fruͤhling nicht den himmliſchen genießt, verſteht keinen von beiden. Nirgend iſt die Geſtalt des Fruͤhlings heiliger als auf dem Kirchhofe, vor allen auf dem unſrigen, wo man aus dem dichten Pappelgebuͤſche eine fo weite Ausſicht auf die Ge gend, die Landſtraßen, und, ich moͤchte ſagen, auf das Leben hat, denn die gebuͤhrt den Graͤbern. Auf des from— men Vorgängers Grabe knospeten ſchon die weißen Roſen. Eine treue, kindliche Seele, die auch durch's Grab hin⸗ durch noch Dank ſagen wollte, hatte ſie gepflanzt. An dieſem Grabe verweilte ich am laͤngſten. Hier ſchlaͤft der Hirt in der Mitte ſeiner theuern Heerde. Das treue Herz, das ihre Freuden heiligte, und ihre Schmerzen maͤßigte, das ſo oft bewegt war in Gebeth und Fuͤrbitte, das keine groͤßere Freude kannte, denn daß ſeine Kindlein in der Wahrheit wandeln, verlaͤßt ſie auch im Tode nicht, und ichläft im Frieden bei den Seinigen. Es iſt gebrochen und verweſet; aber feine Liebe lebt noch in den Herzen ber bin; terlaſſenen Gemeinde. Droben, Du treuer Hirt, leuchteſt Du wie die Sterne, und hier erwaͤrmt Dein Andenken noch manches dankbare Herz — und auch das Deines Nachfolgers! l Auf den Graͤbern, an denen ich ſelbſt ſchon geſtanden, und die Huͤlle manches Freundes der Erde geweiht hatte, gruͤnten die erſten Graͤſer. Seyd mir gegruͤßt, ihr freund⸗ lich gruͤnenden Graͤſer, ſeyd mir ein Unterpfand, daß aus dem Tode das Leben kommt! Es waren zum Theil liebe Menſchen, uͤber deren Haͤuptern ihr aus der Erde keimt, und nun ſenden ſie zum Zeichen ihrer Liebe, und ihres Andenkens dieſe Sinnbilder der Hoffnung aus den Graͤ— bern herauf. Ich fühle mich in unſichtbarer, heiliger Ger meinſchaft; ich empfinde, daß eine hoͤhere Welt mir nahet, wo ein ewiger Fruͤhling gruͤnet. Der irdiſche Fruͤhling vergeht, der Sommer kommt, die Blumen ſchießen in Sa men, und keine von ihnen allen bleibt. Es wird Herbſt, und bald iſts Winter und Froſt. Dann iſt der Wald ent⸗ laubt, kein Kindlein iſt auf der Wieſe, die Schweſter iſt weggezogen, und die letzten Blaͤtter fallen zur Erde, und bald kehrt dann ein neuer Fruͤhling wieder. Aber einſt, wenn alle Fruͤhlinge meines Lebens abgebluͤht, alle Blu— men abgefallen, alle Abſchiede genommen ſind, dann bricht ein ewiger Frühling ein, jenſeits. Was hier mir welfte, finde ich dort wieder, jede ſchoͤne Stelle des Lenzes, jede theure jugendliche Geſtalt, jede Stunde voll Begeiſterung. Hier iſt nur Ahnung, dort iſt der wahre Frühling. Als ich das dachte voll Wehmuth und Sehnſucht, ſchlu— gen die Glocken zuſammen, und lauteten den Sonntag ein. Es war kuͤhl in der Luft geworden. Alles duftete um mich her. Der Geſang der Nachtigall erſcholl von neuem. Ein Regenbogen ſtand im Oſten, ſo breit und hell, ſo glaͤn⸗ zend und triumphirend, wie ich noch nie einen ſah. Ich kehrte heim und aus dem Fenſter der Buͤcherſtube blickte ich noch einmahl in den Frühling hinaus, und grüßte die Schweſter. Dann blieb ich ſtill und froh, bis am Mor: gen die Glocken wieder läuteten, die Kirchgaͤnger hinauf zogen zum Berge des Herrn, und ich anfing zu verkuͤn— digen ein neues Jahr unſers Gottes. — So feierte ich den Sabbathabend vor der Fruͤhlings— feier. 2. Mein Herbſttag. Von meiner Kindheit an hat der Herbſt am ſtaͤrkſten unter allen Jahreszeiten auf mich gewirkt. Ein gewiffer Hang zur Wehmuth, der in meinem Gemuͤthe liegt, fand reichliche Nahrung in ihm, und ich erinnere mich noch aus meinen Kinderjahren, daß ich einen ganzen Tag in einer freudigen Ruͤhrung hinging, wenn mir ſo etwas recht Herbſtliches vorgekommen war. Nie aber habe ich die ganze Stimmung des Herbſtes ſo rein empfunden, als an dem Tage, den ich jetzt beſchreiben will. Ich glaube daß jeder Menſch in feinem Leben Einen Tag bat für jede Jahres- zeit, worin er ihr Eigenthuͤmliches am ſtaͤrkſten und rein, ſten in ſich aufnimmt. Einen ſolchen Tag ſollte man ſich recht nahe und deutlich im Andenken halten, wie denn auch unſer Gemuͤth uns bei aͤhnlichen Anklaͤngen wieder in 9 12 — ihn verſetzt, und jedes ſpaͤtere Gefühl auf dieſes erſte und ſtaͤrkſte zuruͤckfuͤhrt. Ich habe dies bei meinem Herbik tage — ſo will ich ihn vorzugsweiſe nennen — oft er⸗ fahren, und erzaͤhle jetzt von einem Bilde, das unvergaͤng⸗ lich in meinem Herzen lebt. Es iſt mir um ſo theurer, da fo viel Herbſtliches, fo viel Heimweh und Wehmuth in dem Leben des Geiſtlichen vorkommt, und ich mich gern aus jeder Anregung deſſelben in meinen Herbſttag verſetze, damit mir im Schmerze der Troſt und in der Wehmuth die Hoffnung nicht fehle. Damals erfuhr ich beide aufs lebhafteſte und in dem ſtoͤrenden Treiben des Lebens kann man ſie oft nicht beiſammen haben, wie man ſollte. Die Aernte war ſchon einige Zeit voruͤber. Wir bat ten ſie froh und fromm gehalten. Nachdem der letzte be— kraͤnzte Wagen mit Getreide unter Aerntegeſaͤngen herein— gebracht war, und der reiche Obſtertrag den Kindern einige ſchoͤne Tage veranlaßt, auch am frühen Morgen der Bie— nenſtand von feinem Ueberfluſſe hatte abgeben muͤſſen, bat- ten wir im Genuſſe nicht vergeſſen, dem Geber ſo vieler Gaben für feine Treue zu danken, die groß, und für feine Barmherzigkeit, die alle Morgen neu iſt. Dieß Alles lag ſchon hinter uns. Der Weinmonat war hereingebrochen, und immer mehr und mehr zerfiel die Herrlichkeit der Welt, und alles wurde herbſtlich duͤſter und verwelkte. Der Sam ſtag Abend ſchien nur die aͤuſſerſte Spitze eines ſchweren, traurigen, langen Feierabendes zu ſeyn. In der Nach⸗ barſchaft fielen die taktmaͤßigen Schläge der Dreſcher. Eine lange Reihe von Hausmuͤttern und Maͤgden, auf dem Kopfe Körbe, die von dem letzten Aernteſegen gefuͤllt wa⸗ ten, zog vor den Fenſtern vorbei. Dann und wann er— ſchien ein Wagen mit verſaͤumtem Feldertrag. Tas letzte Obſt wurde im Baumhofe abgenommen. Das verdorrte Holz der Gaͤrten loderte in Feuern auf, und man ſpuͤrte ſchon die zunehmende Kaͤlte. Am Sonntag Morgen wehete der kalte Hauch des Herbſtmorgens herein als ich die Fen— ſter oͤffnete, obgleich die Sonne ſchien. Ich ſahe nach den letzten Blumen, die als ein werthes Geſchenk ſorgſamer gepflegt und laͤnger erhalten waren, als die andern, und auch ſie waren gewelckt. In der Nacht hatte es gereift. Wie nun die Sonne ſchien, rieſelten die erfrornen Blaͤt— ter von den Baͤumen, und rauſchten wie klagend in ihr Grab. Das erinnert mich jedesmal an das Ende ungluͤck— licher Menſchen, die nach einer zerſtoͤrenden Froſtnacht ſpaͤterhin den Sonnenſchein des Gluͤckes nicht mehr ertra— gen koͤnnen, und wenn wir hoffen, das erkaltete Herz werde nun wieder aufthauen, und noch eine Weile recht munter ſchlagen, ſo bricht es und ſinkt in ſein Grab, wie dieſe Blaͤtter im Sonnenſchein nach dem naͤchtlichen Reife. Dieſe Erinnerung hatte alle alte Wehmuth wieder aufge: regt, und als ob ſie heute von der Natur aus zu ihrer Hoͤhe kommen ſollte, verblich ſchon gleich wieder das Son— nenlicht, nach und nach legte ſich ein truͤber Schleier uͤber die Gegend, und bald hatte der dichte Nebel alles umzo— gen. Er hielt noch an, als wir zur Kirche gingen. Was ich mir vorgenommen zu reden, mußte ich liegen laſſen, denn es paßte nicht zu der Stimmung, in der ich jetzt war. Dem Herzen thut man nie ungeſtraft Gewalt an, und die Rede muß es bßuͤen, wenn der Redner ein ge— genwaͤrtiges, ſtarkes Gefuͤhl verlaͤugnet. Er ſollte es nie. Da es mir nur darauf ankommt, meine innere Stimmung N zu ſchildern, fo will ich Einiges aus der Predigt herſetzen, wie ich ſie vielleicht ſprach. Worte und Wendungen gab der Augenblick, und ſind mit ihm vergangen, aber der Ton, den ich gehalten, und der Gedankengang, dem ich gefolgt, ſind mir im Gedaͤchtniß geblieben. Das Gras iſt verdorret, die Blume iſt abgefallen; aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. Dieſe Worte find Worte des Heimwehs. Sie reden von der Ver— gaͤnglichkeit des Irdiſchen und von dem Beſtande des Ewi- gen. Ein Gefuͤhl, das beides umfaßt, und eine heilige Sehnſucht darauf gruͤndet, iſt Heimweh. Zu keiner Zeit im Jahre wird uns dieß Gefuͤhl naͤher gelegt, als jetzt. Darum iſt der Herbſt eine Zeit des Heimwehs fuͤr den Menſchen. Schon ſofern er mit der Natur lebt. Ein hoͤheres Leben im Glauben iſt uns gegeben, und eine heilige beſſere Welt, in der wir Buͤrgerſchaft haben ſollen. Allein der irdiſchen moͤgen wir uns nicht ganz entreiſſen. Wir leben mit der Natur. Der natuͤrliche Menſch gehoͤrt ihr ganz an. Der hoͤhere reißt ſich zwar von ihr los, wenn er in ſich kehrt, und nicht mehr von auſſen nach innen lebt, ſondern von innen nach auſſen. Aber bald, wenn er in der inneren Welt heimiſch geworden, wendet auch er ſich freundlich zuruͤck zu der Natur, und wird ſich bewußt, daß er mit ihr lebt, und daß der Herr ſich offenbare, wie am Herzen, ſo auch an der Natur. Dann wird die Umgebung verklaͤrt zur Stimmung. Jeder Fruͤhling verherrlicht ſich in feinem Herzen zur Hoffnung, jeder Herbſt zur Weh— muth. Wenn der Herbſt herannahet, die Abende fruͤher ſinken, das Angeſicht der Sonne blutroth wird, indem ſie ae nt ſcheidet, und die Nebel ziehen über die Felder; wenn falb und braun unſere Wieſen und Waͤlder ſtehen, und die Farbe der Hoffnung ſich in die Farbe der Vergaͤnglichkeit verwandelt; wenn nach kalten Naͤchten beim erſten Son⸗ nenblick die verdorrten Blaͤtter von den Baͤumen rauſchen: dann regt ſich in unſerm Herzen tiefe Wehmuth. Dunkel iſt der Himmel uͤberdeckt, und nur ſelten dringt ein mat: ter, ſchneller Sonnenſtrahl hindurch, gleichſam als der letzte Liebesblick eines ſterbenden Freundes. Die Voͤgel des Himmels ziehen hinweg weit uͤber Berg und Thal, uͤber See und Land, und verlaſſen die arme Wintergegend. Viel verlaͤßt uns; die Blumen verſchwinden, die Waͤrme nimmt ab; Tod iſt das Wort, das uͤberall erſchallt, und Tod, das nachhallt in der Menſchen Seele. Eine traurige Ah— nung zieht in unſerm Herzen herum; ein geheimes Leid, thut ſich kund; wir moͤchten auch wohl fort, hinaus, hin⸗ weg! wir fuͤhlen Heimweh. Indem wir mit der Natur leben, oͤffnen wir ihr, als einer treuen Gefaͤhrtin das Herz fuͤr ihre Sprache, aber wir antworten ihr auch. Sie wirkt auf uns, aber wir wir⸗ ken auch zuruͤck. Unſere Antwort und unſere Arbeit muß ſich nach ihrer beſondern Lage richten. Wie ihre Einwir; kung auf uns verſchieden iſt, fo iſt es auch unſere Thätig- keit. Im Lenze wird geſaͤet, und in Hoffnung gepflanzt; im Herbſte wird geaͤrntet und in Scheune geſammelt. Man trifft Anſtalten zum Erdulden einer armen verlaſſenen Zeit, eines rauhen und kalten Winters. Wie am Abende des Lebens, in der Nähe des Todes jeder Vorſichtige feine An⸗ gelegenheiten ordnet, das Ferne beitreibt, das Gefchäft be— ſchließt, den Freunden Lebewobl ſagt, und dann in Ruhe und Ergebung die Abſchiedsſtunde erwartet, fo treiben wir die Arbeit am Abende des Jahres. Es iſt als ruͤſteten wir uns zur baldigen Heimkehr und das geſchieht nicht ohne die Freuden und Schmerzen des Heimwehs. Die Welt iſt im Herbſte ein großes Sterbhaus. In einem Sterbhauſe geziemt ſich nicht Freude; man ſieht den Sterbenden, wo⸗ hin man ſich wendet; und alle Arbeit die noch im Hauſe geſchieht, iſt darauf gerichtet, den geliebten Todten mit Ehren ins Grab zu bringen. So iſt die Schoͤpfung im Herbſte ein großes Trauerhaus; tauſend Sterbende hauchen vor unſern Augen ihr Leben aus; alles trauert, und un- ſere Arbeit geht darauf hin, die Leichen zu ordnen und zu beſtatten. Wir ſind allein, und alles iſt einſam. Es iſt ein Schweigen in der Natur, wie unter Todten. Dann iſt es Heimweh, Schmerz des Abſchiedes was uns erfuͤllt; Trauer, daß wir bleiben; Sehnſucht hinaus nach der Hei— math. Das Gras iſt verdorret, die Blume iſt abgefallen; aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. Doch das iſt nur Eine Seite. Der Herbſt iſt eine Zeit des Heimwehs, auch ſo fern wir in der Natur leben. Mit dem Koͤrper leben wir in der Natur. Was ſie trifft, trifft auch ihn, er iſt denſelben Geſetzen unter— worfen, derſelben Regel der Vergaͤuglichkeit und des Fl ches. In der Natur ſchauen wir im Herbſte zuruͤck auf eine ſchoͤne Vergangenheit. Eine Zeit voll Licht und Leben, ein Frühling voll Bluͤthen, ein Sommer voll Frucht, Mo: nate voll Arbeit und Freude ſind geſchloſſen. Wehmuͤthig ſtehen wir, und nehmen von dem Allen Abſchied. Was haben die Abende, was haben die Morgenſtunden uns ge— bracht, was die vielen Stunden des langen Tages? Stan— ER den wir nicht oft mit einem uͤberſtroͤmenden Herzen vor der ſchoͤnen Welt unſers Gottes? Bluͤhete und jauchzte nicht alles um uns und in uns? Das iſt nun voruͤber! Jeder Augenblick im Leben iſt der Scheidepunkt der Vers gangenheit; wir fühlen es aber nie mehr als im Herbſt. Da kehren noch Ein Mal die koͤſtlichen Bilder der Vergan⸗ genheit zuruͤck. O lebt nun alle wohl, ihr ſchoͤnen Tage und Stunden, ihr kommt nie wieder, und waret doch ſo ſchoͤn! Nun erfahren wir, wir ſind nicht daheim, wir ſind in der Fremde. Wir fuͤhlen Heimweh. Wir leben in der Natur und gehen mit ihr manchem Leiden entgegen. Die Natur ſteht vor dem Winter, vor der Kaͤlte, vor dem Tode. Wie wird in ihm ſich alles vers aͤndern? Welche Leiden werden uns verwunden, welche Sorgen werden uns druͤcken, welche Hoffnungen werden fuͤr uns zu Grunde gehen? Der Herbſt iſt eine gefaͤhrliche Zeit. Wer wird von uns erkranken, welche Uebel wird der Winter uns bringen? Der Herbſt iſt das Alter der Natur. Auch uns kommt es nach Gottes Willen, es kom— men die Jahre, wo die Kraft gelaͤhmt, wo Schoͤnheit und Jugend verbluͤht, und das Herz tauſend Freuden verſchloſ— ſen iſt. Und dann kommt der Tod. Der Herbſt iſt eine Zeit des Sterbens. O Gott, wie wird mir dann ſeyn, wenn dieſe ſchwere Stunde erſcheint? Wird mein Herz reiner, und mein Wandel heiliger ſeyn? Werden der Lieben viele um mich ſtehen, und die erkaltende Hand mit ihren heißen Thraͤnen zum letzten Male erwärmen? Wer den dann meine Werke mir nachfolgen, und wird eine himmliſche Stimme mir zurufen: Gehe ein zu deines Herrn Freude? Wird dann noch ein treuer Freund auf Glockentoͤne. 6. Aufl. 2 re A, meinem Grabe eine Roſe pflanzen und auf den Grabſtein ſetzen: „Hier verweſet ein Herz, das oft in unendlicher Freude geſchlagen, oft in namenloſem Schmerz gezittert hat. — Aber feine Freude war in Gott, und ſein groͤß⸗ ter Schmerz uͤber Suͤnde und Schwaͤche. Das bleibt mir nun allein, — ſteh Wanderer — und alles Andere iſt hin!“ Und wird dann die Leichenrede nur ein verhei⸗ ßungsvolles Amen ſeyn, zu dem langen Gebete, das mein Leben ſeyn moͤchte? Ja, Freunde, die ſterbende Natur iſt eine Mahnung an unſer eigenes Sterben. Jedes fal⸗ lende Laub ſoll uns ſagen: ſo faͤllt auch von deinem Leben eine Freude nach der andern ab. Jede oͤde Wieſe ſoll uns ſagen: ſo iſt die Erde ein großer Gottesacker, wo die Gebeine der Deinigen ruhen, bald auch deine Gebeine. Jeder Son⸗ nenblick ſoll uns ſagen: fo will die ewige Gnade uns erleuch⸗ ten, die Thraͤnen find gezaͤhlet, der Hüter Iſrael ſchlaͤft. und ſchlummert nicht. Der ganze Herbſt ſoll uns ſagen: Du lebſt in der Natur, und du leideſt und ſtirbſt mit ihr. Das Gras verdorrt und die Blume faͤllt ab. Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. Damit geht unſer Blick höher, und unſer Heimweh wird himmliſch. Wir leben uͤber der Natur. Die Vergaͤnglichkeit des Irdiſchen verweiſet uns auf das wahre Ende, das nur Ein Mal kommt und alles beſchließt. Iſt ein Herbſt in der Natur voruͤber, ſo beginnt ein neuer Lauf der Jahres⸗ zeiten, es kommt ein anderer Herbſt und ſo immer weiter. Aber wenn unſer Herbſt voruͤber, der Tod uns einmal erſchienen iſt, kehret nichts wieder. Der Lauf iſt vollendet, wir gehen zur ewigen Heimath und ſchauen Gott, an den wir hier glauben, dort von Angeſicht zu Angeſicht. O es wäre unerträglich, denſelben Gang noch einmal zu machen. von Kindeswahn zu Juͤnglingsthorheit, von Mannes Plage zu Greiſes Schwaͤche! Das iſt unſer Heimweh, daß wir uns ſehnen nach dem Ende alles Vergaͤnglichen, und her⸗ aus aus den Geſetzen des Wechſels und der Fremde. Doch das Wiederkehrende im Irdiſchen verweiſet uns auf das ewig Beſtehende, unſer wahres Vaterland. Wir haben hier keine bleibende Staͤtte, die zukuͤnftige ſuchen wir. Nicht ſchoͤner koͤnnen wir das Ewige benennen, als unſer Vaterland. Das wahre Ende iſt auch der wahre Ans fang. So wird Herbſtes Wehmuth zum Heimweh. Hier ſind wir in wilder Fremde, man liebt uns ſo ſelten: haͤufig iſt man hart gegen uns; man ſcheint nicht zu wiſſen, wo— her wir find. Droben it das Vaterland. Da iſt die Hei⸗ math, aus der wir ſtammen und deren Spuren wir an uns nicht verwiſchen koͤnnen. Da das ewige Vaterherz, nach dem wir uns ſehnen, mit ſeinem graͤnzenloſen Erbar— men, und feiner uͤberſchwaͤnglichen Liebe. Da unſere Tod— ten. Sie waren unſer und werden uns einſt Willkommen zurufen. Da im Vaterlande biſt du, Jeſus Chriſtus, du Helfer und Retter, Bruder und Koͤnig, du deſſen Kreuz unſer Stern, deſſen Tod unſer Leben, deſſen Liebe unfere . Seligkeit iſt. Des Chriſten Heimweh iſt Sehnſucht nach dem Himmel — Verlangen nach Gott. Darum iſtt dieſes Heimweh in ſeinen bitterſten Schmerzen unſere hoͤchſte Freude, in ſeiner dringenden Unruhe unſer koͤſtlicher Friede, in einer Welt voll Vergaͤnglichkeit, ein ewiges Wort Gottes. Das iſt der reinſte und hoͤchſte Sinn von dem heiligen Ausſpruche: das Gras iſt verdorret und die Blume abge— fallen, aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. — — 82 Dieſe Rede war Erguß des Herzens geweſen. Ge danken, Bilder, Empfindungen draͤngten ſich zu ſehr und ich ſehe, daß es mir mißlingt ſie in gehoͤriger Ord⸗ nung wiederzugeben. Doch der erſte Segen fehlte ihr nicht, naͤmlich der am Herzen des Redenden. Als ich aus der Kirche ging, bemaͤchtigte ſich meiner jener heim— wehartige Gedanke, den wir oft hegen, wenn wir waͤhnen, daß uns einmal mehr wie gewoͤhnlich, das innere Leben des Herzens offenbar geworden. Moͤchten doch die Aeltern, Schweſtern und die fernen Freunde gegenwaͤrtig ſeyn, und dieſe Feyer mit mir halten! war mein Wunſch. Mich duͤnkt oft, als koͤnne das Tiefſte aus meinem Herzen zu— naͤchſt nur fuͤr ſie geſagt ſeyn. Vor ihnen ſprach ich die erſten, ſcheuen Verſuche. Sie faßten ſchon damals in der ſehr ungeuͤbten Form das Innere auf. Darum möchte jes des klaͤrer ausgeſprochene auch wieder zu ihnen zuruͤck. Gluͤcklich ſind alle zu preiſen, welche die Menſchen zu Zeu⸗ gen und Theilnehmern ihrer Erfahrungen behalten, die den erſten hervorbrechenden Zeichen des neuen Lebens Will— kommen zugerufen haben. Aber wenige koͤnnen ſich dieſer Gunſt ruͤhmen. Den meiſten entfällt in ihren ſchoͤnſten Stunden unter den Freudenthraͤnen eine Thraͤne des Schmerzes, und wenn der Mund es auch nicht vorbringt, ſo ruft doch das Herz: ach, daß ihr nicht mehr lebt, ihr liebreichen Aeltern, ihr theilnehmenden Pfleger meiner Ju— gend, und daß ihr ſo fern ſeyn muͤßt, ihr fruͤhen, alten Freunde, und die Fruͤchte nicht ſehen koͤnnet, zu denen ihr den Keim und die Bluͤthe mit ſo treuer Sorgfalt pflegtet und ſchirmtet. Dieſe Gedanken waren nur die Fortſetzung von dem, was in der Predigt vorgekommen war. Aber es ſollte ſich heute nicht bloß in Gedanken, ſondern auch im Leben fort— ſetzen. Das hingeſprochene Wort wird oft die Ahnung und Weiſſagung der Begebenheiten und Zufaͤlle, zum Be⸗ weiſe, daß es ein großes, von uns unerkanntes Geſetz ſey, das, von einer hoͤhern Hand gegeben, Wort und Ereigniß, Geiſt und Leben, innere und aͤußere Welt zu der Einheit eines geordneten Ganzen verbindet. Ich wurde am Nachmittage zu dem Krankenbette des alten Andreas gerufen, den ſchon der Fruͤhling zu nichts Anderem ſtimmen konnte, als zum Heimweh. Als ich in feine niedrige Hütte trat, lag er auf ſeinem reinlichen Las ger, wie in himmliſch mildem Glanze. Einige alte Freunde ſaßen neben ihm, auch der Blinde, der mit ihm jung ge— weſen. Lieber Herr, rief dieſer, als er meinen Gruß hoͤrte, es geht alles zu Ende. Der Herbſt iſt da, und wir Alten fallen ab. Wie iſt es Euch, guter Andreas? fragte ich den Kranken. Jetzt wieder ruhiger. — Sie ſangen eben: „Wenn mein Stuͤndlein vorhanden iſt ꝛc.“ da wurde mir fo freudig, daß ich faſt in Ungeduld fiel. — Aber ich ſterbe noch heute. — Mein Heimweh wird immer groͤßer. — Ich weiß ja, an wen ich glaube. — Unter dieſen Worten brach er oft ab. — Was hab' ich auch auf dieſer Welt? — Da ſtitzt der Blinde, der Einzige, mit dem ich noch jung geweſen, und mit dem ich von der alten Zeit ſprechen kann. Die Andern find alle todt. — Herr Sefu, Dir leb“ ich, Herr Jeſu Dir ſterbe ich. Im Leben und im Sterben bin ich Dein. — Gott hat mich fruͤhe zu ſich gezogen, und immer mehr, je mehrere er von den Meinigen in ſein Vaterhaus nahm. — Ich meine oft, ich hoͤrte das Rufen der Alten, die mir vorangegangen in die himmliſche Woh⸗ Se nung. — Hoͤrſt du denn nicht auch mein Rufen zum Bleiben? ſagte der Blinde. Du biſt mein einziger Troſt geweſen. Nun bin ich armer, blinder Mann allein. Die junge Welt verſteht uns nicht. Doch fahre hin aus dieſem Elende! Ich bleibe auch nicht lange mehr in der Fremde. — Die Alten reichten ſich die Haͤnde, und tiefes Heimweh lag auf dem Angeſichte des Sterbenden und des Blinden. Sie wuͤnſchten, ich ſolle mit ihnen beten. Ich that es, aber mit dem Gefuͤhle, daß ein Juͤngling nicht genuͤgend beten kann aus dem Herzen ſolcher Greiſe. Dann ſegnete ich den ſcheidenden Greis ein zu ſeinem Abſchiede, und fühlte, daß hier etwas Hoͤheres, mein Amt, durch mich. ſprach und handelte. Nun, wir ſehen uns wieder, ſagte der Sterbende, als er mir zum Schluſſe die Hand druͤckte. Im Himmel ſind wir alle Juͤnglinge. Ich konnte mich faſt aus dieſer heiligen Verſammlung der Alten nicht loßreißen. Gewiß, wem der Fruͤhling Heimweh bringt, den muß der Herbſt in die Heimath bringen. Ich ging hinaus, dem verſchwundenen Sommer Lebe— wohl zu ſagen. Wie war alles ſo traurig und duͤſter! Der Abendnebel ſchien ſich verbreiten zu wollen. Hie und da waren Herbſtfeuer angelegt, und die Kinder ſaßen dabei und waͤrmten ſich. Ein kalter Wind drang durch alle Glie⸗ der. Die Wieſen waren blaßgruͤn und die Blumen hin⸗ weg. Nirgend war mehr der Frohſinn und die Hoffnung des Fruͤhlings zu ſehen. Ich trat in mein Waͤldchen. Mein Fuß ging rauſchend uͤber hohe Haufen von Laub, und ganze Fluthen von Blaͤttern ſtroͤmten auf mich herab. Die Waldungen, die ich in der Ferne ſahe, ſtanden da in dem bunten, vielfarbigen Laube, womit der Herbſt ſeine wen en duͤſtre Geſtalt etwas erhellen möchte. Im Thale klopfte kein Hammer und in dem ſonſt fo dunkeln, fchattenreichen Gange ſah man durch große Luͤcken in die Wolken. Der Himmel war rings grau bezogen. Mir wurde immer weh— muͤthiger ums Herz. Kleinere Kinder, deren Haͤndchen vor Kaͤlte erſtarrt waren, liefen an mir vorbei nach Hauſe, und dachten eilend nicht daran, mich zu begruͤßen. Ich ging an tauſend Orte, wo ich im Fruhlinge und Sommer froh geweſen, auch in den lieblichen Grund, den ich an der Hand der Schweſter zum erſtenmale betreten, in jener Zeit, wo alles in der Natur im Feyerkleide erſcheint. Jetzt war alles zerſtoͤrt und verkommen. Der Glanz war erblichen an den ſchoͤnen Stellen, und faſt kannte ich ſie nicht wie⸗ der. Kaum hing noch die Erinnerung an dieſem oder je⸗ nem feſt, und mahnte mich, wie ein oder der andere Zug in der Leiche des Freundes, an die Liebenswuͤrdigkeit des entflohenen Geiſtes. Als ich uͤber den Bach, der zwiſchen den Wieſen hindurchgleitet, wegſtieg, ſah ich, daß ſeine ſonſt ſo hellen Waſſer jetzt mit abgefallenem Laube trieben. Ein Zug Kraniche flog uͤber die Gegend hin. Die Knaben verließen ihr Feuer, und ſpraugen auf die Bruͤcke, und riefen ihnen Willkommen und Abſchied zu. Hier und da ſtanden auch einige Maͤnner, die zu ihnen aufſahen. Kraniche! Kraniche! erſcholl es von allen Seiten her. gehmt auch meinen Gruß mit, ihr gluͤcklichen Wande— rer dort oben, die ihr nach Suͤden eilet, und bringt ihn dem viel lieben Thale meiner Jugend. Wie gerne zoͤge ich mit euch! — Ueber die Berge flohen ſie dahin, und ich ſahe ihnen nach ins ſuͤd-weſtliche Abendroth, fo weit mein Auge ſie verfolgen konnte. ‘ 1 O eilt nur! Hinter euch liegt der Winter, ewig vor euch der blühende, reiche Sommer. Ihr habt ihn in Nor: den und Suͤden, in unſern dunkeln Eichenhainen, und im Lichte waͤlſcher Oehlwaͤlder. Moͤchte auch ſo immer vor mir Fruͤhling und Sommer liegen! Moͤchte ich ſie finden in Liebe und Hoffnung, und beide uͤberall ſuchen! Wie ihr dahin zieht, fliegt mancher Seufzer aus be— wegter Bruſt euch nach. Es endet die herrliche Zeit. Wenn wir euch ſehen, dann iſt vieles ſchon hinweg. Ihr ſeyd die letzten, die uns verlaſſen, die letzten Genoſſen ei— nes lange hinter uns verſunkenen Lenzes. Lebe wohl, du ſchoͤner, ſchoͤner Frühling, mit all deinen verblichenen Hoff— nungen, und du herrlicher, warmer Sommer, mit deinen untergegangenen Sonnentagen und deinen nur zu kurzen Sternennaͤchten. Lebe wohl. Wie? ihr wendet euch? ihr kehrt wieder um? ihr wollt bleiben? O nein, es war nur Irrthum. Der Zug hatte ſich verwirrt; ſie kehren wieder, aber erſt nach einem langen Winter. Taͤuſche dich nicht, armes Herz, im Herbſte kehrt dir kein Fruͤhling wieder. Hin iſt hin, todt iſt todt. Immer weiter und weiter traͤgt euch euer Flug hinweg. Bald ſeyd ihr verſchwunden. Wann kehret ihr wieder? Wenn ihr euch uͤber die Berge hinweg ſchwinget, ſehen wir euch trauernd nach und wuͤnſchen euch wieder heim. O wie wirds werden im Lenze, wenn ihr umkehret, wenn eure Zuͤge hinter den Bergen wo ihr jetzt verſchwindet, wieder erſcheinen, und immer naͤher und immer näher kommen, und mit euch die ſchoͤnern Tage, wie hergetragen auf den Fluͤgeln der Fruͤhlingsbothen. Dann glaͤnzt euch das be— gruͤßende Auge der erfreuten Erwachſenen entgegen. Kra⸗ niche! Kraniche! jauchzen die Kinder mit andern Tönen in eure Hoͤhen hinauf, und Willkommen! Willkommen! rufen alle, die euch ſehen. Wo ſeyd ihr ſchon, ihr eiligen Wanderer in den Luͤf— ten? Ihr fliegt. Aber des Menſchen Gedanken fliegen auch, und erheben ſich, wohin ihr euch nicht erheben koͤnnt — zu Gott! Die Blume iſt abgefallen, das Gras iſt ver dorret; aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit. In ſolchen Geſpraͤchen mit ihnen und mit mir ſelbſt ſtand ich da und ſah ihnen nach. Als ſie hinweg waren, eilte ich nach Hauſe. Ein dunkeles Abendroth ſtand am Himmel und goß uͤber die herbſtliche Landſchaft das daͤm⸗ mernde, roͤthliche Licht, das wir nur an Herbſtabenden ſe⸗ hen. Ich moͤchte es Verklaͤrung des Todes nennen, was uns aus ihm anſpricht. Es wird uns jedesmal ſo eigen, wenn es erſcheint, und ruͤhrt und erhebt zugleich. Als ich mich dem Kirchhof näherte, kam ein Leichenzug. Keine Glocke ertoͤnte. Es war Nacht. Der Sarg wurde lang— ſam voraufgetragen, und in langer Reihe folgten die Freunde des Verſtorbenen mit ſchwarzen Schleyern und Maͤnteln. Das iſt das Letzte vom Menſchenleben. Dem, der getragen wird im ſchwarzen Zuge, iſt vielleicht das Heimweh genommen aus dem triumphirenden Geiſte, aber denen, die da gehen, hat er es zuruͤckgelaſſen und nur bit terer und ſchwerer. Indem der Zug neben mir hinging, dachte ich, wie manchmal auch ich noch dieſen Weg gehen muͤſſe, bis man mich ihn endlich traͤgt; wie oft mir das Heimweh von meinen Lieben zuruͤckgelaſſen werde, bis es auch mir weicht aus der triumphirenden Seele. Ich habe ſchon viele Freunde begraben, aber noch mehr ſinken viel— leicht vor mir ins Grab. Es war mir, als muͤſſe ich mir dieſes Bild ausmalen, und ich ſtellte mir vor, alle meine Freunde ſeyen geſtorben und ich allein nur noch uͤbrig. Das dunkle Heimweh im Herzen kann ſich durch den Se: danken allein nicht Luft machen. Es ſehnt ſich auch nach Bildern. Sie verwunden das Herz und ſind doch wohl— thaͤtig, weil ſie Gluͤck und Liebe zum Bewußtſeyn bringen. Der Blinde klagte, der alte Andreas ſey der Einzige, mit dem er von der Jugend ſprechen koͤnne, bald ſey er ganz allein, und koͤnne von keinem den Wiederhall der alten Freunde ſeines Herzens hoͤren, wenn er aus jenen Zeiten erzaͤhle. Immer ſtirbt mit einem ſterbenden Freunde ein Theil von uns ſelbſt. So lange die Genoſſen der Jugend noch leben, iſt ſie ſelbſt noch nicht geſtorben. So oft wir einen von ihnen ſehen, kehrt ſie ja ganz wieder, und jeder hat eigene Züge, in denen er fie von neuem herſtellt. Reiner, vollſtaͤndiger und ſegensreicher bleit fie uns nir— gend anfbewahrt, als im Herzen der Mutter, und in dem Vorbilde des Vaters. Aber wenn keiner von dieſen allen mehr da iſt, die Aeltern nicht mehr, die theuren, lieben; die Geſpielen des Knaben nicht mehr, und die erſten Freunde beim erwachenden Selbſtbewußtſeyn; du nicht mehr, Karl, mit dem ſich in mir ſo manche neue Welt aufſchloß; du nicht, Rudolph, in dem ich mir alle Froͤhlich⸗ keit der Jugend feſthalte, du nicht, mein Bruder, mit dem ich zuerſt lernte: Wir, ſagen im hoͤheren Sinne; wenn Ihr alle, in denen mir meine Jugend lebt, weg ſeyd, wie viel bitterer wird dann mein Heimweh werden! Das wird es ſchon fruͤher werden, wenn ihr um mich her hinſcheidet, in denen ich, wie dort das Gefuͤhl der Jugend, die Ehr⸗ urcht fuͤrs Alter feſthalte. Ach, wenn alle die Alten aus Pe der Gemeinde find, und ich kein wuͤrdiges Haupt mehr finde, das ich nur als ſolches gekannt, ſondern bloß an— dere, die ich noch juͤnger und fluͤchtiger und weltlicher ge— ſehen, wenn ich ſchon uͤber Euch alle, ihr theuern Greiſe, den letzten Segen geſprochen: und von manchem unter Euch nur noch eine dunkle, gebrochene Kunde umhergeht, — dann ſind die liebſten mir aus der Gemeinde genom— men, und mein Heimweh wird anfangen, bitter zu werden. Doch alsdann und jetzt ſoll es nicht unthaͤtig und uns geheiligt bleiben. Ich darf nicht in der Heimath erſcheinen ohne den Gewinn aus der Fremde. Ich will wirken, die⸗ weil es Tag iſt, und glauben, dieweil dieſer Tag immer nur noch eine Art Nacht iſt. Gott wolle mit mir ſeyn, daß ich in meiner Schwachheit taͤglich mehr beſſere an mir und an den Meinigen. Vielleicht wird noch oft der Lauf der Jahreszeiten mir einen Herbſttag geben, wie heute; aber jeder folgende moͤge mein Herz reiner und mein Heimweh himmliſcher finden. Bis einſt, wenn auch dieſe Graͤber da vor mir, und das meinige unter ihnen ſich auf— thun und auferſtehet, unverweslich, was geſaͤet war ver— weslich, die Sehnſucht geſtillt, und das Vaterland offen iſt. Ich ſahe umher und bemerkte, daß die Leichenbeglei⸗ tung jchon hinweggegangen war, und der Todtengraͤber allein uͤber dem Grabe ſtand, und es mit leiſer Hand an— füllte, Er fang dabei, wie er immer zu thun pflegt: Mein Zeit und Stund iſt, wenn Gott will u. ſ. w. Dieſer Geſang und das Abendgelaͤut weckten mich aus meinen Traͤumen. Unter den dumpfen und langſamen Schlaͤgen der großen Glocke kam ich zum Pfarrhauſe zu⸗ ruͤck. Der Mond war aufgegangen und ſchien helle. er Die Chriſtnacht. Es ſchlug zwei Uhr Nachts. Ich ſah in die flimmernde Winterlandſchaft hinaus, als vom Markte her die Schel— len des herbeieilenden Gefaͤhrs ertoͤnten. | Den heiligen Abend — ein Samſtag im hoͤhern Chor — hatte ich recht froh in einer Geſellſchaft erwachſener, aber doch recht kindlicher Menſchen verlebt. Die Vorleſung einer geiftreichen Weihnachtsfeyer hatte uns bis gegen Mitters nacht zuſammengehalten, und wir waren geſchieden mit der Erfahrung, wie wahre Kindlichkeit allein auf Weihnachten zu lernen ſey. Darauf hatte ich mich noch eine Weile hingeſetzt, und war die Arbeiten und Freuden des ſo eben hereingebrochenen hohen Feſttages durchgegangen. Nun dachte ich all' der Lieben, mit denen ich ſonſt einſt dieſen Abend gefeyert, und erwartete im Anſchauen der ſchoͤnen glanzreichen Mitternacht die Ankunft des Freundes. Die Sterne flammten in ihrem ſchoͤnſten Lichte. Der glaͤnzende Himmelswagen war ſchon weit herumgewendet, und die Erde hatte ihr weißes Feyerkleid, das Feſtgewand auf Weihnachten, an. Ich vergegenwaͤrtigte mir die baldigen Gottesdienſte, und wie mir ſeyn wuͤrde, in dem ungewohn— ten Lichte die Geburt des Herrn zu verkuͤndigen. So kam der Augenblick der Abfahrt. N Bald war das ſchnaubende Roß vor der Thuͤr. Der Freund rief herauf. Ich warf den Mantel um, gruͤßte den Freund mit dem Gruße des Feſtes, und ſaß neben ihm. Dahin flog das leichte Gefaͤhr mit dem muthigen Thiere. Das wird eine Nacht geben! ſagte der Freund. — Siehſt du, erwiderte ich, wir fahren dem theuern Doppelgeſtirne entgegen, dem leuchtenden Sinn— bilde der Freundſchaft. Dort glaͤnzen die Zwillinge; ſie ſind mir die liebſten Sterne am Himmel; jetzt beleuchten ſie die heilige Nacht, und dann ſteht bald die Sonne an ihrer Stelle. — Der frierende Schnee ſeuzfte unter uns; auf dem Eiſe des Stromes, an deſſen Seite wir fuhren, traten den Sternen tauſend funkelnde Abbildungen entgegen, und die beiden Freunde feyerten in raſcher Rede und Gegenrede die hohe, heilige Nacht. Es war doch recht vaͤterlich von den Vaͤtern der Kirche, daß ſie das herrliche Feſt in die oͤden, kurzen Tage des Winters verlegten, ſagte er. Und recht weiſe verſetzte ich, gleich nach der laͤngſten Nacht, wenn das Naturjahr geboren iſt, auch des Heilands Geburt zu feyern, und Ihm in ſein Leben, bis zum ſchoͤnen Fruͤhlinge zu folgen, in deſſen Bluͤthen er ſterben mußte. — Ach, rief er aus: der Heiland iſt nur Kind und Juͤngling geweſen. Das kann mich oft fuͤr meine jetzige Lebenszeit begeiſtern. In dieſen beiden Geſtalten tritt das Goͤttliche im Leben aufs ſchoͤnſte heraus. Seine Mutter und ſeine Freunde waren in hoͤhern Jahren, und Symeon und vielleicht auch die Weiſen aus dem Morgenlande, Greiſe; wir finden unter den Seinigen alle Lebensalter; aber Er war nur Kind und Juͤngling. Freue dich nicht zu ſehr, ſagte ich, und laß dir „ jetzt nicht zur uͤberfluͤſſigen Freude gereichen, was dir ſpaͤ— ter nur Trauer verurſachen wuͤrde. Deine grauen Weiſen wurden durch den Stern zur Krippe geleitet. Wir wollen uns mit dem Alter verſoͤhnen, indem wir feyerlich dieſe beiden Lichter dort im Oſten zu unſern Fuͤhrern in das heutige Feſt erwaͤhlen. — So ſprachen wir weiter, und das Heilige der Nacht, das Geheimnißreiche naͤchtlicher Got tesdienſte und reitzende Bilderſprache in den Feyerlichkeiten dieſes Feſtes wurde von vielen Seiten betrachtet. Bald waren wir dem Orte der Beſtimmung nahe. Wir ſahen ſchon den Kirchthurm des Dorfes. Immer näher kam das erſte Feſtgelaͤute. In den Haͤuſern brannten die Lampen, und aus den vier Weltgegenden, auf allen Wegen ſahen wir die Fackeln leuchten, und in ihrem Scheine ganze Wall: fahrten von Landleuten zu dem naͤchtlichen Gottesdienſte ziehen. Aus dem Pfarrhofe ſcholl uns der Geſang der Kin— der entgegen. Hoͤrſt du aus dem Munde der Unmuͤndi⸗ gen wird Ihm Lob bereitet? — Das iſt, was ich eben fagte, antwortete der Freund. Er iſt ein Kind und Juͤng⸗ ling geweſen, und von beiden wird er am herzlichſten geprie⸗ ſen: und ich glaube, daß er ihnen auch am naͤchſten iſt! — Ich wollte darein reden, da waren wir ſchon im Hofe, und wir ſprangen heraus. Kein Menſch hatte uns gehoͤrt. Ich ließ den Freund bei ſeinem Roſſe, ging die Stiege hinauf, und trat langſam in den vollen Saal! — O, da war rechte Chriſtfeyer! Welch ein Anblick in die fromme Geſellſchaft hinein! Der Vater ſaß in dem Seſſel, und leitete den Geſang mit der Baßgeige. Die Mutter ſtand unter den Kindlein, die in ſchoͤner Reihenfolge der Groͤße nach ihren Jahren vor dem reich geſchmuͤckten und koͤſtlich beſetzten Tiſch, dem Vater gegenuͤber, geſtellt waren, und bald auf die Gaben, bald auf das theure Aelternpaar ſa— hen, und ihre Stimme im lieblichen Geſange erhoben. So⸗ gar der kleine Julius ſang mit, ſo gut es gehen wollte. Hinter ihnen ſtanden ſaͤmmtliche Dienſtbothen in ehrerbieti⸗ ger Ferne und verſuchten das auch ihnen bekannt gewor⸗ dene Lied zu begleiten. Dich ehrwuͤrdige Großmutter, haͤtte ich zuerſt nennen ſollen! Sie ſaß in dem Ehrfurcht erwek— kenden Anſehen, das nur das Alter hat, vor dem eigenen Tiſche, auf dem ſie alle beſchenken wollte, und war ſelbſt zum Kinde geworden; aber in hoͤherer Art. Man fang: Fern in Oſten wird es helle, g Graue Zeiten werden jung; u. ſ. w. Ich ſtand an der Thuͤr — nur der Vater hatte mich bemerkt, — das Herrliche dieſes echt prieſterlichen Fami⸗ lienlebens ergriff mich dergeſtallt, daß ich meine Ruͤhrung nicht zuruͤckhalten konnte. — Ich faßte des Freundes Hand, der ſo eben hereingetreten war, und hielt ſie feſt, und immer feſter bis zum Ende des Geſanges. Da ſtand der Vater auf und ſagte: J Meine Kinder, ihr Erwachſenen ſeyd es ja auch — Kinder, uns iſt heute der Heiland geboren und in ihm die groͤßte Gabe des Lebens gegeben. Man kann Freude am beſten durch Geſchenke an den Tag legen. Der Himmel bat uns fo hoch beſchenkt — wir wollen uns auf der Erde auch beſchenken. Seyd mir heute alle willkommen geheiſ— fen. Hier, Kinder! — Hier, du theure, wuͤrdige Mut- ter! — Hier, ihr treuen Leute! — Hier mich ſelbſt, du liebes und holdes Weib! Mutter meiner ſieben Kinder, 1 hoͤchſtes Gluͤck meines Lebens! — Er umarmte ſein Weib. Die Kinder ließen ihre Geſchenke und hingen ſich an Va— ter und Mutter, und die Dienſtbothen kamen und wuͤnſch⸗ ten Gluͤck und ſagten Dank. Die Großmutter erhob ſich, und ſprach nichts. Alle weinten. Wir ſtanden da und konnten nichts fagen und weinten. Es waren heilige Au— genblicke! Dieſer Sinn aus der Vaͤter Zeit, dieſes echt Prieſterliche, was in allem, in Geraͤth, Kleidung und Wort ausgepraͤgt war; dieſes Eine, feſte Familienband, das ſich auch um das Geſinde legte und es zu Kindern erhob, und vor allem das ungeſucht Kindliche, das nur in dem Hauſe ſeyn kann, wo Ernſt und Milde aus dem Glauben an Chriſtum hervorgegangen, — kurz, das Feſt als Ganzes, (denn an ſolchen kann man nur mit Schaden das Ein— zelne nennen,) machte mich ſo froh: daß ich den Amtsbru— der umarmte und ſagte: o wuͤrde ich einſt ſo gluͤck lich wie du! kun wurden die Geſchenke durchgegangen und beſe— hen und geprieſen. Laßt mich von der Freude des wonne— trunkenen Julius, von dem ſinnigen Gluͤck des liebenswuͤr— digen Milchen, von der klugen Ausrechnung des aͤltern Julchen — von dem Jauchzen und den Umarmungen und dem Emporhuͤpfen aller dieſer Kinder nichts ſagen. In dieſem Hauſe, unter dieſen Aeltern, an der Bruſt einer ſol— chen Mutter, muß es ſchon hienieden wahr werden: das Himmelreich iſt ihnen, naͤmlich den Kindern. Jetzt wandte ſich die Pfarrerin an die Knechte und Maͤgde. Sie lobte ibre Treue und ihren Fleiß, und reichte jedem ein Kleidungsſtuͤck, das ihnen am nuͤtzlichſten war. Rur die eine, welche Braut geworden, und den Dienſt bald 2 — 30 —⅛ verlaſſen wollte, erhielt einen Spinnrocken und einige Er⸗ mahnungen der klugen Hausfrau. Das Mädchen Füßte ihr weinend die Haͤnde und ſagte: Von Vater und Mutter haͤtte ihr der Abſchied nicht ſo wehe gethan als jetzt von ihrer Herrſchaft. Der Amtsbruder waͤhlt ſich die beſten Knaben und Mädchen aus feinen Confirmanden, und ers zieht ſie zu ſeinem Dienſte. Sie werden wie Kinder ge— halten, fie empfinden den Segen der Liebe, und verlaſſen den Dienſt nicht eher, bis ſie heirathen. Faſt immer wer— den es gluͤckliche Haus vaͤter und Hausmuͤtter, und gehören der vorigen Herrſchaft auch dann noch mit ganzer Seele an. Das wußte ich, aber hätte ich es nicht gewußt, ich hätte es an der Thraͤne geſehen, die in den Augen der ſtarken Knechte bebte, und an der freudigen Ruͤhrung der Maͤgde. Endlich traten wir an den Tiſch der Großmutter, die bisher an unſerm Beſehen nicht Theil genommen, ſondern emſig dieſes und jenes noch zurecht gelegt hatte. Den Kindern gab ſie allerlei Kleinigkeiten — auch dem Geſinde dieſes und jenes. Nun wandte fie ſich an die Schwieger: tochter. Ich habe in dir, ſagte fie, durch meinen Sohn eine Tochter gefunden, die mir Gott fruͤher verſagte. Da— fuͤr ſegne dich Gott! Aber zum Gedaͤchtniß der gluͤcklichen Tage Euers Findens empfange hier eine wohlverwahrte Halskette, mit der mich dein Schwiegervater zum letzten Male beſchenkte. — Die gute Alte konnte nur mit Stuͤk— ken aus der vergangenen Zeit beſchenken, ſie liebte nichts Neues mehr fuͤr die Gegenwart — das Leben lag hinter ihr. Sie hatte einen eigenen Vorrath von ſolchen Stuͤcken des Andenkens, um den niemand wußte. Allein da ſie ſchon zehn Jahre immer mit ibnen beſchenkte, mußte man Glockentoͤne. Gte Aufl. 3 glauben, daß er ſehr groß geweſen. Sie hatte mit einer Fibel angefangen, mit derjenigen, woraus ihr Sohn die erſten Buchſtaben gelernt hatte. Jetzt reichte ſie ihm die Handbibel ihres ſeligen Mannes. Halte ſie heilig, fuͤgte fie endlich hinzu; nimm kein Zeichen heraus, lege keine Falte auseinander, ſie ſind von deinem ſeligen Vater. Es iſt das Letzte, was ich von ihm hatte — und da ich fuͤhle, daß ich wohl zu keinem Chriſtfeſte wieder beſchenken werde, ſo nimm das Beſte und Liebſte, das ich habe, und lies die unterſtrichenen Stellen. Ich ſehe ihn bald wieder, und will ihm von heute erzaͤhlen. Dann bin ich ſelbſt nur ein Andenken bei Euch. — O bleibt uns, ehrwuͤrdige Mut⸗ ter, ſtammelten alle und umringten die theuere, alte Mut— ter, die als der Segen des Pfarrhauſes angeſehen wurde. Der Ehrenſtuhl wurde ihr geſetzt, die Kinder ſpielten umher, und verſuchten ihre Gaben, das Geſinde war ber ausgegangen und wir ſetzten uns zum Fruͤhſtuͤck nieder. Wovon unſere Geſpraͤche handelten, und wie froh wir zu— ſammen waren, will ich nicht beſchreiben. Der Großmut⸗ ter zu Gefallen, die ſchon nicht mehr gut hoͤrte, mußten wir lauter ſprechen, und das laute Sprechen, machte auch unſere Freude lauter. Mit Einem Worte, wir wir ren alle Kinder geworden. Einmal nahm ich den Freund zur Seite, und wies auf die fromme Alte. O noch immer wahr, ſagte er, iſt ſie nicht das liebenswuͤrdigſte Kind unter uns allen? Nun in dem Sinne gebe ich dir alles Frühere zu, antwor⸗ tete ich. N 8 Ploͤtzlich ſprangen die Kleinen herein und riefen uns hinaus. Durch das ganze Dorf ſchwebten die Fackeln, alle Einwohner waren in frohem Jauchzen, und der Sterne Licht ſchien immer noch ſo milde von oben herein. Aber das war es nicht allein. Auf dem Gelaͤnder des Kirch— thurms ſahen wir ein leuchtendes Kreuz, und von oben herab mit dem Scheine des Lichts toͤnte der Geſang in Luthers munterer Melodie: „Vom Himmel hoch da komm ich her!“ Wir hoͤrten ihm zu, und mit dem Steigen der Melo— die ſtieg auch unſer Herz und unſere Freude. An der Wiege ſeiner Kinder hatte der ſtarke Mann dies Liedlein geſungen, und der Freund meinte, man hoͤre es demſel— ben an. Nach einem kleinen Zeitraume laͤutete man zum zwei— ten Male in die Lichterkirche, wie ſie hier heißt. Ich hatte mich lange nach einem ſolchen Gottesdienſte geſehnt, und den Amtsbruder gebeten, ihn mir zu uͤbertragen. In einer beſondern Freude und in dringender Sehn— ſucht legte ich Mantel und Kragen um, und faſt das ganze Haus zog mit zur Kirche. Die Kirche war ſchon voll, tauſend Fackeln warfen ihr Licht durch die Fenſter, und die feyer— lichen Toͤne der Orgel ſchienen vorab die froͤhliche Menge weihen zu wollen. Kein Kind der Gemeinde war zu Hauſe geblieben. Das Laͤuten in dunkler Nacht, die eigene Stims mung bei ungewoͤhnlich fruͤhem Aufſtehen, das goldene Licht in der Kirche, der antreibende Froſt, der helle Ster— nenhimmel, die raſchen, frohen und doch ſo einſamen Mor— gengruͤße, die Muͤtter in Maͤnteln mit ihren Kindern auf den Armen, und die einhuͤllende Kleidung aller Kirchen— gaͤnger, und uͤber das alles das dumpfe, ſtarke, maͤchtige Gelaͤut — hier habt ihr allen Zubehoͤr zu dem innern Ge— 3* 9 i fuͤhl des Herzens an dieſem Morgen; hier das Gewand, möchte ich fagen, meiner Rede, oder der Hintergrund, auf den meine Predigt aufgetragen war. Die Kronleuchter waren angezuͤndet. Kraͤnze von Immergruͤn waren bedeutungsvoll um die Kerzen am Al— tare gewunden, die frohe Menge ſchaute luſtig unter ihren Fackeln herum, die Bekannten gruͤßten ſich, und doch war alles fill. Den Altardienſt hatte der Amtsbruder ſich nicht neh— men laſſen. Er trat vor und ſang nach altem Brauche, wie es hier noch uͤblich iſt: Gloria in excelsis Deo! Nun erhob ſich die Muſik und mit der Orgel goß ſie die Stroͤme des Hallelujah durch die Menge. Man ſang darauf: „Ein Kindelein, ſo löbelich, Iſt uns geboren heut.“ Die Kirchenmuſik geleitete mich zur Kanzel. Ich muß es geſtehn, ſo war mir noch nie bei einer Predigt. Licht in der Nacht, das iſt ja der von der Jungfrau Geborne — das iſt ja unſer beſeligender Glaube — das iſt ja ums ſer theurer ſegensreiche Gottesdienſt. Laßt mir dieſe Freude uͤber das Sinnbild. Vielen mag ſie kindiſch erſcheinen. Aber wenn ihr kindiſch nennt, was mir kindlich iſt, ſo laßt mir nur ganz Kind ſeyn, und mich freuen wie ein Kind. Ich ſprach von Weihnachtsfreude. Die ganze frohe Ruͤh— rung der vorigen Stunden draͤngte ſich zur Rede heraus. Ich will einige Stellen herſetzen. An den Worten mag wenig ſeyn: hohen Gedanken jagte ich nicht nach: aus dem Herzen floß die Sprache. Ich ſahe die frohen Kin— der, und die kindlichen Landleute, ich hatte ſelbſt ſo viel Freude genoſſen in dieſer Nacht; darum find fie mir lieb geworden. Das Licht ſcheinet in die Finſterniß. So kuͤndigt der Juͤnger der Liebe die Geburt des Herrn an, und kann ich ſie Euch mit beſſeren Worten ankuͤndigen? Drauſſen iſt dunkle Nacht. Eure Lichter haben ſie erleuchtet, zum ſchoͤnen Zeichen, daß heute vor langen Jahrhunderten das göttliche Licht in unſerer Finſterniß ſchien. Wo Licht iſt, da iſt Freude. Man kann mit David ausrufen: Dieß iſt die Nacht, die der Herr gemacht. Laßt uns freuen und froͤhlich darinnen ſeyn. Gelobt fey, der da kommt im Nas men des Herrn. Der Herr iſt Gott, der uns erleuchtet! — Aber zu dieſer Freude gehoͤrt ein reines Herz. Die Menſchen muͤſſen wieder Kinder werden, wenn ſie ſich recht freuen ſollen. Sie muͤſſen den wunderlichen, irdiſchen Ernſt der ſpaͤtern Jahre von ſich thun, die Sorgen und die Schlauheit und die Gewohnheiten der Leidenſchaft ab— legen. Sie muͤſſen kindlich werden, um ſich freuen zu koͤnnen. In dem Augenblicke, wo ein Menſch ſich recht herzlich und innig freut, hat er wirklich etwas ruͤhrend Kindliches an ſich. Der Kindheit und Jugend, der Un— ſchuld und Offenheit hat Gott es allein gegeben, ſich freuen zu koͤnnen. Die Chriſtnacht, in der wir die Geburt des göttlichen Kindes feyern, uͤbt die eigene Gewalt über uns aus, uns alle wenigſtens auf kurze Zeit wieder zu Kin— dern zu machen. An der Krippe des Heilandes, vor der gebenedeyeten Mutter, unter den kindlichen Hirten, und bei dem Lobgeſange der Engel — wie koͤnnen wir ſie beſ— ſer nennen als verklaͤrte Kinder — wer kann da in ſeinem gewoͤhnlichen Treiben verharren? wer wuͤnſcht da nicht 0 h Ki 1 Y 0 ä — A ine Vergebung und Unſchuld und Frieden? wer möchte unter dieſen ſeligen, kindlichen Naturen nicht mit zum Kinde werden, und ſich wieder freuen lernen? Aber weſ— ſen freuen wir uns denn? Mein Geiſt freuet ſich Gottes meines Hei— landes. | Ihr wißt, das iſt ein Wort von Maria. Nur die geſegnete Mutter kann uns heute den rechten Text zu ums ferer Freude geben, denn ihr Herz mußte am tiefſten fuͤb⸗ len, was uns erfreut, — ja unſere Freude iſt nur der ferne Nachklang von ihrer Freude. Als ſie die Freundin gegruͤßt hatte, und dieſe ſie geſegnet, da erhob Maria im erſten ſeligen Muttergefuͤhl ihre Stimme und ſagte den Lobgeſaug den ihr kennet. Die ſchoͤnſte Stelle iſt in ihm: Mein Geiſt freut ſich Gottes, meines Heilandes. — Wen ſie da meint, den Vater oder den Sohn, das koͤnnten wir nur fragen aus unſerer Entfernung und Kaͤlte. Aber die frohe, fromme, ſelige Liebe trennt nicht, im Vater hat ſie den Sohn, und im Sohne den Vater. Wir wollen ihr aͤhnlich werden, nicht fragen und ſpalten; ſondern jauchzen in unſerer Weihnachtsfreude: Unſer Geiſt freut ſich Gottes unſers Heilandes! Wie herrlich iſt die Weihnachtsfreude, wenn wir auf ihren Gegenſtand ſehen! Immer iſt es eine frohe Zeit, wo ein neuer Weltbuͤrger geboren wird. Va⸗ ter⸗ und Mutterherz ſchwellen hoch in Freude, und alle Bekannten und Freunde heißen ihn willkommen zu Luſt und Leid. Aber unter den Millionen, die vor Jeſu gebos ren, unter den Millionen, die nach ihm kamen, ward kei⸗ ner geboren, wo das Herz der Mutter von ſo ſonderbaren Ahnungen wogte, wo die fremdeſten Menſchen ſich fo zur Theilnahme aufgefordert fanden, wo der Himmel ſelbſt ſeine Freuden und Wuͤnſche aͤußerte. Ja, ſo lange die Erde ſteht, ſo lange Menſchen auf ihr lebten, geboren wurden und ſtarben, ſo weit die Geſchichte reicht, und der Menſchheit Schickſale zu uͤberſchauen ſind, war kein Au— genblick von der Bedeutung, als der, in dem der Sohn der Jungfrau geboren wurde. Seit Jahrtauſenden hatte man Ihn geahnet, und nach Jahrtauſenden wird ſein Name mit Liebe genannt. Er war das Licht, das in die Finſter⸗ niß ſchien, es wohnte unter uns, und wir ſahen ſeine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Und wie finden wir denn num dies ſen Herrlichen, wie finden wir heute den Einzigen und Un— vergleichlichen? O noch nicht gebeugt vom Ungluͤck, und niedergedruͤckt vom Haſſe der Menſchen; noch nicht blutig gegeiſſelt, und an ein ſchimpflich Kreuz geſchlagen; noch nicht in Thraͤnen uͤber Jeruſalem, und in Wehmuth uͤber ein Volk, das ihn, das fo viel Liebe nicht faſſen wollte. — Nein, wir ſehen den laͤchelnden Knaben, in aller Glorie der Unſchuld, an weicher Mutterbruſt, ſehen das verklaͤrte Antlitz der uͤberfeligen Mutter — ſehen, mit einem Worte, das Herrlichſte, was je die Erde trug in der lieblichſten Stellung, die es auf Erden gibt — den Sohn Gottes als ein ſchlummerndes Kindlein an der Bruſt ſeiner menſch⸗ lichen Mutter. Welch ein herrlicher Gegenſtand der Weih- nachtsfreude! Ja mein Geiſt freuet ſich Gottes meines Heilandes! Ich ſchwieg. Die Kinder auf dem Chore fangen: 10 In der heil'gen Mutter Schoße Lag das Kind wie Sarons Roſe In der Morgenröthe Licht. — Voll Gedanken Standen ſie und ſahn und ſanken Betend auf ihr Angeſicht. Aber ſie, die Hochbeglückte, Neigt ihr Haupt zum Kind und drückte Schweigend es an ihre Bruſt; Und der Hehren Lächelnd Auge füllten Zähren Hoher Wonn' und Himmelsluſt. Und doch iſt die Weihnachtsfreude dabei fo ſtill in ihren Erweiſungen. Die wahre Freude iſt immer ſtiller Natur. Sie wohnet und waltet im Innern, in der geheimen Tiefe des Herzens. Wer ſich innig freuet, der freuet ſich ſtill. Als das Kindlein geboren ward, blieb die Freude nur zwiſchen zwei liebenden Menſchen, ja, ganz rein wohl nur in dem Herzen der hochgeſegneten Mutter. Die Hirten fuͤrchteten ſich, nur ein Mutterherz freute ſich, und das freut ſich immer ſtill. — Aber laut war die Freude im Himmel, und was auf Erden verkannt wurde, feyerten Engel in Lobgeſaͤngen! Und iſt es nicht immer noch ſo mit der Weihnachtsfreude? Nur die Kindlein, de— ren Engel allezeit ſehen das Angeſicht ihres Vaters im Himmel, nur die Kleinen und Unmuͤndigen, die wir in ihrer Unſchuld wohl oft ſelbſt menſchliche Engel nennen, freuen ſich laut und ihr Jauchzen ſchallt gen Himmel. Es iſt, als koͤnnten ſich nur Engel oder was dem verwandt iſt auf Erden, in der Chriſtnacht laut freuen. Wir Andern, N bei uns iſt ſtill dieſe Freude. Sie ſagt uns ja auch, daß die Zeit der Unſchuld dahin iſt, daß wir von der Welt vielfach beengt und befleckt worden, daß unſere Klugheit uns weit von Kindes-Einfalt, unſere Sorgen uns weit von Kindes-Glauben, unſere ſelbſtgeſchaffenen Leiden uns weit von Kindes-Freude entfernt haben. Das macht uns wehmuͤthig, und wehmuͤthige Freude iſt ſtill. Dann ſinnen wir, wie das Verlorne wieder herbei geſchafft, das Verſchwendete wieder gewonnen werden koͤnne, und fin nende Freude iſt ſtill. So freuet ſich unſer Geiſt, Got— tes, unſers Heilandes! Die Kinder ſangen: Wie ſchön biſt du, Freundliche Stille, himmliſche Ruh! — In des Kindes zarter Hülle, In der heiligen Mutter Schoß, Auf der Krippe weichem Moos Lag des ew'gen Lichtes Fülle! Werfen wir nun auch einen Blick auf die Bedeu— tung der Weihnachtsfreude. Wie troſtvoll iſt dieſe! Wenn einer wäre, der des Troſtes nicht beduͤrfte, nicht bei den Freuden, ja nicht einmal bei den Leiden dieſes Le— bens, nicht bei der immer ungeſtillten Sehnſucht des Her— zens: dem wuͤrde man freilich vergeblich reden von der tiefen Bedeutung der Weihnachtsfreude. Freude troͤſtet und Kindheit auch. Wenn in dunkeln Stunden ein hei— teres Angeſicht uns begegnet, oder unſer Blick auf die zarten Kindlein, und ihr ſchoͤnes, ſchuldloſes Thun faͤllt; da wird unſer Sinn gleich geſchwichtigt und geſtillt und getroͤſtet. Aber das iſt noch nicht, was ich meyne. Wen bedeutet dieſes Geburtsfeſt? wer iſt es eigentlich, der uns in jeder Chriſtnacht immer von neuem geboren wird? O es iſt der, zu dem nicht bloß ein heller Stern einſt aus dem Morgenlande fuͤhrte, ſondern zu dem noch taͤglich aus den Abendlanden und aus allen Gegenden her die volle gluͤhende Sonne der Gerechtigkeit leitet — es iſt der, an deſſen treue Bruſt voll Wunden ſich gläubig jedes blutende Herz fluͤchten darf — der, deſſen Gnade uns alles gibt, was wir nur beduͤrfen, zu deſſen verklaͤrten Bilde wir in jeder Stunde der Schwachheit und der Freude aufblicken und deſſen Herz vor Liebe bricht, wir kommen, oder kom— men nicht, wie Euer ſchoͤner alter Kirchengeſang ſagt. Wahrlich, wer das bedenket, dem klingt es als der Aus— ſpruch ſeines eigenen Herzens, wenn unſere Vaͤter ſangen: „Wär uns das Kindlein nicht geboren, fo wären wir all; zumal verloren. Das Heil iſt unſer aller.“ Mein Geiſt freuet ſich Gottes, meines Heilandes. Die Kinder fielen mit Luthers unvergleichlichen Wor— ten ein: Das hat er alles uns gethan, Sein' große Lieb zu zeigen an, Deß freue ſich die Chriſtenheit Und dank ihm deß in Ewigkeit! Hallelujah! Denke ich an den Einfluß der Weihnachtsfreude, jo wird es mir ſchwer, mich hier kurz zu faſſen, wenn ich zeigen will, wie fruchtbar er iſt. Ihr wißt ja, jede wahre Freude beſſert. Das iſt nicht die rechte Freude, in der und nach der man ſich nicht beſſer fühlt. O, ich ſage jetzt nur noch Geringes, aber es bleibt ewig wahr: eine reine Freude in dieſer Nacht muͤßte uns ſtaͤrken in allem Guten auf ein ganzes Jahr. Und doch iſt das nur noch ein Geringes gegen das Hoͤhere, das ich von der Weih— nachtsfreude zu ruͤhmen habe. Iſt von der erſten Chriſt— feyer nicht das Heil der ganzen Welt ausgegangen? War dieſe nicht der Quell, aus dem eine Fülle von Seligkeit für unzählige Menſchen hervorgeſtroͤmt iſt? So wird auch in jedem einzelnen Gemuͤthe die erſte, tief empfundene »Weibnachtsfreude und das erſte ſelige Bewußtſeyn, daß ihm der Erloͤſer geboren worden, die Grundlage zu einem ſeligen Leben voll Friede und Freude, die Morgenroͤthe zu einem neuen Tage voll Licht, der hochgeſegnete Anfang zu einem Leben, das ſchon hier ein Wandel im Himmel iſt. Die erſte wahre Freude iſt nicht anders zu nennen, als Freude der Verſoͤhnung, und dieſe Freude iſt Anfang, Grundlage und Kraft zur Beſſerung, und wird empfunden als werdende Seligkeit. Heil dem, welchen eine Weih— nachtsfreude in dieſe Seligkeit einfuͤhrt; deſſen Geiſt ſich ſo freuet Gottes, ſeines Heilandes! Der Chor der Kinder ſang: Es kam ein Heiland, ein Befreier Ein Menſchenſohn voll Lieb und Macht; Und hat ein allbelebend Feuer In unſerm Herzen angefacht. Nun ſahen wir erſt den Himmel offen Als unſer altes Vaterland, Wir konnten glauben nun und hoffen, Und fühlten uns mit Gott verwandt. Wie wenig dagegen alle Freude auf Erden zu bedeu— ten habe, gegen das, was ein menſchliches Herz an Freude — 44 — wohl empfinden koͤnnte und möchte, iſt daran zu ſehen, daß wir zu jeder Freude noch der Hoffnung beduͤrfen, um fie zu genießen. Hoffen zu koͤnnen, iſt die ſchoͤuſte und reinſte Freude. Laßt uns von dieſer Seite noch zuletzt auf die Weihnachtsfreude blicken, um ſie auch hier in ihrer ganzen Herrlichkeit zu finden, nämlich — fo hoffnungs— reich in ihren Verheißungen. Schon viele Jahr⸗ hunderte wurden Weihnachten gefeyert; das erſtemal von wenigen und immer von mehrern und mehrern. Ihre Freuden breiteten ſich immer weiter aus, dem Beſten muͤſ— ſen alle Herzen zufallen, das Reich Gottes beſteht, und immer mehr wird es kommen. Das iſt die Hoffnung, mit der wir in die Zukunft der Menſchheit ſchauen, aber an ihr ſoll jeder Einzelne Theil nehmen. Das Chriſtfeſt feyert den Bund, in den menſchlich Schoͤnes mit goͤttlich Herr— lichem getreten iſt. Wie in dem goͤttlichen Kinde himmliſch Erbabenes, und irdiſch Liebliches zuſammenfließen, ſo ſoll es fortan in unſerm ganzen Leben ſeyn. Das iſt unſere Beſtimmung, auf die unſere beſte Hoffnung geht. Haben wir nur Einmal verſtanden, uns der Weihnachten wahrhaft zu freuen, ſo iſt fuͤr unſer Gemuͤth und Leben dieſer Bund eingeleitet, und es kann nun immer beſſer werden. — Aber hienieden ſoll ſich dieſer Bund nicht vollenden. So hoch und geiſtig Weihnachtsfreude auch ſeyn mag, wir warten noch auf eine beſſere, auf ein ewiges Chriſtfeſt, in einem neuen Himmel und auf einer neuen Erde, wo zwar auch nur unſer heutiger Lobgeſang ertoͤnen kann, aber doch wie ganz anders: Ehre ſey Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den Menſchen ein Wohlgefallen! Da finden wir die geſegnete Mutter wieder, und mit ihr in Einer Wonne, und Einer Seligkeit werden wir jauchzen und ſa— gen: Mein Geiſt freuet ſich Gottes, meines Heilandes. Amen. Es war eine eigene, heitere Stimmung in der Kirche, wie es wohl natuͤrlich iſt, wenn eine ſolche Feyer begangen wird. Man ſang: Dies iſt die Nacht da mir erſchien, Des großen Gottes Freundlichkeit, u. ſ. w. Nach dem Gebete und Segen ertoͤnte wieder die Muſik in ihren freudigſten Toͤnen. Die Menge hielt aus bis zu Ende, und wie fie ſich nun aus den Thuͤren ergoß, jauchzte alles durch einander. Die Fackeln waren noch nicht nie- dergebrannt, und das ganze Dorf war durchleuchtet. In der Kirche waͤre es faſt wieder Nacht geworden, aber der Kronleuchter auf dem Chor brannte noch, und das Mor; genroth ſchien durch die Fenſter. — Im Vorgefuͤhl noch ſchoͤnerer Weihnachten, wo wir alle noch mehr Kinder ſeyn werden, gingen wir durch die leer gewordene ſtille Kirche, in die nun aus der Ferne der aͤußere Jubel hereinhallte. Wir verließen ſie mit dem feyerlichen Gefuͤhl, mit dem man durch eine, ſo eben noch volle, nun leer gewordene Kirche geht und das Schallen der einzelnen Fußtritte hört, und gleichſam die letzten Toͤne der Gebete und Geſaͤnge, wie ſie an den Woͤlbungen verhallen. Roß und Gefaͤhr ſtanden am Eingange des Kirchho— fes. Wir ſtiegen ein, und fuhren mit hoher Freude in unſere Heimath zuruͤck. Hier und da auf dem Wege ſahen wir noch den Zug der Landleute und Fackeln, deren Licht mit der Daͤmmerung ſtritt. Vom Thurme leuchtete matter das ſtrahlende Kreuz. Die Sterne waren verblichen, nur * 2 der Stern der Liebe, der Verkuͤndiger des Tages und gleichſam der Bothe der Sonne, ſchien uns ins Auge, wenn wir uns umwendeten. Als wir der Heimath uns naͤherten ſahen wir ſchon die Anſtalten zum neu eroͤffne— ten Chriſtmarkte; das Feſtgelaͤut empfing uns auch hier, und hatte ich auch freilich keine Kinder daheim, denen ich in der Nacht Chriſtfreude veranſtalten konnte, ſo hatte ich doch eine kindliche Gemeinde, der ich ſie am Tage predi— gen ſollte. Die Nacht ſtaͤrkte mich fuͤhlbar darin. Als ich ſchon ausgeſtiegen war, rief mir der Freund noch zu: Ohne Kinder waͤre uns dieſe Nacht nicht ſo ge— ſegnet geweſen, und ohne Juͤnglinge zu ſeyn, haͤtten wir zu dieſer Fahrt nicht Muth gehabt. Ich bleibe dabei: Je— ſus iſt nur Kind und Juͤngling geweſen, und — 5 Ja, ſprach ich ein, in jenem Sinne — Aber das Roß ließ ſich nicht halten, und die Thuͤr des eigenen Pfarrhauſes oͤffnete ſich. 4. Der Jahreswechſel. — Ich habe in jedem Jahre zwei lange Feſtzeiten. Durch das ganze Jahr thut es mir wohl, wenn ic) fie ungeſtoͤrt in meiner Weiſe verleben kann. Es iſt im Fruͤhlinge die Zeit der Einſegnung der Kinder und im Winter der zehn Tage von St. Thomas bis Neujahr. Vorzüglich die letz ten Tage bilden nur Eine Feſtreihe. Sie faͤngt bei dem kuͤrzeſten Tage an, dann kommt der Chriſtabend, die bei— = un Ah. den hohen Feſttage, des Vaters Geburtstag, dann faͤllt gewoͤhnlich noch ein Sonntag dazwiſchen, und endlich der Abend des Jahres und das Neujahr. In dieſen Tagen feyere ich nur; die liebſten Schriften liegen auf dem Tiſche; alte Lieblingsſtellen werden wieder geleſen; alle ernſte Bes ſchaͤftigung mit menſchlicher Wiſſenſchaft muß für jetzt zus ruͤcktreten, und Predigt ſchreiben und halten, und immer anregen und angeregt werden, iſt das eigenthuͤmliche dieſer Zeit. Es fuͤgt ſich oft, daß ich faſt taͤglich in dieſer Zeit oͤffentlich zu reden habe; die Kirche iſt voll und auch mein Herz. So war ich auch dieſes Jahr durch die theuern zehn Tage hindurch gegangen, und hatte des Lieben und Guten viel erfahren. Die letzten Tage in einer langen Feſtreihe haben immer etwas Wehmuͤthiges an ſich. Ruͤhrung, die ſich oft nicht ausſprechen kann, erfuͤllt meine Seele am alten Jahres Abende und am Neujahrstage. Denk' ich dankbar an all' das Gute, das ich genoſſen — ſo iſt es doch voruͤber, und denk' ich hoffend an die Zukunft, — ſo kann doch der Menſch nur fragend hineinblicken. Selten aber bin ich ſo tief geruͤhrt geweſen, als dieſe ceujahrsnacht. Mit Thraͤnen in den Augen hatte ich meine Predigt geſchrieben, — ſie war wie das letzte Abend— roth, das ſo dunkel und ſchwarz in die Stube leuchtete. Von da wurde ich in ein Trauerhaus gerufen, wo der Vater, ein treuer guter Menſch, ploͤtzlich am Schlage ge— ſtorben war; der Abend des Jahres war auch der ſeinige geweſen; mit dem Jahre war auch er geſtorben. Dieſer Vorfall hatte mich erſchuͤttert, und was ich ſpaͤter daruͤber zu reden hatte zu der Wittwe und den Kindern, war nur — 8 — geeignet, meine Wehmuth zu erhöhen. Mit ſolchen Gefuͤb⸗ len — o, ſie waren noch verſtaͤrkt, als ich mein Tagebuch durchgeblaͤttert, die Reihe meiner Predigten angeſehen, im Geiſte bei den Freunden umhergeſchwebt, und mich ins liebe Vaterhaus verſetzt hatte, — mit dieſen Gefuͤhlen ging ich in der letzten Stunde des Jahrs in den Garten am Pfarrhauſe. Der Schnee ſeufzte unter meinen Tritten und ernſt und feyerlich ſchienen die Sterne herab. Der Mond war hinter einer Wolke. Ich war kaum im Gars ten, als ſchon der Geſang des blinden, ungluͤcklichen Nach⸗ bars aus ſeiner dunkeln Huͤtte emporſchlug, — er ſang ſo hell und freudig, als jauchze er, daß doch wenigſtens Ein Jahr wieder hinweg ſey von der ſchweren Laſt ſeiner Zeit, — und als ich näher zuhorchte, fang er das alte Lied: Gott Lob, nun geht mit gutem Glücke, Und beſſer als ich je gedacht, Der Reſt des alten Jahrs zurücke, Der Herr hat alles wohl gemacht; Und macht es wohl noch fernerhin, Daß ich bei ihm in Gnaden bin. Ich hoͤrte ihm bis zu Ende zu, denn dieſer Geſang von dieſem Saͤnger, paßte recht zu meiner Stimmung. Aber als er den letzten Vers: „Bringt ja dies Jahr mein letztes Ende,“ anfing, fo hoch und ſehnſuchts voll, fo zuver— ſichtlich und dringend, da erhob ſich auch mein Herz und ich dachte: Welch eine unausſprechliche Gnade Gottes iſt doch die Hoffnung des ewigen Lebens in dem Kummer des Zeitlichen. Eine Pauſe trat ein. Der Blinde mußte ge— weint haben, denn bald darauf folgte in einem gedaͤmpften, gebrochenen und beſchwichtigenden Tone: a Weine nicht! Durch den Tod, Stirbt die Noth; Und wenn der erſcheinet, Haſt du ausgeweinet. Er ſang noch mehr, aber es wurde ſo leiſe, daß ich ihn nicht mehr verſtehen konnte. Da zog es mich zu ihm hin. Ich nahm eine Leuchte, ging hinüber, und trat in feine dunkle Kammer. Ach, noch dunkler, wie in feiner Kammer, war es vor ſeinen Augen, denn dort fiel doch noch ein mattes Sternenlicht hinein. Als ich ihn ſahe, und das Licht in meiner Hand auf den Blinden traf, fiel mir das Wort jenes blinden Saͤngers ein: „Preis dir, o heilig Licht!“ — Der ehrwuͤrdige Alte ſaß auf ſeinem aͤrmlichen Lager. Ein Paar ſchoͤne weiße Locken hingen von der ſonſt kahlen Scheitel herab; er hatte das Haupt entbloͤßt, und die Haͤnde gefalten. Ich dachte an jenen Herbſtabend, wo ich ihn bei ſeinem ſterbenden Freunde ſah, dem einzigen, der noch von allen uͤbrigen geblieben, mit denen er jung geweſen war. Der war nun todt, und der arme Blinde allein. Mir war, als ſage mir feine vers fallene Geſtalt das klagende Wort jenes Sängers: „Ich ſahe die Graͤber aller meiner Freunde und bin nun blind.“ In einem ſchmerzlichen Gedraͤnge von Empfindungen ers griff ich ſeine Hand und gruͤßte ihn. O ſeyd Ihr es, Herr Pfarrer ?. — Ja, ſagte ich, Euch altem blinden Mann mußte ich noch gluͤcklichen Ausgang und Eingang wuͤn⸗ ſchen, es bedarfs auch keiner in der Gemeinde ſo, wie Ihr. — Ach Gott ſeufzte er, waͤre es mein letzter! — Nun, Ihr habt ja eben geſungen: „Weine nicht!“ Laßt Glockentoͤne. öte Aufl. 4 A — 1 es uns noch einmal ſingen. — Er wollte es, aber der Geſang erſtickte in den Thraͤnen. Ich konnte mich nicht mehr halten. Mein volles Herz ergoß ſich im Geſpraͤche über die Seligkeit der Leidtragenden, wie ſie getroͤſtet wer— den ſollen, und uͤber des Apoſtels Wort: Geduldig in Truͤbſal, froͤhlich in Hoffnung. — Ich verließ ihn ſpaͤt. Dann kehrte ich zuruͤck in den Garten, aber ich hoͤrte den Alten nicht wieder. Ein Paar Mal noch verſuchte er: „Weine nicht,“ allein er konnte es nicht herausbrin— gen. Da rauſchte von fern etwas vorbei. Es waren die Jubellieder einer Geſellſchaft, die mit Eſſen und Trinken den Jahreswechſel zu feyern meinte. O dieſes wilden Ge— raͤuſches, womit ſie das alte Jahr beſchloſſen, und dage— gen, der fromme, frohe, dann in Thraͤnen erſtickte Geſang des Alten! Ich habe mich nie freuen koͤnnen in lauter Geſellſchaft am Silveſterabend. Er iſt faſt ſchon zu ge— heimnißvoll fuͤr den haͤuslichen Kreis; ihn ſollte jeder nur fuͤr ſich begehen. Ein frohes Feſt kann ſich nur mit und in andern feyern laſſen; allein der Silveſterabend iſt kein ſolches Feſt, es iſt ein aͤngſtlicher Wendepunkt der Zeit an dem ſich jeder recht feſt ſtellen muß, daß er nicht ſchwin— delig werde. Unſere Vorfahren blieben daheim. Sie hat— ten fuͤr das Ernſte ein zu feines Gefuͤhl. Allein wir — dachte ich weiter — ach Gott, wir, haben es im Gefuͤhl und im Leben verloren, und wenn eiſernkalt und eiſern— ſchwer das Schickſal uͤber uns verfaͤhrt, unſer Geſchlecht kommt doch nicht zur Beſinnung. Wem iſt es zu unſrer Zeit nicht oft geweſen, als ob er allein ſtehe, mit dem Ernſt und der Begeiſterung für Chriſtenthum und Ewig— keit, in einer Menge von Menſchen, die beides oft ſo we— nig haben? Die Beſſern unter uns ſelbſt werden ſich des wahren Grundes von dem Ungluͤck unſerer Zeit nicht be— wußt. Sie reden immer nur von Krieg, Unterdruͤckung, Knechtſchaft. O, ich habe auch dafuͤr Gefuͤhl, meines Volkes Schickſal ging mir ſehr nahe, und ich verſtehe alle Eure Klagen. Aber jetzt iſt ja Friede, Gluͤck und des Volks kes alte Freiheit wiedergekehrt. Aber wahrlich, auch jetzt noch werdet Ihr des Gluͤckes nicht froh werden, wenn Ihr es nicht auf den Glauben gruͤndet. Warum war Euer Wohlſtand und Euer Gluͤck ſo tief geſunken? Weil die Froͤmmigkeit aus dem Gemuͤth des Volkes entflohen. Da ſitzt noch wohl insgeheim eine ſtille Familie, die eine Huͤtte Gottes bei den Menſchen iſt, in der ſich die Knie beugen vor dem Namen Jeſu. Da ſteht noch wohl hier oder da ein ehrwuͤrdiger Greis oder ein begeiſterter Mann, die ſich als Bothſchafter an Chriſti Statt anſehen, aber insgemein! — O laßt mich nicht davon reden. Gluͤck— liche Zeit, wo es noch ein oͤffentliches Heiligthum gab! Gluͤckliche alte Zeit, wo die Sitte noch gottesfuͤrchtig war, und manches Haus ein Tempel des Allerhoͤchſten! Gluͤck— liche Redner in jenen Jahrhunderten, die nur zu reden hatten an Glaͤubige und Ueberzeugte, und ſich um die nicht kuͤmmern durften, die drauſſen ſind! Jetzt hat ſich die Welt das Wort gegeben, alte Sitte und fromme Gewohn— beit zu verhoͤhnen, dann kindiſch zu finden, und endlich abzuſchaffen. Das Gemeinſame, das Feſtliche, das von den Vaͤtern Ueberlieferte verſchwindet; die Todten werden ſtill begraben; man verachtet das Sakrament; man hat Feſte genug, nur keine heiligen. Und doh ließ es ſich noch verſchmerzen, daß kein aͤußeres Heiligt um mehr ge— 4 * achtet wird, wenn das innere Heiligthum, die fromme Ger ſinnung, und der Wandel vor Gott deſto eifriger geſucht wuͤrden; dann waͤre es nur Irrthum, und kein Verder— ben. Aber nun! — Laßt mich ſchweigen! Vielleicht muß ich mich noch vertheidigen über die Kuͤhnheit dieſes Geſtaͤnd— niſſes. O nennt es doch nicht, wie ihr ſo gerne thut, Standesgeiſt, Pfarrerverdruß, der ſich wohl erklaͤren laſſe. Glaubt doch an wahre Liebe zu dem Volke, an innere es berzeugung des Gemuͤthes, o nur an die Noͤglichkeit, daß einem Menſchen das Ewige mehr ſeyn koͤnne, als Gewinn und Chre. Nennt mich lieber ſchwach, oder wie ihr wollt, aber ſuͤndiget nicht wider das Heiligſte im menſchlichen Herzen! Dieſe Betrachtungen, noch ſchaͤrfer und bitterer, als ich fie hier ausſprechen mag, erfüllten lange mein Gemuͤth. Doch, da trat auf einmal der Mond wieder hervor, hinter der Kirche ſtand er, und gerade fo, daß fein Licht vermit⸗ telſt zwei gegenuͤberſtehender Fenſter durch das Gebäude ſchien. Mich duͤnkte ich ſaͤhe die Kanzel im Mondenſchein. Ein troſtreicher, erhebender Anblick nach ſolchen Betrach— tungen! Leuchte nur, freundlicher Mond, leuchte nur durch die theuern Mauern, beſtrahle die Kanzel mit deinem ſchoͤnſten Lichte, denn am Altar und auf der Kanzel lebt ſichs immer im Licht! Nun fielen einige Schuͤſſe. Die Nachbarſchaft wurde lauter. Ich ſah den wandelnden Menſchen in der langen Straße nach, durch die ich im verfloſſenen Jahre fo mans chen frohen und geſegneten Gang gethan, bald in die Kam⸗ mern der Sterbenden, bald in die Saͤle der Brautleute, bald in Taufzimmer, bald in das Gotteshaus. Mebr als hundertmal ſtand ich unter dem Volke, und öffnete ihm das Innerſte meines Herzens, und predigte von dem Geheim— niſſe des Herrn unter ſeinem Volke, und faſt immer haͤtte ich ſagen moͤgen: „O ihr Maͤnner und Frauen da unten, waͤret ihr doch ſo ſelig, wie ich, fuͤhltet ihr doch die Naͤhe des Herrn, wie ich ſie fuͤhle!“ Ach ſo manches ſchwebt noch ein Mal vor dem geiſtigen Auge voruͤber! Wie herrlich doch das Amt eines Geiſtlichen iſt! Da iſt unter vielen hundert Menſchen keiner, dem ein entſchei— dender Abſchnitt im Leben gekommen, welchem er nicht zur Seite geſtanden, ein Wort Gottes in die Seele geredet, und ſich nicht mit ihm gefreut oder betruͤbt haͤtte. O es iſt ein hoher Auftrag: die Gefuͤhle einer ganzen Gemeinde in ſein Herz aufzunehmen und ſie jedem geheiligt durch Got— tes Wort und im Licht des Evangeliums verklaͤrt, wieder zu geben! — Des Geiſtlichen Amt fordert daß er jeden einzelnen Fall geſchickt unter eine allgemeine Regel bringe, allen irdiſchen Wechſel auf einen ewigen Beiſtand beziehe, und das Tiefſte und Reichſte im Leben der Menſchen zum Heiligen beauftrage. So hat er von der einen Seite die Fuͤlle des beſonderſten Lebens und von der andern die Hoͤhe des allgemeinſten. Jeden neugebornen Weltbuͤrger heißt er willkommen, in einem hoͤhern und beſſern Sinne, als die Welt, und das Herrlichſte, das ihm einſt begegnet, hat derſelbe als Erfüllung prieſterlicher Weiſſagung anzu— ſehen. Jede gluͤckliche Mutter ſegnet er und lehret fie, ih⸗ rer Liebe erſt innig und ewig froh zu werden. Da tritt eine Reihe Juͤnglinge und Jungfrauen, noch in dem Kranze der Unſchuld, und ſchon an der Schwelle der hoͤheren Ju— gend in die Kirche; ſie knien am Altare und er heißt ſie ea empfangen den heil. Geiſt, und Schutz und Schirm vor allem Boͤſen, und Staͤrke und Kraft zu allem Guten, aus der gnaͤdigen Hand Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Und wenn dem Menſchen Gluck und Leben in der Bluͤthe ſtehen, auf der Spitze namenlo— ſer Jugendgefuͤhle, ſtehen Braut und Braͤutigam vor dem Geiſtlichen, und er beſtaͤtiget ihre eheliche Liebe und Treue die ſie eines dem andern geſchworen, im Namen des drei— einigen Gottes und erklaͤrt: was Gott verbunden, ſoll der Menſch nicht trennen; und nun gehts noch ein langes Leben abwaͤrts durch Muͤhe und Abnahme, durch Sorge und Schmerz. Endlich erſcheint der Diener Gottes am Todtenbette wieder, und betet um Kraft im Sterben und um noch Einen Strahl der göttlichen Gnade, da es Abend. werden will o Herr Jeſu — und bald geht der Zug vor dem Pfarrhauſe her, er tritt in die Reihen, und ſpricht das Letzte: Menſch, du biſt Erde. — Ach, da liegt der Gottesacker. — Ueber Euren Gruͤften ſchwebe Gottes Friede, ihr Todten! Schlaft wohl! ſchien mir des Nachtwaͤchters Horn berein zu toͤnen. Aus den Haͤuſern erſcholl Jauchzen, die Glocken laͤuteten, die Schuͤſſe verdoppelten ſich, Muſik ſcholl heruͤber, und tauſend, tauſend Gluͤckwuͤnſche empfingen das neue Jahr. Es hatte zwoͤlf Uhr geſchlagen. Ich fuhr auf. Der Mond leuchtete mir entgegen. — Es iſt alſo da, rief ich, aber — ich konnte nichts mehr ſagen. Ein gewaltiges Gefuͤhl machte mich ſtumm, und ich konnte nur wortlos beten! — Nun klang das Lauten der nachbarlichen Gemeinden aus den Thaͤlern herauf, aus der Ebene herbei, und die dumpfen, fernen Schläge der großen Glocken boten einen herrlichen Hintergrund zu dem feinen, fröhlichen Gelaͤut aus unſern Thuͤrmen. Die Haufen der Saͤnger zogen durch die Stadt; die Hoͤrner ließen nach alter Weiſe ſich hoͤren; die ſtille Nacht wurde zum geraͤuſchvollen Tage. Einige Bekannten wuͤnſchten mir ein gluͤckſelig Neujahr von der Straße herauf, und einige Nachbarfrauen ſandten Ge— ſchenke ins Haus, die nach altem Brauch von den fleißi— gen Hausmuͤttern in dieſer Nacht bereitet werden zu Ehren des neuen Ankoͤmmlings. Der Mond ſchien lichter, und der Froſt wurde immer heller und ſchaͤrfer. Nun denn, Gott ſey mit euch im neuen Jahre, und der Jubel beim Anfange ſey von guter Vorbedeutung! Ihr treuen Freunde, ihr Aeltern in der Ferne, ſeyd mir gegruͤßt! Jeder Pfarrer, durch den auch nur Einmal in dieſem Jahre das Herz des Volkes bewegt, und es nach oben gezogen wird, ſey geſegnet! Ihr Feſttage, Oſtern, Pfingſten und Weihnachten, ſeyd mir willkommen, und werdet mir rechte Feſttage, warm und froh, fromm und geſegnet! Ihr dem Tode Geweihete, Sterbende in dieſem Jahre, gebe Gott, daß ich wenigſtens nur Einmal noch ein Wort des ewigen Lebens an euch rede! O du ganze, theure Gemeinde, Gnade ſey mit dir und Friede, von dem, der da iſt und war und ſeyn wird. — Kindlein, laßt uns einander lieben — Kindlein, laßt uns bleiben bei Ihm! Und dein Hirt, du gute Heerde, freue ſich immer deiner Liebe und werde immer beſſer — reifer im Glauben, und ſicherer im Lehren, — im Entfagen und Thun, im Kaͤm— pfen und Siegen, dir ein wahrhaft prieſterlich Vorbild, und was die Erde ihm nicht geben kann, das verleihe ihm 2808 der Himmel. O, Gott, es hätte wohl manches im alten Jahre anders an mir ſeyn koͤnnen. Herr vergib mir meine Suͤnden und Uebertretungen, und nimm den Dank fuͤr deine tauſend Gnaden. — Nicht ich, ſondern die Gnade, die mit mir war — Amen dem langen ſegensreichen Jahre! Amen wie einem großen Gebete! 5. Des Herrn Nachtmahl. —— Es war Gruͤndonnerſtag. Die Faſtenzeit iſt uͤber⸗ haupt die ſegensreichſte Zeit des Jahres für die Gemeinde, und die feſtlichſte fuͤr den Geiſtlichen. Wehmuth und Liebe ſteigen in ihr mit den haͤufigen Gottesdienſten bis zu dem hoͤchſten aller Feſttage, und im Kirchenweſen ſcheint ſich wieder das Alterthuͤmliche einzufinden. Wenn ſich dies von der ganzen Zeit behaupten laͤßt, ſo zeigt es ſich be— ſonders in der Charwoche. Nicht mit Unrecht heißt ſie die heilige Woche des Jahres, denn fie iſt die Woche der lei— denden, der verſoͤhnenden Liebe. Jeder Tag hat in ihr eine eigene Bedeutung, und je mehr das Feſt nahet, deſto ernſter und feyerlicher wird das Andenken, welches er zu— ruͤckruft. Am Gruͤndonnerſtage faͤngt die Reihe der ſtill— ſten und wehmuthvollſten Feyertage an. Man begeht auch in Familien nebſt den Geburtstagen der lebenden Geliebten, die Todestage der geſtorbenen; aber dieſe auf ganz audere Weiſe, wie jene. Nur die naͤchſten Verwandten und ver⸗ — 7 — trauteſten Freunde nehmen an ihnen Theil. Die laute Freude iſt verſchwunden, und Herz und Sitte fordern ein ſtilles und einſames Trauern. In dem kleinen Kreiſe de— rer, die den ſchmerzlichen Verluſt mitzufuͤhlen verſtehen, allein gefeyert, und verborgen vor der Welt vergeht ein ſolcher Tag. Eine Ähnliche Bewandtniß hat es' mit dieſen heiligen Tagen. Auf Oſtern freuet ſich auch die Welt. Sie draͤngt ſich ja zu jeder Freude, und wo Frohſinn und Jubel zu finden ſind, da mag ſie nicht fehlen, und ſollten ſie ihr auch zu hoch und geiſtig ſeyn, ſo nimmt ſie ihren Theil davon, und weiß ihn fuͤr ſich einzurichten. Aber die ſtillen Schmerzenstage, die drei heiligen Tage der Trauer, Gruͤndonnerſtag, Charfreitag und ſtiller Sabbath, pflegen nur in dem Herzen der Froͤmmern heilig gehalten und zwar in Demuth und Stille, aber mit unausſprech⸗ lichem Segen begangen zu werden. Am Gruͤndonnerſtage hat in unſerer Gemeinde Nach⸗ mittags die Vorbereitung auf des Herrn Nachtmahl Statt, und Vormittags kommen die Abendmahlsgaͤſte zum Pfarz rer, um ſich einſchreiben zu laſſen und zum Zwiegeſpraͤche zu ſtellen. Dieſe Morgen ſind mir immer heilig geweſen. Die wunderbaren Wege, welche Gott die Menſchen fuͤhrt, und die manigfaltigen Zuſtaͤnde, in denen das Eine Noth iſt, legen ſich alsdann ſo klar vor, und wenn von der ei— nen Seite des Geiſtes Blick an Menſchenkenntniß gewinnt, ſo hat das Herz von der andern die Genugthuung, man⸗ ches Wort des Troſtes und der Ermahnung zu ſprechen. In dem Pfarrhauſe iſt ein eigenes, kleineres Zimmer zu dieſem Zwiegeſpraͤche eingerichtet. Der Tiſch iſt mit einer ſchwarzen Decke behangen, das Bildniß des guten Hirten ei ME hängt an der Wand, Spiegel und andere Zierrathen feh— len; und alles verkuͤndiget, daß hier ernſte Dinge vorzuge— hen pflegen. Schon fruͤhe am Morgen habe ich hier in der Amtskleidung die Abendmahlsgaͤſte zu empfangen. Es iſt eine ehrenwerthe Einrichtung, die man Privatbeichte im Sinne der evangeliſchen Kirche nennen mag. Manchen aus dem Volke fehlt es an Freimuͤthigkeit, ſich geradezu in einer Herzensangelegenheit an den Geiſtlichen zu wen— den, und mancher bedarf auch ſogar einer aͤußern, wieder⸗ kehrenden Sitte um das Herz zu oͤffnen. Zu dem thut es einer Gemeinde in manchen Gliedern Noth, daß ſie ein— zeln, vor dem Genuſſe des Abendmahls auf eine beſtimm— tere Weiſe berathen werden. Mehr wie hundert Menſchen pflegen ſich oft an dieſen Morgen bei mir einzufinden, und wenn gleich die groͤßere Anzahl nur im Allgemeinen ſtehen bleibt, und das Gluͤck entbehrt, etwas Beſonderes und Eigenthuͤmliches von ihrem inneren Zuſtande ſagen zu koͤnnen, ſo iſt hier doch der Ort, der heranwachſenden Jugend und dem vielbeſchaͤftigten Mannesalter heilſame Winke zu geben, die mit Liebe und Dank angenommen, wie ſie mit Liebe und Beſcheidenheit gegeben werden. Das einzige Schmerzliche bringt bloß der Fall mit ſich, wenn ein offenbarer Suͤnder wagt, ſich einzufindeu, und mit Ernſt und Strenge gewarnt werden muß. Wenn hinge— gen in einer ſonſt chriſtlichen Familie Friede und Liebe un— terbrochen ſind, nimmt man den freundſchaftlichen Rath, in ſolcher Stimmung ſich dem Heiligthum nicht nahen zu wollen, mit Erfolg fuͤr die Zukunft an. Außerdem aber wird ſo manche tiefe Aeuſſerung aus dem Innerſten des Herzens, ſo manches erfreuliche Zeugniß uͤber die Erfah— rungen im höheren Leben, fo manches, das regſte Mitleid erweckende Geſtaͤndniß uͤber die Schwaͤche der menſchlichen Natur gehoͤrt, und es biethet ſich ſo viel Gelegenheit zu einer geſegneten Seelenpflege dar, daß hier der Geiſtliche eigentlich Hirt des Volkes im alten Sinne des Wortes iſt. Dieſen Morgen kam eine Frau, von der mir ſchon manches Gute bekannt war, und nachdem ſie mir einen Strauß von gruͤnen, balſamiſchen Kraͤutern, wie viele zur Feyer des Gruͤndonnerſtags zu thun pflegen, uͤberreicht hatte, ſagte ſie, daß ſie morgen gewiſſermaßen zum erſten Male zum Abendmahle gehe. So wie jetzt, waͤre ihr noch nie geweſen. Sie hätte den lieben, erſehnten Gruͤndon— nerſtag kaum erwarten koͤnnen. Ihr Chriſtenthum habe ſich bisher nur am Aeuſſern gehalten, und die guten Ruͤhrun⸗ gen waͤren ſchnell und ohne Frucht verſchwunden. In den erſten Faſtenpredigten ſey ſie auf ihren innern Zuſtand aufmerkſam geworden. Einige ſchwere Wochen waͤren zu uͤberſtehen geweſen; aber ſie haͤtte den Kampf mit ſich ſelbſt in der Stille gekaͤmpft. Am Abende vor Palmſonn— tag wäre ihr durch das Wort Gottes Beruhigung gewors den; ſie wiſſe daß ihr Erloͤſer lebe, und brenne vor Ver— langen, ſich ihm im heiligen Abendmahle gaͤnzlich hinzuge⸗ ben. Darauf erzählte fie noch einige beſtaͤtigende Züge aus der Geſchichte ihres Herzens. Ich hatte nichts hinzu— zuſetzen. Es iſt die hoͤchſte Freude, jemanden auf dieſer Hoͤhe des innern Lebens bewillkommen zu koͤnnen. Ich bezeugte ihr meine frohe Theilnahme „ und ſagte ihr: Freuet euch in dem Herrn allewege und abermal ſage ich, freuet euch. u Es erſchien auch eine Witwe. Sie hatte kuͤrzlich ei— nen braven Gatten verloren, mit dem ſie ſehr gluͤcklich ges lebt. Jetzt wollte ſie nach langer Zeit zum erſtenmal allein zu dem Altare des Herrn gehen. Sie war tief gebeugt, kaum konnte ſie ſich finden in die Wege des Herrn, und ihr lauter Wunſch, und ihre unaufhoͤrlichen Thraͤnen be— zeugten das Verlangen des nahen Todes. Ich mußte ihn mildern. Die ſchoͤne Treue, und das lebhafte Andenken an den Seligen erkannte ich an, aber ich wies ſie auf die Pflicht hin, das Leben ſo lange zu lieben, als der Allmaͤch— tige es darreicht, es nie zu verachten ſondern mit Muth und Ergebung zu tragen bis zum großen Tage der Aernte. Sie fuͤhlte das ſelbſt und ich entließ ſie mit dem Wunſche, daß die Feyer des Todes Jeſu ihr eine Feyer zum Leben werden moͤge, wie denn ſein Tod der Welt das Leben gebracht habe. Anders hatte ich zu reden mit einem kraͤnkelnden Manne, der wohl zum letzten Male in der ſichtbaren Ge— meinde des Herrn Nachtmahl genießt. Er ſahe das auch ſelbſt ein, aber er ſprach von ſeinem guten Weibe, von ſeinen unerzogenen Kindern, und von ſeinem großen Haus— halt, der eine ernſte Aufſicht fordere, und von der Freu— digkeit zum Tode, die er nicht auf ſein Leben gruͤnden koͤnne. Ihm zeigte ich, wie die irdiſchen Zwecke des Lebens dem Herrn muͤſſen anheim geſtellt werden, wie jeder beſſere Menſch ſich ſehnen ſolle abzuſcheiden, und bei Chriſto zu ſeyn, und wie dieſe Freudigkeit nur im Glauben zu erlangen ſey, und ſich nur auf Gottes Gnade in Chriſto gründen koͤnne. Erſt ſpaͤt, und nach manchen Vorberei— tungen erkaunte er ſeinen Zuſtand und was ihm Noth ſey. Es war ein feyerlicher Augenblick. Weinend und doch ges troſt geſtand er, noch nie ſich ſo gering und Gottes Gnade ſo reich geſehen zu haben, und wuͤnſchte dann mit freudi— ger Ruͤhrung, daß ſein letztes Abendmahl ihm Vorfeyer des Todes ſeyn moͤchte. Ich koͤnnte noch von einigen jungen Leuten erzaͤhlen mit denen ich das Andenken an ein Paar geſegnete Con- firmationen erneuerte, — von einem Greiſe, der mit ſelt— ner Ruhe und Zuverſicht ſagte, es iſt noch nicht erſchie— nen, was wir ſeyn werden, aber bald, bald wird es mir erſcheinen, — und von einigen Armen, die mit Ergebung die Naͤhe deſſen fuͤhlten, der den Armen das Evangelium verkuͤndigt hat. Solcher Geſtaͤndniſſe kommen viele vor, und man bewundert die Kraft des Chriſtenthums, welches, obgleich immer daſſelbe, fuͤr jede beſondere Lage doch im— mer einen beſondern Segen hat. Es war ſpaͤt geworden, ehe mich die Letzten verließen. Ich ſchloß die Reihe der Namen mit dem meinigen, und warf noch einen pruͤfenden Blick in das eigene Innere. Der Geiſtliche hat große Gefahr, uͤber der Freude und dem Leid an andern ſich ſelbſt zu vergeſſen, und in fremder Leitung ſich ſo zu verlieren, daß er ſeine eigene hintanſetzt. Dieſe Verirrung iſt leicht. Wenn wir anderen fortſchrei—⸗ ten helfen, ſo meinen wir oft, wir ſelbſt ſchritten fort. Man lebt ſich fo ganz in andere hinein, und nimmt fo lebhaften Antheil am Kampfe, daß man am Ende mit ih⸗ nen lebt, und ihren Sieg zu theilen glaubt. In gewiſſer Ruͤckſicht iſt dies auch wahr. Durch das Beſſern an ans dern wird man ſelbſt beſſer, wie man durch Lehren lernt. Aber der Geiſtliche wirkt in andern nur durch Wort, Rath, 2 Belehrung, kurz durch eine aͤußere Form und indem er ſeine ganze Kraft darauf wendet, tritt das innere Weſen zuruck. Dieſe Klippe ſcheint mir die gefaͤhrlichſte, welche der Geiſtliche zu vermeiden hat. An ihr ſind die trefflich— ſten Menſchen geſcheitert. Vielleicht laͤßt ſich hierin der hauptſaͤchliche Grund fuͤr den oͤfteren Verfall ſolcher Die— ner der Kirche finden, die doch fruͤher mit Ernſt und Be— geiſterung, und mit allen Zeichen eines gotterfuͤllten Ge— muͤthes ihr Amt anfingen. Der heutige Mittag hat durch eine theuere Sitte der Vaͤter eine beſondere Bedeutung erhalten. Was aufgetra— gen wird hatte die holde Farbe des Gruͤnen, und alles iſt mit Kraͤutern entweder gewuͤrzt oder geſchmuͤckt. Die Straͤuße der Gemeindsglieder ſtanden auf der Mitte des Tiſches, und verbreiteten einen lieblichen Duft. Die chriſt— lichen Feſte, obwohl ſie rein geiſtige Feſte ſind, lehnen ſich kindlich an die Natur, und nehmen gern jede beſondere Gabe der Jahreszeit in ſich auf. Man hatte jetzt noch keine Blumen, aber nach dem oͤden Winter im erſten Auf— gange des Fruͤhlings, begruͤßen wir die gruͤnen Graͤſer mit einer Freude und Leben, wie ſpaͤter kaum die Blumen. Und zu ſo ſtillen Tagen ziemen ſich auch beſſer Graͤſer als Blumen. Wir bringen es ja kaum weiter hienieden, als zu Charfreitag und Oſterabend, und heiſſen das hoff— nungsreiche Gruͤn willkommen; droben erſt prangen die Blumen. Dieſes Gruͤne gehoͤrt ganz eigentlich zur Feyer der Einſetzung des Abendmahls. Es iſt ein eigentliches Abendmahlsgruͤn, da es auf die gruͤnen Kraͤuter hindeutet, die bei dem Oſterlamme genoſſen wurden. So vereinigt es nebſt der ſchoͤnen ſinnbildlichen Bedeutung noch die erſte WF ni Feyer des aufgehenden Frühlings mit der geſchichtlichen Erinnerung an die Einſetzung des Sacraments; und ſo wollen wir das Gruͤne am Gruͤndonnerſtage dreifach will— kommen heiſſen. Wie werth wird uns deshalb in den erſten Tagen des Frühlings ein grüner Fichtenwald. Ich fühlte es, und eilte in das ſchoͤne Waͤldchen, aus dem ich die Ausſicht auf die Kirche habe. Ich feste mich in feinem vom Sons nenlichte freundlich durchbrochenen Dunkel nieder. Die lauen Fruͤhlingsluͤfte hauchten um mich her. Es war eine ſtille Stunde einſamer Vorbereitung, demuͤthigen Gebets und eigener Hinwendung des Herzens zu Gott, die immer vorhergehen ſollte, wenn man in einer Gemeinde des Herrn zu reden hat. Unter dieſer Beſchaͤftigung las ich noch den Abendmahlspſalm der alten Kirche, und indem ich ſo, jetzt ſchon beſeliget, in einer heiligen Hoffnung, noch einige Gaͤnge durch die gruͤnen Baumreihen machte, ertoͤnte das einfache Gelaͤut zur Vorbereitung. Ich war in der rechten Stimmung zu einem ſolchen Gottesdienſte. Als ich in die Kirche trat, war die Gemeinde ſchon verſammelt, und ſaß in tiefer Andacht. Kaum hoͤrte man einen Laut durch die Gewoͤlbe wiederhallen. Ich kenne keinen ernſtern und ſtillern Gottesdienſt als die Vorberei— tung zum Abendmahle. Die Orgel ſchweigt. Man kommt leiſe herein, um ſich und andere nicht zu ſtoͤren. Alle An— weſenden ſind ſchwarz gekleidet, und Gebet und Andacht ſprechen aus jeder Miene. Der Geſang, kaum von einem Vorſaͤnger geleitet, erhebt ſich ſchuͤchtern und langſam und es iſt, als wenn ein heiliges Beben in jedem Tone zittre. Der Altar iſt weiß behangen. Nur Erwachſene find gegen— 1 waͤrtig, und alle nach langer, ernſter Vorbereitung. Da iſt die Stunde, das Herz reden zu laſſen. Es ſind nicht mehr Geiſtliche und Laien; alle ſtehen auf derſelben Stufe vor dem Heiligſten des Gewiſſens und dem Allerheiligſten der Religion. Wir ſind Suͤnder, wir wir — ſagt, der das Wort nimmt, und in der fuͤhlbaren Naͤhe des Erzbirten ſind alle nur Schafe der Einen Heerde. Aller irdiſche Un— terſchied verſchwindet. Reichthum, Stand und Bildung koͤnnen die Menſchen nicht mehr trennen, die durch De— muth und Liebe vereinigt ſind. „Mich hat herzlich verlangt dies Oſterlamm mit euch zu eſſen.“ Das war der Text zu meiner Rede. Ich ver— breitete mich uͤber dieſe ruͤhrenden Worte, die der Heiland am letzten Abende vor ſeinem Tode ſprach, und zeigte, wie der erſte Gruͤndonnerſtag der chriſtlichen Kirche, mit welchen Empfindungen des Herrn und mit welchen der Juͤnger er gefeyert worden. Darauf gedachte ich der großen, erhabenen Feyer der ſpaͤteren Zeiten, in den ers ſten Jahrhunderten der Kirche, und ich beſchrieb, wie die erſte Liebe der Welt zu dem Sohne Gottes ſich ſo innig und warm ausgeſprochen; wie die Feyer des Abendmahles das große Geheimniß der Glaͤubigen geweſen; und alles, was Andacht, Liebe, Ausſonderung des Unwuͤrdigen und Weihung des Beſſern nur aufbiethen konnten, fuͤr die Feyer des Hochwuͤrdigen verwandt ward. Dann kam ich auf unſere Zeit, ihren wankenden Glauben und ihre erkal⸗ tende Liebe, und ſchloß die dringende Ermahnung mit den Worten des Herrn: „Siehe, ich ſtehe vor der Thuͤre und klopfe an. So jemand meine Stimme hoͤren wird, und die Thuͤr aufthun, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.“ 4 66 Es war ſchauerlich, wie das dumpfe, zitternde Ja! auf die ernſte Nachfrage um die genaue Pruͤfung, und die rechte Geſinnung durch die Kirche hallte, und in einem tiefen, hohlen Tone erſtarb. Wenn das Herz noch ſo freudig und voll Sehnſucht iſt, ſo kann das Ja des Ge— ſtaͤndniſſes doch immer nur bebend und ſchuͤchtern ſeyn. „Selig ſind, die zum Abendmahle des Lammes beru— fen ſind,“ waren die wahrhaftigen Worte Gottes, die un— ter dem Segensſpruche unſere Herzen einweiheten auf morgen. y Man fang zum Ausgange: Ich kam gebeugt in Gottes Haus, Mich reu'ten meine Sünden: Da theilteſt Du mir Gnade aus Und ließeſt Troſt mich finden. O Heiland, viel haſt Du gethan Die Sünder zu befreyen! Ach nimm das Freudenopfer an Das Herz und Mund Dir weihen! In eingezogener Stille verbrachte ich den Abend der Einſetzung, und ſah den Morgen zu des Herrn Todestage anbrechen. Ich bereitete mich zu ſeiner Feyer, indem ich Johannis Evangelium uͤber die letzten Stunden des Herrn las, an deſſen Bruſt er gelegen. Wie iſt es, daß ein dunkler, mit Wolken behangener Himmel am Charfreytage uns fo wohl thut? Das Mor— genroth gluͤhete ſchwarzroth, die Daͤmmerung hatte lange gedauert, und den ganzen Tag hing ein truͤber Schleier uͤber der Gegend, die geſtern ſich ſo ſchoͤn im neuen Son— nenlichte auseinander gelegt hatte. Iſt es doch, als freue man ſich, daß die Welt mit uns traure, und in der Nas Glockentoͤne. te Aufl. 5 a tur das Abbild von der Wehmuth geſehen werden koͤnne, die unſer Herz durchdringt. Wir leſen es aus demſelben Grunde ſo gern, daß am Todestage des Herrn die Sonne ihren Schein verlor, und eine Finſterniß uͤber das ganze Land ſich verbreitete. Wir meinen darin die Verſicherung zu finden, daß Ein heiliges Band die Natur und die Menſchheit umſchlingt. In der Kirche ließ ſich Charfreytags-Stimmung ver— ſpuͤren. Es war nicht mehr die Stille der Einkehr und Pruͤfung am geſtrigen Abende. Es war die Stille der Trauer und Wehmuth. Es iſt, als feyerten wir in dem Tode des Heilandes den Tod aller geliebten Menſchen, den Untergang alles Irrdiſchen, die Niederlage unſers ganzen natuͤrlichen Lebens. Ich ſprach in der Predigt uͤber das Eigenthuͤmliche dieſes Tages, wie es in ſeinen Benennun— gen ausgedrückt if. Man heißt ihn den ſtillen Freytag, den lieben Freytag (Charfreytag), und den Ruͤſttag auf Oſtern. Es iſt der liebe Tag, denn an welchem hat ſich mehr Liebe offenbart? Es iſt der ſtille Tag, denn es iſt ein Tag des Todes und der Buße. Es iſt der Ruͤſttag, denn durch des Herrn Tod gehen wir zu dem großen Feſte des Lebens ein. Und das alles iſt ja Abendmahlsem— pfindung⸗ a Wir ſtehen heute und Tauſende ſeiner Treuen mit uns an ſeinem Kreuze. Was er war und was er uns gewor— den, ſeine Liebe und Treue, ſein ſchwerer Tod und ſein geheimnißvolles Verdienſt, ſein großes Herz und ſeine er— habene Aufopferung, und nun die Ruhe in ſeinem Grabe, und die Stille um feine Leiche her, wen, der ihn kennt, erfuͤllt dieſe Betrachtung nicht mit Wehmuth und Daukbar⸗ keit? Er ging durch die Welt, wie ein fröhlich Kindlein; er ſtritt wider das Boͤſe wie ein Held; er liebte die Menſchheit, wie ein Braͤutigam; — doch nun iſt alles vol— lendet, wovon die Propheten reden; er liegt da und ſchlaͤft in ſtillem Frieden. Die Welt konnte ihn nicht faſ— ſen. Sein Sinn ging nach oben, der ihrige geht nach unten. Der Heilige kam in fein Eigenthum, aber die Sei nen nahmen ihn nicht auf. Das Goͤttliche gehoͤrt dem Himmel an, darum kann es bier unten nur erſcheinen, und muß bald wieder hinweg. Nur an Einer geweihten Stätte bleibet es, nur Ein Heiligthum gibt es, dem es nicht geraubt werden kann, und das es beſitzt, wenn es auch nach oben zuruͤck gekehrt iſt. Der Erloͤſer lebt im Himmel, und lebt in dem Herzen der Seinen. Für fie ſtarb er, ihre Suͤnden hat er ſelbſt geopfert, auf daß ſie der Gerechtigkeit leben. Jedes Abendmahl iſt ein neuer Beweis davon. Innigſte, ſeligſte Vereinigung mit dem Hirten und Biſchofe unſerer Seele, und in dieſer Vereini— gung Vergebung aller Suͤnde, Liebe zu den Brüdern, Schmerz uͤber jedes Boͤſe, Entſchluß zu allem Guten, und Hoffnung auf ein ewiges Leben, das heißt des Herrn Tod verkuͤndigen, und das iſt das Weſen des Abendmahls. Die Gemeinde ſang den uralten Nachtmahlsgeſang: „O Lamm Gottes unſchuldig.“ In unbeſchreiblicher Empfindung trat ich vor den Al— tar. Die ganze Gemeinde ſtand. Es war feyerliche Stille in der vollen Verſammlung. Ich wandte mich nach Oſten, wo der Herr gewandelt, und von wannen dieſer große Tag und dieſes heilige Mahl uns gekommen, und ſprach betend die Worte der Conſecration. Nun begann die Or: 5» N gel in leiſen, kaum gehauchten Tönen eine ernſte Weiſe. Die Gemeinde ſtimmte ſanft und andaͤchtig mit ihrem Ge fange ein. Dann kamen die Muͤhſeligen und Beladenen, die Frohen und Geretteten zu dem heiligen Genuſſe. Arme und Reiche, Greiſe und Juͤnglinge, Gebildete und Ungebildete, alle kamen und empfingen die heilige Speiſe und den geweihten Trank. Aus manchem Auge ſprach ein getroͤſtetes und erhabenes Gemuͤth, und bey vielen war große Ruͤhrung. Ich werde den Blick nicht vergeſſen, mit dem eine reine, kindliche Seele zum Himmel aufſah, als ſie vor den Altar trat, und den Kelch der Dankſagung em⸗ pfing. Faſt moͤchte ich ſagen, daß ein Geiſtlicher, indem er das Abendmahl austheilt, mehr als je auf den unterſten Grund im Herzen der Gemeinde blicken kann. Ueber— haupt iſt die Begeiſterung im Reden bey weitem nicht von ſo hoher und reiner Art, als die Begeiſterung bey der Ver— waltung des Sacramentes. Die Augenblicke, wo ſie ge— ſchieht, gehoͤren zu den feyerlichſten im ganzen Berufe. Der einzelne tritt durchaus zuruͤck, indem nur die ganze Gemeinde und ihr Herr ſich begegnen. Das Wort des Geiſtlichen iſt nicht ſein Werk, ſondern ein alter, heiliger Spruch, und indem er unter dem Geſange der Gemeinde ausgeſprochen wird, iſt dem Geiſtlichen nicht mehr einge— raͤumt, als jedem ſingenden Gemeindsgliede. Aber es macht auf den Hoͤrenden und den Redenden einen eigenen nicht leicht auszudeutenden Eindruck, wenn unter dem leiſen Geſange der Gemeinde, die Stimme des Geiſtlichen das Hochwuͤrdige ausſpendet. Nachdem alle genoſſen hatten vom Malle des Herrn, empfing auch ich daſſelbe. In ſtiller Demuth feyerte meine Seele das Geheimniß der Liebe, die ſich ſelbſt gab, um den Menſchen ſeinem Elende zu entnehmen. Ich fuͤhlte, daß auch fuͤr mich der Mann der Liebe und der Schmerzen in den Tod gegangen ſey, und in dieſem Gefuͤhle fand ich neuen Muth, das Wort vom Kreuze meinen Bruͤdern zu verkuͤndigen. Es folgte das Dankgebet. Unter demſelben fuͤhlten wir alle, wie ſehr es ſich wahr macht an dem Herzen der Glaͤubigen, was geſchrieben ſteht: „Ihr ſeyd die Geſegne— ten des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Aber auch der Dank am Charfreytage iſt ein ſtiller, innerlicher, zwar in wenigen Worten ausgeſprochener, jedoch tief im Gemuͤthe empfundener Dank. Am Nachmittage und am folgenden Tage, welcher ſehr paſſend der große Sabbath genannt wird, zitterte die heilige Trauer des Charfreytagmorgens, mit der erneueten im Abendmahle verſiegelten Hoffnung rein und beſeligend in unſerm Herzen nach. Dieſer Tag iſt der ſtillſte des Jahrs. Der Herr liegt im Grabe, und Grabesruhe und Grabesgedanken erfüllen Herz und Geiſt. Es gebuͤhrte dem ſtillen Sabbath wohl ein eigener Gottesdienſt, allein die Kirche hat vorgezogen, daß er ganz ſtille, und darum auch nur in den innerlichen Empfindungen und Betrach— tungen der Gläubigen begangen werde. Ich kenne zu Dies ſer innern Feyer keinen ſchoͤnern Text, als jene reiche, aus der feinſten Kenntniß des weiblichen Herzens hervor— gehobene Erzählung: »Es war Ruͤſttag, und der Sabbath brach an. Es folgten aber die Weiber nach, die mit Ihm gekommen waren aus Galilaͤg, und beſchauten das Grab, und wie der Leichnam gelegt war.« Die * 190 ſes ſtille Beſchauen des Grabes, dieſer liebevolle, thraͤnen— reiche Blick zu dem Leichnam hin, und die zarte Beſorg— niß, daß Er auch im Tode noch geehrt werde von from— men Gemuͤthern, da die Welt Ihn ausgeſtoßen, koͤnnen wir im Geiſte wiederholen, und wer moͤchte es nicht an dieſem ſtillen Tage in der Gemeinſchaft dieſer heiligen Frauen. Auch einmal ein ſeliger Todter zu ſeyn, der in dem Herrn geſtorben, der nun ruht von ſeiner Arbeit, und dem feine Werke nachfolgen: dieß iſt das inbruͤnſtigſte Ge— bet, das man bei dem Grabe des Herrn betet. Den ganzen Tag brachte ich wie einen hochheiligen Tag in tiefer Eingezogenheit zu. Erſt am Abende ging ich hinaus, um von einer Anhoͤhe hinab auf den Landſtra— ßen die ankommenden Fremden zu ſehen, die mit Sehn— ſucht und Hoffnung, muͤde von oft weiter Reiſe, am Oſter— abende dem vaͤterlichen Hauſe, oder dem gaſtlichen Heerde guter Freunde entgegen zu eilen pflegen. Dieſer Anblick ſtoͤrte mich nicht. Des Menſchen Leben iſt ja eine Reiſe zum Feſte und ins Vaterhaus, und an die Muͤdigkeit und Sehnſucht bey ihrem Ende erinnert der ſtille Sabbath. Erſt am andern Morgen war dieſe Sabbathsſtille im Ge— muͤthe ausgefeyert, als die aufgehende Sonne das groͤßte Ereigniß verſinnlichte, die Oſterfeuer auf den umherliegen— den Bergen brannten, alle Glocken aus der Nachbarſchaft ineinander laͤuteten, und der Kirchner mich mit den Worz. ten begrüßte: Der Herr iſt auferſtanden, und ich nach al⸗ tem Brauche antwortete: Ja, er iſt wahrhaftig aufer⸗ ſtanden! 6. Die Einſegnung der Kinder. — V— Im ganzen Jahre gibt es keine Feſtlichkeit der Kirche, die ſich einer herzlichern Theilnahme der Gemeinden zu erfreuen hat, als die oͤffentliche Einſegnung der Kinder. Iſt es die unmittelbare Beziehung auf den Einzelnen, die in ihr hervortritt, da die andern Feſte mehr auf das Ganze gehen, und hier ſo recht klar wird, wie das Gemuͤth jedes Einzelnen durch's ganze Leben dem Erloͤſer hingegeben ſeyn muß? Oder iſt es der herrliche Anblick von der ju— gendlichen Begeiſterung, von der friſchen, neuen, aufſtre⸗ benden Waͤrme fuͤr das Hoͤchſte? Gewiß, es kann der Anblick von Juͤnglingen und Jungfrauen, deren erſte um— faſſendern Gefuͤhle in dem reinen Lichte des Evangeliums aufgehen, keinen unerfreut und ungehoben laſſen. Oder iſt bey den meiſten dieſe Theilnahme nur der letzte Verſuch des guten Geiſtes, der die zerſtreute und verweltlichte Seele noch Ein Mahl auf ihre Beſtimmung hinweiſen, und durch die Anſchauung der begeiſterten Kinder an die eigene Begeiſterung, die nun ſchon ſo lange verflogen und vers geſſen iſt, erinnern und ſie mit Scham und Schmerz er— füllen will? Es mögen wohl alle dieſe Empfindungen dunkel zuſammenwirken, um den Gemeinden im Ganzen, auch ohne Ruͤckſicht auf die naͤheren aͤlterlichen und andern Verhaͤltniſſe, die Einſegnung der Kinder in ſo hohem Grade wichtig zu machen. Nie ſieht man ſo viel Ruͤhrung im „ Gottesdienſte, und wer zu dieſer Zeit in des Volkes Herz hat ſchauen koͤnnen, wird manche Bewegung gewahr ge— worden ſeyn, nach der man ſich ſonſt vergebens umſieht. Bey dieſer Feyerlichkeit kann man zuweilen das ſeltene Schauſpiel haben, eine Reihe von Kindern aus den ver— ſchiedenſten Staͤnden, und von der verſchiedenſten Bildung durch Ein hohes Gefühl, Einen herrlichen Vorſatz verbun— den, und in der erſten, gluͤhenden Liebe des Herzens nach dem Einen, was Noth iſt, ſtreben zu ſehen. Sogar in den roheren Gemuͤthern, wo Anlage und Ausbildung gleich unbedeutend geweſen, zeigt ſich wenigſtens eine Ahnung des Hoͤhern, zu der in ſolcher Staͤrke ſie ſich bisher noch nicht erhoben hatten. Kann es auch anders ſeyn? Wenn dem unverdorbenen Kinde das Erhabenſte und Seligſte, das der menſchliche Geiſt finden kann, vorgehalten wird; wenn es einen geliebten Lehrer, mit der ganzen Waͤrme ſeines innerſten Lebens daruͤber reden und lehren hoͤrt; wenn die Aufforderungen der Aeltern, die Ermahnungen der Lehrer, das Zeugniß des eigenen Herzens zuſammen— wirken fuͤr denſelben Zweck: ſollte alsdann das noch weiche Gemuͤth ungeruͤhrt bleiben koͤnnen, und ſich nicht dafuͤr gez winnen laſſen? Wahrlich, nicht an Krankenbetten, und bey des Herrn Nachtmahl, nicht an andern feſtlichen Ta⸗ gen habe ich ſo große Wirkungen des Chriſtenthums an den Menfchen geſehen, als bey der Confirmation. Erſt als ich das kindliche Herz in feinen frommen Begeiſterun⸗ gen betrachtete, habe ich die Erſcheinung des Chriſtenthums im Menſchen in ihrer ſchoͤnſten Bluͤthe geſchaut. Preiſet immerhin die erhabene Gewalt des Wortes Gottes in dem thätigen Manne, feine hohe, ruͤhrende Stärke in dem lei denden Weibe, feine Macht in der Todesſtunde, und feine Verklaͤrung zweyer liebenden Seelen am Hochzeitstage: ich ziehe immer das Gemuͤth eines Kindes vor, das der * leiſe Hauch der Unſchuld noch umweht, deſſen Herz voll Freude dem Gekreuzigten entgegenfchlägt, und deſſen kaum von der Welt beruͤhrter Sinn ſich am Altare dem Himmel weihen will. Wie heilig dieſes Feſt dem Geiſtlichen ſeyn werde, laͤßt ſich leicht ermeſſen. Da kommen ſie heran, mit der ganzen Hoffnung der Unſchuld im Herzen, ihre Blicke leuch⸗ ten, ihre Herzen ſchlagen ſtaͤrker, ſie wollen leben fuͤr den, der für fie farb, und es feyerlich beſchwoͤren in die Hand des Mannes, der ſie zu ihm fuͤhrete, der bey ihren Wor⸗ | ten ſich feiner Thraͤnen nicht enthalten kann, und voll Dank zu dem Erzhirten blickt der ihn würdigte, bey ſol— chem Werke zu dienen. Ach, ſagt ihm denn nicht die ei— gene und fremde Erfahrung, es bleibt ſo nicht, ihr ſteht auf einer Hoͤhe, von der ihr herabſteigen werdet, die viele nie wieder erreichen, die ſie ſpaͤter mit Thraͤnen in den Augen anſehen, und es fuͤr das ſchoͤnſte Gluͤck ihres Le— bens halten werden, daß fie doch Ein Mal da gewefen ? Muß er denn nicht weiſſagen: Kinder, nun ſiegt der Hin mel in Euern jungen, unbefangenen Seelen; aber die Zeit wird kommen, wo die Welt wieder ſiegt, wo vielleicht ei— nem oder dem andern laͤcherlich dieſe Begeiſterung, oder wo manchem kindiſch dieſe Thraͤnen erſcheinen, wo die ge liebten Confirmanden von dem Herzen des Seelſorgers, und was unendlich mehr iſt, von dem Herzen des Heilan— des ſich losreiſſen? Kann man es da dem Seelenhirten verdenken, wenn in ſeine Freude ſich die bitterſte Wehmuth — 1 — miſcht, und er die Unerfahrnen nur naͤher an ſein Herz druͤckt, gleich als wolle er mit vaͤterlicher Liebe ſie ſo feſt halten, daß ſie ſich nicht losreiſſen koͤnnten. Dieſe Furcht muß dazu dienen ihn zum Bewußtſeyn feiner Freude zu bringen. Wenn er ſich etwa daruͤber freuen wollte, daß ſein Gefuͤhl im Chriſtenthum, und ſeine Anſicht von dem— ſelben mit ſolcher Lebendigkeit in vielen menſchlichen Ge— muͤthern ſich verbreitet, und ſo gruͤndlich mitgetheilt habe, daß ſie nie ganz aus ihnen verſchwinden koͤnnen: ſo waͤre es nur eine eitle, leere und eigenſuͤchtige Freude. Aber daß dieſe Kinder mit der ganzen Innigkeit und Offenheit der Jugend an dem geiſtlichen Vater hangen; daß ſie in ihm den Fuͤhrer zu ihrer Seligkeit erblicken; daß die Liebe, womit ſie den Heiland ihrer Seele umfaſſen, ihnen auch den theuer macht, der ihnen denſelben verkuͤndigte; daß ſie ihre Anhaͤnglichkeit oft auf eine ruͤhrende und überwältigende Weiſe ausſprechen und daß ſie kuͤnftig in der groͤßeren Ge— meinde eine kleinere, naͤhere fuͤr ſein Herz bilden werden — o wer muß nicht geſtehen, daß dieſe genaue Verbin— dung des Geiſtlichen mit ſeinen Confirmanden eine reiche Freudenquelle für ihn ſeyn wird. Des Seelſorgers Herz kann ſich unglaublich an die Kinder anſchließen. Mir iſt oft in ſolchen Zeiten geweſen, als lebte ich nur in den Kindern, und als wäre die ganze, übrige Gemeinde nur in Beziehung auf fie für mich da. Erſcheint mir noch Ein Mal in Eurer beſſern Geſtalt, meine Soͤhne und Toͤchter, in der ich Euch leider ſelten wiederſah — in Euern Feſtkleidern, die doch nur das aͤuſ— ſere Zeichen der herrlichen Verfaſſung Eurer Seelen was ren — erſcheint mir noch Ein Mal, fo betend, fo eutzuͤckt, fo in Ruͤhrung und Wonne aufgeloͤſt, wie Ihr damals vor mir ſtandet, damit ich von dieſem Tage etwas aufbe— wahre fuͤr Eure und meine Zukunft! f Seit einem Monate hatten wir ung täglich geſehen; in jeder Stunde ſah ich neue Fortſchritte, und mit jedem x Fortſchritte wurde ihnen Chriſtus und Chriſtenthum mehr. Wir freuten uns auf die Stunde, und hatten gewoͤhnlich noch mehr Segen in ihr, als wir erwartet hatten. Jede neue Empfindung, die mit einiger Staͤrke ſich der Herzen bemaͤchtigte, gewaͤhrte uns ein neues Feſt und ſogar die aͤußern Vorfaͤlle zogen wir in unſere frommen Unterhal— tungen. Einigen Kindern waren die Aeltern geſtorben, andere hatten ſonſtige Vorfälle im Haufe erlebt, noch an— dere erwarteten zur Feyer ihre Verwandten: die eigenen Krankheiten und Geneſungen, alle dergleichen Ereigniſſe machten wir allgemein; aus unſerer Geſellſchaft war eine große Familie geworden; wir nahmen Theil an den Schick⸗ ſalen des Einzelnen, und die innigſte Liebe verband uns mit einander. Die letzten Verſammlungen kamen fuͤr un— ſere Wuͤnſche bei weitem zu fruͤhe. Viele waren in ein ganz neues, unbekanntes Leben verſetzt worden. Sie hat ten nicht geglaubt, daß Menſchen ſo mit einander leben koͤnnten. Aber wenn eine Verbindung, die nur einzig auf den hoͤhern Beduͤrfniſſen des Herzens beruht, bis zu derje— nigen Junigkeit gekommen iſt, welche wir ſonſt nur in dem Familienleben finden, ſo uͤbt ſie ſelbſt uͤber gewoͤhnliche Menſchen eine wunderbare Gewalt aus. Am Nachmittage des zweiten Oſtertages wurde die Gemeinde verſammelt, um der Pruͤfung beizuwohnen. Ich benutze dieſe Gelegenheit, Ein Mal im Jahre den aufmerk— — nn 6 1 1 60 — ſamen Zuhoͤhrern das als Theil in dem Ganzen der chriſt— lichen Lehre nachzuweiſen, was in der Predigt als ein fuͤr ſich beſtehendes Ganzes angeboten wird. So ſehr naͤmlich in den einzelnen Wahrheiten des Chriſtenthums eine uͤber— zeugende Kraft liegt, ſo erhoͤht ſich dieſelbe doch in dem Blick auf den Zuſammenhang und in dem Eindrucke, den das nothwendig verbundene Ganze auf uns macht, zu ei— ner Gewalt der Ueberzeugung, die keinen Zweifel aufkom— men laͤßt. Einen ſolchen Ueberblick nimmt jeder nachden— kende Menſch von Zeit zu Zeit, und aus demſelben Grunde thut er jährlich wenigftens Ein Mal einer Gemeinde Noth. Der Schluß dieſer Pruͤfung war der rechte Anfang unſe— rer achttaͤgigen Feyer. Er war gleichſam das heilige Ge— bet, mit dem die Feſtreihe anhob, nachdem die Ruͤſttage vollendet waren. Von nun an erſchienen die ganze Oſter⸗ woche hindurch die Kinder mehr zu Erbauungs- als Un— terrichtsſtunden. Wem in der Gemeinde die Zeit es er— laubte, wen ſein Herz antrieb, war gegenwaͤrtig, und vor allen erfreulich war die zahlreiche Auweſenheit der Mütter. Abwechſelnd wurde uͤber die Einſegnung, das Abendmahl, die Zukunft, der ſie entgegen gingen, die Kindheit, die ſie verließen, uͤber den Herrn, der ihr Eins und Alles blei— ben muͤſſe, die Schwaͤche des menſchlichen Herzens, und den Troſt und die Kraft des Glaubens geredet. Zwiſchen durch kamen Morgens die Kinder einzeln zu mir, und ich verſuchte, jedem den Gang anzudeuten, den es nach der Eigenthuͤmlichkeit, die mir von ihm kund geworden, in fei- nem innern Leben zu nehmen habe. In dieſen geheimen Unterredungen hat ſich mir manches Herz ſo tief eroͤffnet, habe ich ſo viel Demuth, Liebe und Glauben geſehen, daß 3 ich beſchaͤmt mich oft fragte: du ſollſt hier Fuͤhrer ſeyn? — Am Freytag Abend bey vorzüglich zahlreicher Verſamm— lung trat der Schullehrer herein. Auch die kleineren Kin⸗ der waren gegenwärtig. Von beiden nahmen die Confir⸗ manden Abſchied, und der geruͤhrte Lehrer ertheilte ihnen ſeinen Segen. An des Samſtags heiligem Abende war es das letzte Mal, daß wir zuſammen kamen. Ich kann es nicht beſchreiben, wie bewegt ich war, als ich in die Kirche trat, wo wir uns dieſes Mal verſammelten. Wir wurden geruͤhrt, als wir uns nur erblickten. Ich ging die Feyer des folgenden Tages durch. Es war ein reiches Gemaͤlde von dem Feſte, das die Kinder uͤber die Ordnung der Feyerlichkeiten unterrichten, nein, das ihre Herzen durch die— ſen vollen Vorgenuß noch mehr erregen und erheben ſollte. So vorbereitet, erwarteten wir den Sonntag Mor⸗ gen. War dieſe Woche nach dem alten Brauche der Kirche eine Fortſetzung der Oſtern geweſen, recht wie ſie ehedem hieß, Tage der Neugebornen, fo war die Einſegnung am Sonntage Quasi modo geniti nach jenem Vorbilde eine Feyer, wie damals, als die auf Oſtern Getauften ihre, die Woche hindurch getragenen, weißen Kleider ablegten. Die Kinder waren hingegangen, und hatten Vater und Mutter um Vergebung ihrer Fehler gebeten, und fuͤr den neuen Zeitraum ihnen neue Liebe und Folgſamkeit anges lobt. Ich war ſelbſt Zeuge von einem ſolchen Auftritte. Ein etwas wilder, ſonſt ſehr gutmuͤthiger Knabe trat in die Stube. Ich ſah ſeine innere Bewegung. Als er mich erblickte, zoͤgerte er einen Augenblick. Der Vater ſaß mit mir an dem Bette der kranken Mutter. Auf einmal ſtuͤrzte er an das Herz der Mutter hin, und weinte in ihren Armen. „O du gute, gute Mutter, ehe ich morgen eingeſegnet werde, vergib mir doch alle meine Jugendſuͤn— den. Ich habe dir viel Mühe gemacht, ich bin oft uns dankbar geweſen, und du wareſt ſo gut, vergib mir.“ Die Mutter konnte nicht antworten, und umarmte ihn. Der Vater reichte ihm die Hand und ſprach: Du willſt auch mir daſſelbe ſagen, aber du kannſt es nicht. Sieh, mein Sohn, wir vergeben dir alles, weil wir denken, du fehlteſt nur aus jugendlichem Leichtſinne. Tritt mit Frieden in ein hoͤheres Alter. Ueber ein Jahr biſt du ſchon aus dem aͤlterlichen Hauſe und in der Fremde; aber, mein Sohn, denke daran, deine Mutter und ich haben keine groͤßere Freude, als wenn wir unſere Kindlein in der Wahrheit wandeln ſehen. — Die Mutter hatte ſich erholt, die an— dern Kleinen kamen herbey, ich fuͤhrte ſie zu dem Bruder, und erzaͤhlte ihnen was vorgegangen. Es entſtand eine Familienſcene, wie fie in jedem Haufe vor einem Confir— mationstage die Hausgenoſſen auf das Feſt vorbereiten ſollte. Solche Auftritte waren in vielen Haͤuſern vor— gefallen. Ich darf geſtehen, es war mir, als ſollte ich morgen mit den Kindern noch ein Mal confirmirt werden. Mußte mich nicht dieſe allgemeine Bewegung ergreifen? Schwaͤ— cher geht fie von dem Geiſtlichen aus und ſtaͤrker, gewalti— ger kehrt ſie aus den Herzen der Kinder zu ihm zuruͤck. Ich erwachte fruͤhe genug, um die Sonne zu dieſem ſchoͤnen Tage aufgehn zu ſehen. Es war einer von jenen gelinden, hoffnungsvollen Tagen, die man als die Vorbo— then des Fruͤhlings betrachten kann. Das Laub iſt noch in den Knospen, die Waͤlder ſehen winterlich aus; allein — 79 — der Wind wehet lau aus Mittag her, und allem, was da lebt, verkuͤndiget ſich der Lenz. So war es an dieſem Morgen. Aus der Ferne langte ſchon ein und der aus dere Zuhoͤrer an. Die Fruͤhglocken laͤuteten zum Feſt. Ich ſtudierte nicht mehr; ich uͤberließ mich ſinnend der Vorfeyer, und dem zuſtroͤmenden, immer wachſenden Ge— fuͤhle von der Wichtigkeit des Tages. Um neun Uhr riefen ein Paar feine Glockenſchlaͤge die Abendmahlsgaͤſte in die Vorbereitung. Die Kinder wa— ren in der Schule verſammelt. Ich mußte ſie gruͤßen und ihnen Gluͤck zum heutigen, hohen Feſte wuͤnſchen. Dann gab ich ihnen die Geſaͤnge an, die ſie bis zu dem Augenblicke ſingen ſollten, wo ich ſie abholen wuͤrde. Nun ging ich in die Kirche; eine große Menge Menſchen ſaß da in ſchwarzen Feſtkleidern, in feyerlicher Stille, und mit einem Ausdruck von Andacht in den Mienen, wie man ihn ſelten in andern Verſammlungen ſieht. Nur zuweilen unterbrach der Fußtritt eines Hereintretenden die Todes— ſtille der großen Verſammlung. Aus der Schule heraus hoͤrte man, wie aus weiter Ferne, den leiſen, geruͤhrten Geſang der Kinder. Wir beteten fuͤr ſie; ich legte den Aeltern beſonders die heilige Angelegenheit an's Herz; und fuͤhrte uns alle in den heiligen Morgen unſers erſten Abendmahles zuruͤck. Ein guter Geiſt hatte ſein Walten unter uns, das that ſich jedem Anweſenden kund, und wie koͤnnte er auch wohl da fehlen, wo chriſtliche Aeltern ver— ſammelt ſind, ſich auf das Abendmahl vorzubereiten, das ihre Kinder zum erſten Male mit ihnen halten. Ich ver— ließ dieſe Verſammlung, um die Kinder abzuholen. In dieſer Zeit fuͤllte ſich die Kirche. Die Kinder fand ich leiſe en fingend und betend. — Kinder, ſagte ich, ſegnet die Schule in der ihr einen großen Theil eurer Kindheit verlebt habt, und vielleicht den beſten. Ihr geht aus der Schule in die Kirche, das heißt, aus der Kindheit in das maͤnnliche Al⸗ ter. Sie knieten und beteten. Ich forderte ſie auf fuͤr die ſchoͤnen, gluͤcklichen, nie wiederkehrenden Jahre Gott zu danken, in dem Augenblicke, da ſie dieſelben verlaſſen woll— ten. Lebe wohl, du gluͤckliche Kindheit! ſchienen mir die Kinder zu rufen. — Gott ſey mit uns! — als ſie paar⸗ weiſe aus der Schulſtube heraustraten. Es war ein ſchoͤ— ner Zug, der ſich durch den freyen Platz in die Kirche be— wegte, welche nebſt dem Schulhauſe die Anhoͤhe einnimmt, um die der liebliche kleine Ort gebaut iſt. Die Thuͤren der Kirche waren weit geoͤffnet. Als nun die Gemeinde uns entgegenſchaute; als der Zug der weinenden Kinder ſo feyerlich durch den breiten Gang zum Altare hinauf— ging; als mancher Vater und manche Mutter, von dieſem Anblicke ſo ergriffen wurden, daß ſie ſich niederſetzen mußten; als faſt aus jedem Auge Thraͤnen uns entgegen blinkten, und die Orgel ihre ſanfteſten, innigſten, ruͤhrend— ſten Toͤne durch die Verſammlung ſchweben ließ — o, wer moͤchte es wagen zu beſchreiben, was da in dem Herzen der Kinder, der Altern, der Gemeinde und der Lehrer vorging ? Die Kinder umzogen den Altar, und nahmen ihre Sitze auf dem Chore ein. Nach einer augenblicklichen Stille begann ein Wechſelgeſang, der eigens fuͤr dieſen Tag beſtimmt war. Bey der Einſegnung ſollten immer Wech— ſelgeſaͤnge geſungen werden. Man kann bei ſolchen Feſten die kirchliche Verſammlung nicht als Eine Gemeinde be— li trachten; aber die Kinder follten mit den Erwachſenen in eine lebendige Wechſelwirkung geſetzt werden. Die ſich antwortenden Choͤre der Maͤdchen und Knaben, in welche zuletzt die ganze Gemeinde einfiel, vollendeten den ſchoͤnen Eindruck, den wir ſo eben empfangen hatten. Innigſt ge⸗ ruͤhrt betrat ich die Kanzel. Ich fing von dem Aeuſſern dieſer Feyer an, und ſprach darauf von ihrer inneren Wichtigkeit; wie viel ſie vorausſetze: deutliche Erkenntniß von dem Weſentlichen des Chriſtenthums, mancherley An— faſſungen des Gemuͤthes von Kindheit auf, und den heili— gen Vorſatz zu einem frommen Leben; — wie fie der Wendepunkt zweyer Lebensalter, die hoͤchſte Foyer des Ges muͤthes, und nur Ein Mal im Leben da ſey; — wie ſie endlich ihre Wirkungen uͤber das ganze Leben verbreite, Schutz und Schirm wider alles Boͤſe verheiſſe, ſo wie Staͤrke und Kraft zu allem Guten und einſt den Maßſtab ausmachen helfe, nach dem wir gerichtet werden. Was ich vorher bedacht und mir vorgenommen hatte zu reden, verſchwand mir vor der Fuͤlle von Gedan— ken, die der Augenblick mitbrachte, und die mir gleichſam aus dem Herzen heraufſtiegen. Deiner dachte ich, Du ehrwuͤrdiger Vater, und des heiligen Morgens, an dem Deine weihende Hand ſegnend auf mir ruhete, und Du kaum etwas Anderes aus dem uͤberſtroͤmenden Herzen her— vorbringen konnteſt, als: Kindlein, bleibet bey Jeſu! Nach der Predigt wurde der Vers gefungen: Blick herab von Deinen Höhen! Höre, Gott, auf unſer Flehen, Hör' auf dieſer Kinder Lallen, | Laß ihr Stammeln Dir gefallen! Glockentoͤne. te Aufl. 6 Te ee 3 — 82 — Dieſen frohen Tag zu feyern, Ihren Taufbund zu erneuern, Knien ſie jetzt betend nieder, Heiligen Dir Geiſt und Glieder. Ehe er noch zu Ende war, trat ich vor den Altar- Ich blickte zu dem Bilde des Gekreuzigten uͤber dem Al— tare auf, und ſahe den Heiland, wie er den Zwoͤlfen mit dem gebrochenen Brodte und dem geweiheten Kelche auch ein: „Kaͤmpfet den guten Kampf, ergreifet das ewige Le— ben, zu dem ihr berufen ſeyd, und bekannt habt ein gut Bekenntniß“ zurief. Aber des Verraͤthers Auge blickte aus dem heiligen Kreiſe. Wie ein zerſpaltender Blitz ſchoß dies ſer Blick durch mein Inneres. Ach vielleicht auch hier einer, der Treue nicht zu ſchaͤtzen, der ſo viele Liebe nicht zu achten verſteht! — Da war der Geſang zu Ende, und mit dieſem zwiefachen, dieſem hoffenden und zugleich fuͤrch— tenden Gefuͤhle, mußte ich mich zu den Kindern wenden. Sie waren aufgeſtanden, und die ganze Gemeinde hatte ſich mit ihnen erhoben. Ihre Namen wurden verleſen. Nun noch einen Blick der Kinder auf ihre gegenwaͤrtigen Aeltern oder hinuͤber jenſeits des Grabes zu den Geiſtern der vollendeten und ſie ſanken auf ihre Knie nieder und wir fleheten um Gnade und Beiſtand. Hier noch konnte ich der fuͤrchtende, und viel hoffende Freund, der treue Begleiter durch die ſchoͤnſten Tage ihrer Jugend, der innig theilnehmende Lehrer ſeyn. Aber als ſie jetzt ſich wieder erhoben hatten; als eine erwartungsvolle Stille in der Kirche war; als ich nun das Bekenntniß von ihnen neh⸗ men, und ſie fragen ſollte, und ihnen vorlegen, Gutes und Boͤſes, Himmel und Hoͤlle — fuͤhrwahr, ich weiß nicht, es war, als wenn alle jene Empfindungen aus meinem In⸗ nern verſchwunden, und nur ein großer Ernſt geblieben waͤre. Dieſer Augenblick war fuͤr mein Gemuͤth gleich ſchmerzhaft und erhebend. Als ſie aber nun Ja, und drey Mal Ja hervorgezittert, hervorgebetet, hervorgeſchluchzet hatten: da zerſchmolz mein ganzes Herz in Freude, Liebe und Segnung, da wandte ſich mein ganzes Gefuͤhl wieder zu den theuern Confirmanden. Laut vor den vielen Hun⸗ derten von Menſchen; laut vor heiligen Zeugen aus der unſichtbaren Gemeinde hatten ſie bekannt, was ſie lange in ihrem Gemuͤthe gehegt und gepflegt hatten. Ich breitete meine Arme uͤber ſie aus, mein Herz oͤffnete ſich ihnen, und ſprach: Seyd die Geſegneten des Herrn! Wir ſegnen Euch, die ihr vom Hauſe des Herrn ſeyd! Darauf kam die ganze Reihe von Knaben und Maͤdchen vor den Altar. Einzeln kniete jedes an den Stufen nieder, und wurde nach alter Sitte der Kirche geheiſſen, durch Handauflegung zu empfahen den heiligen Geiſt, Schutz und Schirm vor allem Argen, Staͤrke und Kraft zu allem Guten aus der gnaͤdigen Hand Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Amen. Dann fügte ich noch für jes den ein beſonderes Wort hinzu, welches naͤher ſeiner Stim— mung und feiner Lage angepaßt war. Einem lieben, tuͤch— tigen Knaben ſagte ich: Vater und Mutter ſind dir geſtor— ben. Du biſt der aͤlteſte Sohn. Dein Wandel ſey im Himmel. Dann wirſt du auch ein nuͤtzlicher Mann fuͤr die Welt, und bald der Verſorger deiner kleinern Geſchwiſter werden. Auch der vollendeten Aeltern Segen bauet den Kindern Haͤuſer. — Ein gutes, frommes, ungluͤckliches Maͤdchen wurde vorgefuͤhrt und ich ſagte: Kind, des Ta— 0 \ 2 — ͤ —„— SE ZUR ges Sonnenlicht entzog Gott deinen Augen, aber ein hoͤ— heres Licht hat er in deinem Geiſte angezuͤndet, das da leuchte in Ewigkeit. Wandle im Lichte! — Gibt es eine beſſere Vorbereitung zum Abendmahle, als die Confirmation? Die alten Nachtmahlslieder der Kirche wurden angeſtimmt, und die halbe Gemeinde em— pfing, um ſich das Feſt zu kroͤnen, des Herrn Leib und Blut. In ſolchen Stunden bedarf man eines ſolchen Ger nuſſes. Er war Theil des Feſtes und ſeine hoͤchſte Beſiege⸗ lung. Knieend empfingen es die Kinder, betend wir alle. Ein feyerlicher Morgen, ein Morgen, wie du gnaͤdiger, heiliger Gott! ihn jedem Menſchen in ſeinem Leben wenig⸗ ſtens Ein Mal geben wolleſt, damit keiner ſterbe, ohne we— nigſtens Ein Mal empfunden zu haben, was Deine Naͤhe, was Chriſtenthum, was kirchliche Gemeinſchaft ſey! Des Nachmittags gingen die ernſten Knaben, jeder für ſich, oder hoͤchſtens nur ein Paar Freunde in die Ein⸗ ſamkeit des Feldes und des Waldes hinaus; aber die an— ſchließlichen Maͤdchen hatten ſich nicht trennen wollen. Ich fand fie alle zuſammen in dem Haufe des blinden Maͤd⸗ chens. Wie freute ich mich, dieſe lieben Kinder an dem heutigen Tage noch Ein Mal vereinigt zu ſehen. Ich ſetzte mich in ihre Mitte, hörte ihre Lieder an, freuete mich eini⸗ ger Aeußerungen, die ſie mit kindlicher Offenheit gaben, und benutzte dieſe Gelegenheit, zu wiederholen, was ich ihs nen ſchon oft geſagt hatte, daß eine Freundſchaft, unter ſolcher Begebenheit geſtiftet, fuͤr's ganze Leben eine hoͤhere Weihe behalte. Die Erfahrung hat das oft gelehrt. In den untern Staͤnden findet man uͤberhaupt wenige Buͤnd⸗ niſſe, die den Namen der Freundſchaft tragen. Aber, wenn man fie findet, fo find fie entweder in Zeiten der Noth geftiftet oder fie ſchreiben ſich aus der Zeit der Einſegnung her. Untreue gegen denjenigen, mit dem man am Altare zuſammen gekniet, wird für fo ſchaͤndlich gehalten, als die verletzte Liebe gegen die naͤchſten Anverwandten Die Jugend iſt bei allen Menſchen die Zeit des geoͤffneten Herzens, und der warmen Freundſchaft; aber jene Offenheit und dieſe Waͤrme bleiben nur, wenn der Thau des Himmels das Herz offen und der Strahl der geiſtigen Sonne es warm erhaͤlt. Es ruͤhrte mich, indem ich hieruͤber unſer Geſpraͤch ſich ver⸗ breitete, wie ſich manche unter dieſen Maͤdchen ſo innig um faßten, und das ungluͤckliche Kind des Hauſes mit leidenſchaft⸗ licher Waͤrme ihre Freundin umarmte, die kurz nachher in die Fremde ziehen ſollte. Wo ich ſonſt an dieſem Nachmittage in der Gemeinde erſchien, kam mir uͤberall die Erinnerung an den Morgen entgegen. Jeder Tag dieſer Art belohnt uͤber Verhaͤltniß, ſelbſt auf menſchliche Weiſe, jede Muͤhe und Sorge; aber unbeſchreiblich iſt das Gefuͤhl, mit Gott das große Werk vollendet zu haben. Es gibt unter allen ruhigen Stimmungen keine koͤſtlichere, als die, wo der von Anſtrengung und Begeiſterung ermattete Koͤrper die Seele in ein ſtilles, freudiges Ausruhen herabzieht. Faſt moͤchte man fagen, die Erwuͤdung ſelbſt belohne den en für feine Anſtrengung. Die Erinnerung an das Feſt erheiterte noch manchen folgenden Tag. Doch aus den Freuden der Erinnerung, zu denen mich immer von neuem die Beſuche von Aeltern und Kindern anregten, wurde ich am Dinſtag Abende hers ausgeriſſen durch das dumpfe Gelaͤut zur Abſchiedsſtunde. Eine kleinere, aber immer noch zahlreiche Verſamm⸗ — 86 — lung hatte fich eingefunden. Zum letzten Male ſaßen die Kinder auf ihren alten Sitzen, und ihr feſtlicher Anzug ſtach recht bedeutſam von der mehr alltäglichen Kleidung der Uebrigen ab. Die ſchwere Stunde begann mit einem leiſen Geſange, den die Confirmanden allein angeſtimmt hats ten. Sie waren jetzt Juͤnglinge und Jungfrauen, nicht mehr Knaben und Maͤdchen, aber immer noch meine theuern Kin— der. Mit einer Empfindung wie zum Todtenbette eines ges liebten Freundes trat ich in ihren Kreis. Die Lehrſtunden was ren nun zu Ende, die große Feyer des Bekenntniſſes war zu Ende, der taͤglich wohlthuende Umgang mit einander war zu Ende. Aber ich mußte ſie noch Ein Mal zuſammen ſehen, noch Ein Mal in unſerer alten, ſchoͤnen Weiſe. Ich ging unſer gemeinſchaftliches Leben durch, gab jedem Einzelnen einen Denkſpruch, nahm von jedem insbeſondere Abſchied, und bat fie, mich immer als ihren treuen Freund anzuſe⸗ hen. Als ſie nun kamen, und jedes mir ſeine Hand reichte, und ſchluchzend die meinige feſthielt, da konnte ich mich der Thraͤnen nicht laͤnger enthalten — es war ja eine ſo ſchoͤne Zeit geweſen, in der ich ſie zu Gliedern der Kirche erzog, und nun mußte ich ſie entlaſſen in die Welt, in die Gefahr, in die ungewiſſe Zukunft. Ich mußte mich bes kaͤmpfen, um zum Schluſſe den Segen ſprechen zu koͤnnen. Eine ſanfte, beruhigende Singweiſe ſchloß den Gottesdienſt. Ich verließ den Altar und rief ihnen noch das letzte Lebe— wohl durch die Toͤne hindurch. Keiner wollte fort. Zuletzt gingen die Kinder. Mehrere Vaͤter kamen zu mir. Wir ſahen geruͤhrt den Kindern nach, und als wir aus der Kirche traten, fiel ein warmer, fruchtbarer Fruͤhlingsregen. 7 Der Einzug in die Gemeinde. Kein Wort ſchildert die Empfindungen des Juͤng⸗ lings, mit denen er zu dem Tage erwacht, an dem er feyerlich feine öffentliche Wirkſamkeit beginnt. Bisher hatte den Sehnenden die Verborgenheit des Vaterhaufes und der Vorbereitung zum Berufe zuruͤckgehalten. Nun ſind die Uebungen geendet. Das Volk ſammelt ſich vor den Tho⸗ ren des ſtillen Hauſes. Von Vater und Mutter reißt er ſich los, und dem Volke gibt er ſich hin. Vater und Mut⸗ ter, Schweſter und Bruder ſoll es ihm ſeyn, und er will es demſelben werden. Wiſſenſchaft, Freundſchaft, Jugend — alles tritt zuruͤck. Die ganze Menſchheit draͤngt ſich in einer Gemeinde um ihn her und nur feine ſteigende Begeis ſterung kann dem Andrange das Gegengewicht halten. An einem ſolchen Tage wird es demuͤthig und dankbar empfun⸗ den, was es heiße, fuͤr andere forthin leben zu wollen, wie viel Entſagungen da Gott erleichtern, wie viel Sieg auf ſchwere Kaͤmpfe Er geben, wie viel Muth und Aus⸗ dauer Er verleihen muͤſſe, und endlich, wie es doch etwas viel Hoͤheres ſey mit einem Volk, einer Gemeinſchaft, als mit dem Einzelnen. Was der Menſchheit Noth thue, und wie ihr geholfen werden koͤnne, und wie Einer ſey, durch den wir alles vermoͤgen, wenn Er ſtark iſt in unſerer Schwachheit: das iſt der Hauptgedanke, der, wie eine auf⸗ —. 8 = gehende Sonne das vielfach bewegte Gemuͤth des jungen Geiſtlichen beleuchtet und beruhiget. Tiefe Wehmuth des Abſchiedes aus der Jugend und Freiheit, herzliche Demuth und heilige Scheu bey dem Gedanken an den großen Be⸗ ruf, und dann wieder die feſte, hohe, in Gott gefaßte Hoffnung: das ſind die Gefuͤhle, die das Herz bewegen, und es aufwärts treiben zu jenem lichtreichen Gedanken. So erwachte ich zu dem Tage, deſſen Andenken ich hier erneuern moͤchte. Es war einer von jenen lauen Maymorgen, an de nen das Leben ſelbſt zu athmen ſcheint. In der Daͤmme⸗ rung war ich ſchon aufgeſtanden. Jetzt, als die Sonne uͤber den oͤſtlichen Bergen heraufkam, begruͤßte ich ſie mit einer namenloſen Empfindung. Ich kann es ein langes, ungeſprochenes Gebet nennen. Zukunft und Vergangen- heit, Dank und Bitte floſſen in ihm zuſammen. Das ganze vergangene Leben mit allen ſeinen Freuden und Genuͤſſen lag wie ein dunkler Abgrund hinter mir, und die Zukunft, die Gemeinde, das Leben im Berufe, breitete ſich vor mir aus, wie die Gefilde eines Paradieſes. Wenn ſich mir dann auch zuweilen die Erfahrungen, die ich aus dem Munde Älterer Geiſtlichen, oder aus dem Anſchauen des vaͤterlichen Amtslebens empfangen hatte, darſtelleten, ſo fuͤhlte ich den heiligen Vorſatz, und betete um Gottes Bei— ſtand feſt und ernſt zu handeln, mit Mannes Kraft da zu ſtehen, und alles Laue, Troſtloſe und Schmerzliche zu bez ſiegen und den Glauben, der ein Sieg iſt, die Welt zu uͤberwinden. Aber lange fanden dieſe Gedanken nicht Raum in meiner Seele. Freude, Kraft, Hoffnung, Ent⸗ ſchluß, Zuverſicht und Vertrauen füllten die ganze Seele = aus. Mit dieſen Gefühlen ſtand ich da, und fahe den ſchoͤnſten Tag hereinbrechen. Bald kam die theure Schwe— ſter zu mir: ſie hatte geweint, und legte ihre Hand auf meinen Arm. Wir konnten uns nicht viel ſagen. An den Zweigen der dichten Linden vor unſerm Fenſter kamen die erſten Blaͤtter aus den Knospen, eine Nachtigall ſang in den benachbarten Baͤumen, und der Bach, der oben aus einem ſchoͤnen Berggrunde hervorfließt, warf die erſten Strahlen der Sonne zuruͤck. Mit einem Worte der inni gen, geruͤhrten Liebe ſanken wir uns in die Arme und fuͤhlten, wie nahe wir uns angehoͤrten. Ich wußte, daß jetzt kein Gefuͤhl ſich in meiner Bruſt bewege, deſſen Wel— len nicht auch in die ihrige hinuͤber ſchlugen. Es iſt mir nicht anders bey deinem Abſchiede, als ob du ſterben ſoll— teſt, fagte die Schweſter. Der eben hereintretende Vater hoͤrte dieſe Worte und ſprach: Nein, ihr lieben Kinder, ich will euch eine beſſere Auslegung geben. Dem regſten Le; ben muß billig der Gedanke des Todes zur Seite gehen, und ſehr paſſend erinnert man den angehenden Arbeiter im Weinberge des Herrn, wie ſchwach des Menſchen Macht, und wie unzulaͤnglich ſeine Plane ſeyen, wenn nicht eine hoͤhere Macht ihn haͤlt und traͤgt. Leben und Tod reichen ſich in dem Herzen des Geiſtlichen unaufhoͤrlich die Hand, und nur der hat die Weihe von oben, in welchem dieſer Bund feſt und ununterbrochen iſt. Lieber Sohn — und hier kam eine feyerliche Wuͤrde in ſeinen Blick und in ſeine Worte — du biſt von Kindheit an zu dem Dienſte des Herrn erzogen. Als du mir geboren wurdeſt, und ich dich in meine Arme nahm, habe ich dich Ihm zum erſten Male geweiht; und als du bei der Confirmation am Al— tare vor mir knieteſt, zum zweiten Male. Ehe dir morgen andere oͤffentlich die Weihe geben, empfange ſie jetzt zum dritten Mal in der Stille deines vaͤterlichen Hauſes aus meinem vaͤterlichen Herzen. Kein anderer vermag ſie dir fo, zu geben. Mein Sohn, nimm den Schild des Glau- bens, den Helm des Heils und das Schwert des Geiſtes, welches iſt das Wort Gottes, und bete ſtets in allem An— liegen. — Unſer Amt hat große Freuden, aber auch große Leiden. Bleibe beſcheiden wenn dir jene zu Theil werden, und trage kindlich, wenn dieſe kommen. — Wer ein Biſchofsamt begehrt, begehrt ein koͤſtlich Werk. Wiſſe, die Lehrer werden leuchten wie die Sterne, und die, ſo viele unterweiſen, wie des Himmels Glanz. — Zuerſt arbeite an dir, dann an andern. — Rede nur, was du ſelber vom Chriſtenthum erfahren. — Lies fleißig Pauli Briefe an den Thimotheus. Laß mir im Alter den Troſt, der Kirche des Herrn einen tuͤchtigen Diener erzogen zu haben. Und ſo geſegne dich Gott, der — — Er konnte ſeinen vaͤterlichen Segen nicht ausſprechen, ohne durch ſeine Ruͤhrung unterbrochen zu werden; ſeine Hand lag auf meinem Haupte; ſein Auge blickte gen Him⸗ mel. Die Mutter mit den uͤbrigen Schweſtern war her— eingekommen. ] JWir ſtanden ſtumm und weinten, und ums armten uns. Nach einer kleinen Weile wurde angeſagt, daß die Leute ſich vor dem Hauſe verſammelten. Die Jugend— freunde kamen und ſuchten den Abziehenden auf ſeinem Zimmer auf. Es wurde mir ſchwer zu ſcheiden. Die Ju— gend hat etwas, das uns, wie mit tauſend Banden, noch einmal feſthaͤlt, wenn wir aus ihren Auen in die harten Wege des Berufes treten. Auch jetzt noch fällt dir eine dankbare Thraͤne nach aus meinem Auge; jetzt noch, da ich ſchon lange aus deinen Graͤnzen bin, du gluͤckliche Kindheit, du meine ſtille, ſegensvolle Jugend! Dieſe Thraͤne faͤllt in die Flamme meines Herzens, und ſteigt von ſeinem Altare auf, als ein heiliger Opferduft, fuͤr dle Liebe und Pflege der frommen Aeltern, dem Herrn dars gebracht! Als ich die theuern Jugendfreunde um mich ſah, und wir uns noch eines oder des andern unvergeßlichen Tages erinnerten, ſchien es faſt, als wenn in dieſem Schmerze der Trennung alle meine Hoffnung untergehen wolle. Nun erſchienen in einer langen Reihe von Reitern die kuͤnftigen Gemeindeglieder, die mich abholten. Mit ihnen noch mehr des Volks aus der Vaterſtadt. Als das Ge— tuͤmmel in's Haus drang, ging's mir wie ein Schwert durch das Herz, und Mutter und Schweſtern weinten. Wie ſollte ich mich faſſen in dieſer drangvollen Stunde? Der ehrwuͤrdige Vater ſtand allein ruhig unter den Frem— den und Einheimiſchen; aber das vermochte ich nicht. Ich wußte nur Ein Mittel, dem Herzen Ruhe zu geben, und ſein Wallen und Wogen zu beſchwichtigen. Ich mußte re⸗ den. Was mir immer geholfen hat, von Kindesbeinen, in der Freude zur Maͤßigung, in dem Schmerz zur Erman⸗ nung, und in dem Gewirre zur Beſonnenheit — reden, das ergriff ich auch jetzt. Richtet mich daruͤber nicht. Dem Einen hilft Stille, dem Andern Geſchaͤft; dem Einen Einkehr, dem Andern Handeln; dem Einen Schweigen, dem Andern Reden. Es gibt aus jedem Gemuͤthe einen Ausweg zum Allgemeinen und Ganzen. Wer dieſer auch ſey, er wird zu der übrigen Natur des Menſchen paſſen. Laßt uns nur offenherzig ſeyn, und Gott danken, wenn er uns verleiht, in ſolchen Stunden ein Mittel der Beruhigung zu finden. — Ich hatte es gefunden. Ich trat in die Thuͤre des Hauſes, und ſprach von der erhoͤhten Treppe an das zudraͤngende Volk. Den nahe Stehenden reichte ich die Hand. Mit altdeutſcher Herzlichkeit druͤckten ſie mir dieſelbe, und wuͤnſchten mir Gluͤck und Heil und Segen. Ich hatte mich immer nahe an das Volk angeſchloſſen. Schon als Kind hatte ich ei— nen Kreis von Freunden unter den Buͤrgern, die mir mit ganzer Seele anhingen. In meinen Juͤnglingsjahren, als ich von der hohen Schule kam nach meinen erſten Predig— ten, war dieſer Kreis noch weiter ausgebreitet, und der Abſchied von dieſen lieben Menſchen ging mir nahe. Aber ſehr gut war es, daß ich mir hier durch den Ausdruck des Gefuͤhles den Drang im Innern beſprochen hatte, denn nun kam der ſchwerſte, lange gefuͤrchtete Au— genblick, wo ein ſolches Mittel zwar nicht mehr hilft, aber wo es doch wohlthaͤtig iſt, es fruͤher angewandt zu haben. Von Dir, treue Mutter, von dem zaͤrtlich, innig, fromm⸗ liebenden Mutterberzen, das aus huͤlfloſer Kindheit bie heute mich mit ſo viel Aufopferung geliebt und gepflegt hatte — von ihm ſollte ich ſcheiden. Es iſt wahr, ein Sohn reißt ſich anders von ihm los, wie eine Tochter, ſcheinbar leichter und freyer; aber wenn er in ſolchen Au— genblicken bedenkt, daß in ſeinem ganzen Daſeyn der Trieb zu dieſem Losreiſſen herrſchte; daß die Mutter es ſehen mußte, von Anfang an und immer mehr, daß ihre muͤtter— liche Treue nie ganz erkannt und vergolten wurde, und dennoch — o unbegreifliche, himmliſche Gewalt der Mut terliebe! — dennoch nur treuer pflegte, nur inniger liebte, nur beſorgter den hinaus Strebenden umfaßte; wenn er dieß führt und ſich geſtehen muß, daß das, was ein Muts terherz iſt und gibt, in ſeiner Fuͤlle nur der einzige Sohn unter mehreren Toͤchtern erfaͤhrt: o dann muß er unter⸗ ſinken in den tiefſten und bitterſten Schmerzen. Ich kann nicht beſchreiben, wie mir war, als Du, fromme Mutter! dort in der täglichen Stube vor dem Bildniſſe des Erlös ſers mich an dein Herz nahmeſt, mich mit deinen Armen umpfingeſt und nichts vermochteſt, als weinen und ſchluch⸗ zen. Leb' wohl! das war alles, was ſie ſagen konnte. In einer Art von Betaͤubung riß ich mich von ihr, von dem Vater, von den Schweſtern, von dem Hauſe, von allen los. Mutterſegen — o du laͤſſeſt dich nur empfinden, nicht beſchreiben! — Kein Wort mehr! — Wir zogen durch die Straßen der Stadt. Ueberall ſtanden die Haufen des Volkes und riefen mir ihre Wuͤn⸗ ſche nach. Drauſſen, als ich von der Anhoͤhe zum letzten Male den ragenden Thurm, und das Vaterhaus an ſeinem Fuße ſah, — da erwachte ich aus der Betaͤubung, da flürzte eine heiße Thraͤne aus meinem Auge, und mir ward klar, was Vaterland, Vaterſtadt, Vaterhaus iſt. Unſer Weg war eine Tagereiſe, welche das Land faſt gerade von Oſten nach Weſten durchſchnitt. Gegen Mit⸗ tag trafen wir in einem anmuthigen Thale eine neue Ge— ſellſchaft kuͤnftiger Gemeindeglieder, welche den Zug der Reiter dreyfach vermehrte. Ueberall zogen wir durch Ges meinden, in denen ich ſchon im letzten Jahre mich geuͤbt — 94 — und frohe, feſtliche Stunden der erſten geiſtlichen Arbeiten genoſſen hatte. Ueberall war ich von alter und nener Liebe, von der Waͤrme der Bekannten und der Hoffnung der bis jetzt noch Fremden umgeben. Iſt das nicht des aͤu⸗ ßern Lebens hoͤchſter Gipfel? Iſt er nicht da, wo Ver⸗ gangenheit und Zukunft ſich in einem gegenwaͤrtigen Au— genblick zuſammendraͤngen? Nicht da, wo beyde ſich im ſchoͤnen, hellen Lichte der Liebe zeigen? Gewiß, wenige Menſchen haben eine Zeit in ihrem Leben, wo ihnen alles mit Liebe ſo entgegen kommt, wo ſie von Liebe ſo geho— ben und getragen werden, als der Pfarrer beym Eintritt in ſein Amt. Dieſe vielfache, vielſeitige Liebe ſteigert ſein Gemuͤth zu einer ſo warmen, und ſiegreichen Gegenliebe, daß dieſer wiederum nichts widerſtehen kann, und ſelbſt der Kalte und Entfernte durch ſie mit fortgeriſſen wird. O es ſind koͤſtliche, jedem Geiſtlichen unvergeßliche Tage! Muͤſ— ſen ſie etwa ſo ſchoͤn ſeyn, damit durch ihre Erinnerung ſpaͤterhin das Schwere leichter ertragen werden koͤnne; fo wie die Kindheit des Menſchen ſo reich begluͤckt iſt, damit das Andenken an ſie das muͤde, matte Herz in ſpaͤteren Jahren aufrichte? Es gibt keinen Stand, der in der Re— gel ſo glaͤnzend beginnt, wie der geiſtliche; vielleicht auch darum, weil der Anfang der Liebe immer ſo glaͤnzend iſt, als ob ſich da allein ihr himmliſcher Urſprung in uͤberirdi— ſcher Reinheit offenbaren koͤnne. Sey es nun, weil Geiſt— lichkeit das Leben und die Liebe im hoͤheren Sinne iſt, oder ſonſt aus einem andern Grunde: ſo fuͤhlt man bey dem Eintritt in dieſelbe, was dem Timotheus geſagt wurde: Das iſt je gewißlich wahr, fo jemand ein Biſchofsamt ber gehrt, der begehrt ein koͤſtliches Werk. Von außen und innen krenzten und draͤngtenzſich die Anſprachen an mein Herz. Es war der unruhigſte Tag meines Lebens. Indeß es gibt Stimmungen, wo uns auch die groͤßte Unruhe nicht zerſtreut. Man geht in alles ein, und nimmt an allem Theil, und doch bleibt das Gemuͤth bey Einem, und kann von ihm aus alles Andere mit un— begreiflicher Ruhe uͤberſchauen, aufnehmen und ordnen. Dieſes Eine war jetzt bey mir jenes Wort des Apoſtels: Wer ein Biſchofsamt begehrt, der begehrt ein koͤſtlich Werk, — jenes theuere Wort, das ich ſchon als Kind von dem Vater hoͤrte, wenn er ſich gluͤcklicher als gewoͤhnlich fuͤhlte, das mich damals ſchon mit einer uͤberſchwenglichen Ahnung von etwas uͤberaus Herrlichem erfüllte, und ſich nun mit einer Seligkeit an mir bewies, die ich kaum geahnet hatte. In dieſem Gedanken fand ich die Einheit fuͤr alles Ein— zelne, das mir dieſen Tag wiederfuhr. Wo Einheit iſt, kann nie Zerſtreuung und Unruhe ſtatt finden. Man bes darf nur Eines großen, durchgreifenden Gedankens, nur Einer unausloͤſchlichen, wahren Begeiſterung, um ſelbſt un⸗ ter den verſchiedenartigſten Ereigniſſen und Stoͤrungen nicht verwirrt und zerſtreut zu werden. Jedes Mal nur Eins zu wollen, das iſt der Weg, wie zu großen Thaten, ſo zur Ruhe der Seele. Schneller, als ich gedacht, waren wir an der Graͤnze des theuern Vaterlandes, des ſtarken, kraͤftigen Landes, des treuen, geraden Volkes, in dem noch das Blut der alten Saſſen fließt. Da, wo man die Trümmer der. Ks nigsburg aus der Ferne heruͤberragen ſieht, wo vielleicht der letzte Schoͤppenſtuhl der alten Fehme ſtand, wo in ei— nem Raum von fuͤnf Minuten ſich Land, Sprache und = 0 = Sitte ändern — an der alten großen Eiche ſtanden die zu Fuße gekommenen Gemeindeglieder in dichter Menge. An ihrer Spitze die goͤßeren Schulkinder. Bis hierher waren ſie dem kuͤnftigen Lehrer entgegen gegangen. Die Maͤdchen uͤberreichten mir einen Blumenſtrauß, und indem ich ab— ſtieg, und ihn annehmen und danken wollte, hatte die Kin— derwelt rings um mich einen Kreis geſchloſſen, und hob ein Lied zum Willkomm an. Einfach und kindlich waren Worte und Geſang, und ſie gingen mir zu Herzen. Als ich das Vaterland verließ, und in ein fremdes Land eintrat, hatten mich gleich die Kindlein in ihre Mitte genommen. Mußte mir das nicht zum guten Zeichen, und zur ſchoͤnſten Vorbedeutung werden? Jetzt zogen wir in ein reiches, geſegnetes Thal hinab. Auf der Spitze des Bergruͤckens uͤberſieht man feine Städte, ſeine Pallaͤſte, ſeine Kirchen, ſeine Bleichen und Anlagen. Der Zug ordnete ſich. Vorauf die Kinder, dann die Leh— rer der Gemeinde, und der Ankoͤmmling in ihrer Mitte, darauf die Reiter und die Menge der Fußgänger, die mit jedem Augenblicke groͤßer wurde. Im Herzen des Volkes iſt noch Liebe zur Kirche. Bey ſolchen Gelegenheiten zeigt ſie ſich in ihrer ganzen Kraft, und uͤbt ihre Gewalt ſelbſt uͤber rohe Gemuͤther aus. Ich hoͤrte Anreden, Wuͤnſche, Aeuſſerungen, uͤber die ich bald wegen ihrer Innigkeit, bald wegen ihrer Bedeutſamkeit ers ſtaunte. Merkwuͤrdig und troſtreich in einer Zeit und un— ter einem Volke, von denen man oft ausſagt, daß alles kirchliche Leben aus ihnen verſchwunden ſey. Nein, im Herzen des Volkes iſt noch ein Heiligthum des Herrn! Der Altar des Bundes im Gotteshauſe, und die Diener a der Kirche, die am Altare ſtehen, bleiben feiner Liebe ge: wiß. Seine Begeiſterung mag voruͤbergehend, ſeine Liebe oft dem Unwuͤrdigen zugewandt ſcheinen, man mag ſeine Rohheit und Unerfahrenheit anführen: — o es weiß in den meiſten Faͤllen beſſer was es will, als die Gebildeten, und es kann ſich wenigſtens noch fuͤr etwas Ueberſinnliches begeiſtern. Feſt und ſicher ſteht des Volkes Liebe. Es taͤu— ſchet ſich ſeltener, denn es ſiehet auf Eins, auf das Ju— nerſte, auf Glauben und Liebe. Der Heuchler mag es auf eine Zeit irre fuͤhren, aber es blickt bald tiefer, als ihr denkt, und wenn er ſich erhaͤlt, ſo erhaͤlt er ſich nur durch den Schein von dem, was das Rechte iſt. Des Volkes Liebe iſt noch Liebe. Seht die Thraͤnen am Grabe ſeiner Lehrer, fragt nach dem Manne, bey dem es das Glaubens— bekenntniß abgelegt, geht in ſeine Kammern und Huͤtten, wenn der Tod vor der Thuͤr ſteht, — und ihr werdet mit mir lieben und hochachten das Volk. In der Kirche biſt du noch etwas, edles, treues Volk! In allen andern oͤf⸗ fentlichen Angelegenheiten mußt du dienen, aber hier haſt du Stimme und Wahl! O ſey mir geſegnet, des Landes Kraft und Mark, und geſegnet die Stunde, da ich deinen Werth erkannt! Immer groͤßer wurde der Zug, immer raſcher das Rufen, immer lauter der entgegen Kommenden Gruß und Willkomm. Aus dem geſegneten Thale wandten wir uns einen Berg hinan. Etwas weiter war der Graͤnzſtein der Gemeinde. Man uͤberſieht bei ihm die ganze herrliche Ge— gend. Er ſteht auf dem hoͤchſten Gipfel des bergreichen Landes. Aus der Tiefe ragen unter Bäumen das Staͤdt⸗ chen und der Kirchthurm hervor. Hier ſtand ploͤtzlich die Glockentoͤne. öte Aufl. 7 a ganze Menge, die Haͤupter wurden entbloͤßt, das Rufen verſtummte, und auf einmal verbreitete ſich eine feyerliche Stille. Es iſt in dieſer Gegend Sitte, daß ein einziehen— der Prediger an der Graͤnze eine Dankrede halte. Wie freute ich mich dieſer Sitte! Wahrlich ein Volk, das ſo feinen Lehrer empfängt, hat ſich das Wort des waͤrmſten Dankes verdient. Gott gruͤß' Euch, lieben Freunde! — Ich bin ange⸗ langt an den Graͤnzen der Gemeinde, wo ich von nun an das Pfarramt verwalten ſoll. Laßt mein erſtes Wort ein Wort des Gebetes ſeyn! — Gottes Segen ſey mit uns! Glauben, Liebe, Hoffnung, aber die Liebe die groͤßt unter ihnen! — Wir ſind auf der hoͤchſten Spitze des Landes: die ganze Gegend liegt zu unſeren Fuͤßen; wir ſind dem Himmel naͤher. Freunde, ihr habt mich ihm naͤher ge— bracht! Gebe der Allmaͤchtige mir Kraft, Euch ihm wieder näher zu bringen. Da blickt der Thurm Eurer Kirche aus den Baͤumen herauf. Seht, er weiſet gen Himmel. Der Gott unſerer Vaͤter ſegne mein Wort, daß es Euch gleich— falls gen Himmel weiſe. — Mein Gebet, meine Liebe, meine Arbeit ſey mein beſter Dank. Aber jetzt ſchon em pfange das Wort des Dankes, du innig geliebte Gemeinde, fuͤr deine große, unverdiente Liebe. Ihr Kindlein, Dank — ich ſehne mich, Euch zu dem heiligen Kinderfreunde zu führen! Ihr Greiſe, Dank — an Euerm Sterbebette möchte ich Eure Liebe vergelten! Ihr Waiſen und Witts wen, ihr Armen und Verlaſſenen im Volke, Dank — Gott helfe mir, daß ich Euch troͤſten und aufrichten moͤge. Ihr Maͤnner und Frauen, Dank — ich reiche Euch meine Hand bruͤderlich, nehmt ſie an bruͤderlich, damit wir einan— u der ftärfen im Glauben und in guten Werken! Ihr Vaͤter und Vorgeſetzten der Gemeinde, Dank — mit Gott im Glauben laſſet uns wirken Frucht die da bleibet ins ewige Leben! Dank, Euch allen, und vor allen Dir Dank, Du Hirt und Biſchof Deiner Gemeinde, daß Du mich an dieſe Gemeinde wieſeſt. Aus dem blauen Fruͤhlingshimmel herab, und aus den vollen lieberfuͤllten Herzen dieſer Menſchen herauf toͤnet mir Dein Wort: nimm hin den heiligen Geiſt Schutz und Schirm vor allem Uebel, Staͤrke und Kraft zu allem Guten. Der Herr ſegne meinen Ausgang aus Zus gend und Vaterland, und meinen Eingang in Euern Tem— pel, in Eure Haͤuſer und in Eure Herzen! Amen. Der Zug ſetzte ſich darauf wieder in Bewegung und ging langſamer und feyerlicher vorwaͤrts. Erſt nach und nach erhob ſich das freudige Geſchrey von neuem. Die Glocken laͤuteten. Viele draͤngten ſich an mein Pferd, er— griffen meine Hand und hießen mich willkommen. Da wir in der, Stadt anlangten, mußten wir bey dem Gottesacker vorbey. Als wir demſelben gegenuͤber waren, rief eine tiefe Baßſtimme: „Iſt er da?“ Ich ſah mich um. Ein alter, blinder Mann, ehrwuͤrdig von Anſehn, reinlich aber duͤrftig bekleidet, fuhr mit ſeinem Stabe in der Luft herum, und rief noch einmal: „Iſt er da?“ — Ja, da iſt er! antwortete man ihm. Nun, willkommen, lieber Herr Pfar— rer, ſagte er, in Gottes Namen willkommen! Sehet Euch um; ich kann es Euch nicht zeigen, aber da liegt auf dem Kirchhofe das Grab unſers ſeligen Herrn. Werdet ein Seelenhirt, wie der war, ein Ruͤſtzeug in Gottes Hand, wie er: ein Vater der Armen, wie er! Dann ſind unſere Freudenthraͤnen nicht vergebens gefloſſen, und unſere Ge— 7 af bete erhöret! O Herr Pfarrer, ich habe den ganzen Tag fuͤr Euch gebetet, Gott ſegne Euch — wir haben Euch von ganzem Herzen lieb! — Der Zug ging weiter. Alle Fenſter waren mit Men⸗ ſchen beſetzt, alle Thuͤren und Treppen waren angefuͤllt. — Ach, dachte ich, in dieſen Haͤuſern, von welchen frohen und traurigen Ereigniſſen wirſt du noch Zeuge ſeyn — unter dieſen vielen Menſchen, wie viel Freude und Leid wird dir noch werden! — Da ſtanden wir auf dem mit Baͤumen beſetzten Markte. Das Gedraͤnge war ſehr groß. O ſo ſtehſt du einmal wieder mit ihnen am Tage des Ge⸗ richtes vor Gottes Thron! Wer ein Biſchofsamt begehrt, begehrt ein ſchweres Werk. Noch ein Mal ſah ich mich um, und fragte mich: Wer unter dieſen Vielen wird mir ſein Herz am meiſten oͤffnen? Wo ſteht der kuͤnftige, naͤchſte Freund? Endlich waren wir im Pfarrhofe. Vor der Ehren— pforte, die man aufgebaut hatte, ſtieg ich ab. Die beiden Aelteſten der Gemeinde nahmen mich in ihre Mitte und fuͤhrten mich ins Haus. Da war ich in dem eigenen Hauſe; da hatte ich den eigenen Wirkungskreis gefunden — gefunden mit Liebe und in Liebe. | Ich verließ die Geſellſchaft und trat auf die ſtille Buͤcherſtube. Eine Himmelfahrt war aufgehangen. O moͤchte mein Wirken hier ein Fahren gen Himmel ſeyn! Jetzt, jetzt in dieſer heiligen Stunde mußte ich den Ort der ſtillen Einkehr weihen. Wie beſeligend empfand ich es in dieſem Augenblicke, daß das Leben des Geiſtlichen das oͤffentlichſte und doch dabey das ſtillſte und eingezo— rat. = genfie ſeyn fell. Könnte ich beydes in mir vereinigen, fo hoffte ich gluͤcklich und geſegnet zu ſeyn. Auf dem Tiſche lag eine neue, ſchoͤne Handbibel und neben derſelben folgendes Gedicht von einem geiſtvollen jungen Pfarrer aus der Nachbarſchaft: Was betet dort oben im Kämmerlein? Ein Strahl vom Himmel da leuchtet, Es glänzet durch Wolken ein lichter Schein, Welch liebendes Auge mag das ſeyn? Es iſt ja von Thränen gefeuchtet. Und wenn ihr fragt, und wenn ihr's verſteht, Ein Pfarrer es iſt, der zum Himmel fleht. Was murmelts dahin, was rauſcht es daher, Von edeln Reitern und Wagen? Es wogt, als zög' ein begeiſtertes Heer, Es drängt und treibt fte kein Ungefähr, Wohl gibt es ein Ziel zu erjagen. Und wenn ihr fragt, und wenn ihr's verſteht, Es iſt Liebe, die zu dem Pfarrer geht. Was redet dort ein geweiheter Mund? Die Liebe kann ſolches nur lehren. Sey hoch geprieſen, geſegneter Bund! Von Herzen zu Herzen gehet es rund, Was kann man der Liebe verwehren? Und wenn ihr fragt, und wenn ihr's verſteht, Es iſt die Flamme, die Begeiſtrung weht. Glockentöne. — hr Zweiter Band. 1. Die goldene Hochzeit. — — Au Tage vor Michaelis feyerte ein prieſterliches Ehepaar in der Nachbarſchaft die goldene Hochzeit. Die Seltenheit eines ſolchen Feſtes, die vielfachen Empfindun— gen, die es in alten und jungen Eheleuten aufregte, die Achtung welche dieſes Paar ſeit undenklichen Jahren genoß und das muſterhafte haͤusliche und eheliche Leben, welches ſie fuͤhrten — hatte unſere Erwartung im voraus geſpannt; allein wie ſehr wurde ſie durch die Feyer ſelbſt uͤbertroffen! Es war ein koͤſtlicher Herbſttag. Noch ſtanden Wald und Flur in ihrer ganzen Herrlichkeit da; allein hier und da ein leeres Feld, die Geſchaͤftigkeit der Aernter, und ein und der andere Baum mit feinen gelben Blättern erinner— ten, daß es nicht lange mehr ſo bleiben werde, und das Jahr ſich zu ſeinem Ende neige. Die Sonne ſchien zuwei— len noch recht freundlich und warm. Aber oft traten auch Wolken vor, Licht und Schatten wechſelten und gaben der — 918 — Landſchaft jenen wehmuͤthigen und verklarenden Schein, der dem Herbſte eigenthuͤmlich iſt. Man koͤnnte ſagen, es war ein ſolcher Herbſttag, der mit allen Zeichen der Hin. faͤlligkeit doch alle Guͤter des Sommers noch im Beſitze hat, und durch dieſen zweifachen Umſtand ſich zum goldnen Hochzeitsfeſte eines ſolchen Paars eignete, wie wir es nun begruͤßen wollten. Wir bewunderten das Gluͤck des alten Brautpaares, welches, wie es uͤberall einen ſtillen, natur- gemaͤßen Gang durchs Leben gethan, ſo auch von der Na— tur hinwiederum ſo uͤberraſchend beguͤnſtigt werde. In dem Baumhofe über dem grünen Grasplatz hin kam uns der achtzigjaͤhrige Jubelbraͤutigam entgegen, eine hohe Geſtalt, groß und ſtark gebaut, mit viel Ausdruck von Kraft. In den Augen und um den Mund Zuͤge ſanfter Milde und jenes Friedens, der nur bey dem iſt, der ihn im Glauben an den Erloͤſer gefunden. Das Gebuͤckte und Gebogene, nebſt der Langſamkeit in der Bewegung gab dies ſer edeln Greiſesgeſtalt jenes Ehrwuͤrdige, das eben ſo ſehr anzieht, als entfernt haͤlt. Der ſchwarze Rock, den er trug, war fein und wohl erhalten, aber von ſehr veraltes tem Schnitt. Wir ahneten gleich und es wurde uns her— nach beftätigt, das ſey noch der Braͤutigamsrock von fünf zig Jahren her. Er hieß uns mit jugendlicher Heiterkeit willkommen. Wir wuͤnſchten ihm zu dem ſeltenen Tage Gluͤck, und prie— ſen das Wohlbefinden, das ihm moͤglich gemacht, uns ent— gegen zu kommen. Das iſt einmal Pflicht des Braͤutigams, auch des achtzigjaͤhrigen, verſetzte er, den Gaͤſten entgegen zu gehen, beſonders wenn er die Braut ſchon im Hauſe hat. Kommt, fuhr er fort, ich will Euch zu ihr fuͤhren. Te Wir folgten ihm durch den Baumhof, der keinen Obſt— baum enthaͤlt, welchen er nicht ſelbſt gepflanzt und ver— edelt hatte, und außerdem nur einige ſtarke Eichen aus ur— alter Zeit. Er machte uns aufmerkſam auf einen Baum, den er vor fuͤnfzig Jahren in den bluͤhenden Braͤutigams— tagen, und auf fünf andere, die er in den Geburtsjahren ſeiner Kinder gepflanzt hatte. Das ſind Brautkraͤnze, die ſchon Fruͤchte getragen, ſagte er, indem er auf die Baum— reihen hinwies, und ſolche geziemen einem goldenen Hoch— zeitspaar. Im Pfarrhauſe war alles geſcheuert und praͤchtig auf— geputzt. Vor der Thuͤr ſtand eine Ehrenpforte, mit vielen Inſchriften, welche die Jugend der Gemeinde in der Nacht aufgerichtet. Inwendig im Hauſe, an allen Thuͤren, Spie⸗ geln und Stuͤhlen prangten Herbſtblumen auf dem gruͤnen Grunde der Hoffnung. An den Waͤnden hingen die Bild— niſſe der Lehrer‘, die der Pfarrherr auf der hohen Schule gehoͤrt, und man erblickte manchen hochverehrten, aber nun laͤngſt verſtorbenen Gottesgelehrten. Zwiſchen ihnen hingen Bibelſpruͤche, die ſich bald auf den Grund des Chriſtenthums, bald aufs haͤusliche Leben bezogen, in Glas und Rahmen. Das alte, dauerhafte, aus einer laͤngſt vergangenen Zeit herſtammende, und die Merkmahle oͤfteren Gebrauchs an ſich tragende Hausgeraͤth war ſo ganz an ſeiner Stelle, daß es allgemein mit der Aufmerkſamkeit von den Gaͤſten betrachtet und behandelt wurde, die man ſonſt dem koſt— baren Erzeugniß des neueſten Kunſtfleiſſes widmet. Die großen Familientiſche ruheten auf ſo gewaltigen Saͤulen, daß fie dem Zahn vieler Jahrhunderte zu trotzen ſchienen. Ma Die hochgepolſterten, mit rothem Sammet uͤberzogenen Stuͤhle ſchienen Andenken an die Feyertage laͤngſt verſtor— bener Geſchlechter, und die beiden großen Seſſel fuͤr das Brautpaar von ſtarkem Holze mit vielem kuͤnſtlichen Schnitz⸗ werk, wollten gleichſam heute noch gelobt werden, daß ſie dem Ehepaar in den Freuden und Leiden, in den muͤden und bequemen Stunden von fuͤnfzig Jahren treulich gedient. Die alte Mutter, braͤutlich und doch ehrwuͤrdig ge: ſchmuͤckt, hatte die Holdſeligkeit ihrer jugendlichen Brautzeit noch nicht verloren. Mehr klein, als groß, vereinigte ſie in ihrer eigenthuͤmlichen Weiſe eine ungewoͤhnliche Zartheit der Empfindung mit viel Feuer und Beweglichkeit, und da heute ſich die innige, warme Muͤtterlichkeit, die über ihr ganzes Weſen ausgegoſſen war, mit braͤutlicher Anmuth verband, ſo ſchien ihr ganzes Weſen in einer wunderbaren Verklaͤrung. Die Geſellſchaft war bald verſammelt. Sie beſtand aus den Kindern und Enkeln des ehrwuͤrdigen Pfarrhau— ſes, aus den angeſehenſten, auch meiſt alten Gliedern der Gemeinde, und den benachbarten Geiſtlichen. Unter den Kindern waren der Sohn und ein Schwiegerſohn ſelbſt Pfarrer, und ſollten heute das Amt der Rede verwalten. Die Gemeindeglieder, unter denen mancher wackere Mann, der mit Kraft dem alten Herrn in der Leitung der Ge⸗ meinde beygeſtanden, und von denen er die meiſten einge⸗ ſegnet, laß mit dem Bus if e mer die W en. den e und ihn der 2 a eine ge⸗ wiſſe, ſeyerliche Oeffentlichkeit und Vielſeitigkeit. Es iſt ein ſchoͤner Gebrauch am goldenen Hochzeitfeſte, das Brautpaar noch einmal zu trauen. Iſt doch im che lichen Leben jedes ernſte und frohe Ereigniß eine ſolche wiederholte Trauung. Dem Eheſtand iſt in der heiligen Schrift die Ehre wiederfahren, daß er unzaͤhligemal als das Bild der Verbindung des Herrn mit der menſchlichen Seele genannt wird. Durch dieſe Auszeichnung iſt er uͤber alle anderen menſchlichen Verbindungen als die hoͤchſte her— vorgehoben, und wenn man dem Bilde weiter nachgeht, findet man mit jedem Schritte neues Zuſammentreffen. Um nur Eins zu erwaͤhnen, dieſe Verbindung, die zwiſchen Gott und Menſchen beſteht, muß ſie nicht mit jedem Tage in dem fehlſamen menſchlichen Herzen erneuert werden, und liegt nicht in der Natur des chriſtlichen Lebens, daß ſie zuweilen auf eine beſonders feyerliche und eindringliche Weiſe erneuert werden muͤſſe? Iſt es nun nicht ſchoͤn, wenn ſolche Erneuerung auch in dem Verhaͤltniſſe, das ein Bild von jenem iſt, Statt hat? Wenn das wahre eheliche Leben auch ein ſolcher Bund iſt, in welchem der Mann Herr heißt, und das Weib das Herz im Hauſe genannt werden muß, was mag denn angemeſſener ſeyn, als daß ein ſolcher Ehebund, wenn er ein halbes Jahrhundert un⸗ ter Gottes Segen, in viel Liebe und Einigkeit, durch viel Huͤlfe und Gebet, und durch immer naͤheres Anſchließen des Einen an den Andern fortgegangen iſt, nun auch feyer- lich am Altare des Herrn erneuert werde? Es iſt gewiſ⸗ ſer Maßen eine Trauung in Erinnerung, wie ſonſt in Hoffnung. Wir gingen zur Kirche. Vorauf der Sohn und Schwiegerſohn in der Amtskleidung, weil ſie die Feyer lei— — 10 — ten follten. Dann das ehrwuͤrdige Brautpaar, die Mutter an des Vaters Arme. Hierauf die uͤbrigen Kinder und die Enkel. Sodann die Knechte und Maͤgde, nach der ausdruͤcklichen Anordnung der Herrſchaft, die das Geſinde immer als Kinder betrachtet hatte, und die ſich auch wirk lich als zum Haufe gehörig anſahen. Endlich die Geiſt— lichen aus der Nachbarſchaft und die Gemeindeglieder, je zwey und zwey. | Kaum waren wir aus dem Wiedemhof, als uns vom Thurm ein feſtliches Gelaͤute entgegenſchallte. Eine Menge von Menſchen ſchloß ſich dem Zuge an. Die Kirche war ſchon angefuͤllt, als wir hineintraten. Dem Brautpaare waren Seſſel vor den Altar hingeſtellt. Zum Anfange wurde das bekaunte Loblied geſungen: „Nun danket alle Gott,“ und die Herzlichkeit, mit der es geſungen wurde, bewies, daß dieſes Feſt ein allgemeines, die ganze Gemeinde betreffendes ſey, und daß man an ihm wohl ein Lob- und Danklied ſingen duͤrfe, das ſonſt nur fuͤr Landes- und Gemeinde-Angelegenheiten beſtimmt iſt. Der alte Pfarrherr hatte viel Sorgfalt auf den Ges ſang gewandt, und mit Erſtaunen hoͤrten wir hier eine Gemeinde wie einen kunſtgeuͤbten Chor ſingen. Der Ge— ſang der Gemeinde wurde von der Tonkunſt, auch durch Glieder der Gemeinde, meiſterhaft begleitet. Jetzt betrat der Schwiegerſohn die Kanzel. Seinen erſten Worten hoͤrte man die Ruͤhrung ſeines Herzens an, und dieſe Ruͤhrung zog ſich ſanft bewegend durch ſeine ganze Rede. In einem ſolchen Kreiſe von Zuhoͤrern ver— mied er es nicht, da er einige Worte uͤber das haͤusliche Gluͤck wahrer Chriſten geredet, und an Abraham und Sara, — 11 — an Zacharias und Eliſabeth, an Joſeph und Maria erin— nert hatte, ſo fort ſich zu dieſem aͤcht und alt chriſtlichen Ehepaar zu wenden, und ſelbſt auf ſein eigenes haͤusliches Gluͤck mit der Tochter ſolcher Aeltern hinzudeuten, das ihm ja auch nur durch ihre Ehe, und die Gottſeligkeit, wo— mit ſie gefuͤhrt worden, geſchenkt ſey. Die ganze Ver— ſammlung fuͤhlte, daß hier jemand uͤber haͤusliches Gluͤck rede, der es aus Erfahrung kenne, und dem es durch Chriſti Geiſt geworden. Dann zeigte er, wie die eheliche Liebe nach den drey Lebenszeiten, worein ſie faͤllt, eine drey— fache Geſtalt empfange, und Theil nehme an dem Feuer der Jugend, an der Arbeit der maͤnnlichen Jahre, und an der Ruhe des Alters. Zuerſt ſchilderte er das eheliche Gluͤck in ſeinem Anfange, wie es ſelten mit Gott begon— nen werde, aber ſtets mit ihm begonnen werden ſolle, wie es dadurch eine Weihe, einen Frieden, eine Innigkeit und Treue empfange, die man ſonſt wohl erſehne, aber nicht beſitze. Er beendigte die fromme und doch ſo feurige Schilderung mit der Bemerkung, daß man der Hochzeit, bey welcher dieſer erſte Abſchnitt des ehelichen Lebens eingeſegnet wird, im gemeinen Leben keinen beſondern Namen beygelegt habe, da fie ja nur der Anfang ſey, und noch nicht beſtimmt werden koͤnne, wie es ſich weiter ent— wickeln werde. Nun kam er auf die Zeit der Bewaͤhrung, wo die Gatten ſich ſchon ein Vierteljahrhundert geliebt ha— ben, wo die Kinder hinanwachſen, wo Sorge und Arbeit in Fuͤlle das Aelternpaar umgeben, wo des Geraͤuſches und der Unruhe viel im Haufe iſt, und das Beduͤrfniß, in guten und boͤſen Tagen ſich ſtuͤndlich aufs neue vor dem Herrn an einander zu ſchließen, immer lebhafter gefuͤhlt — 1 — wird, und wo ſich in jeder Hinſicht kund gibt, daß der Eheſtand ein Huͤlfsmittel gemeinſchaftlicher Heiligung ſey. Wenn dieſe Zeit in einem Feſte gefeyert wird, fo mag mau es mit Recht die ſilberne Hochzeit nennen, ſagte er, denn es iſt der Silberblick des Lebens, den dieſe fromme Liebe unter fo viel Arbeit und Mühe gibt. Aber wie fol ich endlich, fuhr er fort, die ehrwuͤrdigſte Zeit des ehelichen Lebens ſchildern, in der man die goldene Hochzeit feyert? Die Kinder find erwachſen, und haben wieder Kinder; fie bil⸗ den ihren eigenen Haushalt, und im Hauſe der Alten iſt es ſtill und wieder ruhig, wie am Aufange, und doch iſt es nicht wie im Anfange. Die Jugend iſt verſchwunden. Das Alter mit feiner Ruhe und Bedaͤchtigkeit iſt gekommen. Das Herz iſt der Welt geſtorben, und lebt nur noch den Seinigen. Das iſt eine erhabene Zeit, und du Gemeinde, wir Kinder, ſehen ihren Segen an dieſem ehrwuͤrdigen Paare. Da heißt mit dem größten Rechte das Feſt der ehelichen Liebe die goldene Hochzeit. Das Gold bedeutet im Allgemeinen das Koͤſtlichſte und Dauerndſte, und iſt insbeſondere das Bild der Weisheit, der Liebe, und des Glaubens, wie es denn auf die Sonne hinweiſt. Bey den Alten iſt Weisheit. Ein Ehepaar, das die Erfahrung eines halben Jahrhunderts gemeinſchaftlich aufgenommen und verarbeitet; das geſehen, wie der Suͤnder endet und wie er Gerechte; das in vielen Kindern das menſchliche Le— ben von neuem durchgelebt, und an ſich ſelbſt das Wort Gottes in Geiſt und Wahrheit erfahren hat: das muß reich ſeyn am Golde der Weisheit. Aber wie der Sonnen— ſtrahl nicht kaltes Licht, ſondern Waͤrme und Feuer gibt, ſo wird auch die Weisheit eines ſolchen Paars getragen, eu —— F — — — — — nn. —— AED u Ar nn - MB — veredelt und geweiht durch Liebe. Eine Liebe, die in fünf Jahrzehnten nicht erkaltete, die unter ſo vielen aͤußeren Abwechſelungen nur wuchs und zunahm, die erneut aus ſo vielem, was ringsumher unterging, immer wieder hervor— kam, die durch das Band gemeinſchaftlicher Erinnerungen aus dem aͤußeren und dem innerſten Leben in dem Ge— liebten einen unerſetzlichen Gegenſtand hat, — das iſt Gold der Liebe. Doch dieſe Verbindung von Weisheit und Liebe hat ihren Grund im Glauben. Was dieſe Weisheit zur wahren Weisheit, und dieſe Liebe zur wahren Liebe macht, das iſt der Glaube. Des Glaubens Sinnbild in der heiligen Schrift i das Gold. In dieſem evangeliſchen Glauben ruht die Weisheit, bey der nicht viel Graͤmens iſt, auf der Gewißheit der Erloͤſung, und gruͤndet ſich die Liebe auf die vaͤterliche Gnade des Herrn; und in dieſem Glauben hat ein ſolcher Bund die Verheiſſung, daß er un— aufloͤslich, uͤber alle Gewalt der Zeit erhaben, eine Verbins dung der Seelen fuͤr die Ewigkeit iſt. Hier hielt der Red— ner inne, und vermochte nur noch die ganze Rede in dem goͤttlichen Worte zuſammen zu faſſen, das ihr zum Grunde lag: „Der Allmaͤchtige wird dein Gold ſeyn.“ Man ſahe, er wollte noch viel ſagen, allein er ver— mochte es nicht. Es wurde darauf geſungen der alte Vers: Die längſt vermählten Beyde, Die Du erſt Dein genannt, Und dann zu Freud und Leide Vereint mit eigner Hand; Die wollen vor Dich treten, In gleicher Harmonie Zu danken und zu beten. O Pater, höre fie! Glockentoͤne. te Aufl. 8 — 114 — Die Alten ſtanden von ihrem Seſſel auf. Alle Kits der und Kindeskinder bildeten einen Kreis um ſie herum. Die Gemeinde erhob ſich. Der Sohn trat vor den Altar. Er begann mit einem kurzen, feyerlichen Gebete. Dann rief er die Gemeinde auf, mit dem ehrwuͤrdigen Paare dem Herrn für ſeine fuͤnfzigjaͤhrigen Bewahrungen und Wohlthaten zu danken, ihn zu loben fuͤr dieſe Stunde, und ihn um ferneren Segen zu bitten. Er ſprach darauf den ganzen herrlichen Pſalm, der das haͤusliche Gluͤck ei— nes Mannes beſchreibt, der den Herrn fuͤrchtet und auf ſeinen Wegen geht. Als er an die Stelle kam: Siehe, ſo wird geſegnet der Mann, der den Herrn fürchtet — beugte ſich der Greis, überwältigt von Ruͤhrung. Der unvers gleichliche Schluß: Du ſieheſt deiner Kinder Kinder, Friede über Iſrael! bildete dann den Uebergang zu der jetzigen Feyerlichkeit. Er gedachte einiger beſonders traurigen und frohen Vorfaͤlle in dem Leben der Alten, und brachte dem ehrwuͤrdigen Paare den Dank der Gemeinde und ihrer Kin— der und Enkel. Er bemerkte, wie keiner von den jetzt An— weſenden ihre erſte Hochzeit einſt mit gefeyert habe, und wie alle, die damals betend und Gluͤck wuͤnſchend, zugegen geweſen, ſchon geſtorben ſeyen, und wie ſo dieſe beyden Feſte in zwey durchaus verſchiedene Geſchlechter der Men— ſchen fielen. Als er nun der Einſegnung nahe war, aͤuſ— ſerte er, wie gluͤcklich er ſich fühle, daß er als Sohn die Aeltern auf der goldnen Hochzeit amtlich einſegnen ſolle, da bey der erſten Hochzeit ſein Großvater, ihr Vater, die Kinder amtlich eingeſegnet habe. Er redete noch viel von dem verklaͤrten Großvater und als er nun des Heern Se— gen uͤber ſie ausſprechen und ſeine Hand auf die vereinten ww = Hände des Vaters und der Mutter legen wollte, trat auch der Schwiegerſohn hinzu, und unwillkuͤhrlich folgten alle ſieben anweſenden Geiſtlichen, und ſo unter neunfacher Handauflegung, unter allgemeinen Thraͤnen und Gebeten, fegnete mit ſtammelnden Worten der Sohn die Aeltern. Zum Schluß wurde geſungen: * Dieſer von dem Herrn beglückter Von ihm oft freundlich angeblickter Vor fünfzig Jahr geknüpfter Bund, Hat Dein Schaffen und Erlöfen, Das ſtets der Ehe Troſt geweſen, Zum feſten und bewährten Grund. Du warſt in Freud und Leid, Herr, ihre Seligkeit! Hallelujah! e Herr, fegne Du, . Erhalte Du, Dieß Elternpaar, dies Prieſterpaar! Einiger ſtillen Augenblicke bedurfte die Verſammlung, nachdem die Feyer mit dem allgemeinen Segen beſchloſſen war. Nun umarmten ſich die ehrwuͤrdigen Alten vor dem Altare des Herrn, als wollte Eins das Andere ihm zum Opfer bringen. Die Kinder und Kindeskinder legten ſich ſchluchzend an das Herz der theuern Aeltern, und die Vaͤter und Muͤtter der Gemeinde draͤngten ſich hinzu. Die meiſten waren von dem Pfarrherrn getauft, und hatten in allen feſtlichen Zeiten ihres Lebens immer nur ihn ſegnend, weihend und belehrend geſehen. Alle kamen mit naſſen Augen und nur wenige vermochten ihm zu danken fuͤr alles, was er ihnen im Geiſtigen und Leiblichen geweſen. Zuletzt erſchienen in foͤrmlicher Ordnung die Geiſtlichen der 8 * — 16 — Nachbarſchaft, und uͤberreichten ihm ein feyerliches Gluͤck— wuͤnſchungsſchreiben der Landes-Geiſtlichkeit, der er durch Rath und Muſter, und in allen Ehrenaͤmtern gedient hatte. Sie nannten ihn mit ſeiner Familie und der Gemeinde nur den Vater. Der Zug ging unter dem Gelaͤute in den Wiedemhof zuruͤck, und die Gemeinde hatte von der Kirche bis zum Pfarrhauſe eine lange Doppelreihe gebildet, wo von un⸗ zaͤhligen Lippen die Segenswuͤnſche dem durchziehenden Paare wiederholt wurden. Als die Mutter uͤber die Schwelle trat, uͤber die ſie einſt vor fuͤnfzig Jahren als Braut in ihres Braͤutigams Haus gezogen, war es, als wenn alle jene früheren Gefühle in ihrem Herzen in alter Staͤrke erwachten. Sie ſchluchzte und bebte, und mußte hineinge⸗ hoben werden. Daheim wurde das Paar auf alle Weiſe beſchenkt. Die Toͤchter beſchenkten den Vater mit einem neuen Haus— kleide, um dadurch anzudeuten, daß ſie hofften, er werde es noch durch viele Jahre gebrauchen. Die Soͤhne be— ſchenkten die Mutter mit einem bequemen Seſſel, um darin von allen Anſtrengungen der Erziehung auszuruhen. Die Maͤgde hatten einen koͤſtlichen Strauß Herbſtblumen zuſam— mengeſucht, und die Knechte brachten das koͤſtlichſte Obſt von den vom Hausherrn ſelbſt gepflanzten Baͤumen. Die Aelteſten der Gemeinde baten ihren Seelſorger, in die Hausthuͤr zu treten, wo einige junge Leute mit einem ſtatt⸗ lichen Roſſe hielten. Auch ſie hatten nur den Wunſch, daß ihr lieber Pfarrherr nach Gottes Willen noch recht lange auf demſelben die Gemeinde beſuchen moͤge. Von den Gedichten und Angebinden der Enkel, und den Ge— ie — ſchenken der Hausfrauen aus der Gemeinde wäre noch manches zu erzaͤhlen. Das ehrwuͤrdige Brautpaar mußte feine Seſſel einneh—⸗ men und die Feſtleute ſetzten ſich nach der Reihe die lan⸗ gen Tiſche herab. Oben an ſaß das ehrwuͤrdige Paar — noch Brautpaar, obwohl Kinder und Enkel ſie umgaben, und haͤtte man ihre Zaͤrtlichkeit heute und vor fuͤnfzig Jahren vergleichen koͤnnen, ſo wuͤrde man die heutige nicht ge— ringer und kaͤlter, aber wohl inniger und tiefer gefunden haben. Sahen ſie doch in ihren Kindern nichts als den Wiederſchein ihres eigenen, gemeinſamen Lebens, und ſtellte ihnen doch jedes ihr aus zwey Gemuͤthern ſo gluͤcklich ver⸗ eintes gemeinſchaftliches Gemuͤth, nur von einer andern Seite, dar. Denn das ſcheint bei wahren, das heißt gluͤck⸗ lichen, Ehen immer der Fall zu ſeyn. Jedes Kind traͤgt auf irgend eine Weiſe die Eigenthuͤmlichkeit des Vaters, und auf eine andere die der Mutter. In Ehen, wo kein gemeinſchaftliches Gemuͤth — wenn man es ſo nennen darf — Statt findet, ſondern jeder, einige Augenblicke der erwachenden Liebe ausgenommen, fuͤr ſich fein eigenes Le; ben fuͤhrt, zeigen die Kinder gewoͤhnlich die Art und Unart bald des Vaters, bald der Mutter in einem hervorſtechen⸗ den Grade. In Ehen, wo wahre Liebe beyde vereint, und die Eigenthuͤmlichkeit des einen Gatten durch die des an— dern gemildert und veredelt wird, und zumal in Ehen, wo durch Glaube, der das Allgemeinſte, und doch wieder das Beſonderſte in allen menſchlichen Herzen iſt, dieſe Einheit hervorgebracht und erhalten wird, pflegen die Kinder in ihrer Gemuͤthsart dieſes gemeinſchaftliche Leben, aber frey⸗ lich immer von einer beſondern Seite, darzuſtellen. * MB % Als ein anweſender Geiftlicher dieſen Gedanken Aufs ſerte, verſuchte der Vater in ſeiner heitern Laune ihn gleich anzuwenden. Das wuͤrde ja ein rechter goldner Hochzeits— gedanke ſeyn, meinte er, wie ja uͤberhaupt die Gedanken und Betrachtungen bey ihr Erinnerungen deſſen waren, wovon man auf der erſten Hochzeit nur Hoffnung habe. Wohlan, fuhr er fort, ſo will ich an meinem Erſtgebornen anfangen, und an jedem meiner Kinder unſer, Gottlob, gemeinſchaftliches Leben von einer beſondern Seite auf⸗ ſuchen. Er verſuchte es mit viel Geiſt, doch ſo ganz in Braͤutigams Art, daß er ſelbſt dabey ſehr zu kurz kam, aber die Mutter in deſto helleres Licht geſetzt wurde. Dieſe hatte ſo viel Einwendungen zu machen, und machte ſie mit ſo viel Demuth, Beſchaͤmtheit und Hingabe, daß der Vater, tief geruͤhrt, mit jugendlicher Innigkeit das im Alter noch holde Weib in ſeine Arme nahm, und ſeine Thraͤne an ihrem Herzen verbarg. Da ſaß das ergraute, und doch noch ſo innig liebende Paar, und hielt mit den bald ſterbenden Armen ſich um⸗ ſchlungen. Es liegt immer etwas ſehr Ruͤhrendes in dem Anblicke alter Menſchen, die in dem, was nie veralten, und immer ſeine himmliſche Abkunft zeigen ſollte, noch jung ſind. Aber ſolche innige Liebe in Greiſen hat etwas Ueberwaͤltigendes. Das fuͤhlte die Geſellſchaft, und keiner wagte zu ſprechen. Indeß ſuchte der Vater ſich bald wieder in ſein wuͤr⸗ diges und heiteres Gleichgewicht zu bringen, und fuͤllte einen großen, mit vielen Namen beſchriebenen, Familien: kelch. Er reichte ihn der Mutter, und ſagte: nun, trink zum letzten Male daraus, Großmutter, heute geht er aus — = unfern Händen. Die Mutter nippte fehr bewegt. Darauf nahm er ihn und ſagte: Dank meinem gnaͤdigen Gott fuͤr ſo manche frohe und troſtreiche Stunde, von der dieſer Kelch Zeuge geweſen! Es war ein Familienkelch von Sil— ber, der ſchon ſeit Jahrhunderten von Vater auf Sohn vererbt war, und an den jeder folgende ſeinen Namen und die Glieder ſeiner Familie hatte einſchreiben laſſen, ſo daß er eine vollſtaͤndige Stammtafel enthielt. Der Va⸗ ter trank. Nun nimm du ihn, mein Erſtgeborner, ſprach er zum Sohne. Wie mein feliger Vater ihn mir reichte an meinem Hochzeitstage, ſo reich' ich ihn dir an meinem goldnen Hochzeitstage, und ſo reich ihn, will's Gott, wie⸗ der deinem Sohne. Aus eines gottſeligen Mannes Hand kam er in die meinige. Der war ein Lehrer des Volks, und leuchtet nun ſchon, wie des Himmels Glanz, nach der Verheiſſung. Ich und du find auch Diener des Worts. Gott gebe in Gnaden, daß wir dermaleinſt nicht dunkel ſeyn moͤgen! Man erkundigte ſich naͤher nach dem Kelche, und be⸗ ſah ihn. Der Wein perlte wie Gold in der ſilbernen Schale. Dieſer Kelch, fuhr er fort, hat alle Schickſale un⸗ ſerer Familie getheilt und jeder hat ihn wie das theuerſte Kleinod bewahrt. Auch an meines Lebens Schickſal hat er vielfach Theil nehmen muͤſſen. Seit dem Tage, daß ich ihn von meinem Vater empfing, hat des Seligen Hand mich nie wieder beruͤhrt, als um mich zum letzten Male zu ſegnen. Sein Tod verwandelte unſere erſten Ehemo⸗ nate in Trauermonate. Das war das erſte Leid, das wir zuſammen theilten, Mutter, und da erſt lernte ich deinen Werth kennen. Ferner, lieben Freunde, dieſer Kelch war 1m — auf allen Tauffeſten meiner Kinder. Auch am Abende nach der Confirmation ging er in unſerm haͤuslichen Kreiſe herum. Nicht wahr, das war ein himmliſcher Tag, So— phie? rief er der Tochter zu. An dem Tage wurdeſt du auch mein geiſtliches Kind. Doch weiter, aus der Aſche unſerer alten Kirche habe ich ihn errettet, als ich ihn bey gefaͤhrlicher Kriegszeit in dem Kirchenſchatze verborgen, und der Blitz in unſern Tempel ſchlug, den wir nun mit vie⸗ ler Muͤhe wieder aufgebaut. Bey deiner Hochzeit, lieber Sohn, war er vor dem eindringenden Feinde gefluͤchtet, und ich konnte dir ihn damals nicht uͤbergeben. Indeß bey Eurer Hochzeit, er wandte ſich zum Schwiegerſohn und deſſen Frau, und auf der ſilbernen Hochzeit hat er ſein Amt redlich verſehen, und heute geht er aus meiner Hand. Bleibe immer in eines redlichen Mannes Hand, du lieber Vaͤterkelch, rief er mit erhöhter Stimme aus, in eines Mannes Hand, der ein Freund Gottes und der Menſchen, und wenn es Gott gefaͤllt, auch ein Diener des Worts iſt! Der Sohn blickte den Vater und den Enkel an, er trat mit dieſem vor den ehrwuͤrdigen Greis, und ſprach hoͤchſt bewegt ein Geluͤbde aus. Daß ich Eins nicht vergeſſe! rief der Vater ihm zu, wißt, Eure Mutter lag einmal am Tode, und da habe ich ihr das Abendmahl daraus gereicht. Das iſt ſeine hoͤchſte Weihe. Ein Kelch, der den hochheiligen Trank umſchloſſen hat, iſt ein wahrhaft geweihtes Geräth. Er wurde ſtill, und alle ſchwiegen. Hört, iſts moͤg⸗ lich, und kommt mein, oder der Mutter letztes Stuͤndlein, ſo reicht uns den Himmelstrank noch einmal daraus. Nach einer zweyten Pauſe begann er: Ey, warum habt ihr beyden Redner, auch dieſes Stuͤndleins uns alte Leute nicht erinnert? Es iſt ja Abend, und da ſoll man es ſich nicht verhehlen wollen, daß die Sonne untergeht. Sey nicht traurig, Mutter, und ihr uͤbrigen, die Sonne ſcheint uns in einem ſchoͤnen Abendrothe, und ginge ſie uns auch heute fuͤr immer unter, ſo weißt Du, daß es uns ei— nen noch ſchoͤneren Morgen verkuͤndigt. Uebrigens haͤttet ihr dieſen Morgen noch ſagen koͤnnen, fuhr er dann wie— der in ſeiner heitern Weiſe fort, daß die erſte Hochzeit dem Sonnenaufgange gleicht. Da gibts ein Morgenroth; und es waͤre der erſten Hochzeit mehr ihr Recht geworden, als wirklich geſchehen, denn ich denke an ſie immer noch mit Dank, und dieſen Morgen iſt ihr zu wenig Ehre an— gethan. Aber ſo macht ihr es, ihr Redner! Nun die Sonne am Mittage mit ihrem ſilbernen Licht iſt ſo recht Bild der ſilbernen Hochzeit. Die goldene laßt dann immer das Abendroth ſeyn. Ploͤtzlich erſcholl ein vierſtimmiger Geſang unter dem Fenſter. Die ganze Jugend der Gemeinde hatte ſich in ihren Sonntagskleidern ſtill um den Saal geſtellt, und einen herzlichen, einfachen Ehrengeſang auf ihren alten Vater begonnen. Man hoͤrte ihn bis zu Ende. Dann ging die ganze Geſellſchaft zu ihnen ins Freye, und der Vater ſtand unter ihnen, wie unter ſeinen Kindern. Er nannte alle mit dem väterlichen Du, ſelbſt die Erwachſe⸗ nen, die ſich unter ſie gemengt, und ſagte ihnen einige warm aus dem Herzen quillenden Worte. Wir ergingen uns mit ihnen unter den Eichen, und den vom Pfarr— herrn ſelbſt gepflanzten Obſtbaͤumen, an denen ſo manche En Erinnerungen ſich fortpflanzten. Nach und nach war das ganze Dorf im Baumhofe. Aus den Reden der Gemeins deglieder ſah man, was ein fuͤnfzigjaͤhriges treues Wirken fürs Chriſtenthum in einer ganzen Menge von Menſchen ausrichtet. Endlich kam wirklich ein ſchoͤnes Abendroth. Die Abendglocken laͤuteten im Dorfe. Alle Maͤnner ent⸗ bloͤßten ihr Haupt. Denn es war hier noch die alte Sitte, beym Morgen- und Abendgelaͤute zu beten. In demſelben Augenblicke vereinen ſich alle zum Gebete, der Ackerer am Pfluge, und die Ausfrau am Heerde, alle Arbeit ruht, und das ganze Dorf und ſeine Felder werden zu einem großen Gotteshauſe. Der Greis nahm feine ſammtne Muͤtze ab, und dankte feinem lieben Gott für dieſen Eh- rentag. Alle drängten ſich um ihn her. Er redete zu dem Herrn von ſeinem ganzen Leben. Mit jedem Augenblick ſtroͤmten ihm die Gedanken reichlicher zu. Er vergaß alles Aeußere, und ſprach nur mit ſeinem Herrn. Ihm uͤbergab er Leibes Leben, und der Seele Heimfahrt, die treue Ges faͤhrtin feiner Tage, die Kinder, die Gemeinde, das Pfarr; haus, und ſchloß mit der glaͤubigen Hoffnung eines ſeligen Scheidens. Wir alle ſtanden da, wie der Erde entruͤckt. Es wurde dunkel. Als wir Abſchied nahmen, ſprach er: Ja, Freunde, eine Ehe mit Gott angefangen, mit ihm fortge— ſetzt, iſt ein Himmel auf Erden. Das iſt der 128. Pſalm. Gott gebe es euch allen! Es wurde uns ſchwer, zu ſcheiden. — 22 — 5 — Die Mitteruacht. — — Den Tag uͤber war ich faſt in allen Geſchaͤften des Berufs thaͤtig geweſen. Zu der ganzen Gemeinde hatte ich in voller Verſammlung geredet; ich hatte getauft, ge— traut, Kranke getroͤſtet und Kinder gelehret. Wenn die Gegenwart uns eine ſolche Fuͤlle biethet, ſo uͤberwaͤltigt ſie das Gemuͤth. Wie ſehnt man ſich am Abende nach Bil dern aus einer andern Welt! Wie ich zu thun pflege, hatte ich auch dieß Mal, als ich am ſtillen Abende daheim auf meiner Buͤcherſtube angelangt war, meine Erholung in der alten anfaͤnglichen Zeit der Kirche geſucht. Wenn ein Pfarrer Abends nach ſolchen Tagen und in ſolcher Ermuͤdung von der Gegenwart und dem eigenen Wirken, einen Kirchenvater vor ſich legt und die Geſinnungen und Thaten der Glaubenshelden jener Zeit lieſt: ſo wird eine heilſame Beſchaͤmung uͤber ſein Thun und Wirken die Ta⸗ gesarbeit beſchließen, allein bald werden auch ſeine Seele die Zuͤge von Tiefe und Kraft erheben, welche damals die Kirche bauten und hernach in wilden Stuͤrmen erhielten. So koͤnnte der Geiſtliche einem Baume gleichen, der ſeine Zweige durſtend nach dem Lichte der ewigen Sonne gen Himmel ausſtreckt, und ſeine Wurzeln tief in die alte beſſere Zeit der Kirche, in die Tage ihrer erſten Liebe hinablaͤßt. Wie waͤre es moͤglich, daß er dieſe Lieder betrachtet, welche — — ganze Wallfahrten in ihrem Zuge vor Erſtaunen und Ruͤh⸗ rung zum Stehen brachten; dieſe Reden, vor einer Menge von zehntauſend Menſchen geſprochen, die hingeriſſen von der Gewalt des Worts an ihre Bruſt ſchlugen und Stroͤme von Thraͤnen vergoßen; oder dieſe Briefe, in ſchmaͤhlicher Verbannung und der Naͤhe der Scheiterhaufen geſchrieben; oder dieſe Begebenheiten, die uns zu wunderbar duͤnken, weil wir den Glauben nicht mehr haben, aus dem fie her⸗ vorgingen — wie koͤnnte er das Alles betrachten, ohne an Demuth und Begeiſterung fuͤr dieſes Amt zu wachſen? Die Mitternacht kam herbey. Immer bringt ſie eine eigene Stimmung mit, aber vorzuͤglich unter ſolchen Betrachtungen. Die Ruhe und Stille auf Erden, das Erbleichen der Farben, das Kuͤhne und Ungeheure der in einander laufenden Geſtalten, das Erhabene in dem Anblick, daß der Himmel voll Sternenlicht iſt, indeß die Erde voll Finſterniß, verſetzen uns in eine Lage des Gemuͤths, in der man mehr wie ſonſt, ſich geneigt findet, die groͤßten Gegenſaͤtze, Vergangenheit und Ge— genwart, Leben und Tod, Himmel und Erde zu umfaſ— ſen. Ich möchte behaupten, zum Leben eines Pfarrers ger hoͤre es, zuweilen eine Mitternacht im Umgange mit den alten Vaͤtern der Kirche zu feyern, und ſo von Natur und Geſchichte jene Groͤße und Erhabenheit der Geſinnung zu lernen, deren er ſtuͤndlich bedarf. Iſt er doch damit zus gleich in einer hoͤhern Gemeinſchaft. Der Tag hat ihn zu Menſchen geführt, und die Nacht führt ihn zu hoͤhern Geiz ſtern. Am Tage hat er feine Brüder nach obenhin gewie⸗ ſen, und in der Nacht wollen ſeine vollendeten Bruͤder von oben her ihn ſtaͤrken. Das iſt ja auch recht geiſtlich, und — 1. — bildet in feinem Herzen den Uebergang aus der ſichtbaren in die unſichtbare Welt, und vereinigt zugleich in ſeinem Leben die freyeſte Oeffentlichkeit und die entſcheidenſte Ein⸗ gezogenheit. Etwas davon empfand ich in dieſer Stunde. Alter: thum, Mitternacht, Prieſterſchaft verbanden ſich, meinem Geiſte den Schwung zu geben, der als die Bluͤthe des geiſtlichen Lebens angeſehen werden kann. Nach ſo vieler Tagesarbeit ward ich friſch und munter, wie am Morgen; der Wechſel der Zeiten war mir entſchwunden; meine Seele wandelte unter den erſten Chriſten und den ehrwuͤrdigen Vaͤtern der Kirche. Eben betrachtete ich die großartige Jugend eines der beſten und die Art, wie er ſich durch ſie zu dem kuͤnftigen Berufe habe vorbereiten muͤſſen. Mein Inneres war ergriffen, und meine ganze Seele ſtaunte. Ich konnte nicht weiter leſen. Viele Reihen von Gedan⸗ ken ſtroͤmten aus jeder Bemerkung. Ich hielt inne und verſank in Nachdenken. Es waren ſegensvolle Augenblicke. Als ich endlich aufſah, fiel mein Blick auf die Bildniſſe meiner Vorgaͤnger, die ſeit einem Jahrhundert an der Ge⸗ meinde gewirkt. Eine edle Familie hatte fie in einer ſchoͤ⸗ nen, dankbaren Liebe geſammelt, und mit feinem Gefuͤhle dem Pfarrhauſe geſchenkt. Ich liebe dieſe Geſellſchaft und hatte die Bildniſſe in meiner Arbeitsſtube aufhaͤngen laſſen. Da reden ſie in mancher Stunde gar kraͤftig zu mir, und die alten vielfach bewaͤhrten Vorgaͤnger lehren zu jeder Zeit, was dem jungen Nachfolger fehlt. Jetzt erinnert der ſanfte Blick des einen mich an Ergebung, dann das Adler⸗ auge des andern an Muth. Heute weckt die feurige Lippe des dritten meine Traͤgheit auf und morgen ermahnt mich u die ruhige Beſonnenheit des vierten an das Maaß in allen Dingen. Dann fallen mir die Geſchichten ihres Lebens, die entſcheidenden Tage, wo ſie ſich bewaͤhrten, und die Sagen von dieſem und jenem Ereigniſſe aus ihrer Amts führung ein, und ſo iſt ein gewiſſes vertrauliches Verhaͤlt— niß zwiſchen den Bildern und mir entſtanden, daß ich einſt mit den Maͤnnern ſelbſt fortzuſetzen hoffe. Als ich in jener Stimmung ſie unwillkuͤrlich anſahe, zog es mich ſo maͤchtig zu ihnen hin, daß ich aufſtand und vor ſie trat. Was ſie mir ſagten, paßte ſehr wohl zu den Betrachtungen, die meine Seele beſchaͤftigten. Die eigent- liche kirchliche Vorzeit iſt doch fuͤr jeden die, welche gerade die Gemeinde und Gegend erlebt hat, in der er lebet. An ihr wird die Erkenntniß lebendig und ihr Licht ſtrahlt auf die ganze übrige Geſchichte der Kirche, wie auf einen Hinz tergrund. Die Bildniſſe waren zufaͤllig ſo geſtellt, daß ſie dem Fenſter gegenuͤber, auf den Kirchhof blickten. Der helle Mondſchein drauſſen brachte mich zu dieſer Bemerkung. Ach, dachte ich, dort ruhen ſie ſchon ſo lange, die hinfaͤl— lige Hölle ſchlaͤft den feſten Schlaf im Grabe: aber hier blicken, reden ſie noch wie vormals in den Tagen ihrer Kraft. Das Vergaͤngliche iſt zuſammen gefallen, aber das Unvergaͤngliche lebt noch fort und nicht bloß im Bilde, ſondern auch in der That. Da das Mondlicht immer hel— ler herein ſchien, ſo blickte ich auf die Graͤber hinaus. Zu dieſen Graͤbern, dachte ich weiter, iſt noch mancher von den Tauſenden gegangen, die Euch liebten, und denen ihr nuͤtzlich geweſen, und hat Euern Hintritt beweint. Ich muß auch hin an Eure Gräber, und die gute Zeit beweis — 127 — nen, die Ihr mit in Euer Grab genommen und Euch ſeg— nen, daß Ihr ſie aufrecht erhalten! Ich verließ das Zimmer und ging binab auf den Kirchhof. Es iſt der alte Kirchhof. Ein Jahrhundert hin⸗ durch haben die Geſtorbenen in der Gemeinde hier ihre Ruheſtaͤtte gefunden; aber als die Menge ihrer Glieder anwuchs, hat man einen neuen angelegt. Jetzt wird ſeit Jahren auf ihm kein Grab mehr gemacht; aber die Pay- peln wehen noch an feinen Gängen, die Leichenſteine ra⸗ gen noch herauf und die erhoͤhten Grabhuͤgel zeigen, wo die Leichen liegen. Ein Kirchhof iſt an ſich ein Denkmal der Vergangenheit, aber ein alter, nicht mehr gebrauchter Kirchhof iſt ein zwiefaches Denkmal der Vergangenheit. In einer eigenen Bewegung ging ich den breiten Gang hinauf, der ſo manchen Leichenzug zum Gottesacker gefuͤhrt. Mich duͤnkte oft, ich traͤte in die Fußſtapfen der Trauernden. Es war eine laue Sommernacht. Die Sterne blickten mild herab. Der Mond ſchien auf die Lei⸗ chenſteine, die einen langen, ſchwarzen Schatten hinter ſich warfen. Todesſtille herrſchte auf dem Gottesacker. Aus der ſchlafenden Stadt kam kein Laut herauf, als nur der ernſte Schlag der Mitternachtsſtunde von dem weit ent- fernten Kirchthurme. Bey den Graͤbern der Kinder ſind die Graͤber der Pfarrherren, nahe an der Mauer, wo die Pappeln ſtehen. Zu Kindern wollten ſie die Erwachſenen ziehen, naͤmlich zu Kindern Gottes und kindliches Weſen war das Abzei— chen ihres Amtes: darum wurden ihre Leichen zu den Leich⸗ namen der jungen Himmelserben gelegt, die in ihrer Un— ſchuld ſtarben. Der Bezirk auf einem Kirchhofe, wo die — 1128 — Kinder begraben werden, iſt der heiligſte. Durch die Taufe geweiht, iſt ihr Leben noch nicht befleckt geweſen, wie das der Erwachſenen. Sie ſind leichten Todes, ohne Kampf mit der Welt, und ohne Unruhe des Gewiſſens geſtorben. Sie haben gelebt und nur geliebt; fie haben ſich viel ges freut und wenig getrauert. Ihre Engel ſahen allezeit das Angeſicht ihres Vaters im Himmel und als ſie heimgehen ſollten, und die zarteſten Engel geſandt wurden, fie abzu- holen, haben ſie hoͤchſtens mit einem dankbaren letzten Blick auf die Mutter Abſchied von der Welt genommen und ſind gewiß in ewige Freude eingegangen. Da ruht nun der zarte, unentweihte Koͤrper. Mutterthraͤnen ſind auf die Grabſtaͤtte gefallen und die reinſte, treueſte Liebe hat auf ihr getrauert und ſich troͤſten laſſen. Wie freute es mich, daß gerade hier die Hirten der Gemeinde ſchliefen. Fuͤnf Pfarrer, das wußte ich, ſind hier begraben. In ihrem Leben folgten ſie ſich einander, im Tode find fie vereint. An ihrem Wirken lief ein gan- zes Jahrhundert ab. Der Juͤngling kam in die Aernte des Greiſes, und ſchnitt, wo er nicht geſaͤet hatte und was er ſaͤete, das aͤrntete wieder ein anderer. Die Männer und Frauen, die der Vorgaͤnger getauft und eingeſegnet hatte, belehrte, ermunterte der Nachfolger und bereitete ſie zum Tode; und die Kinder, die dieſer in den Schoß der chriſt— lichen Kirche fuͤhrte, gab er ſterbend in die Sorge eines meiſt noch unbekannten Dritten ab und hoffte, daß der- ſelbe auch pflegen und fortfuͤhren werde ſein Werk, wie er ſeines Vorgaͤngers Werk. Es war ein Band zwiſchen ihnen, wie zwiſchen Vater und Sohn, und ſie gehoͤrten ſich in ihrem Leben und Wirken ſo nahe an, daß ſie billig im Tode nicht getrennt wurden. I — Wie im Leben, ſo im Tode, iſt auch die Gemeinde um ſie her. Herrlicher Gedanke, was im Leben das Beſte, allein Werthe iſt, Liebe und Treue, das geht auch im Tode nicht unter! Vielleicht — ſo dachte ich und ein froͤhlicher Schauder ergriff mich — vielleicht begegnet ſo gar in die— ſem Augenblick im Himmel ein Seliger einem dieſer Hir— ten, der ihm bier den Weg des Heils gewieſen, und ſagt ihm jetzt himmliſchen Dank! Wie mochte Dir ſeyn, du ſchlummernde Gemeinde, als Du einſt um dieſe geoͤffneten Graͤber ſtandeſt, in die ſie deine theuern Lehrer begraben wollten! Ich ſahe im Geiſte dieſe trauernden Verſammlungen. Dem Grabe zu— naͤchſt die Pfarrfrau, die ſo manchen Schweiß von der Stirne des Entſchlafenen getrocknet, die ſo manche Sorge und Freude getheilt, und ſo oft den Ermuͤdeten und Be— kuͤmmerten im Schoße ihres häuslichen Gluͤcks getroͤſtet und aufgerichtet. An der Schluchzenden Seite — o laßt ſie nur ſchluchzen, mit des Mannes Tagewerk iſt auch ihr größtes geſchloſſen, und mit dem theuern Gatten begräbt ſie ihr ſchoͤnſtes Leben, — an der Seite der ſchluchzenden Witwe die unverſorgten Waiſen. Neben ihnen die wuͤrdi— gen Vorſteher, dem Verewigten die Naͤchſten in der Ge— meinde. Und weiter hin die Tauſende ſeiner Schafe', die er geweidet. Wie manchem ſchlaͤgt das Herz vor Reue, daß er nicht folgſamer war der treuen vaͤterlichen Stimme! Wie mancher, ob dem der Entſchlafene ſein Amt mit Seufzen that, fuͤhlt nun ſchon, daß es ihm nicht gut iſt. Dieſe Hand, die da verweſen ſoll, und nun im Sarge liegt, lag auf meiner kindlichen Stirne, als ich getauft ward, ſagt der eine, — und ruhte ſegnend auf meinem Glockentoͤne. Gte Aufl. 9 Haupte, als ich mein Glaubensbekenntniß ablegte, denkt der Andere — und legte meine Hand in meines lieben Weibes Hand, als wir getraut wurden, fuͤgt der Dritte hinzu. Wer weint da ſo untroͤſtlich? Es ſind die Juͤng⸗ linge und Jungfrauen, die der Selige zum letzten Male eingeſegnet. Warum fließen jenem Ereiſe dort fo häufige Thraͤnen aus den Augen? Ach, denkt er, an meinem Krankenlager haſt Du, Mann Gottes, mich ſo ernſtlich zum Tode bereitet und haſt ihn noch eher ſchmecken muͤſſen, als ich. Haͤtte ich nur ſtatt Deiner ſterben koͤnnen! Jetzt endet der Grabgeſang. Man hoͤrt nur Weinen und Seuf⸗ zen. Da nimmt ein Amtsbruder das Wort und redet von den Lehrern, die auf Erden durch viel Muͤhe und Sorge geläutert werden, um jenſeits zu leuchten, als die Sterne, und wie der Selige den guten Kampf gekaͤmpft, Glauben gehalten, und nun die Krone erwarte, die ihm beygelegt werden ſoll. Ach, der da redete, uͤber den redete nach Jahren wieder ein anderer, und nun ſind ſie alle Vorgaͤn— ger und Nachfolger, Hirten und Gemeinde zuſammen und werden gerichtet nach Gerechtigkeit und Glauben. Selig ſind die Todten, die im Herrn ſterben. Sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach! Dann iſt kein Unterſchied des irdiſchen Standes mehr, und nach an— deren Maßſtaben werden die Staͤnde und Stufen geſchie— den. Nicht wie hier, die Gaben der Natur, ſondern die Gaben der Gnade werden den Maßſtab ausmachen, und wie mancher wird dort ſein hoͤheres Gluͤck von dem Schmerz den er auf dieſem Gottesacker empfunden, herleiten. Ich blickte uͤber den Kirchhof hin und meine Betrach— tungen ſetzten ſich fort. Wie manche wankende Geſtalt hat — 131 — ein kummervolles Herz hierher getragen! Wie viel Thraͤ— nen ſind hier geweint! Wie viel Entſchluͤſſe ſind hier ge— faßt! Wie viel Troſt des Evangeliums iſt hier empfun⸗ den! Wie oft ſang ein durch den Geiſt des ewigen Lebens aufgerichteter Haufen hier uͤber dem zugeſcharrten Grabe das alte Grablied: Nun laſſen wir ihn hier ſchlafen u. ſ. w. Wie manches Mannes Auge, ſelten naß, weinte hier, wenn das Weib ſeiner Jugend begraben wurde! Wie manches Herz einer Mutter wollte hier brechen vor Schmerz, wenn ſie den Vater ihrer Kinder beerdigen ließ! Hier ruht die Braut, die der Tod aus des Vraͤutigams Armen riß! Da geht blutenden Herzens der Ungluͤckliche hinter dem Sarge. Sie ſtarb, — und alle ſchoͤnen Bilder von der Zukunft, alle Hoffnungen ſeines Herzens wurden mit ihr zu Grabe getragen. Er fuͤhlt, daß man nur Ein Mal im Leben ſo lieben kann. Dort iſt das Grab eines Juͤnglings, der der Stolz ſeiner Mutter und die Freude ſeines Vaters war. Der alte Mann ſteht weinend vor der Gruft und der gebogene Ruͤcken beugt ſich tiefer ins Grab, dem Geliebten nach. — Wo biſt du, Grab, in dem mei⸗ nes Vaters Vater ſchlaͤft? Sey mir geſegnet, du heilige Stelle! Du ehrwuͤrdiges Grab! Mit Ehrfurcht nahe ich mich dir! Schlaft ſanft, ihr Gebeine eines edeln, frommen Mannes, und wenn du mir jetzt nahe biſt, ſeliger Geiſt, deſſen irdiſche Huͤlle hier ruht, o ſo bitte Gott, daß er mir Kraft gebe, deines Segens theilhaftig zu werden. Du warſt nicht bedeutend unter den Menſchen, du warſt ein Fremdling, der ſein irdiſches Vaterland in dieſem freund— lichen Tahle vermißte: aber dafuͤr haſt du nun dein himm⸗ liſches Vaterland gefunden und den Lohn fuͤr dein ernſtes 9 * iR und freudiges Glauben. Siehe, dein Enkel, bringt dir Dank an deinem Grabe, daß du ſolch ein Gedaͤchtniß uns hinterlaſſen, und einen Segen auf Kind und Kindes Kind, der nicht von dieſer Welt iſt! Ach, was iſt dieſe Welt! wie eitel iſt ihr Ruhm! wie nichtig ſind ihre Guͤter! Unter dieſer Erddecke des Kirch— hofes ſchlafen Arme und Reiche, Geehrte und Unbekannte, Begluͤckte und Leidende. Alle dieſe Herzen, die hier ver modern, haben ihr Leid und ihre Freude gehabt; ſie ſchlu— gen oft hoch auf in namenloſer Wonne und waren zerriſ— ſen in unausſprechlichem Wehe — und das alles iſt hin, und keiner denkt mehr daran. Ganze Familien find aus⸗ geſtorben, von manchem Stamme liegt hier der Letzte be graben und ihre Namen werden nicht einmal mehr gehoͤrt; ihre Guͤter ſind vertheilt, und es iſt keine Spur mehr von allem, was ſie waren und thaten auf Erden. O was iſt die Welt und das was ſie geben kann! Es iſt Spreu, der Todeshauch faͤhrt hinein und zerſtreut ſie. Das ſagen mir Eure Gräber, ihr Todten: das die halb zerſtoͤrten Ge: beine, die ich hier und dort ſehe; das die verloſchene Schrift auf euern Leichenſteinen. Einſt werde ich ſeyn, was ihr jetzt ſeyd. Das Todtengerippe, daß ich einſt ſeyn werde, trage ich ja ſchon in mir. Auch mich wird man morgen ſuchen und ich werde nicht da ſeyn! — nein, nicht hier ſeyn — aber wo werde ich ſeyn? Irgendwo werde ich ſeyn, etwas wird mir bleiben, und dieß Etwas iſt das Hoͤchſte. Der Glaube an meinen Erloͤſer, die Liebe zu ihm, und jede Freude frommer Liebe, die werden mir bleiben. Wohblan, fo will ich für Schaden achten alles, was mir durchs Grab nicht folgt, auf daß ich Chriſtum gewinne! zu — Meine Betrachtungen wurden immer lebhafter und ernſter. Ich fuͤhlte das Beduͤrfniß zu beten. Auf dem Grabhuͤgel des Großvaters beugte ich meine Knie, und betete. Es ſchlug Eins. Ich ſtand auf. Des Waͤchters Tritt ſcholl in den ſtillen Straßen der Stadt. Huͤther, Huͤther, iſt die Nacht ſchier hin? haͤtte ich rufen moͤgen. Da ſchwebte eine milde Lichtgeſtalt uͤber die Graͤber hin. Durch die Schatten der Leichenſteine wandelte ihr Licht, wie Aufgang der Morgenroͤthe. Der Mond goß fein ſilbernes Licht um ſie her. Sie ſchwebte zu mir herauf. Iſt es ein Bote der Auferſtehung? fragte ich mich.“ Iſt es der im Himmel erwachſene Geiſt eines der Kinder, die hier begraben ſind? Iſt es die zarteſte Jungfrau unter allen, die hier ſchlafen, und die einen Augenblick erwacht, die Welt noch einmal zu ſchauen, die ihr in ihrem unfchul- dig heitern Sinne ſo ſchoͤn war? Immer naͤher kam die Geſtalt. Du warſt es, mein liebes, holdes Weib! Ueberall ſucht mich dein liebendes Herz, ſelbſt auf den Graͤbern, und immer biſt du das Licht meines Lebens am hellen Tage, wie in ſolchen heiligen Mitternachtsſtunden. Wir gingen uͤber den breiten Gang zum Pfarrhauſe herab, und dachten an den Graͤbern, die unter Thraͤnen geſchloſſen wurden, des Augenblickes, wo ſie mit Freuden ſich öffnen werden. Schon liegen die Leichen dem Auf⸗ gange entgegen und ſchauen gleichſam in den kommenden Morgen der Auferſtehung hinaus. Wir fuͤhlten aufs tiefſte, das Sinnvolle der alten Sitte. Schlaft nur noch ruhig, rief die Pfarrfrau aus, mit Euern Augen, welche liebreiche Haͤude zugedruͤckt haben. Der Morgen kommt, noch lieb— - m — reichere Hände werden Euch die Augen öffnen und wenn ihr erwacht, ſeht ihr das Morgenroth mit dem erſten Blicke. Hand in Hand, mit Einem Gefuͤhle, traten wir ins theure Pfarrhaus. Wird dem Pfarrer das Haus durch die fromme Liebe der Hausfrau heilig, fo ſoll es der Ge meinde heilig ſeyn durch das ganze Leben, das in ihm ge⸗ fuͤhrt wird. Das Pfarrhaus hat fuͤr die Gemeinde eine beſondere Bedeutung. Liegt die Urſache in den Erinnerun⸗ gen an die wichtigſten Zeiten des Lebens, in denen man es betritt, da das Kind zum Unterrichte, der Braͤutigam in den ſchoͤnen Hochzeitstagen und der Trauernde mit der Todesbothſchaft es ſuchen muß? Oder iſt es das, weil man fuͤhlt und begehrt, hier ſoll das Leben, nach alter, einfacher Sitte in ſtiller Eingezogenheit geführt werden, und aller Aufwand und alle Luſtbarkeit der Welt ſoll hier einem heitern Eruſte weichen? Oder iſt es das, weil fie ahnen, in dieſer Wohnung werde ihrer oft vor dem Herrn gedacht und was ſie ſelbſt verſaͤumen, werde hier liebend fuͤr ſie gethan! Was es auch ſey, je feſter das Band zwiſchen der Gemeinde und dem Pfarrer iſt, deſto theurer iſt ihr auch das Haus, das auf eine eigene Weiſe das ſtillſte und zugleich das oͤffentlichſte des Orts iſt, und kei⸗ nem Einzelnen, ſondern der ganzen Gemeinde, als einer durch goͤttliche Dinge verbundenen Menge, gehoͤrt. Aber bey dieſem Pfarrhauſe tritt noch ein anderer Grund ein. Es war ehedem das Bethaus der Gemeinde. Viele Jahre haben die Menſchen ſich in ihm zum Gottesdienſt verſam— melt, manches Wort Gottes iſt hier verkuͤndigt, mancher Suͤnder erſchuͤttert, mancher Bekuͤmmerte getroͤſtet worden. Bedeutſam iſt ein Brunnen gegraben, wo ehedem der Lehr⸗ ſtuhl ſtand. Jede Stelle war vormahls der Sitz einer an— daͤchtigen Seele und oben ſcheinen noch die letzten Nach— haͤlle der Geſaͤnge und Gebete zu erklingen. Ein ſolches Haus iſt fuͤrwahr ein heiliges Haus. Eine Wohnung, von Stein und Erde erbaut, kann nur gehei— ligt werden durch das, was in ihr geſchieht. Das Größte, was in ihr geſchehen kann, iſt Gebet und Lehre. Eiu Saal, in dem einſt Fuͤrſten ſich beriethen, und Frieden ſchloſſen, iſt nicht ſo ehrwuͤrdig, wie ein Haus, in dem einſt Gottesdienſt gehalten wurde. Man kann es nicht be⸗ treten ohne eine ernſte Mahnung; man kann es nicht bez wohnen, ohne daran erinnert zu werden, den Gottesdienſt im Leben fortzuſetzen; man kann in ihm nicht ſinnen und handeln, ohne ſich aufgefordert zu fühlen, ein fo ehrwuͤrdi⸗ ges Gedaͤchtniß nicht zu entheiligen. Als ich auf meiner Buͤcherſtube, zu den Bildniſſen der Vorgaͤnger, und zu den aufgeſchlagenen Urkunden aus der alten Zeit der Kirche zuruͤckkam, und nun auf alle Gedan⸗ ken und Gefuͤhle zuruͤck ſah, die in dieſer Nacht mein In⸗ neres erfuͤllt hatten, empfand ich einen Segen, der meine ganze Seele erhob; neuen Muth, friſche Freudigkeit und geſtaͤrkten Glauben. Ich nahm mir vor, oft ein ſolche Mitternacht zu feyern. — 126 — 8. Die Sterbende. — — Es hat eine eigene Bewandtniß mit den Erzaͤh— lungen von den letzten Stunden der Unſrigen. Man fuͤhlt ſich wie durch eine unſichtbare Macht dazu bewogen und doch fürchtet man, die Wunden des Herzens wieder auf: zureißen. Beginnt man endlich, ſo ſtockt die Rede oft, bricht ab, muß wieder aufgenommen werden, und das Herz hoͤrt nicht auf zu bluten, ſo lange der Mund erzaͤhlt. Aber bey dem Allen fuͤhlt man ſich unausſprechlich wohl. Man kann nicht aufhoͤren. Immer neue Erinnerungen kommen herauf. Es iſt, als wenn eine innere Nothwen— digkeit uns triebe, das, was jetzt nur der Himmel beſitzt, der Welt wenigſtens im Bilde darzuſtellen. So ſitzen die Leidtragenden im Sterbhauſe und werden nicht muͤde, wie viele Beyleid bezeugende Freunde und Nachbarn auch kom— men mögen, die ganze Geſchichte der letzten Stunden des Verſtorbenen, die einzelnen Worte und Aeußerungen, die Ausdruͤcke des Schmerzes und die Bewegungen des Todes— kampfes zu erzaͤhlen. So kommt ſpaͤterhin, wenn die Thraͤne getrocknet und die Wunde faſt geheilt iſt, an ſtil— len Abenden im Kreiſe der Familie faſt kein Anlaß, keine Beruͤhrung, kein ſchicklicher Uebergang, der nicht alsbald von dem Einen oder Andern zur Schilderung jener Stun— den benutzt werde, und die Uebrigen hoͤren mit derſelben 1 Theilnahme die laͤngſt bekannte, oft gehoͤrte, und oft von ihnen ſelbſt erzählte Geſchichte an, als wenn ſie dieſelbe jetzt zum erſten Male vernaͤhmen, und es iſt ruͤhrend, wie ploͤtzlich die andern aus der Andacht des Zuhoͤrens heraus— gehn, und dieſen oder jenen Umſtand hinzufuͤgen, oder ihre Betrachtungen dabey anſtellen. Wer je einen tief em— pfundenen Verluſt erlitten, der wird dieß ſchmerzlich Suͤße und dieſe auffallenden Erſcheinungen bey der Erzaͤhlung von den letzten Stunden der Unſrigen kennen. Mich duͤnkt, es iſt ein Ringen mit dem Schmerze, und ein Stre; ben, dadurch, daß man ihn außer ſich hinausſtellt, und zum Gegenſtande von Betrachtungen macht, ſeine zerſtoͤrende Kraft zu mildern, und die tiefe Trauer, die man noch je— des Mal bey der Erinnerung fuͤhlt, in hoͤhere Wemuth zu verwandeln. Vielleicht gar iſt es der Wiederſchein des hoͤ— hern Beduͤrfniſſes, ſein Leid dem Allerbarmenden zu klagen, und muß man in dieſem Erzaͤhlen nur ein Vergreiffen und menſchliches Irren ſehen, indem das Herz, Troſt ſuchend, auch gegen Menſchen, die nicht troͤſten koͤnnen, ſeinen Schmerz klagt. Auch liegt die heilige Ueberzeugung zum Grunde, ein ſelig geſtorbener, zur unſichtbaren, triumphi⸗ renden Gemeinde uͤbergegangener Menſch gehoͤre nun der ganzen Menſchheit an, wie er früher in den beſchraͤnkten, ir diſchen Verhaͤltniſſen den Seinigen angehoͤrte, und man will durch die Mittheilung ſeinen Glauben, ſeine Liebe, ferne Hoffnung fo allgemein machen, als man kann. Ges wiß aber iſt es ein Opfer der Liebe, das wir den Ent; ſchlafenen ſchuldig ſind, ein Forttragen ihres Gedaͤchtniſſes von Jahr zu Jahr, und eine ihnen gebuͤhrende Aufbewah— rung des Andenkens unter den Ibrigen, das doch vielleicht EN bald mit dieſen ſelbſt von der Erde verſchwinden wird, und darum deſto treuer ſo lange erhalten werden muß, als wir leben, und ſo weit unter gleichgeſinnte Freunde verbreitet, als wir koͤnnen. Dieß Alles fuͤhle ich jetzt, da ich mich niederſetze, Euch die letzten Stunden zu beſchreiben, die eine fromme Seele hienieden verlebte. Mein Herz zerfließt in Wemuth und doch kann ich es mir nicht verſagen, Euch von den letzten Kaͤmpfen und Siegen der herrlich Vollendeten zu erzaͤhlen. Ihr erinnert Euch der bluͤhenden Geſtalt, die Euch ſo oft früher in dieſen Blättern begegnete, des fanften, jung⸗ fraͤulichen Gemuͤths, das jedes Mal wie eine himmliſche Erſcheinung in unſre Freuden oder zu unſern Schmerzen trat, der frommen Schweſter, aus deren großem, ſchwaͤr⸗ meriſchen Auge ſo oft reines Entzuͤcken ſtrahlte, und in de⸗ ren reichem Gemuͤthe ich nicht allein das Schoͤnſte im Fruͤhlinge eines Jahrs, ſondern auch das Schoͤnſte im Fruͤhlinge meines Lebens, das Beſte meiner Kindheit und Jugend beſaß. Sie iſt geſtorben. Da haͤngt ihr Bildniß. Vom Scheine der erſten Mor⸗ genſtrahlen des Tages wunderbar erhellt, ſchaut ihr reines, blaues Auge, ach, noch wie vormals; es iſt, als wenn ihr Mund ſich oͤffnen, und eines jener ſeelenvollen Worte ausſprechen wollte, womit ſie troͤſtete und erfreute und ach, es iſt nur ihr Bild! Sie ſelbſt iſt weggegangen, in die Heimath gezogen, wohin ihr himmliſcher Sinn gehoͤrte, und hat uns zuruͤckgelaſſen in der Fremde und in der Trauer. In den Tagen des Herbſtes iſt ſie geſtorben mit den Blumen, die ihr Bild waren. In einem Briefe, den wir noch aufgefunden, ſchrieb fie vor langer Zeit: »Ich ahne daß ich nicht lange lebe. Aber wenn ich die Zeit meines Todes waͤhlen duͤrfte, ſo moͤchte ich im Herbſte ſterben, um mit den Blumen zu verwelken, und mit den Voͤgeln in eine waͤrmere Heimath zu ziehen, und mit der Erde zur gleich das weiße Todtengewand anzulegen. Man endet ja gern, wo man anfaͤngt. So iſt es etwas Ganzes. Ich bin im Herbſte geboren, und im Herbſte meinem lieben Manne angetraut.“ — Auch dieſer Wunſch iſt ihr erfuͤllt von der ewigen Liebe, die ſo manchen ihrer Wuͤnſche er⸗ fuͤllt hat. Nie kommt der Augenblick aus meiner Seele, in dem ich ſie zum letzten Male ſahe fuͤr dieſe Erde. Die Gewalt des nahenden Todes hatte die Zuͤge ihres Angeſichts ſchon berührt, aber aus den Augen ſtrahlte der werdende Engel in gewohnter Klarheit. Sie war nur noch kenntlich an ihrem Blicke. Da lag fie — und obwohl ich nicht muͤnd⸗ lich Abſchied nehmen konnte, ſie nicht wollte, geleitete mich ihr ſegnender Blick. Noch einmal wandte ich mich unbe⸗ wußt aus der Nebenſtube zu ihr hin — und ſah ſie betend liegen. Wie ſie ſeitdem litt und glaubte, wie ſie langſam ſtarb und taͤglich lebendiger hoffte auf ihren Erloͤſer, wie mit dem Abnehmen des aͤußeren Menſchen ihr inwendiger Menſch immer herrlicher hervortrat, das will ich Euch aus dem Munde derer, die es geſehen, erzaͤhlen. Ihr werdet darin die Geſchichte der letzten Laͤuterung und Vollendung eines glaͤubigen Gemuͤthes ſehen. Was jetzt mit ihr vor— geht, bis wir ſie wiederſehn, das wird ſie ſelbſt uns dort in den Gefilden der Ewigkeit erzaͤhlen. — 0 — Doch, ehe ich es wage, laß mich Dich anreden, Du ſelig Vollendete, Du nun verklaͤrter Geiſt meiner theuern Sophia! Hier auf Erden, wo Du mit dem Lichte Deiner Liebe uns ſo manche Stelle erleuchteteſt, geht unter den Deinigen die Erzählung von Deinen letzten Stunden um: her, und iſt ihr Troſt und ihre Ermunterung. Aber was wird ſie ſeyn gegen die, welche Du nun den Genoſſen Deiner Seligkeit machſt! Wie viel Innerſtes, Tiefſtes, Hoͤchſtes werden wir uͤberſehen haben! Wie viel gluͤhende Seufzer um Erloͤſung, wie viel unſichtbare Stroͤme von Gnade, wie viel geheime Selbſtverleugnung, Demuͤthigung und Vernichtung Deiner ſelbſt, und wie viel unausgefpros chenes und unausſprechliches Gefuͤhl vom Frieden des Herrn in Deiner Seele wirſt Du erzaͤhlen! O verzeih, wenn wir nur das Aeußerſte, Geringſte ſahen, und freue Dich, daß uns dieß ſchon ſo voll Segen war. Die Vollendete gehoͤrte nicht zu denjenigen, die eine beſtimmte Zeit und einen beſtimmten Punkt angeben koͤnnen, wo ihr hoͤheres und neues Leben mit Bewußtſeyn begon— nen. Sie war eine von den ausgezeichnet gluͤcklichen See— len, in denen das menſchliche Verderben nicht eine ſolche furchtbare Hoͤhe gewinnt, daß ihre Ruͤckkehr mit ſchrecklichen Erſchuͤtterungen und nie vorher erfahrenen Bewegungen be— gleitet ſeyn mußte. Muthwillige Uebertretungen hat man nie an ihr geſehen und vor jeder wiſſentlichen Suͤnde hatte ſie von jeher eine innere Scheu. Vielen hat es geſchienen, als ſei ſie eine von den ſeltenen Seelen, die in der Taufgnade bleiben. Sie ſoll ſchon zu Anfange ein ſtilles Kind geweſen ſeyn, das nur laut wurde, wenn es Liebe aͤußerte. Die Aeltern erinnern ſich nur ihrer fruͤhen, kindlichen Zaͤrtlichkeit und — 141 — dieſe auffalenden Beweiſe eines von Kindheit an in Liebe, Demuth und Stille lebenden Herzens ſind das einzige Au— denken aus ihren erſten Jahren, wovor alles Andre in Vergeſſenheit zuruͤckgeſunken iſt. Der Vater gedenkt noch oft mit Thraͤnen, wie ſie ſchon auf dem Arme der Mutter eine Liebe gezeigt, die ihm fuͤr ſolches Alter unbegreiflich geweſen. Ihre Geſchwiſter erinnern ſich, wie ſie mit au— ßerordentlichem Verlangen die Geſchichten der Bibel gele— ſen, und ſie ſo lebendig wieder erzaͤhlt habe, daß man nicht aufhoͤren konnte, ſie zu hoͤren. Nichts war ihr da⸗ mals ſchon ſchmerzlicher, als jede Art Unordnung, Streit und Verwicklung. Der innere Frieden ihres Herzens be— herrſchte ihr ganzes Leben ſo ſehr, daß jede falſche Anord— nung, jede Unreinlichkeit und jede Verwirrung menſchlicher Verhaͤltniſſe ihrer Seele ſelbſt wehe zu thun ſchienen. Da⸗ bey hatte ihr Sinn ſo viel Demuth, daß ſie Geſchenke nicht zu gebrauchen wagte, und ſo viel Treue war in ihrer Natur, daß fie dieſelben lieber bewahrte, bis fie unbrauch⸗ bar geworden. Oft ſahen wir ſie ganze Tage ſtill und wohl freundlich Antwort gebend auf jede Frage, aber mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit das Anknuͤpfen des Geſpraͤchs vermeidend, das ſie ſonſt ungemein liebte. Die Urſache hat fie nie hinlaͤnglich angeben wollen, vielleicht, weil dieſelbe zu genau mit dem innerſten Zuge ihres Gemuͤthes zur Einkehr und Betrachtung zuſammenhing, bey dem leicht ein Wort wie eine Entweihung von dem innern Richter beſtraft wird. Ueber jedes kleine Vergehen zeigte ſie eine lebhafte Reue, und war kaum im Weinen zu ſtillen. In ſolchen Augenblicken mußte man entweder annehmen, daß ein verborgenes Feuer ihres Gemuͤthes bey der Verletzung = mu des innern, heitern Friedens hervorbreche, oder man ge rieth auf den Gedanken, es ſey die unſichtbare Macht des guten Geiſtes, der ſie ſtrafe. Ploͤtzlich brach dieſes Leid hervor, und ſetzte die Anweſenden oft in Verlegenheit. Doch fand das beſchwichtigende Wort der Vergebung nach einiger Zeit deſto mehr Raum, und ein deſto ſuͤßeres Gefühl der Verſoͤhnung ſchien ihr ganzes Weſen zu erhöhen. Dann hatte ſie das Hinneigende, Anlehnende, Uebergebende in ihrem Weſen, das man ſo gern als ein irdiſch Bild von der glaͤubigen Hingabe des Herzens an Gott betrachtet. Daß ein ſolches kindliches Gemuͤth fruͤhe das Beduͤrfniß, ſo wie die Erhoͤrung des Gebetes kennen gelernt habe, iſt leicht zu erachten, und ſie wußte recht kindliche Erfahrun⸗ gen davon zu erzaͤhlen. Als ſie ihr Glaubensbekenntniß ablegte und eingeſegnet wurde, war fie ſo gewaltig ergrif- fen, daß ſie aus der Kirche getragen werden mußte, und man fuͤr ihre Geſundheit fuͤrchtete. Vielleicht war dies der Punkt, wo ſie ſich des goͤttlichen Lebens recht bewußt ward, obgleich ſie ſelbſt nichts Neues bey ſich fand, wie ſie ſpaͤter aͤußerte, ſondern nur das fruͤher Empfundene in einem reichern Maße und mehr befeſtigt, gleichſam zum ſichern Beſitze geworden, und von nun an in Klarheit herrſchend. In ihrem kurzen Leben wurde ſie oft von ſchweren und langen Krankheiten befallen. Als Kind ſchwebte ſie ſchon einmal in Lebensgefahr, und ſpaͤter als Maͤdchen, dann als Jungfrau litt ſie an lange dauernden Uebeln, nach denen ſie aber gleich wieder ſchnell aufbluͤhete. Dieſe Krankheiten waren vielleicht die aͤußere Veranlaſſung, daß ihr Gemuͤth bey aller Wärme und allem Feuer doch fo — 13 — viel Sehnſucht, Wehmuth und inneres Vorgefuͤhl baldigen Scheidens hatte. Sie ſah ſich ſchon viele Jahre als eine bald Scheidende an, und darum uͤbte ſie ein Gericht uͤber ſich und ihre innerſten Gedanken aus, das manchem zu ernſt ſchien, der nicht mit der Verheißung bekannt iſt, daß wer ſich ſelbſt richtet, nicht gerichtet wird. Aber wie ſtrenge und ſcharf gegen ſich ſelbſt, ſo gelinde und milde war ſie gegen andere. Ich habe nie ein Urtheil, immer nur Thatſachen in Beziehung auf Andere von ihr gehoͤrt. Am liebſten ſprach ſie uͤber inneres Leben, und hatte eine rechte Meiſterſchaft gewonnen, Gefühle und Stimmungen in ik ren feinſten Aeußerungen und Abſtufungen zu ſchildern. Auch das Bekannte erregte in ihrem Munde durch die Ver⸗ bindung, in der ſie es vorbrachte, die Aufmerkſamkeit des Neuen. Diejenigen, mit denen fie ſolche Gegenſtaͤnde be; ſprechen konnte, waren ihr bald ſo ergeben, daß ſie bey aller Anſpruchloſigkeit und ohne ſich je uͤber etwas in Wortſtreit einzulaſſen, als der Mittelpunkt des Geſpraͤchs angeſehen wurde. Dazu kommt noch ein anderer Umſtand. Sie hatte die koͤſtliche Gabe, das Irdiſche zu heiligen, in jeder weltlichen Erſcheinung das Abbild irgend einer himm— liſchen Erſcheinung zu finden, und den Dingen auf Erden einen Sinn zu geben, der fie erbaulich machte. Unver⸗ merkt wurde ihr auf dieſe Weiſe und da dergleichen nicht augenblicklicher Einfall, ſondern ſtehende Anſicht war, alles heilig und es war, als wenn fie immer mit weihenden Au⸗ gen aus ſich heraus ſehe. Vor allen hat ſich das in ihrer Brautzeit gezeigt, und wer ſie damals geſehen, fand die Aufgabe geloͤſ't, wie eine Jungfrau zugleich Braut des Him⸗ mels und Braut eines achtungswerthen Mannes ſeyn koͤnne. ä Solch ein liebliches Kind iſt ſie durch das Leben ge— gangen. Selbſt als Gattin, Hausfrau und Mutter iſt ſie aus dieſer kindlichen Weiſe nicht herausgetreten. Zu befeh- len verſtand fie nie, und die Unarten der Dienſtbothen ers trug ſie, wie man die Schwaͤchen der Geliebten duldet. Sie blieb bis ans Ende ein hoͤheres, himmliſches Kind in der reich entwickelten Geſtalt der Jungfrau und Hausmut⸗ ter. Dies iſt ein Beweis, daß das, was man Wiederge— burt nennt, in ihre fruͤheſten Jahre gefallen ſey; denn man behält auch im Chriſtenthume die Farbe der Jahre, in de— nen man in daſſelbe eingetreten. Ein kindlicher Sinn, ſo fruͤher geheiligt, empfaͤngt eine innere Dauer, und erhaͤlt ſich durchs ganze Leben. Daß jenes gluͤckliche Ereigniß ſehr fruͤhe bey ihr vorgekommen, mag auch daraus her— vorgehen, daß ſie nie uͤber Mangel an Gewißheit der Ver— gebung geklagt, da ſie doch ein ſo lebendiges Gefuͤhl ihrer Unwuͤrdigkeit hatte. | Indeß ſolche Menſchen pflegen gewöhnlich ſpaͤter die: jenigen Kaͤmpfe beſtehen zu muͤſſen, die ſich bey andern im Anfange finden. Ihr Ende iſt nicht ſelten ſchwer und leidensvoll. Denn wenn die Erloͤſung der menſchlichen Seele, wie jedes zeitliche Ereigniß, ein Dreyfaches, An— fang, Fortgang, Ausgang hat; ſo iſt eben jener Punkt, wo ſie ſich fuͤr immer dem Ewigen weiht und glaubend ſich ihm vereinigt, der Anfang. Aber dieſe Weihung, dieſe Ue— bergabe, dieſe Geburt eines neuen Lebens, die, da ſie im Glauben vollbracht wird, mit Vergebung verbunden iſt, iſt noch nicht durchgefuͤhrt, und ſo ſoll auf Bekehrung der Fortgang, die Heiligung des ganzen Menſchen und das Beſiegen der Natur auf allen Punkten unſers Weſens er— folgen. Dann mag am Ende die Wurzel des menſchlichen Verderbens ausgezogen und der Menſch im Tode alles anklebenden Boͤſen entkleidet werden. Aber bey ſolchen Seelen, zumal, wenn ſie fruͤhe fuͤr den Himmel bereitet werden ſollen, faͤllt gegen das Ende die ganze Arbeit und Muͤhſeligkeit des Kampfes und ehe das große, heilige Werk ganz vollbracht iſt in ſo kurzer Zeit, muß, was ihm an Zeit abgeht, an innerer Kraft erſetzt werden. Das war an unſrer Sterbenden ſichtbar, und ihr gan⸗ zes Krankenlager hindurch konnte dieß unſer Troſt ſeyn. Fruͤhe ſollte in ihr der Zweck des menſchlichen Lebens ers reicht werden. Darum wurde ihr, was freilich uͤberall nur Gabe iſt, und nicht errungen noch verdient werden mag, ſondern nur empfangen, ſo recht ſchlafend gegeben, und wenn bey andern das Böſe erſt ſich feſtſetzen und behaup⸗ ten kann, ſo wurde hier dazu die Zeit nicht gelaſſen; und wie ſich ihr leibliches Daſeyn entwickelte, wuchs auch ihr geiſtiges Leben in dieſer fuͤr alles Gute ſo empfaͤnglichen Hülle. Darum konnten auch ihre Fortſchritte in der Hei— ligung ihres Herzens und Lebens fo groß werden und ent ſtand jene innige Durchdringung ihres Weſens mit dem Glauben, daß man ſie fragen mußte: ob dieſe Demuth und dieſe Liebe mehr Natur oder Gnade ſeye. Darum wurde es ihr auch in ihrem Letzten jo ſchwer, und was ſonſt viel leicht in dreißig, vierzig Jahren haͤtte geſchehen muͤſſen, ward ihr von der allerbarmenden Liebe erlaubt, in Einem, freylich ſehr ſchweren und bittern Jahre Schlag auf Schlag durchzukaͤmpfen und mit Gott zu vollenden. Sie ſollte fruͤhe den großen Kampf — denn was iſt unſer Leben ans ders? — auskaͤmpfen, fruͤhe die Reiſe durch die Fremde Glockentöne. Ste Aufl. 10 — Be vollenden, frühe ihren Auftrag ausrichten, um bald in die lindere Luft einer beſſern Welt verſetzt zu werden. Sie ſollte nur kommen, da ſeyn, den Herrn ſuchen und finden, andere erfreuen und alsbald hinweggehn, daß ſie allen den Ihrigen das friſche, heitere Bild der innern Entwicke— lung hinterlaſſe. Dieſe Bedeutung ihres ſchnell zu Ende eilenden Lebens ſchien ſie ſelbſt zu ahnen, wenn ſie mit einem Sinn und Nachdruck jene oft von ihr angezogenen Verſe ausſprach, die kaum der Dichter tiefer empfinden konnte: Herrſcher, herrſche! Sieger, ſiege! König, brauch dein Regiment! Mit wie viel Schmerz und Kampf das verbunden ſey, deutete ſie dann wohl mit jener Stelle an: Unſer Weg geht zu den Sternen, Der mit Kreuzen iſt beſetzt. Die alten Geſaͤnge eines Volks enthalten ſein geiſt— liches Leben in der troͤſtenden Sprache des Gefuͤhls und darum pflegen ſchwer leidende Kranke ihre Stimmung am liebſten durch ſie auszudruͤcken. Das ganze innere Leben der Sterbenden lag in dieſen beyden Stellen, und darum verlangte fie noch, als fie ſelbſt nicht mehr fo lange anhal— tend zu ſprechen vermochte, daß man ſie ihr ruhig und langſam vorſage. Die heiterſten Stunden aber fuͤllten ihre Seele mit dem Siegesgefuͤhl, in dem ſie das Bekenntniß ablegen konnte: Das Kreuz iſt dennoch gut, Obwohl es wehe thut. Der gute Gott es gibet. Drum muß es ſeyn geliebet. — — 147 — Ey, falle guten Muth! Was bitter iſt dem Munde, Iſt innerlich geſunde. Es iſt ſo gut, ſo gut! Den Ihrigen ward es denn oft, als ſpreche ihr Geiſt es prophetiſch aus; als ſey fie nicht mehr in ibrer ſchmerz⸗ lichen Schwaͤche; als rufe ſie es durchs Grab, aus dem Lande der Vergeltung, wo ſie fuͤhle, daß der Zeit Leiden nicht werth find der Herrlichkeit, die an uns ſoll offenba- ret werden. Auf dieſem Wege wurde ihr innerer Menſch von Tag zu Tage herrlicher, und die letzten Hinderniſſe, die ſich in ihrem Herzen hervorthaten, gaben nur Gelegenheit zu dem herrlichſten Siege des Geiſtes uͤber die Natur. Wir haben von Anbeginn wenig von dem an ihr bemerkt, was man gewoͤhnlich als Eigenwillen laͤſtig findet und ihr ganzes Streben in fruͤherer Zeit ging darauf hin, ihm entgegen zu arbeiten. Allein in anderer Hinſicht iſt der Eigenwille eine allgemeine menſchliche Schuld, die mit uns geboren wird. Den Eigenwillen brechen, iſt die erſte Bedingung zu einem ſeligen Leben. Indeß wenn man oft meint, er ſey gedemuͤthigt und habe der Liebe Platz gemacht, ſo tref— fen wir plotzlich auf neue und gewöhnlich feinere Aufwal— lungen deſſelben. Das mußte auch die Sterbende erfahren. Sie hatte nie eine beſondere Vorliebe fuͤr das irdiſche Le— ben und eine Art Augſt vor dem Tode geäußert: Aber nun zeigte ſich unvermuthet beydes und mit einem trium— phirenden Danke gegen Gott erzaͤhlte ſie, welche Gegen— ſaͤtze dadurch waͤren zu bekaͤmpfen geweſen. Zuerſt habe eine faſt unuͤberwindliche Liebe fie zu ihrem Mann und ib 10* — 18 — ren beiden Kindlein hingezogen, und kaum habe ſie ſich derſelben ſorglos uͤberlaſſen, als ſie ploͤtzlich die ergebene Haltung des Gemuͤthes verloren. Einen Augenblick habe ſie der irdiſchen Hoffnung nachgegeben. Allein alsbald ſey ihr darin der Mangel an kindlichem Glauben und eine Regung des ſelbſtiſchen Willens vernehmbar geworden, und durch anhaltendes, gebeugtes Gebet und recht leidenvolles Opfer habe ſie endlich wieder Ruhe und Ergebung gefun— den. Doch darauf habe ihr ſchwaches Herz ſie zu dem an— dern entgegen ſtehenden Abwege fortgetrieben und freudig aufgebend alle Hoffnung für die Erde, babe ſich eine uns geduldige, hoͤchſt beunruhigende Sebnſucht nach Erloͤſung von den vielen Schmerzen ihrer bemaͤchtigt. Doch ihr feiner, richtiger, in himmliſchen Dingen ſo klarer Geiſt mußte auch hier das Menſchliche ſchnell gewahr werden und das Goͤttliche vermiſſen. Da war des Apoſtels Aeu⸗ ßerung: „Beydes liegt mir hart an, Bleiben und Ab— ſcheiden,“ ihr eingefallen, und nun erſt habe ihr Gebet auch das beſiegt, und ſo ſey ſie endlich in den ſeligen, wil— lenloſen Zuſtand gekommen, der freudig Leben und Tod, Bleiben und Weggehn waͤhle, wie es Gott fuͤgt. In der Regel iſt es die Weltliebe, die eine ſich auf— richtende Seele zuerſt fahren laͤßt, und dann beginnt der tiefere, geheimere Streit mit der Eigenliebe. Aber es gibt eine Liebe zur Welt, die feiner und hoͤherer Art iſt, und ſchwerer zu erkennen und zu beſiegen, als Eigenliebe. Dieß erfuhr die Selige nach dem oben erzaͤhlten Ereigniſſe. Nachdem ſie freudig dem Bleiben bey den Ihrigen und der Erziehung ihrer Kinder entſagt hatte, weilte doch ihr Mut— terberz mit unausſprechlicher Wonne bey den lieblichen ——— — u — —— ET ze — 1 — Kindlein. Der Anblick beſonders des aͤlteſten, in dem ſich taͤglich auf eine reizendere Art der Mutter Geiſt und Herz offenbarte, richtete ſie oft ſichtbar auf. Es war ihr jeden Morgen eine Staͤrkung auf den ganzen Tag, wenn ſie ihn aus einem Koͤrbchen, das nicht von ihrer Seite kam, beſchenken und ſich an der Freude und Dankbarkeit des Kindes weiden konnte. Ja, es geſchah einmal und muß als eine hoͤchſt auffallende Er— ſcheinung angemerkt werden, als der furchtbare Krampf mit einer erſchreckenden Staͤrke ſich auf eine Kinnlade ge worfen hatte, daß das zweyjaͤhrige Kind, durch einen eig⸗ nen, unerklaͤrlichen Zug, ſein Haͤndchen auf das gepeinigte Glied legte und plotzlich der Krampf aufhoͤrte. Welche Wonne dieß fuͤr ihr Mutterherz war, da ſie den Knaben als ein von Gott erbetenes Kind liebte, iſt nicht zu ſagen. Aber eben dieſe Freude ſollte bald die Veranlaſſung zu eis ner ſchweren Prüfung werden. Die haͤufigen Krämpfe hatten ihre wenigen noch uͤbrigen Kräfte fo raſch aufge rieben, und jede geringe Erholung ſo gewaltig geſtoͤrt, daß ſie von Tage zu Tage abnahm und faſt unkenntlich wurde. Der Knabe, gerade wie ſeine Mutter in ihren Kinderjahren, vor jedem Bilde menſchlichen Elendes zu— ruͤckſchreckend, wollte am Ende nicht mehr zu der abges fallenen Geſtalt, die im Bette lag. Das Koͤrbchen lockte ihn nicht mehr und wie erſchreckt ſchrie er eis nes Tages bey ihrem Anblicke auf, als man ihn zu ihr bringen wollte, und ließ ſich nicht eher beruhigen, bis er aus dem Krankenzimmer war. Dieſer Vorfall muß ſehr tief auf ſie gewirkt haben. Sie mußte empfinden, was dort geſchrieben ſteht: Meine Lieben und Freunde ſcheuen ME meine Plage und meine Naͤchſten treten ferne.“ Das, was ſie auf Erden in innigtiefer Mutterliebe, mehr als alles Andere liebte, hatte ſich von ihr gewandt und die ge— wohnte Liebe verſagt. Sie wies nur mit der Hand, das Kind fortzutragen und hatte einen Mitleid erflehenden Zug des Leidens im Geſichte. Dann legte fie ſich herum. Spaͤ— ter hat fie ſich nicht darüber geäußert, aber man bemerkte von dieſem Augenblicke an, daß vielleicht das letzte Band mit der Erde zerſchnitten war, und ihre Hingabe an Gott, alſo ihre Erloͤſung, vollendet. Nun hob ſich auch ihre Seele zu einer ſtaunenswuͤr⸗ digen Hoͤhe der Siegeskraft. Man ſah, es war Gottes Macht, mit der ſie ſtritt und ſiegte — oder nur ſchlecht— hin ſiegte. Eines Abends hatte der Krampf den Kopf verlaſſen und ſich in die Bruſt gezogen. Der Athem war ſchwer und faft ſtockend. Ihre Lippen wurden blau. Alle Glieder klopften krampfhaft und zogen ſich, wie auf einer Folter. Tiefe Seufzer rangen ſich von Zeit zu Zeit aus der armen gepreßten Bruſt. So lag ſie in des Vaters Armen und die Uebrigen ſtanden bald Huͤlfe verſuchend, bald rathlos umher und beteten. Ploͤtzlich bewegen ſich die Lippen und mitten in den ungeheueren Schmerzen haucht fie die Worte: Lobe den Herrn, meine Seele!“ War der Schmerz leidlich, ſo zeigte ſie eine himm— liſche Ruhe. Es duͤnkte den Ihrigen, als wenn ein Athem uͤberirdiſchen Friedens von ihrem Sterbelager wehe. Sie war dann oft ſehr heiter. Feine Scherze, liebevolle An— ſpielungen, zarte Beziehungen folgten eins auf das andere und jedes Wort war wie ein linder Hauch aus einem un— beſchreiblich begluͤckten Gemuͤth. Kein menſchliches Verhaͤlt— 1 — niß war ihr nahe oder fern; man ſollte uͤber alles in ib— rer Gegenwart reden und jede leiſe Aeußerung war wie ein Wort der Weihe, das aus dem Himmel uͤber die Erde ausgeſprochen wird. Man befand ſich ſo wohl in ihrer reinen, nirgend angeſpannten, und ſo begluͤckten Naͤhe, daß der Vater aͤußerte, man koͤnne nicht trauern an ihrem Tod⸗ tenbette, denn ſo nannte ſie ſelbſt ihr Krankenlager. Warum auch? entgegnete fie. Der Tod iſt eine Hochzeit. Ich bin die Braut und freue mich wie eine Braut. Ihr wißt, wer der Braͤutigam iſt, und ihr habt ja auch geleſen, die Freunde des Braͤutigams, die ja auch Freunde der Braut ſind, ſtehen umher und hoͤren ihm zu und freuen ſich hoch uͤber des Braͤutigams Stimme. Solche Staͤrke konnte ſie in manchen Stunden zeigen, und wer ſie nur in dieſen geſehen haͤtte, wuͤrde ihr Ende nicht ſo nahe geglaubt haben. Sie war ſtark im Glau⸗ ben. »Er hat es geſagt! Er! es find feine Verheißun— gen! Das war ihre Staͤrke. Oft konnte man dieſelbe ſo— gar mitten in ihren Leiden bemerken. So ſagte ſie einmal: Alle Zuͤchtigung, wenn ſie da iſt, duͤnkt uns nicht Freude zu ſeyn, ſondern Traurigkeit; aber darnach, liebe Schweſter, darnach! darnach! und daun ſetzte ſie mit einem himmliſchen Laͤcheln hinzu, wird ſie geben eine friedſame Frucht der Gerechtigkeit. — „Meine koͤrperlichen Leiden nehmen zu, aber ſie gehoͤren mit zu dem Heilplan, den mein mitleidigſter Arzt mit mir vor hat.“ Oft ſahe fie den Arzt ſelbſt lei⸗ den in ſeinem Kreuzesbilde, und freudig nahm ſie ſein Kreuz, als eine Verſicherung ſeiner Liebe, als ein Ver— mächtniß feiner Huld auf ſich. Sahe ſie noch groͤßere Schmerzen kommen, ſo erfreute ſie ſich an der Frage in — der Offenbarung Johannis: Wer find denn die? Dieſe ſinds, die da kommen ſind aus großer Truͤbſal, und haben ihre Kleider gewaſchen und ſie helle gemacht im Blute des Lammes. Nach ſolchen Betrachtungen ſagte ſie unter den heftigſten Kraͤmpfen gern: Dennoch, dennoch bleibe ich ſtets an Dir, denn Du haͤlſt mich bey Deiner rech— ten Hand! Eines Tages fragte ſie der Vater, ob ſie das heilige Nachtmahl verlange. Da ſchien ihr ploͤtzlich das Wort zu dem letzten, dunkeln Wunſche ihres Herzens gegeben zu ſeyn. Sie freute ſich ſichtlich darauf und da man die naͤchſte ſchmerzloſe Stunde dazu beſtimmt hatte, ſchien ſie ſich recht eigentlich darnach zu ſehnen. Dieſe Sehnſucht iſt das Letzte geweſen, das ihr Herz hienieden bewegt hat. Am Abende ließen die Kraͤmpfe auf eine kurze Zeit nach. Fuͤr die Seele bedurfte es in ſolcher Verfaſſung keiner be— ſondern Vorbereitung, als nur der Freyheit von dem koͤr— perlichen Schmerze. In feyerlicher Stille trat der vaͤter— liche Greis mit den Geſchwiſtern herein. In der Sterbe— kammer war die Stille, die der Erde geziemt, wenn ſich das Himmliſche naht. Der Vater ſprach die Conſecration. Die Sterbende lag etwas aufgerichtet und empfing des Herrn Nachtmahl. Die Geſchwiſter knieten und empfingen es nach ihr. Der Vater zuletzt. Was Worte nicht auds fagen dürften, wenn fie auch koͤnnten, it von allen em⸗ pfunden worden. Auf Erden nennt man es das Geheim— niß des Glaubens, und die Kraͤfte der unſichtbaren Welt. Im Himmel wird es anders heiſſen. Nach dieſem hoͤchſten Siegel iſt ſie in einen ſanften Schlummer gefallen, der ſie auch in den folgenden Tagen — begluͤckte. Die letzte Sehnſucht war erfüllt. Sie hatte auf Erden nichts mehr zu ſuchen. Immer vernehmlicher ſchien fie den Ruf von drüben her zu hören. Jene Sehnſucht hatte fruͤher ihre wenigen Kraͤfte noch geſpannt. Die Span⸗ nung war voruͤber. Die Schwaͤche nahm uͤberhand. Selbſt der Schmerz ſchien nicht mehr deutlich gefuͤhlt zu werden. Sie war ſchon geſtorben. — Das Wort der Dankſagung nach dem Abendmahle muß als das Letzte angeſehen wer— den, das ſie eigentlich lebend geredet. Seitdem hat ſie nur Unbedeutendes geſprochen, aber viel nach oben geſchaut und den Ihrigen die Haͤnde gedruͤckt. Beſtimmten Abſchied hat ſie von keinem genommen. Sie ſchien es fuͤr etwas Ueberfluͤßiges zu halten, das einen weltlichen Schmerz er— reget, und da nicht Noth thut, wo einer verangeht in die Heimath und die andere zu folgen moͤchten hoffen. Noch einige Tage lag ſie ſtille, wie harrend. Endlich kam der Sonntag. Der Arzt hielt ihren Mann zuruͤck, der im Vertrauen auf das, was Gott uͤberſchwaͤnglich an uns thun kann, zur Kirche gehen wollte. Der Amtsbruder uͤbernahm den Dienſt, und verkuͤndigte der Gemeinde, daß die Schwergepruͤfte im Sterben liege, und forderte die Verſammlung zum Gebete auf. In dieſen Augenblicken, am Sonntage, als die Ge— meinde fuͤr ſie zu dem Allerbarmenden flehte, kam der Todesengel. Die Sterbende begehrte Huͤlfe, um anders zu liegen. Die Schweſter, die ihr von Anfang liebend bey— geſtanden, half ihr. Sie ſchien ſich wohl zu befinden, druͤckte die huͤlfreiche Hand, blickte nach oben und in dieſem Blicke enteilte der Geiſt und war erloͤſet. — 1341 Da ſcholl der Geſang der Gemeinde in die Sterbe— kammer. Stumm ſtanden die Verwaiſeten neben der Leiche und beteten. Die Erde war um eine glaubende Seele aͤrmer, der Himmel um eine ſchauende reicher geworden. 4. Die Hausandacht. — — Auf Pfalter und Harfe! ſagte der ehrwuͤrdige Vater zu ſeiner Schwiegertochter, indem er ſich aus ſeinem Lehn— ſeſſel erhob, und dem koͤniglichen Tonwerk entgegen ging. Die Kinder ſprangen alle auf, um ihm zuvorzukommen. Die Schwiegertochter war am erſten an der hohen Koͤnigs— harfe, und entſchleyerte fie. Wache auf, meine Ehre, wiederholte der Vater. Mein Herz iſt bereit, daß wir ſingen und loben! Habe ich doch auch lange nicht gehoͤrt, wie des einheimiſchen Fremdlings Haͤnde in die Saiten rauſchen zu unſerm Sang und Lob. Es war an dem erſten Abende eines Beſuches, den wir in das aͤlterliche Haus machten. Wenn Kinder ein Mal einem eigenen Hauſe vorſtehn, ſo ſind ſie, wie der Vater ſie nannte, einheimiſche Fremdlinge. Fremd, weil ſie nun gleichſam in einer andern Erde wurzeln, und doch einheimiſch, weil die Wurzeln der Abſchoͤßlinge unter der Erde gleichſam fortgetrieben ſind, und durch ein unſichtba— — — — —- — res Band mit dem Stamme zuſammenhangen. Man fuͤhlt, das aͤlterliche Haus mag noch beſtehen oder nicht, zuwei— len eine eigene Sehnſucht, ſich von neuem, wenn mauzſo reden darf, mit dem Geiſte des Vaterhauſes anzufuͤllen, und zu der Quelle zuruͤckzukehren, von der unſer Leben ausgegangen. Dieſe Sehnfucht iſt der Grund jenes ſuͤßen Heimwehs, das nirgend den Kindern fehlt, welche in dem rechten Verhaͤltniß zu den Aeltern ſtehen. Wir hatten die— ſes Heimweh gefuͤhlt, und an einem ernſten Wintertage uͤber die Froſtbahn uns aufgemacht, das theuere Vaterhaus zu beſuchen. Von den Empfindungen, mit denen ich mich der Heimath naͤherte, von den ſuͤßen Erinnerungen, die der Anblick ſo vieler Stellen meiner Kindheit in mir weckte, von dem Gefuͤhle des Ganzen und Zuſammenhangenden im Leben, welches jedesmal die Nuͤckkehr in Heimath und Kindheit begleitet, und von der Freude, dieß Alles nun einem theuern Weibe mittheilen zu koͤnnen — will ich dies ſes Mal nichts ſagen. Auch von dem Augenblicke nicht, in dem wir eintraten und das theuere Angeſicht des Bars ters und der Mutter ſahen, welcher nicht anders empfun— den wird, als wie ein Vorbild von dem ſeligen Wiederſe— hen jenſeits, auf das keine Trennung mehr folgen wird. Dieſes Alles will ich jetzt nur beruͤhren, denn ich eile zu etwas Anderem, das nicht weniger meine ganze Seele be— wegte. Es war die haͤusliche Andacht, zu welcher wir ſo eben den Vater einladen hoͤrten. Ich hatte mich ſchon lange auf dieſe Hausandacht ge⸗ freut. Nicht allein, weil fie als ein goͤttlicher Schluß al— len Bewegungen des Herzens und Lebens an einem ſolchen Tage die hoͤhere Weihe gibt, und deswegen im Volke den — 15 — bezeichnenden Namen des Abendſegens traͤgt: ſondern auch weil ich das ganze Familienleben im Vaterhauſe mir nirgend vollſtaͤndiger und reiner feſthalten kann, als in dem Bilde von der Hausandacht. In dieſem Hauſe iſt ab les nach alter Sitte und Weiſe, wie man ſie ſo gern in einem Pfarrhauſe ſieht. Vorzuͤglich altvaͤterlich iſt das Verhaͤltniß des Vaters, der hier noch Lehrer, Richter und Herr in Einer Perſon iſt. Was der alte Pfarrer im wei— teren Umfange fuͤr die Gemeinde iſt, eben das iſt er auch in einem engeren Kreiſe ſeinem Hauſe, und das Amt, das er Sonntags oͤffentlich vor der Gemeinde ausrichtet, das richtet er mit nicht geringerm Segen Abends und Mor— gens in ſeinen Hausandachten aus. Die Hausandacht ſteht in der Mitte zwiſchen dem Gottesdienſte des Herzens, und dem oͤffentlichen Kirchenweſen, und wenn ſie in dem Leben eines Pfarrers fehlt, ſo mangelt jenem die Feyerlichkeit, die nur aus dem Oeffentlichen kommen kann, und dieſem die Innigkeit, die nur aus dem innern Gottesdienſte ent— ſpringt. Das rechte Vermittelnde gebricht, und ſo ſteht jedes allein, und kann auch fuͤr ſich nicht das ſeyn, was es in dem Zuſammenhange mit dem Ganzen ſeyn wuͤrde, zu dem es gehoͤrt. Daher kommt es, daß die Geiſtlichen ſowohl, als auch die Uebrigen zu unſerer Zeit weder im Öffentlichen Gottesdienſte die Innigkeit und das Lebendige, noch in dem ſtillen, geheimen Wandel des Herzens vor Gott, die Aufhuͤlfe und die taͤgliche Erfriſchung genießen, welche unſere Vaͤter ſo reichlich in ihren Hausandachten fanden. Weil ein Hauptglied fehlt, iſt alles übrige ſchwan⸗ kend, und die mannigfaltigen Verſuche der Beſſeren, auf irgend eine Weiſe in den noch geretteten Theilen das Feh— — — lende zu erſetzen, mißlingen oder helfen nur augenblicklich. Dabey bildet ſich in den Hausandachten fuͤr das haͤusliche Leben der Punkt, in dem ſich Menſchliches und Goͤttliches beruͤhren, und wer das Gluͤck gehabt hat, in einem Hauſe erzogen zu ſeyn, in dem dieſe ſchoͤnſte und herrlichſte Sitte aus der alten Zeit in Ehren gehalten wurde, der wird eingeſtehen, daß es fuͤr ibn nichts gebe, worin er Vater⸗ haus und Kindheit reiner und vollſtaͤndiger wieder finde, als in der Erinnerung an die Hausandacht. Unvergeßlich ſind und bleiben mir beſonders jene Stunden haͤuslicher Erbauung, die am Abende vor meinem Abgange zur hoben Schule, am Abende vor der Einſegnung, an einigen fruͤ⸗ heren Weihnachtsabenden, und ſogar die in fruͤheren Jab ren Statt fanden, wo ich nur einen Geſammteindruck des Ganzen empfangen und in das Verſtändniß, des Einzels nen noch nicht eingehen konnte. Deshalb war es mir wie ein feſtlicher Glockenſchlag, als der ehrwuͤrdige vaͤterliche Greis, aus ſeinem Lehnſeſſel aufſtand, und nach Pfalter und Harfe rief. Das Geſinde trat herein. Der Vater ſetzte ſich an feine gewohnliche Stelle oben an den langen Familien⸗ tiſch. Vor ihm lag die große Hausbibel, in der auf jeder Seite einzelne Spruͤche unterſtrichen waren, die bey dem vieljaͤhrigen Durchleſen wichtig geworden. Zu einer Seite ſaß die Mutter, zur andern die Harfenſpielerin; dann die Kinder, das Geſinde und die Enkel, ohne weiteren Un⸗ terſchied. Auf, Pſalter und Harfe! ſagte der Vater noch ein Mal. Wenn ich dein Spiel höre, mein Töchterlein, fo fallt mir David ein, der braͤunliche Juͤngling Iſai's. Möchte fein kindlich frommer Sinn beute unter uns ſeyn. Erz ſagt: fruͤhe will ich auf ſeyn. Wir wollen es umkeh⸗ ren, wie es den Abendlaͤndern geziemt, denen der Abend für ihre Andacht iſt, was den Morgenlaͤndern der Morgen war. Spaͤt wollen wir auf ſeyn, daß wir ſingen und loben. Der Greis entbloͤßte fein Haupt. Das war das Zeis chen, daß die Andacht beginne. Einige Griffe in die Sai— ten bereiteten vor. Dann ſangen wir: Der lieben Sonne Licht und Pracht Hat nun den Tag vollführet. Die Welt hat ſich zur Ruh gemacht, Du weißt, was dir gebühret. Tritt an die Himmelsthür Und bring ein Lied herfür. Laß deine Augen, Herz und Sinn Auf Jeſum ſeyn gerichtet hin. Die Harfentoͤne lispelten einige Augenblicke nach. Der Vater ſchlug die große Hausbibel auf, die ſchon meh— rere Geſchlechter hindurch im Hauſe geweſen, und ſprach: Da wir in dieſer Zeit aus dem Munde des lieben Johannis die Erzaͤhlung von dem Leben unſers Herrn ver— nehmen, ſo ſind wir nach dem erhabenen und tiefſinnigen Eingange zu der Schilderung der Taufe gelangt, und dar⸗ auf zu der einfach großen Art, wie unſer Herr feine ers ſten Juͤnger zu ſich nahm. Heute kommen wir zu der Geſchichte von der Hochzeit zu Kana. Das iſt etwas aus dem haͤuslichen Leben, wie wir es in der heiligen Schrift zuweilen, aber doch nicht oft an— treffen. Da in dieſem Buche die wahre, eigentliche Ge— — 159 — ſchichte der ganzen Menſchheit enthalten iſt, jo iſt es na— tuͤrlich, daß fie mehr mit den größeren Dingen ſich beſchaͤf— tigt. Wie hoch aber das haͤusliche Leben in dem Wort des lebendigen Gottes angeſchrieben ſtehe, mag man dar; aus ſehen, daß auf ſeinen erſten Blaͤttern der Eheſtand ſchon als eine Anordnung des Schoͤpfers geprieſen wird, und auffallend iſt' es, daß der Heiland jedesmal einen gro; ßen Abſchnitt in ſeinem Leben mit einer haͤuslichen Freude, die er gibt oder empfängt, beginnt. Die letzte Verkuͤndi⸗ gung ſeiner Ankunft leſen wir in einer Geſchichte, wo dem Hauſe der beyden alten Prieſterleute Zacharias und Eliſa⸗ beth Heil wiederfaͤhrt. Bey dem Antritt ſeiner drey Lehr— jahre ſehen wir ihn zu Kana auf der Hochzeit. Vor ſeinem Leiden gibt er den Schweſtern den geſtorbenen Bruder wieder. Vor ſeinem Tode ſchenkt er Maria einen Sohn an ſeiner Statt. Seine Himmelfahrt geſchieht zu Betha— nien, da, wo er am meiſten das ſtille Gluͤck des haͤuslichen Lebens in ſeinen letzten Jahren genoſſen hat. Weil wir nun in dieſer Reihe die Geſchichte zu Kana ſehen, ſo ſey ſie uns auch dadurch theuer. Wir wollen ſie recht in ihren kleinen, haͤuslichen Zuͤgen durchgehen, wie man es vor der Gemeinde nie vermag. Sie iſt ſo recht fuͤr eine Hausan— dacht geeignet, und gleichſam das Wort der Weihe fuͤr dieſe geſegneten Gottesdienſte. Wahrlich geſegnet! fuhr er ſort. Ich kann dir ſagen, mein Sohn — damit wandte er ſich zu mir — faſt ein halbes Jahrhundert diene ich meinem Herrn in ſeinem Weinberge, allein ich weiß nicht wie ich manche Muͤhe und Noth wuͤrde ertragen haben, wenn ich mich nicht jeden Abend mit den Meinigen in ſei— nem Wort und ſeiner Naͤhe geſtaͤrkt hätte. Weißt du denn auch wohl, lieber Vater, fiel die Muts ter ein, daß du mir dieſe Geſchichte vor vierzig Jahren am erſten Morgen nach unſerer Hochzeit vorgeleſen und erklaͤrt haſt? Das war unſere erſte Hausandacht. Ich denke jedes Mal daran, wenn wir wieder an dieſe Ge— ſchichte kommen. Ich weiß es wohl, liebe Mutter, erwiderte er, der Segen jenes Morgens hat ſich uͤber viele Jahrzehnte aus— gebreitet, und darum preiſe ich auch dieſen Abſchnitt als den rechten Anfang fuͤr den haͤuslichen Kreis der Bibelab— ſchnitte. Wie oft haben wir ſeitdem das theure Buch durchgeleſen, und wie gluͤcklich ſind wir, daß wir es durchs ganze Leben als Seelenſpeiſe genoſſen haben! Jetzt las der Vater, wie Jeſus und ſeine Juͤnger auch auf die Hochzeit geladen waren. Er mußte gleich inne halten, ſo voll war ſein Herz. Er kommt zu Freude und Leid, ſagte er, und wohin er kommt, bringt er immer Frie— den und Troſt. O, man kennt den Herrn wenig unter den Menſchen aus Erfahrung, ſonſt wuͤrde man ſtatt der vielen Wuͤnſche nur den Einen haben, daß er uns immer fuͤhlbar nahe ſey. Aber laßt mich auch ſagen, wie ich mir fernen Ein⸗ tritt ins Hochzeitshaus denke. Nun ſchilderte er, wie Je— ſus den Friedensgruß ins Haus gebracht, wie er die Brautleute angeſprochen, ihre Haͤnde in einander gelegt, ſie mit dem Segen Abrahams geſegnet, wie vielleicht das Brautpaar geruͤhrt vor ihm niedergefallen, er es aufge— richtet, wie er ſich dann zu Tiſche gelegt, und mit froms men Geſpraͤchen die Geſellſchaft erbaut habe. Glaubt mir ſagte der Vater, ſich in unſerm Kreiſe umſehend, wo Er Fe == fo als ein Gaſt kommt, da bleibt er auch eine Zeitlang zur Herberge, und macht endlich Wohnung daſelbſt. Das has ben die Mutter und ich erfahren, und wir reden, Kinder, was wir geſehen und gehoͤret haben. Als er nun an die Stelle kam: Weib, was habe ich mit dir zu ſchaffen, ſahen wir jene Zuͤge des edlen Zorns, die jedesmal ſein Antlitz, ich moͤchte ſagen, mit dem Feuer des Himmels verklaͤren, wenn er uͤber etwas wahrhaft Schlechtes redet. Ernſt und ſtark ſprach er wider die Ents heiligung der Geſchichte des Herrn, wenn man hier Uns muth und unkindlichen Tadel der Mutter ſehe. Waͤren dieſe Worte auch in der Grundſprache ſo rauh wie in der Ueberſetzung — was ſie nicht ſind — ſo bin ich doch ge— wiß, der Mann der Liebe wuͤrde ſie mit ſolchem Tone ausgeſprochen haben, daß die Mutter ein Wort kindlicher Ergebenheit zu hoͤren gemeint haͤtte. Wie lieblich loͤßte ſich dieſer Ernſt in ſanfte Herablaſ— ſung und ruͤhrende Kindlichkeit auf, als er bei den Wor— ten der Maria was er euch ſagt, das thut, ſich an die En⸗ kel wandte, und ſie belehrte, daß dieß immer noch das rechte Mutterwort ſey aus ſolch einem lieberfuͤllten und doch nicht aus ſich, ſondern demuͤthig aus einem hoͤheren Auftrage befehlenden Herzen. Dann mußte der aͤlteſte En— kel vor ihn treten. Er kam weinend, ſich ſeiner Schuld bewußt. Der Vater ſtrafte nur Abends, wenn das Ver gehen nicht augenblickliche Ahndung forderte, und verſchob das meiſte, wie Gott, zur Stunde des Gerichtes. Als er ihn weinen ſah, ſprach er: ſiehſt du, die Suͤnde bringt nur Thraͤnen. Schluchzend reichte der Kleine die Hand, und die Sache war abgemacht. Da bingen ſich die übrigen En⸗ Glockentoͤne. ste Aufl. 11 n kel an ſeine Knie und liebkoſten ſeine Hand. Er und die Mutter ſchienen wie mit einem Blumenkranze umwunden zu ſeyn. Auch das Geſinde ging nicht leer aus; denn nun ſchil— derte er die Thaͤtigkeit der Diener, das Fuͤllen der Waſſer— kruͤge, und ihre freudige Ruͤhrigkeit. Indem der Vater die Knechte und Maͤgde anredete, ſprach er: lieben Kinder, Gott gibt wohl im Schlafe, aber nicht durch Schlaf. Fleiß und Treue fordert der Herr von uns allen, und nicht wahr, ihr ſeyd nie froher, als wenn ihr auf Gottes Wegen geht, und das Eurige getreu verrichtet? Ja wohl, antworteten alle mit einem Ausdruck von Ehrerbietung und Zutrauen, wie man ihn jetzt ſelten mehr bey dem Geſinde ſieht. Wie habt ihr es heute in dem Walde ge— funden? fragte er die Knechte. Sie traten demuͤthig vor, berichteten, und erzaͤhlten offen, wie ihre Unachtſamkeit Schaden gebracht. Gut, daß ihr es ſagt, ſprach der Bas ter milde, ich vergebe euch gern, aber bittet auch Gott um Vergebung, und macht es kuͤnftig beſſer. Die Knechte ſa— hen aus, als wenn ſie nie wieder ihre Pflicht vergeſſen koͤnnten. So kam die ganze Tagesgeſchichte des Hauſes am Abende bey der Hausandacht in einer edleren und ſchoͤneren Geſtalt wieder vor, und ehe das Tagewerk irdiſch beſchloſſen, wurde es vor Gott geendet. Die Betrachtung war bis zu dem Wunder gekommen, durch welches Waſſer in Wein verwandelt wurde. Waſſer in Wein! rief der Greis geruͤhrt aus, wer kann das nicht täglich erfahren! Mir wurde der Gang zu einem Kran— ken heute ſehr ſchwer, und ermuͤdet kam ich in dem entles genen Hofe an. Allein, als ich ſah, wie der Krauke den 8 -— Rath des Evangelii befolgt hatte, wie er fo ergeben und geduldig, ſo froh über des Herrn Gnade, und fo freudig uͤber die Zukunft war, da wurde mein Herz voll Dankes, meine Ermuͤdung verlor ſich, und ich bin, wie ein Juͤng— ling, heimgekehrt. Das war auch Waſſer in Wein verwars delt. Geſtern beklagten wir es, daß wir euch, ihr lieben Kinder, in unſerm hohen Alter nicht um uns haben, und — beute ſehe ich euch alle, wie in jenen früheren Zeiten, um den aͤlterlichen Tiſch verſammelt. Ach nicht alle, Vater! ſagte die Mutter, unſere So⸗ phie ſehen wir hier nicht wieder. Gedulde dich Mutter! erwiderte er, aus Waſſer Wein! Wir Alten ſehen ſie doch zuerſt wieder. Da geht die Thraͤ— nenſaat in Freudenaͤrnte uͤber. Das Wiederſehen wird himmliſcher Wein aus irdiſchem Waſſer ſeyn, und dieſe da — auf die Enkel weiſend — find uns bis dahin die Buͤr— gen, der irdiſche Wein. Frage dein Herz, Großmutter, ob dir in den Kindeskindern nicht zwiefaͤltig das geſtorbene Kind wieder gegeben iſt, und ob dir nicht jede Freude bey ihrem Anblicke ſagt, du ſiehſt deine ſelige Sophie wieder. Wir waren bey einem Gegenſtande, den das haͤusliche Geſpraͤch nicht leicht verlaͤſt, wenn es ihn einmal ergrifs fen. Mancher Zug aus dem frommen Leben der Vollen— deten wurde aufs neue erzaͤhlt, ihrer letzten Stunden ge— dacht, und erinnert, wie fie fo oft, und zum Segen in uns ſerem Kreiſe geſeſſen. Auch das Geſinde ſprach geruͤhrt uͤber die gute, ſelige Frau, wie ſie immer mit ſo viele Liebe und Sanftmuth ſie ermahnt, und was es fuͤr frohe Tage geweſen, wenn ſie hernach zum Beſuche kam. Wir waren alle ſehr bewegt, aber der Vater ſagte: aus Waſſer 147 — DB — 161 — Wein! Sie hat es nun beſſer, und ſie war es vor uns allen wertb, zuerſt den Wein des ewigen Lebeus zu koſten. In dieſem Augenblicke ſchien der Mond in's Zimmer. Mutter, Mutter! rief der kleinſte Enkel, und ſtreckte die Haͤndchen nach dem Monde herauf. Weil man ihm oft geſagt, ſeine Mutter ſey im Himmel, ſo waren ihm end— lich Sonne, Mond und Sterne und alles, was er am Himmel ſah, Zeichen ſeiner Mutter. Die ganze Verſamm— lung wurde ergriffen. Die Schweſter nahm weinend das Kind in ihre Arme, und fuͤhrte es zum Fenſter. Der Va— ter ſagte endlich: ja ja, es bleibt doch dabey, aus Waſ— ſer Wein! Nun beſchrieb er die Verwunderung des Speiſemei— ſters, die Erzaͤhlungen der Diener, die dankbare Freude des Brautpaars, die Ueberraſchung der Gaͤſte, den wachſenden Glauben der Juͤnger, die ſtille Wonne der Maria, und Jeſu einfache, erhabene Groͤße. Kinder! rief er endlich be— wegt aus, ſeine Juͤnger glaubten an ihn, als es geſchehen war; uns kommt es zu, an ihn zu glauben, da es noch ge— ſchehen wird. Aus Waſſer wird Wein, aus Zeit Ewig— kelt. Wer das glaubt ſucht Chriſti Gemeinſchaft, und in dieſer Gemeinſchaft ſteigert ſich ſchon hienieden alles. Durch fie wird das Leiden in Prüfung, die Trauer in Wehmuth, die Wehmuth in Troſt, der Troſt in Freude, die Freude in Seligkeit verwandelt. Das iſt das Eigenthuͤmliche des Chriſtenthums: es erhoͤhet alles. Es zieht nach oben, nach dem Himmel, und durch dieſen Zug nimmt alles Irdiſche eine hoͤbere Stufe ein. Und ſolch eine Hausandacht am Abende iſt auch eine Steigerung des Lebens, eine höhere Stufe des verlebten Tages. Laß uns unſer Lieblings lied fingen: Ver Jeſu Augen ſchweben, Iſt lauter Seligkeit, Ein unverrücktes Leden Mit ihm ſchon in der Zeit. Nichts konnen und nichts wiſſen, Nichts wollen und nichts thun. Als Jeſus folgen müſſen: Das heißt im Frieden ruh'n. Man ſtebt aus ſeinem Schlafe In Cyriſti Freundſchaft auf, Man fürchtet keine Strafe Im ganzen Lebenslauf. Man ißt und trinkt in Liebe, Und hungerte wohl auch und hält im Gnadentriebe Beſtändig einen Brauch. Iſt nun der Tag geendet, So legt man ſich zur Ruß, 5 Von Ihm unabgewendet That man die Augen zu, und wünſchet ſelbſt den Traumen Wenn's denn geträumt muß ſeyn. Nichts anders einzuräumen, Als Chriſti Gnadenſchein. Gewiß wer erſt die Sünde In Chriſti Tod ertrankt, Und dann gleich einem Kinde Ihm unverrückt anhängt. Der wird auch heilig handeln, Und kann dann anders nicht, Herr Jeſu! lehr' uns wandeln, In Deiner Augen Licht. Dieſes chriſtliche Hauslied pflegte der Vater jedes Mal zu ſingen, wenn er ſich im Hauſe recht wohl fuͤhlte, FED und nannte es deßwegen auch ſchlechthin den Hauspfaln, Es war eine unausſprechliche, innere Froͤhlichkeit, die aus jedem Tone athmete, wenn er es ſang, und doch ein Ernſt, der ſich gar nicht wie irdiſcher Ernſt anhoͤren ließ. Der Vater ſchlug die Bibel zu. An einem Menſchen, der ſein Leben immer nur fuͤr Einen Zweck und in Einem Sinne gelebt, wird zuletzt alles bedeutend und ſinnbildlich Man ſah es der Art an, wie er ſeine Bibel zuſchlug, daß er es oft mit einem ſtaunend dankbaren Gefuͤhle gethan. Er ſchien jedes Mal dabey ſagen zu wollen; ich habe tau— ſend Mal in meinem freuden- und ſchmerzenreichen Leben ſie zugeſchlagen, allein jedes Mal ſteigt meine Bewunde— rung und mein Dank. Seine Hausgenoſſen ſahen immer mit einer gewiſſen Andacht hin, wenn er es that, und mir war es insbeſondere uͤberraſchend, in dieſem einzelnen Zuge den Vater wiederzufinden. Es iſt uͤberhaupt ein eigenes Gefuͤhl, mit dem man einen theuern Menſchen in einem unwillkuͤhrlichen, gewohnten Zuge wieder erkennt, und ſpricht ſich in demſelben etwas Goͤttliches aus, ſo verei— nigt ſich mit der Freude über das wiedererkannte Menſch— liche die Ehrfurcht vor dem Heiligen. Jetzt that er noch einige Fragen uͤber das Hauswe— ſen, uͤber einige Vorfaͤlle in der Gemeinde, uͤber ein Paar Auftraͤge an Arme, und dgl., worauf ihn der Gang der bisherigen Betrachtungen noch nicht gefuͤhrt. Und dieß alles wurde dergeſtalt in Einem Geiſte behandelt, daß man es als etwas, das nothwendig zur Hausandacht gehoͤre, anfehen mußte. Das Goͤttliche wurde dadurch nicht ernie— drigt, aber das Menſchliche wurde durch eine ſolche Vers bindung erhoͤhet. Oft ſagte er: dadurch bekomme jedes ir⸗ —. 1) . — diſche Geſchaͤft eine himmliſche Einfaſſung, die mehr werth ſey, als die Gemaͤlde ſelbſt. Die Hausandachten waren ihm uͤberhaupt das ganze haͤusliche Leben, wie er vor Gott gebracht, und durch goͤttliches Licht erhellt wird. So ge— hoͤrte auch die Vergangenheit hinein, und es war ſeine Ge— wohnheit an jedem Morgen, in der kuͤrzeren Hausandacht einige geſchichtliche Vorfaͤlle in Erinnerung zu bringen, die ſich in fruͤheren Jahren an dieſem Tage entweder mit der Familie, oder der Gemeinde und dem Ort, oder auch ſo— gar mit Voͤlkern und großen Maͤnnern zugetragen. Er hatte ſich eine reiche Sammlung fuͤr jeden Tag gemacht, und wollte damit jedem Hausgenoſſen einige Gegenſtaͤnde des Nachdenkens in muͤßigen Augenblicken geben. Nachdem nun jene einzelne Betrachtungen vollendet waren, mußte das Wichtigſte in der Andacht, das gemein— ſame Hausgebet folgen. Der Vater kniete zuerſt nieder, dann alle Anweſenden. Ein feyerliches Gebet ſollte im— mer kniend geſprochen werden, denn es iſt die Handlung der tiefſten Demuͤthigung vor Gott. In unſern Kirchen wird es aus aͤußern Urſachen unterlaſſen, aber mich duͤnkt, mancher haͤtte auch da zuweilen gern aͤußerlich gethan, was er innerlich in ſeinem Herzen that. Was man mit ganzer Seele thut, das druͤckt ſich auch gern in der ſichtbaren Ge— ſtalt aus, und eine ſtehende Stellung iſt im Gebete nicht ſelten ein Widerſpruch gegen die kniende Unterwerfung des Geiſtes. Das Gebet, das geſprochen wurde, war kurz, aber es entſtroͤmte dem Herzen. Allgemeine Ausdruͤcke kamen we— nig vor. Jeder Dank und jede Bitte, jede Demuͤthigung und jedes Geluͤbde ging durchaus hervor aus beſonderen 11686 Verhaͤltniſſen. Das Allgemeine betraf nur die Gemeinde, welche mit Recht in dem Hausgebete einer Pfarrerfamilie nicht fehlen darf. Ein ſolches Gebet iſt die Krone des haͤuslichen Lebens und wenn man in ihm eine ganze Fa— milie in ſolcher Andacht und heiligen Empfindung vor Gott liegen ſieht, fo möchte man ausrufen: ſiehe da, eine Hütte Gottes bey den Menſchen! Der Vater erhob ſich. Die Uebrigen blieben auf den Knien. Da ſprach er den prieſterlichen Segen uͤber ihre Haͤupter hin, und die Worte fielen in die Herzen. Nun ertoͤnte das Harfenſpiel noch einmal, und wir ſangen zum Schluß jenen koͤſtlichen Vers: N An dem Platz wo Sanct Johann gelegen, Legen wir uns jetzt zur Ruh u. ſ. w. Es ſchlug zehn Uhr. Das Geſinde reichte der Herr— ſchaft und uns allen die Hand, der Vater umarmte uns mit dem Kuſſe des Friedens und ſagte zu mir: Siehſt du, in dieſem Hauſe bleibts beym Alten. — 2 022 — 4. Die Betſtunde. — — Der Unterſchied der Zeiten und der Wechſel der Stimmung wird in keinem Stande ſchmerzlicher empfun— den, als in dem geiſtlichen. Die Thaͤtigkeit in demſelben ſoll jo ſehr Geiſt und fo wenig Buchſtabe ſeyn; es koͤmmt in allen Leiſtungen fo viel auf die Gemuͤthsverfaſſung an, a 2 und die Anſpruͤche, die man auf die Wirkſamkeit des Am— tes macht, ſind mit Recht ſo groß: daß wenn ein mal nach der guten Stunde eine boͤſe und nach der reichen eine arme kommt, ſich keine ungluͤckſeligere Lage denken laͤßt, als die des Geiſtlichen. Freylich kommt dem Redner der Religion hier ſein Gegenſtand zu Troſte, wie ſonſt kei— nem andern, und man ſollte ſagen, bey geziemendem Ver— trauen auf die goͤttliche Kraft des Wortes wuͤrde er ge— rade feine eigene Stimmung am wenigſten hoch anſchla- gen. Aber abgeſehen davon, daß das Wort des Herrn auch nur dann zu wirken pflegt, wenn es in gehoͤriger Klarheit und Deutlichkeit vorgetragen wird: ſo iſt ſchon das eine ſchwere Pruͤfung, Wahrheiten andern zum Se— gen darzuſtellen, von denen man jetzt ſelbſt ungeſegnet bleibt, und willkuͤhrlich wird man an des Apoſtels Wort erinnert: andern predigen und ſelbſt verwerflich werden. Genug, in dem Maße uns der Beruf in den geſegueten Stunden theuer wird, in dem Maße fuͤhlen wir uns in den kalten, geiſtloſen Zeiten gedruͤckt und ungluͤckſelig. In einer ſolchen Stimmung hatte ich mich ſchon ſeit einer Woche befunden. Ob ich mich uͤbler dem Koͤrper oder der Seele nach befand, wußte ich nicht; — aber es war, als ſey mir aller Geiſt genommen, kalt und leblos traten die Gedanken hervor, frühere Wendungen und Ge— dankenreihen, entbehrend der anfaͤnglichen Friſche, kamen wieder und mit immer tieferer Wehmuth verließ ich den Lehrſtuhl, als ich ihn beſtiegen. Fuͤr die Amtsfuͤhrung im Ganzen geben ſolche Erfahrungen allerdings Gewinn. Es iſt zuweilen der Fall, daß ein Vortrag, unter ſolchen Um— ftänden, in dem Drange eines tief gefühlten Beduͤrfniſſes — 10 — geſprochen, den Segen doppelt an den Zuhörern beweiſet, den er fuͤr den Sprechenden entbehrt. Das lehrt uns, daß das Wort Gottes maͤchtig iſt und ſchaͤrfer, wie ein zwey— ſchneidig Schwerdt, wenn es auch von ſchwachen Lippen ertoͤnt, und es ſtaͤrkt den Glauben, daß alles Gute als ein freyes Geſchenk von oben her betrachtet werden muͤſſe. Und beydes fuͤhrt uns dann zu der Demuth, ohne die der Geiſtliche kein wahrhafter Geiſtlicher ſeyn kann. Durch ſolche Betrachtungen ſuchte ich mich zu troͤſten, als ich eines Sonntags am Abende mit innerer Wehmuth einen Blick auf die letzten Amtsarbeiten warf. Das arme, leere, geaͤngſtigte Gemuͤth demuͤthigte ſich mit ihnen vor dem, der nach ſeinem Willen gibt und nimmt, und durch Geben und Nehmen unſer Beſtes foͤrdert. Zufaͤllig fiel mein Auge, als ich ſinnend und in einer Art von geifti- gen Erwachen am Schreibtiſche ſtand, auf einen Grundriß von dem heiligen Lande, den ich ungern in einem ſolchen Zimmer vermiſſe. Das Anſchauen der Gegenden, in de— nen der gewandelt, der unter den zahlloſen menſchlichen Leiden auch gewiß dieſes durchempfunden, hatte mich ſchon oft getroͤſtet und geſtaͤrkt. Mein Blick ruhte dieß Mal auf Bethanien. Du lieblicher Flecken, dachte ich, wie oft mag der Heiland muͤde des Treibens der Welt, und matt von dem Lehren eines ſo halsſtarrigen Volks ſich unter deinen Oehlbaͤumen und zwiſchen deinen Weingaͤrten er— holt haben! Jene Geborgenheit in der Einſamkeit einer herrlichen Natur, jene ſtillen Stunden im Kreiſe ſeiner vertrauten Freunde, auch jene Tage, kurz vor ſeinem Tode, als er ſich Abends aus Jeruſalem hieher zuruͤckzog und endlich jener ſelige Augenblick ſeiner Auffahrt — das alles — 11 — trat vor meine Seele. Alles durchempfunden! dachte ich weiter, alles, was unſer Herz druͤckt und wornach unſer Herz ſich ſehnt. Da war es auch, wo er ſprach: Eins iſt Noth. Ich kann nicht beſchreiben, wie dieſes: Eins iſt Noth, plotzlich meine Seele bewegte. Ich erinnere mich noch, wie es auf mich als Knabe wirkte, da ich es zum erſten Male hörte. Aber fo hatte es noch nie auf mich gewirkt. Mit ungekannter Gewalt drang es in die Tiefen meiner Seele. Ja, ſo iſt dir auch nur Eins Noth, in Freude und Leid, in reichen und armen Stunden, fuͤr dich ſelbſt und fuͤr dein Amt. In dieſem Augenblicke fuͤhlte ich die fruͤhere Freudigkeit und den alten Muth wiederkehren. Hier, wie immer in hoͤhe⸗ ren Dingen, war mit dem Beduͤrfniß zugleich die Befriedi— gung gegeben. Man kann mit Worten die Wonne des wiederkehrenden Lebens nicht ſchildern, die man in ſolchen Augenblicken empfindet. Es iſt mehr wie die Freude uͤber das Morgenroth, daß nach langer, kalter Winternacht an— bricht, wie das Fruͤhlingsgefuͤhl nach oͤdem Winter, wie das Entzuͤcken beim Wiederſehen eines todt geglaubten Freundes. Was ich auch beginnen mochte dieſen Abend, das Wort des Herrn blieb der Mittelpunkt, auf den ich immer zuruͤckkam. Am andern Morgen war es wieder mein er— ſter Gedanke. Da faßte ich den Entſchluß, morgen in der Betſtunde die Geſchichte vorzutragen, in der dieſes Wort geſprochen ward, und ſie mir ſelbſt zu predigen. Es iſt bey jeder Predigt leicht zu bemerken, ob ſich der Redner kuͤnſtleriſch in Verhaͤltniſſe verſetzt, die eben jetzt ſeinem — — Herzen fremd find, und fo die Rede nur eine Aufere Bes ziehung habe, oder ob fie in die Reihe feines eigenen, ins nerſten Lebens gehöre. Daher iſt es fo nothwendig, daß der Geiſtliche mit der Gemeinde lebe, damit ihr allgemei— nes Gefuͤhl zu einer beſtimmten Zeit ſich lebhaft durch ihn ausſpreche. In einer Betſtunde will es ſich überhaupt auch mehr geziemen, in einem nähern, vertraulichen Verhältniffe mit den Zuhoͤrern zu ſeyn und freyer das Herz zum Her— zen reden zu laſſen, da es gewoͤhnlich nur die naͤhern Freunde der Kirche find, die ſich hier einfinden, und uber» haupt die Feyerlichkeit und Groͤße des Gottesdienſtes am Sonntage nicht Statt findet. / In der Nacht auf den Tag, wo Abends die Betſtunde gehalten werden ſollte, hatte es zum erſten Male gefroren. An allen Zweigen und Hervorragungen hing langer Reif. Es war, als ich Morgens heraus ſahe, als wenn ein zwei— ter Frühling komme und die Natur im Nachbluͤben feye. Die Novembertage, in denen wir ploͤtzlich das friſche Win— terantlitz zum erſten Male ſehen, gehören zu den ſchoͤnſten und erweckendſten des Jahrs. Doch dieſe aͤußere Friſche war nur ein Bild von dem friſchen Leben meines Herzens. Jenes Wort blitzte immer von neuem uͤber mein ganzes Gemuͤth und — wenn das Leben nur das ausgedehnte, aus— geſprochene Gemuͤth iſt — uͤber mein ganzes Leben und in tauſend Ereigniſſen fand ich es beſtaͤtigt. Bald erhob ſich die Gemeinde vor meiner Seele und es ſtellte ſich mir mancher meiner jedesmaligen Zuhoͤrer dar, wie für ihn gerade dieß Wort eine beſondere Bedeutung gewinnen wuͤrde. Es gibt gewiß keinen zartern und himmliſchern Umgang unter den Menſchen, als den, welchen ein Pfarer — 173 — mit ſeinen Gemeindegliedern pflegt, wenn er waͤhrend der innern Vorbereitung auf ſeine Rede im Geiſte dieſen und jenen ſieht und ihm gleichſam in die innerſte Seele ſchaut. Alle perſoͤnlichen und aͤußeren Verhaͤltniſſe find wie abge— fallen von den unſterblichen Geiſtern, und es iſt nur ein Verkehr zwiſchen Geiſt und Geiſt, zwiſchen Gemuͤth und Gemuͤth, wie er etwa jenſeits ſeyn mag. O, ihr koͤſtlichen Stunden der Vorbereitung auf die Predigten, ihr unvergeßlichen Abend- und Mitternachts— ſtunden, ihr reichen begeiſterten Morgenſtunden, voll Freude, voll Gebet, voll Hoffnung, euer kann ich nicht anders als mit Dank gegen Gott gedenken! Ihr ragt aus meinem Leben, wie ſtrahlende Sonnenhoͤhen, und ſo ſelig, wie in euchn bin ich in wenigen andern geweſen! Wenn ich die Bergesſpitzen in meinem Leben ſuche, die das Fruͤhroth meiner Kindheit und Jugend noch immer erhellt und ver— goldet, indeß die Tiefen und Ebenen im Dunkel liegen, ſo finde ich ſie in euch, Stunden der Demuth, des ſich ſelbſt Verlierens in eine ewige Wahrheit, der hingebenden Liebe zu meinem Herrn und meinen Bruͤdern. Euer werde ich jenſeits nicht vergeſſen, wenn ich ſchon laͤngſt tauſend an— dere vergeſſen habe, denn in euch ahnete ich ein Leben in Wahrheit und Liebe, wie es uns dort vollendet aufgehen wird! Den Gedanken geht es, wie den Menſchen. Bey ihrer Geburt freut man ſich ihrer am innigſten und rein— ſten. Die Begeiſterung iſt nie voller und hoͤher, nie ruhi— ger und beſonnener, nie ſtiller und friedevoller, als in dem Augenblick, wo ſie vom Himmel in unſer Herz herabſteigt, und mit ungehinderter Kraft ſich in ihm entwickelt. Da erfaͤhrt man den Grund der Behauptung eines geiſtreiche n TE Mannes: die Predigt fey das Hoͤchſte, was ein Menſch leiſten kann, und dieſe Anſicht thut ſich in der demuͤthigen Furcht und der glaͤubigen Hoffnung kund, die ſich in euch ſo lieblich bedingen. O kommt mir noch oft, ihr herrlichen Stunden und verliert nie an eurer Weihe und euerm Segen! Es gibt wenige Menſchen, die ein Pfarrer vor ſeiner Predigt ſprechen darf. Er hat einen reinern, hoͤhern Um— gang mit ſeinen Bruͤdern gepflogen, und dieſen Eindruck darf das alltaͤgliche, unheilige Leben nicht verwiſchen. Das iſt wieder ein Umſtand, der auf die Eingezogenheit der Geiſtlichen hinweiſet; oder auch, der eine andere Seite des Eins iſt Noth darbietet. Darum brachte ich den Mittag und die folgenden Stunden in Geſellſchaft der Meinigen zu und ſahe nur einen vertrauten Freund. Jetzt waren noch wenige Stunden bis zum Gottes— dienſte uͤbrig. Das ſind eigene Stunden. Ich moͤchte ſie ſteigende Weihungen nennen. Sie haben nicht die glaͤn— zende Herrlichkeit des erſten Auffaſſens, aber es iſt mehr Herrlichkeit der Demuth in ihnen, die ſich auf menſchliche Sorge und Schwachheit gruͤndet. Im Gebet zeigt ſich mehr Bitte, als Dank und Anbetung. Wenn ſich in den erſten Stunden der Vorbereitung das Gemuͤth mehr in den Gegenſtand verliert, ſo verliert ſich hier die Wahrheit mehr im Gemuͤthe. Und ſo wird der Redende ſelbſt zuerſt durch ſie geheiligt. Eins iſt Noth! — Dir, dir insbeſon— dere, fuͤr dein Leben bey dir ſelbſt, fuͤr dein Wirken in der Gemeinde — das war es, was unaufhoͤrlich in mei⸗ nem Innern ſprach. Als ich hinaus ſahe, gewahrte ich Flocken in der Luft. u == Der erfte Schnee! Winterbluͤthen, die nicht wie des Fruͤh⸗ lingsbluͤthen von unten herauf ſich erſchließen, ſondern von oben herab auf die Geſtraͤuche fallen! Wenn an einem Wintertage, wo die Erde von Froſt geſchloſſen iſt, der erſte Schnee ſo rein und weiß, wie ein Unſchuldsgewand vom Himmel auf die Erde herabfaͤllt, da denkt auch wohl der Weltliche an das Eine was Noth iſt, wenn der Froſt des Todes ihm die Augen geſchloſſen hat, und ginge er weiter, ſo wuͤrde es ihm klar werden, warum gerade im Winter, da die Natur todt iſt, Chriſti Geburt gefeyert wird, und gerade im Fruͤhlinge, wo ſie ſo herrlich auflebt, Chriſtus ſtarb. Es wurde in die Betſtunde gelaͤutet. War es Euch, meine Brüder, nicht auch zuweilen bey den erſten Anklaͤn— gen des feyerlichen Gelaͤutes, das Euch und Eure Ge— meinden ins Gotteshaus rief, wie es vielleicht den Glaͤu— bigen ſeyn wird, wenn die erſten Klaͤnge der Poſaunen des Weltgerichts ſie rufen und ſie nun aufſtehen und dem großen Tage entgegen gehen, im Glauben an ihren Herrn, aber in Beſchaͤmung uͤber ihre Schwaͤchen und Suͤnden? Wunderbar erregend hallten die Glockenſchlaͤge durch die naͤchtliche Stadt. Die Thuͤren oͤffneten ſich an den Nachbarhaͤuſern und die Kirchengaͤnger zogen die Straße hinab, durch Nacht und Schnee zum Tempel des Herrn. Die Abendgottesdienſte haben viel Anziehendes. Au— ßer dem Traulichen haben ſie etwas Geſammeltes, und ſo bilden ſie den Uebergang aus der Tempel-Andacht zur Haus⸗Andacht. Der Feyerabend iſt da. Das laͤſtige Ge; wirre des Tages verlaͤuft ſich; man will ſich noch einmal gemeinſchaftlich erbauen; auch der Arme und der gern in den heiligen Augenblicken der Andcht ungefehen bleiben möchte, nahen ſich zutrauens voll und das verkuͤndete Wort bildet ſich ſinnlich in dem Licht ab, das die Dunkelheit der Nacht erhellt. Ein großes, freudiges Gefuͤhl durchdrang mein In— nerſtes, als ich in das erleuchtete Gotteshaus trat. Die vielen Lampen von allen Seiten vereinigten ſich mit dem ſtrahlenden Kronenleuchter in der Mitte und warfen auf die ſtille, andächtige Menge eine Verklärung herab, in der man die Gemeinde des Herrn gern ſieht. Eine verſam— melte Gemeinde erſcheint uͤberhaupt Abends in einem an— dern, hoͤhern Glanze als bey Tage; vielleicht ſchon darum, weil alsdann der Einzelne mehr uͤberſehen wird und das Ganze hervortritt, und die von den Pfeilern und Empor— kirchen hingeworfenen Schatten dem Eindruck einen Ernſt geben, den er bey Tage entbehrt. Die Gemeinde verſammelte ſich unter dem vorberei— tenden Spiele der Orgel, das ſo recht wie ſanfte Abend— melodie, ſammelnd und beſchwichtigend in die Verſamm— lung herabfloß. Man ſang darauf das bekannte Abendlied: Ach, mein Jeſu, ſieh, ich trete, Da der Tag nunmehr ſich neigt ꝛc. Unter dieſem Geſange trat ein Leichenzug herein, der von dem Grabe einer Großmutter und ihres Enkels kam. Die lange Reihe von Maͤnnern und Frauen in weiten Trauermaͤnteln, und das durch den Geſang hoͤrbare Schluch— zen der Leidtragenden ergriff in dieſer Abendverſammlung die Gemeinde mehr, als ſonſt wohl zu geſchehen pflegt. Mit dem Bewußtſeyn, das Eine, was Noth iſt, mehr zu beduͤrfen, als alle, denen ich es verkuͤndigen ſollte, trat — — N — * ich auf den Redeſtuhl. Wie theuer war mir die alte Sitte der Geiſtlichen, beym Auftritt vor der Gemeinde ſtill um die Mittheilung des heiligen Geiſtes zu bitten! Der Ge— ſang ſchwieg. Nach einem kurzen Gebete begann die Rede alſo: Das Gebet war das Erſte, wozu ſich meine Lippen öffneten. So ziemt es ſich, daß der Mund, der über hei lige Dinge zu ſo vielen Menſchen reden ſoll, zuerſt Den anrede, der zu Allem die Weihe verleihen muß. Aber nun wende ich mich zu Euch, und mein erſtes Wort an Euch ſey eine Frage, die dieſem Orte und dem Gegen ſtande unſrer gemeinſamen Betrachtung ziemt. In welcher Stimmung, meine Freunde, ſeyd Ihr hergekommen? Ich weiß wohl, was die Erde gibt und in welcher Stimmung ſich das Herz in der Welt befindet. Ich weiß wohl, daß Hunderte ſich aus den Geſchaͤften und ihren Verdrießlich— keiten, und Hunderte aus den Geſellſchaften und ihren Armſeligkeiten, und abermals Hunderte aus den Werkſtaͤt— ten und ihren Muͤbſeligkeiten ſich hierher begeben haben. Wie habt Ihr Euern Fuß bewahrt, da Ihr heute zum Hauſe des Herrn ginget? In welcher Verfaſſung befindet ſich jetzt Euer Herz? Darauf kommt es bey Allem an, was dieſe ſtille Abendſtunde Euch geben ſoll. Hat die Duns kelheit des Abends und die Ruhe der Feyerſtunde nach des Tages Unruhe und Streit Euer Gemuͤth geſaͤmmelt? Hat die erſte Erſcheinung des Winters, die ihr im Her— gange beobachtet, Euch ernſter und reger geſtimmt? Hak der Anblick dieſes in naͤchtlicher Finſterniß erhellten Got⸗ teshauſes Euch an ſeine Bedeutung gemahnt? Hat das uralte Abendlied Euch an die tauſend bewegten Herzen Glockentoͤne. öte Aufl. . 12 Eurer Väter erinnert, von deren Lippen es weiland ges ſtroͤmt, und zu Euch gekommen iſt, als ein theueres Ver— maͤchtniß aus ihren frommen Abendſtunden? Hat der ſchwarze Leichenzug Euch die Empfindungen zuruͤckgerufen, die auch Euch fruͤher hier erfuͤllt? Mit Einem Worte, ſucht Ihr hier das Eine, das Noth iſt? So ſeyd willkom— men. Aber pruͤft Euch! Doch, — fuhr ich fort — vielleicht ſeyd Ihr noch nicht in dieſer Stimmung, aber Ihr wolltet ſie hier ge— winnen. Ach, es wird uns oft ſo ſchwer, die rechte Ver— faſſung des Herzens in der Welt und im Hauſe zu ge— winnen, und wir eilen denn in des Herrn Haus, um ſie hier zu empfangen. Aber auch hier iſt Gebet das einzige Mittel, ſie zu gewinnen. Habt Ihr gebetet? Im Ganzen, hieß es denn ferner, kommt es auch zu— naͤchſt darauf an, in welcher Stimmung wir uns waͤhrend des Gottesdienſtes und nach demſelben befinden; und oft beſteht der Segen eben darin, daß die Stimmung nach dem Gottesdienſt recht verſchieden iſt von der vor demſel— ben, und durch den Gottesdienſt geſchieht eben der le reiche Uebergang. Damit wandte ich mich zu demjenigen Theile der Verſammlung, der von den Graͤbern hereingekommen. Ich wuͤnſchte, daß der bittere Schmerz ſich im Gottes— hauſe zur ſanften Wehmuth geſtalten moͤge. Der Troſt des Evangeliums nehme den Schmerz nicht aus der Seele, aber er mildere und weihe ihn durch eine große Hoffnung. Das ſage ihnen ja auch der außerordentliche Umſtand bey dieſem Begraͤbniß. Eine alte Großmutter im Sarge, die ihren Enkel im Arme habe. Die Mutter war 8 unlangft geſtorben. Nun habe die im Tode nicht erkaltete Liebe des Mutterherzens den verwaißten Säugling zu ſich gerufen, und die alte, lebensmuͤde Großmutter ſey von dem Gott der Liebe beſtimmt, das Kind an das verklaͤrte Herz der Mutter zu bringen. O, rief ich aus, nennt es Zufall, Ihr Klugen der Welt, daß es ſich alſo ereignete; ich nenne es weiſe, zarte Anordnung der ewigen Liebe, die uns gleichſam im Bilde zeigen wollte, wie reich ſie in ihren Gaben iſt. Hier ſchien der Punkt zu ſeyn, wo die geruͤhrten Ge— muͤther auf das Ewige gewieſen werden mußten. Nun denn, fuhr ich fort, ſo laßt uns der ewigen Liebe Raum geben, damit an uns allen ihr hoͤchſter Wille in Erfuͤllung gehe. Eins iſt Noth, das hat der geſagt, der am Kreuze fuͤr dieß Eine ſtarb, und es uns geben will. Laßt uns vernehmen, wo und wie er es geſagt, damit wir verſte— hen, wie er es heute bey uns wiederholt. Ich ſchlug die Geſchichte der Unterredung Jeſu mit Martha und Maria auf und las ſie ver. Dann begann ich, unbekuͤmmert um die engen Vorſchriften der Neuern, nach Weiſe der alten Vaͤter der Kirche die Geſchichte in ihren einzelnen Zuͤgen durchzugehen und Eins und das Andere zu eroͤrtern, das jetzt nuͤtzlich ſeyn koͤnne. Ich redete frey. Das Gemachte und Vorbereitete erweiſet ſich in ſeiner Kaͤlte nirgend klaͤrer, als in ſolchen Reden. Frey⸗ lich mag die Rundung und Zierlichkeit der Sprache dabey einbuͤßen; allein die Gewalt der Rede und die hinreiſſende Kraft des gegenwaͤrtigen Gefuͤhls erſetzt dieſen geringen Verluſt. Wenn das Herz erfüllt iſt von einer Geſchichte, wenn man nicht verſaͤumt hat, fruͤher die rechte, geweihte 12 Stimmung zu ſuchen, und wenn der Redner mit ſich ſelbſt und den Beduͤrfniſſen der Gemeinde vertraut ift: fo muß auch heute Auf dieſe Weiſe noch wirken, was Jahrhunderte ſo ſegensreich gewirkt hat. Schon das erſte Wort der Erzählung: „da fie wan⸗ delten,“ feſſelte den Zug nach dem Hauptgedanken. Der Zuſammenhang dieſer Geſchichte in der letzten Reiſe unſers Herrn gen Jeruſalem wurde aufgewieſen. Wie von ſelbſt entſtand ein Gemaͤlde von dem Wandeln Jeſu auf Erden, von dem Gluͤck der Juͤnger, und von den Bewegungen im Volke. Das waren die ſchoͤnſten Tage unſerer Erde, als der Sohn Gottes auf ihr wandelte. Und wer ſtimmt bey ihrer Betrachtung nicht gern in den Wunfch des geiftreis chen Dichters: O hätt' auch damals ich gelebt, Als Er auf Erden wallte, Auch meine Thräne ihm gebebt, Als Lob und Dank ihm ſchallte! Getroſt hätt' ich Ihn angeblickt Und Ihm die Segenshand gedrückt! Wir begleiteten den Herrn auf ſeinem Wandeln nach Bethanien, dem ſtillen Flecken bey der geraͤuſchvollen Hauptſtadt, zu dem man den Oehlberg herauf kam; der rings von Weinbergen umgeben war, und in dem eine von den ſtillen Familien im Lande wohnte, die Jeſus zu dem Heiligthum ſeiner Erholungsſtunden geweiht hatte. Wir kamen an die Stelle: „Da war ein Weib mit Na- men Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus.“ Dieſe Stelle forderte, von dem frommen Familienleben zu han— deln, und vor allen die Hausfrauen anzureden, die den — RR ſchoͤnen Beruf haben, den Herrn in das Haus aufzuneh⸗ men. Die Geſchichte führte uns darauf zu dem Verhaͤlt⸗ niſſe der beyden Schweſtern, Martha und Maria, zu de— nen noch der Bruder Lazarus kommt. Aufgemuntert durch den Eingang, den die erſte Ermahnung an die Hausmuͤt⸗ ter gefunden zu haben ſchien, redete ich jetzt die Geſchwi— ſter an, und warnte fie vor dem gewöhnlichen Falle, daß Geſchwiſter eben weil ſie ſich ſo nahe ſind, waͤhnen, es ſey ihnen alles gegen einander erlaubt, und bauend auf die Bande des Bluts ſich um die Bande der hoͤhern Liebe nicht bekuͤmmern. O Ihr, rief ich aus, die ihr unter demſelben Her⸗ zen das Leben empfangen, und von derſelben Liebe groß ger zogen ſeyd, wuͤrdet Ihr dem Herrn, wenn er Euch beſuchte, ei⸗ nen ſolchen Anblick geben koͤnnen, wie er ihn zu Bethanien hatte? Nun ſahen wir Maria, die Stille, Andaͤchtige, zu Jeſu Fuͤßen ſitzen, und vergegenwaͤrtigten uns die Stunden, wo auch wir da ſaßen, und fühlten uns gedrungen, fie die fer ligſten des Lebens zu heiſſen. Dann kamen wir auf die Verſchiedenheit der Schweſtern. „Martha, die ſich viel zu ſchaffen machte, Jeſu zu dienen, trat hinzu und ſprach: Herr, fragſt du nicht darnach, daß mich meine Schweſter läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß fie es auch angreiffe.“ Nach einer kurzen Bemerkung uͤber das Licht, welches dies ſer kleine Zug uͤber die Art des Umgangs der Freunde mit Jeſu verbreitet, gingen wir in den Gegenſatz der Ger muͤthsbeſchaffenheit beyder Schweſtern ein. Beyde Juͤnge⸗ rinnen des Herrn, beyde lebend das höhere Leben einer beiligen Liebe; aber die eine thaͤtig, die andere ruhig, die eine nach außen, die andere nach innen wirkend, die eine feurig, die andere ſanft. So theilen ſich uͤberhaupt die Menſchen. Die Art und Weiſe unſers Lebens iſt ſchon bey unſerer Geburt angelegt. Aber das ſoll nirgend die Liebe ſtören. Jeder ſorge nur, daß feine Art geheiligt werde, und huͤthe ſich vor dem vergeblichen und gefaͤhr— lichen Hinuͤbergreifen in eine fremde Art des Seyns. Das iſt eben die Herrlichkeit im Reiche der Gnade, wie im Reiche der Natur, daß das Leben in ſo großer Mannig⸗ faltigkeit ſich bewegt, und doch in allen nur Ein Leben iſt. Alle Freundſchaften die durch Jahrtauſende ihren Namen fortgetragen haben, beruhten neben der Einheit auf dieſer Verſchiedenheit und wurden wohl durch dieſelbe erſt das, was ſie geworden. So kann man ſagen, daß in des Herrn Gemeinſchaft das eben zum Grunde der innigſten Verbin: dung wird, was in der Welt die Menſchen aus einander hält und fie feindlich ſich gegenüber ſtellt. Endlich kamen wir zu dem Mittelpunkt, zu dem, was man die Seele dieſer Geſchichte nennen kann, „Jeſus ſprach: Martha, Martha, Du haſt viel Sorge und Muͤhe. Eines aber iſt Noth. Maria hat das gute Theil erwaͤhlt, das ſoll nicht von ihr genommen werden.“ Durch die Ge— dankenreihe, die ſich ſo eben entwickelt hatte, waren wir aus dem fruͤhern Ton der Ermahnung in den der ruhigen Auseinanderſetzung gekommen. Aber hier galt es nun den Hauptpunkt unſrer Betrachtung und die Hauptſache des Chriſtenthums. Jetzt mußte alles angewendet werden, um hier die gehoͤrige Klarheit hervorzubringen. Ich hub an: Laßt mich Euch ein Gleichniß erzaͤhlen. In grauer Urzeit, als es noch nicht lange war, daß die Menſchen ers ſchaffen, und ſie noch vieles nicht kannten, was uns zur täglichen Gewohnheit geworden, wuͤnſchten fie die Zeit zu theilen. Und der Eine zählte die Stunden nach Hunger und Durſt: aber das war eine ungewiſſe Rechnung. Der Andere maß ſie nach der Entfernung der Ortſchaften: aber das gab fuͤr verſchiedene Menſchen eine verſchiedene Dauer. Der dritte urtheilte nach dem Laufe des Waſſers; aber das war nur augenblickliche Huͤlfe. Als die Men⸗ ſchen nun ſo in Verlegenheit waren, trat ein Mann Got— tes auf, oͤffnete ſeinen Mund und ſprach: Ihr Maͤnner, lieben Brüder, Gott ſprach bey der Schoͤpfung: Es wer: den Lichter an der Feſte des Himmels, die da ſcheinen Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Da es nun Mittag war, wies er ſie zur Sonne hinauf und ſprach: Jetzt iſt es Mittag, denn die Sonne ſteht am hoͤchſten. Und da es Nacht ward, wies er ſie abermal gen Himmel und ſprach: Jetzt iſt es Mitternacht, denn die Sterne haben darnach ihren Stand. Deß verwunderten ſich die Menſchen. Er aber gab ihnen die Lehre und ſprach: Lieben Bruͤder, man kann nur am Himmel ſehen, welche Zeit es auf Erden iſt. Meine Zuhoͤrer, fuhr ich fort, was die Zeit in den Dingen der Welt iſt, Regel, Maß und Geſetz, das bebür- fen wir auch in den ewigen Angelegenheiten unſerer Seele. Aber auch bey ihnen kann man nur am Himmel ſehn, welche Zeit es auf Erden iſt. Außer dem ſichtbaren Him mel gibt es auch einen unſichtbaren. Jeſus Chriſtus iſt an ihm die Sonne der Gerechtigkeit. Durch ihn koͤnnen wir lernen das Eine, was Noth iſt. Was Maria that, ihre Geſinnung und ihr Genuß, iſt das Eine, was Noth iſt. Zu Jeſu Fuͤßen ſaß ſie und ſahe zur Sonne der Ge— rechtigkeit auf: da entſchwand ihr die Welt, da hatte ſie — 181 — Frieden im Herzen, Vergebung der Suͤnde, Kraft und Ans weiſung zum Guten, und Hoffnung des ewigen Lebens Dieſer Glaube an den Herrn, aus dem ſich Friede der Seele, Liebe und Hoffnung entwickeln, dieſe ſtille Andacht, dieſe freudige Hingabe, dieſe Verleugnung ſeiner ſelbſt und dieſe Entſagung der Welt, dieſes ſelige Opfer des Herzens: das iſt das Eine, was Noth iſt. Ich bedarf nicht vieler Geſetze und einer laͤſtigen Menge von Vorſchriften, die das Herz zerſtreuen und doch nicht foͤrdern. Nur Eins iſt Noth. Habe ich dieß Eine, ſo habe ich in Einem Al— les: Licht fuͤr meinen Geiſt, Troſt fuͤr mein Herz, Kraft fuͤr mein Leben. Dieſes Eine iſt das Reichſte und Hoͤchſte, das Allgemeinſte und Beſonderſte, das Leichteſte und das Schwerſte. Aber dieſes Eine iſt auch wahrhaft Noth! Mehr wie Liebe dem buͤlfsloſen Kinde, mehr wie Arzney dem Kranken, mehr wie Brot dem Geſunden, mehr wie Geſetz, Regel und Zeit dem Arbeitenden, iſt unſrer Seele dieß Eine Noth. Wer nicht fuͤhlt, daß dieß Eine ihm Noth iſt, gleicht einem Bettler, der vom Reichthum, und einem Lahmen, der vom raſchen Laufe traͤumt. Wir muͤſ⸗ ſen erwachen, meine Bruͤder! wir muͤſſen uns ſelbſt ken⸗ nen lernen, wir muͤſſen eingeſtehn, das Eine iſt Notb. Es iſt und bleibt uns ewig Noth; von der Stunde der Ge— burt bis in Ewigkeit bleibt es uns Noth, es iſt das Beduͤrf⸗ niß jedes Augenblicks, es ſey das Gebet jeder Stunde, und die Gabe jedes Tages! Wer es nicht erlangt, entbehrt das Hoͤchſte, entbehrt es in der Stunde des Todes, ents behrt eine ganze Ewigkeit hindurch, was ſein unſterblicher Geiſt verlangt und erſehnt. Die Zeit eilt, die Stunden fliehen, das Leben Läuft ab: wir muͤſſen erwachen! n Zufaͤllig ſchlug in dieſem Augenblicke die Kirchenuhr mit lauten und ſtarken Schlaͤgen ſechs. Ich ſchwieg be— troffen. Eine aͤngſtliche Stille lag auf der Verſammlung. Das war der Ruf des Todes, ſprach ich; das war der Puls der Zeit, das war die Stimme einer ſcheidenden Stunde des Lebens. Eins iſt Noth, ihr ſterblichen Mens ſchen! Laßt uns das gute Theil erwaͤhlen, das nicht von uns genommen werden ſoll. Amen. Die Gemeinde ſtand auf. Wir waren alle in der rechten Verfaſſung zu einem gemeinſamen Gebet und trus gen dem Herrn die allgemeinen und beſondern Beduͤrfniſſe vor. Zum Schluß wurden einige Verſe aus dem unver— gleichlichen Liede: Eins iſt Noth, geſungen, in denen die Gemeinde gleichſam bekraͤftigend den Vortrag wiederholte. Das Gefuͤhl, in dem ich mit der Menge aus der Kirche ging und durch die winterliche Nacht nach Hauſe eilte, will ich nicht zu beſchreiben ſuchen. Ich war gewiß, nicht ohne Segen geredet zu haben, denn ich trug das Uns terpfand in meinem eigenen Herzen. Aber ich dankte dem Herrn, daß die Betrachtung ſeines Worts im Stande ſey, dem Geiſtlichen nach der boͤſen, leeren Stunde wieder eine gute zu geben. a. 6, Das Feſt der heiligen drei Könige, — — Ziemt es ſich, meine Zuhoͤrer — ſo redete ich die Gemeinde am Tage der heiligen drei Könige an — ziemt es ſich, da wir in jedem Jahre fo viele kirchlichen und va; terlaͤndiſchen Feſte feyern, grade das Feſt zu uͤberſehen, in dem beyde Reihen ſich vereinigen, und das eben ſo ſehr kirchliches als vaterlaͤndiſches Feſt iſt? Ich meine, das Feſt der Bekehrung unſerer Vaͤter zum Chriſtenthume. Vor einer Stunde ſahen wir das glaͤnzende Schau— ſpiel der ſchwindenden Winternacht, und des kommenden Tages. Wen hat nicht der Anblick des goldenen Mor genrothes erfreut, das dem heutigen Tage aufging, und das noch durch die bunten Scheiben unſerer alterthuͤmlichen Kirche vom Himmel zu uns hereinleuchtet. Der chriſtlichen Kirche in unſerm Vaterlande, dem hellen Sonnentage des Evangeliums ging ein ſolches Morgenroth vorher. Und wenn wir jenes alltaͤglich mit Freude betrachten, ziemt es ſich dann nicht, alljaͤhrlich in Mitten der Gemeinde ſich dieſes hoͤheren, geiſtigen Morgenrothes zu erinnern? Der heutige Tag, an dem der Geſchichte gedacht wird, wie die Erſtlinge der Heiden bey dem neugebornen Heilande erſchie— nen, iſt viele Jahrhunderte hindurch der Tag des Lich— tes geheißen worden, und uͤberall, wo er gefeyert wird, freut man ſich, daß die Stellvertreter der heidniſchen Welt, fo frühe bey dem Könige Iſraels ſich eingefunden. Aber eine Betrachtung hat nur dann Leben, wenn wir jede große allgemeine, die ganze Welt umfaſſende Angelegenheit in der naͤchſten Beziehung auf uns erwaͤgen, und ſo die allgemei— nen Verhaͤltniſſe durch unſere eigenen hindurch erblicken, und dieſe in jenen gegeben finden. Darum muͤſſen wir den Tag des Lichtes als einen Tag unſers Landes anfes _ hen, und die Erſcheinung Chriſti fuͤr die heidniſche Welt als eine Erſcheinung Chriſti in unſerm Vaterlande preiſen. So ſey uns denn das heutige Feſt ein Heidenfeſt, an dem wir die Bekehrung unſerer Vaͤter vom Heidenthum zum Chriſtenthum feyern. Auf dieſe Weiſe hatte ich eine Feyer eingeleitet, an die ich ſeit langer Zeit mit begeiſtertem Vorgefuͤhl gedacht, wenn ich einen Blick in die Vorzeit der chriſtlichen Kirche warf, oder an merkwuͤrdigen Stellen der Geſchichte unſe— rer Gegend ſtand, oder das neu erwachende Leben des Glaubens in unſerer Zeit betrachtete. Eine ſolche Feyer hat einen noch unbenutzten Reichthum an Aufforderungen zum Dank, zur Freude und zu neuem Eifer, und ein Herz, dem Kirche und Vaterland theuer ſind, muß in ihr eine Fuͤlle heiliger Beziehungen finden. Hat in Euch, liebe Leſer! dieſe Einladung nur einen Theil der Aufmerkſamkeit angeregt, die ſich in der Ge— meinde befand, ſo werdet Ihr mir erlauben, daß ich den Gang unſerer Betrachtung Euch mit Wenigem nachzeichne. Um den Gegenſtand des Feſtes in der Gruͤndlichkeit und weltgeſchichtlichen Tiefe aufzufaſſen, welche der chriſt— lichen Darſtellung eines einzelnen Ereigniſſes ziemen, muß— ten wir uns in jene Zeiten der Verheiſſung verſetzen, in — 18 — denen die Welt ſich in Juden und Heiden theilte. Wir mußten uns erinnern, daß in den hohen Weiſſagungen der Propheten derjenige, den man als den Troſt Iſraels erſehnte, auch als das Licht der Heiden verkuͤndigt, und ſo der Erwartung eine die ganze Menfchheit betreffende Größe gegeben wurde. Wir mußten auch einen Blick auf die heidniſche Welt werfen, und hier einige, wenn gleich dun— kele Hinweiſungen auf den Heiland beruͤhren, der vom Himmel kommen fol. Dann verweilten wir bey der am» ziehenden Geſchichte des Feſttages, und betrachteten die Erſcheinung der Weiſen aus dem Morgenlande vor dem gebenedeyten Kindlein. Darauf gedachten wir jener merk⸗— wuͤrdigen Verſammlung, in welcher zwey Apoſtel ſich zu Heidenbothen weiheten. Von den erſten herrlichen Anfaͤn⸗ gen, und den großen, weithinreichenden Wirkungen, die ihr Eifer bereitete, kamen wir auf die alten Sagen uͤber die Verkuͤndigung des Evangeliums in unſern Gegenden, auf den Muth und die Heldenkraft unſerer erſten Heidenbothen, auf die Verfolgungen und den Tod, den ſie erlitten, und auf die freudige Annahme der frohen Bothſchaft von dem erſchienen Gottesſohne, die ſie in einigen Gemuͤthern fan— den, und ſo von der Menſchheit zu dem Volke, von dem Volke zum Stamm, von dem Stamme zu unſerm Thale fortſchreitend, bemerkten wir endlich, wie grade in ihm, wo vor Zeiten drey Goͤtzenhaine geſtanden, nun die Thuͤrme dreyer chriſtlicher Gotteshaͤuſer emporragen. Alsbald vergegenwaͤrtigten wir uns die unzaͤhligen Vorzuͤge, die grade unſer Volk aus dieſem Ereigniß em— pfangen, wie die Wälder gelichtet, und die Sitten gemil— dert, wie die Suͤmpfe bebaut, und das Leben verſchoͤnert 1,489 — worden, und wie felbft unſers Tempels kreuzfoͤrmige Baus art die waldartige Daͤmmerung und die geheimen Schauer, die das Nahen des Unbegreiflichen verkuͤndigen ein ſtehen⸗ des Bild der Gemuͤthsverfaſſung unſerer Vorfahren ſey. Vor allen erhob ſich unſer Herz, als wir erwogen, wie ers freulich es ſey, in einer Gegend zu wohnen, in der ſchon länger als ein Jahrtauſend Chriſten gewandelt, Chriſten— lieder erſchollen, Chriſtengebete emporſtiegen, und Chriſten⸗ werke geuͤbt ſeyen, und wie ſehr es uns ermuntere, ſolch ein Vaterland als ein ehrwuͤrdiges und geheiligtes Land mit beſonderer Ehrfurcht und Liebe zu betrachten, und wie viel Troſt es gewaͤhre, einem Volke anzugehoͤren und von Vaͤtern entſproſſen zu ſeyn, unter denen gewiß Tauſende ſchon auf Erden ein ſeliges Leben gefuͤhrt, und jenſeits den Lohn des Glaubens empfangen haben. Jene geſchichtliche Betrachtung und dieſe Beherzigung brachten uns dann endlich zu der Einſicht, daß man das Gedaͤchtniß ſolcher großen Wohlthaten mit dem aufmerkſa— men Nachdenken uͤber das fortgehende Werk des Herrn feyern muͤſſe. Die Erſcheinung Chriſti in unſerm Lande iſt nur ein einzelner Punkt in der Linie, die in vielfachen Beugungen und Abweichungen die ganze Erde umlaͤuft. In Jeruſalem faͤngt ſie an; ſeitdem iſt ſie immer im Vor⸗ ruͤcken geweſen, auch in unſern Tagen bricht mit ihr die neue Zeit in fernen Welttheilen an, und nicht ruhen wird das Werk, bis es vollendet, und die Erde voll iſt von der Erkenntniß der Ehre des Herrn. Sollte uns denn bey dem Andenken an den Aufgang der Wahrheit in unſerm Lande nicht beſonders der Aufgang derſelben in unſerer Zeit nahe liegen, und ſollten wir nicht die Maͤnner ehren, n und ihre Arbeit fördern, die Vaterland und Freunde, alte Gewohnheit und Bequemlichkeit verlaſſen, und an rauhen Seegeſtaden, in unbebauten Inſeln, in Waͤldern und Wuͤ⸗ ſten den Namen des Herrn verkuͤndigen? Freilich darf uns dieſe Theilnahme nicht von uns ſelbſt entfernen ſondern ſie ſoll uns vielmehr mit dem freudigſten Gedanken gegen Gottes Huld erfuͤllen, die uns fo frühe zu Theil geworden, und uns begeiſtern, das Werk des Glaubens in uns ſelbſt fortzuſetzen, damit das Heidniſche, das ſich noch in jedem Menſchen und in jedem Hauſe findet, hinweggethan, und ſo der Eine wichtigſte Beruf im Leben der Voͤlker und des Einzelnen, der ohne unſer Zuthun von auſſen an uns be— gonnen, mit Bewußtſeyn innerlich in uns vollendet werde. Das waren die Feſtgedanken, in denen ich der Ge— meinde die Feyer meines Herzens darzuſtellen ſuchte. Oft hatte ich die alte, ehrwuͤrdige Kirche, mit einem eigenen Gefühle der Ehrfurcht betrachtet, aber nie mit dies ſer kindlichen Anhaͤnglichkeit, und dieſer demuͤthigen Ver— ehrung, die ich nach der Predigt empfand, als die Ge— meinde dieſer Zeit ſich entfernt hatte, und ich allein ſtand in dem Werke alter Zeit, und unter den Denkmaͤhlern verſchollener Tage, aus denen nur noch eine dunkele Kunde zuruͤckgeblieben iſt. Das empfand ich am Nachmittage noch vielſeitiger und ruhiger, als ich in der Kirche die Ankunft einer Tauf— geſellſchaft erwartete. Ich wanderte durch die Hallen und Kreuzgaͤnge. Ich blickte zu den gemahlten Fenſtern auf. Ich betrachtete die Leichenſteine unter meinen Fuͤßen, de— ren Schrift durch den Gang der Jahrhunderte ſchon abge— treten iſt. Ehe dieſe Kirche hier ſtand, dachte ich, wie m mancher deiner Vaͤter mag tiber dieſe Stelle feinen Weg zu Jagden, Kriegen und Goͤtzenmahlen genommen, und eine Ahnung in ſich getragen haben, zu der er das Wort nicht einmal kannte. Als dieſe Kirche vor vielen Jahrhun— derten erbaut wurde, wie werden die Werkleute, die Geiſt— lichen, die Anwohner ſich des chriſtlichen Tempels gefreut, und des Segens gedacht haben, den kommende Geſchlech— ter empfangen wuͤrden. Wie wenige chriſtliche Vorfahren mochte das erſte Kind zaͤhlen, das hier getauft wurde! Wie viel heidniſcher Brauch mochte ſich noch auf der er— ſten Hochzeit finden, zu der hier die Trauung Statt fand! Wie oft mochte der erſte Todte, der hier begraben ward, noch Heidenfamilien in ſeinem Leben geſehen haben! Ich dachte an die folgenden Zeiten; an die Prieſter, die dort am Altare gekniet, an die vielen Geſchlechter der Menſchen, die auf dieſen Sitzen geweint und gebetet, und die Hoff— nung des ewigen Lebens empfunden hatten. Wie viel Zei— ten von Volkesnoth aller Art, Zeiten der Peſt, des Krie— ges und der Hungersnoth, haben ihre Klagen in dieſen Hallen ausgeſchuͤttet! Wie viel menſchliche Anſichten und Weiſen ſind in dieſem Tempel genannt und gehegt, ſind in ihm erſchienen und neu geweſen, und in ihm daran ge— geben und alt geworden, bis endlich er ſelber, ein alter Bau, einſam unter den neuen Tempeln anderer Zeiten daſteht! Iſt es doch uns Nachkoͤmmlingen, wenn wir in ihn hereintreten, als wenn wir aus unſerer Zeit aus— gingen, und die in dunkele, daͤmmerige, ſchauerliche Vor— zeit hinabſtiegen. Dort haͤngt ein Ueberbleibſel aus der Heidenzeit, wie man ſagt. Es iſt ſchoͤn, in ſolch einem chriſtlichen Tempel auch ein Ueberbleibſel aus — 102 — jenem Glauben zu ſehen, der durch die Verkündigung des Evangelü unterging. Es hängt da, wie ein Siegeszeichen der Predigt vom Kreuze. Auf dieſelbe Weiſe mahnt es uns immer freundlich an den Tempel zu Jeruſalem, wenn wir in einem alten Gotteshauſe die dreyfache Eintheilung in Chor, Schiff und Vorhalle finden. Dieſer Gedanke fuͤhrte mich auf eine Vergleichung des Chriſtenthums mit Heidenthum und Judenthum, in der ich unterbrochen wurde, als die Geſellſchaft mit dem Taͤuf— ling ſich dem großen Taufſteine am Haupteingange der Kirche nahete. Der Kirchner hob die eherne Bedeckung ab, eine große, ſteinerne Wanne mit dem Taufwaſſer lag vor uns. Ich fragte nach dem Namen, welcher dem Taͤuflinge beygelegt werden ſollte, und wurde uͤberraſcht, als ich den gemein⸗ ſchaftlichen Namen der Bruͤder vernahm, die in dieſer Ge⸗ gend die erſten Heidenbothen geweſen. Unwillkuͤhrlich wurde ich an die Bedeutung des Tages erinnert, und fuhr in der ſo eben abgebrochenen Betrachtung fort, und be— gann die Taufrede alſo: Dieſes Kind iſt zur Taufe hergebracht. Durch die Taufe ſoll es ein Chriſt werden. Ein Chriſt ſeyn, und ein neuer Menſch ſeyn, wird uͤberall in der heiligen Schrift fuͤr daſſelbe gehalten. Das Chriſtenthum traͤgt uͤberall das Gepraͤge des Neuen, und immer wird es das ewige Neue, nie Alte ſeyn, bis keine Zeit, alſo auch kein Altes und Neues mehr iſt. Indeß wenn das Chriſten— thum das ewige Neue iſt, ſo muͤſſen wir uns wohl huͤten, an fortgeſetzten, endloſen, irdiſchen Wechſel zu denken. Iſt es das Neue, ſo iſt es auch das Eine. Man muß das . Chriſtenthum als das ewig Neue, und doch auch als das immer Eine anſehen. Was folgt daraus? Dem Neuen und Einen ſteht das Alte und Vielfache entgegen. Ver⸗ nehmt dieſe wichtige Wahrheit in den Worten der Schrift ausgeſprochen: Chriſtus hat aus zweyen Einen neuen Menſchen in Ihm ſelber geſchaffen und Friede gemacht. Dieſe zwey ſind die Alten, die dem Einen Neuen entge⸗ gen ſtehen — Heidenthum und Judenthum. Wie wunder⸗ bar wiederholt ſich dieſe Führung des ganzen Menfchens geſchlechtes in jedem einzelnen Menſchen! Auch der Menſch, der als Chriſt ein neuer und in ſich eini— ger Menſch wird, geht aus einem alten zwietraͤchtigen Zuſtande heraus. Jeder Menſch hat etwas Heidniſches in ſich, das Fleiſch herrſcht in ihm, und er iſt den Naturge⸗ walten anheim gegeben. Jeder Menſch hat das Weſen des Judenthums in ſich, ihm wird das Geſetz gegeben, und er fuͤhlt ſich demſelben unterthan. Gluͤcklich der Menſch, dem beydes alt wird, in deſſen Herzen Friede gemacht, und der zu einem neuen einigen Menſchen in Chriſto erſchaffen wird! Der Glaube erloͤſet ihn aus der Gewalt der Natur, und von der Buͤrde des Geſetzes; der Glaube ſchlaͤgt die Feſſeln der Sinnlichkeit auseinander, und die Knechtſchaft des Geſetzes hoͤrt auf. Dieſes Gluͤck ſchenkt dir die Taufe, theurer Saͤugling, und durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung des heiligen Geiſtes wird dir jener Friede zu— geſagt, noch ehe die Trennung in dir begonnen iſt. Auch in Dir will Chriſtus aus zweyen Einen neuen Menſchen in Ihm ſelber ſchaffen. Der Geiſt unſers Herrn Jeſu Chriſti ſey mit deinem Geiſte! Amen! Glockentoͤne. te Aufl. 13 — 194 — Damit waren wir zu dem Augenblick gekommen, in dem das beilige Sacrament der Taufe an dem Taͤuflinge vollzogen werden ſollte. Der Vater hielt ihn über der Taufe, die Umſtehenden verharrten in ſtillem Gebete, und der Geiſtliche ſprach die geweiheten Worte der Kirche. Als die heilige Handlung vollzogen war, begleitete ich die Taufgeſellſchaft in das Haus der Aeltern. Es waren fromme und gebildete Menſchen, mit denen ich gern die übrigen Stunden des Feſttages verleben mochte. Wir be gruͤßten die harrende Mutter, die in ſtillem Entzuͤcken das Kindlein vom Altare an ihre Bruſt, von einem hoͤheren Mutterherzen an das ihrige zuruͤck empfing. Der Gedanke der Taufrede wurde ihr mitgetheilt, und wir ſprachen den Wunſch aus, daß an ihrer glaubens- und liebevollen Bruſt der neue Menſch ſchon im Voraus den beyden alten einen Vorſprung abgewinnen, und gleich zu Anfange ſchon zuvorkommen moͤchte. Ach, was die Mutter betrifft — rief der Vater mit einem Blick unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit aus, ſo iſt ſie außerdem nie unter dem Geſetze geweſen, es iſt ihr beſſer geworden als dem Vater, aber dafuͤr wird ſie auch den Knaben unter dem Geſetze nicht zu handhaben wiſſen. Deſto beſſer, rief der geiſtvolle Switbert aus. In edeln Frauen wohnt des Volkes Herrlichkeit ja immer am treueſten. Man fragte ihn, wie er das meine. Ich will es Euch ſagen, fiel Ewald ein, denn er wurde ſich doch ſchaͤmen, es ſelbſt zu ſagen, in dieſer Ge— ſellſchaft. Er meint, der neue Meuſch behalte in den Frauen immer etwas Heidniſches, wie in uns immer etwas Geſetzliches. 5 Iſt das auch rechte Gevatterliebe? entgegnete jener. Seine Deutung beweiſet wenigſtens an ihm ſelber, was er von den Maͤnnern ſagt. Das Auslegen iſt Prieſtergeſchaͤft, ſagte ich, Swit— bert preiſet des deutſchen Volkes Gluͤck an unſern Muͤt⸗ tern. Wie jenes uͤberſpringen ſie zuweilen die zweyte Stufe, und werden Chriſten, ohne des Geſetzes Arbeit durchgekaͤmpft zu haben, die wir leider nachholen muͤſſen. Wohl, fuͤgte der Vater hinzu. Eben darum ſind ſie ſo herrliche, ja einzige Erzieherinnen, und bey dir, holder Knabe, ſoll der Vater auch nur dann nachhelfen, wenn du deines Volkes und deiner Mutter Weiſe verlaſſen willſt. Die Mutter wollte an ſo feyerlichem Tage mit dieſen Spitzfindigkeiten nichts zu thun haben, und ſandte uns in den Saal hinab, damit wir durch einige Erfriſchungen aus Zukunft und Vergangenheit wieder zur Gegenwart gelan⸗ gen möchten, die dem Chriſtenthum doch, meinte fie, fo ganz eigentlich gehöre. Im Saale war eine groͤßere Ge- ſellſchaft, und die Bemerkung einer Frau, wie es bey dem Einbruch der Heiden geſtanden (eine bildliche Redensart in dieſer Gegend, die eines Kindes Geburt bezeichnet), brachte uns ſchnell auf den Gegenſtand des Tages zuruͤck. Manche Sage aus der Zeit der Bekehrung unſerer Vaͤter, von Karl dem Großen und ſeinem gewaltſamen Wirken, und der ſtillen, vorbereitenden Arbeit der frommen damahligen Hei— denboten aus England wurde erzaͤhlt. Am laͤngſten ver⸗ breitete ſich das Geſpraͤch uͤber diejenigen Stellen des Lan— des, an denen geſchichtliche Erinnerungen aus jenen Zei— ten fortleben. Inzwiſchen ſchien das Abendroth friſch durch die zugefrornen Fenſter, und dieſes Licht und der muntere Froſt belebte die ganze Geſellſchaft. 13 * l Ewald ſah hinaus, und trat dann plotzlich mit dem Vorſchlage zu uns, jetzt im Abendroth und dann bey Fak— kelſcheine die Wallfahrt zu der Stelle zu machen, wo der erſte Apoſtel unſers Landes gefallen. Allen ſchien dieſer Zug ein nothwendiges Stuͤck zu den beyden vorhergehen— den Stuͤcken des Feſtes, der Predigt und der Taufe zu ſeyn. Die Frauen freuten ſich der Gelegenheit zu noch fernern Anordnungen, und in einigen Augenblicken waren wir in der Ausfuͤhrung des paſſenden Vorſchlages begriffen. Es war ein ſchoͤner Winterabend. Die Erde war zus gefroren, ein wenig Schnee hatte die Oberflaͤche bedeckt, und die Strahlen der untergehenden Sonne ſpiegelten ſich in dem blinkenden Eiſe. Wir zogen in ziemlich großer Geſellſchaft uͤber einige Huͤgel, deren Baͤume wie winterliche Bluͤthenbuͤume ausſahen, durch dunkele Thaͤler und Schluchten, neben alten Bauernhaͤuſern mit Strohdaͤchern vorbey, und hier und da begruͤßten wir ei— nen Landbewohner, der im Ernſt und in der Kraft eines alten Saſſen vorwaͤrts ſchritt. Aus einem Oberhofe, durch deſſen Bezirk wir gingen, ſtrahlte ein hohes Holzfeuer vom Heerde die Scheuer herab, und wir bemerkten einige Nach⸗ barn um den Heerd herumſitzen. Alles verſetzte uns ein Jahrtauſend in die alte Sachſenzeit zuruͤck. Endlich ſtan⸗ den wir in einem dunkeln Eichthale vor einer Anhoͤhe. Die Baͤume ſchuͤttelten ihren bluͤthenden Reif auf uns herab. Hier ſoll unter heiligen Eichen ein alter Goͤtze ver— ehrt, und ihm zur Suͤhne einer unſerer Heidenbothen ge— toͤdtet ſeyn. N Schauerlich wehte uns der Athem des Alterthums aus den Eichen an. Das rothe Laub raſſelte uns unter den N Fuͤßen, und nach ſeiner Farbe ſchien es, als ſey es mit dem Blute des Maͤrtyrers gefaͤrbt. Die Fackeln weheten wild in dem friſchen Winde. Die Sterne ſchienen von oben herab und vollendeten das Grauen beym kuͤhnen Blicke durch die enthuͤllte Ritze des Alterthums. Dort ſtand die Mauer des Hofes, deſſen Herr die Unthat vol; bracht. Der Heiden blinde Goͤtzenwuth und des Maͤrty— rers glaͤubiges Ende traten vor unſere Seele. Im Hin— tergrunde drohten die Kolben und Spieße der unbekehrten Wehrmaͤnner, wir meinten des Gaues Grafen mit dem Heerbann, dann weiter Carol mit ſeinen Franken, und des Kreuzes Panier zu ſehen, und endlich Hallelujah zu hoͤren. Alle ſolche Bilder aus jenen Zeiten wurden in unſerer Seele wach, mit ſeltſamen ſchauerlichen Gefühlen umring⸗ ten wir unter dem Lichte der wenigen Fackeln den Huͤgel, wo die Gebeine des Heroldes Jeſu Chriſti lagen, und ſangen: Wo gingt ihr hin? Wo kamt ihr her? Ihr grünenden Gebeine? Dir nach, je länger und je mehr, Du Herzog der Gemeine! Sie kamen aus der Friedensſtadt, Vom Seelenhunger müd' und malt. Gelobt ſey euer muntrer Gang, Und eurer Füße Rauſchen! Und wollt ihr Freyheit gegen Zwang Ruh für die Unruh tauſchen. Geht hin, der euch gerufen hat, Rüſt't andere aus an eurer Statt. Die wenigen einſamen Stimmen um den Huͤgel her gaben dem Geſange in der Stille der Nacht eine Feyer— = 498. lichkeit, und ich kann es nicht anders ausdruͤcken, eine Ferne, daß unſere eigenen Toͤne uns aus dem Grabe der Jahrhunderte herzuſchweben ſchienen. Nach dem Geſange ſprach keiner. Ein ſeltſames Schweigen war in der Schlucht. Jeder ſchien ſein Gefuͤhl im Innern zu bewah⸗ ren, aber gewiß zu ſeyn, daß das, was in ihm vorging, auch in den andern empfunden werde. Endlich rief Swit- bert: Hallelujah! Die Saat der Thraͤnen und des Bluts iſt aufgegangen! Die Gebeine gruͤnen nach eilf Jahrhun⸗ derten! Wir ordneten uns, vertheilten die Fackeln, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. In den Eichwaldungen ragten die kahlen Saͤulen der tauſendjaͤhrigen Staͤmme mit ihren nackten Zweigen gen Himmel. Dunkel und braun lag die Waldwand uns gegenuͤber, und nur einzelne ſchnee⸗ bedeckte weiße Stellen leuchteten aus dem finſtern Grunde herauf. Am Himmel zogen einige dunkele Wolken, und dort oben, wie unten am Boden, war ſcharf Licht und Schatten, Helle und Finſterniß neben einander. In un⸗ ſerm Zuge nicht weniger. Die einzelnen flackernden Fak⸗ keln ſchienen Sterne zu ſeyn, die uns, wie die Weiſen aus Morgenland aus Nacht zu Licht fuͤhren ſollten. Auf der Hoͤhe begegnete uns ein Bauer, der, als er mich ſah, Gottlob! rief, ihr ſeyd es, Herr Pfarrer, und es ſind doch lebende Menſchen mit Fleiſch und Blut. Mein Weg fuͤhrte mich dort uͤber die Hoͤhe, da ſah ich Fackeln um den Heidenberg, und hoͤrte wunderbare Geſaͤnge. Man erzaͤhlt ſich viel Graͤuliches, das da umgeht. Eiskalt durch⸗ lief es mich. Nun ſeh ich doch, daß es nichts iſt. Wir zogen weiter, und das Geſprach wurde wieder u lebendiger. Eben waren wir beym Ausgange des Eich— waldes, und ſprachen uͤber das Gluͤck, welches Chriſtus bringt, und welches man ſo recht eigentlich das furchtloſe nennen kann, da er Licht und Liebe gebe, und wo beydes ſey, ſchwinde die Furcht, und weil die Seele des Ungluͤk— kes die Furcht iſt, auch alles Ungluͤck. Da traten uns drei weiß gekleidete Juͤnglinge entgegen, welche nach alter Sitte an dieſem Tage von Hofe zu Hofe ziehen, und mit der Erinnerung an die Wohlthat des Herrn eine Gabe zu ver— dienen meinen. Ihrer ſind drey, um die Zahl der drey Weiſen aus Morgenland anzudeuten. Einer iſt ſchwarz, um an den Mohrenkoͤnig zu erinnern, der unter ihnen ges weſen ſeyn ſoll. Alle tragen ein weiſſes Gewand, um durch das Gewand der Taͤuflinge in alter Zeit den Ein— gang der Heiden in die chriſtliche Kirche zu erkennen zu geben. Sie drehen einen großen Stern herum, und ſingen dazu ein Lied. Mit dieſem Liede ſangen ſie auch uns entgegen, und der kleine Saͤngerlohn entging ihnen nicht. Nur Schade, ſagten wir, daß die alten ſchoͤnen Volks⸗ braͤuche ihren Sinn nicht zugleich mit ſich ſelbſt im Volke erhalten haben. Denn die Vergebung, die uns das weiße Gewand abbildet — das himmliſche Licht des Sternes, das uns ewiges Leben in der Nacht der Erde verheißt, — und die Gewalt des Glaubens, die im Geſange hervortritt, und das ganze Leben zu einem frommen und froͤhlichen Liede nach mancherley abweichender Weiſe bildet: dieſe drey himmliſchen Gaben machen ja das hohe Gluͤck aus, welches Chriſtus uns gebracht hat. u —— . Die erſte Predigt. Es iſt ſchon eine Reihe von Jahren, ſeit ich meine erſte Predigt gehalten habe, und doch ſteht ſie und die ganze Reihe von Empfindungen und Gedanken mit allen Einzelheiten der Umgebung noch ſo lebhaft vor mir, daß ich, indem ich dieſe Erinnerung niederſchreibe, nur kuͤrzlich Vergangenes zu erzaͤhlen glaube. Das Bild, das mir von dieſem Ereigniſſe in der Seele zuruͤckgeblieben iſt, hat ſich derſelben ſo tief eingedruͤckt, daß ich es nie verlieren werde: und wenn ich die wohlthaͤtigen Wirkungen bedenke, die es bey jedesmaliger Betrachtung auf mich macht, ſo halte ich es fuͤr Pflicht, vorzuͤgliche Sorge zu tragen, daß es treu und unverletzt in meinem Innern aufbewahrt bleibe. Freylich bin ich mir wohl bewußt, daß das, was eine erſte Predigt merkwuͤrdig macht, ihr nur Werth fuͤr einen ſehr kleinen Kreis zu geben vermag; ich verhehle mir es nicht und wußte es auch ſchon damals ſehr gut, daß die Leiſtung gering, unſicher und unbedeutend war, und ich mußte es ſchon damals geſtehen, daß, da es der groͤßte Segen eines Vortrages iſt, wenn der Redner uͤber der Rede vergeſſen wird, bey der erſten Predigt gerade das 55 Gegentheil Statt findet und man bey ihr die Rede uͤber den Redner vergißt. Aber bey dem Allen iſt mir keine ſpaͤtere Amtshandlung in allen einzelnen Zuͤgen ſo gegen— waͤrtig und fo nahe geblieben, als dieſe Predigt. Es war der erſte Advent und ein truͤber November— tag, an dem ich ſie hielt, und doch moͤchte ich ihn den ſchoͤnſten Tag meiner Jugend nennen. Das Erſte in allen Verhaͤltniſſen ſcheint eine beſondere Gabe von Gott zu empfangen, und bey aller Unvollkom⸗ menheit bleibt es doch das Erſte, Friſcheſte, Hoffnungs— vollſte. Vielleicht eben darum, weil man hier weniger, als bey den fernern Handlungen ſelbſt macht und alles mehr gegeben und angenommen wird. In allen hoͤheren Din⸗ gen hat das Gegebene fuͤr unſer Herz mehr Werth, als das ſelbſt Gemachte, wenigſtens dann, wenn wir uns ſelbſt kennen. Wenn es mir gelange, meine Stimmung bey der ers ſten Predigt ganz treu und vollſtaͤndig zu ſchildern, ſo wuͤrde ich nicht allein eine der gluͤcklichſten Zeiten meines Lebens, ſondern auch meine Anſicht von dem geiſtlichen Berufe, und die Art, wie ich ihn ergriffen, darſtellen. In⸗ deß fuͤhle ich wohl, daß dieß eben deswegen unmoͤglich iſt und ich werde mich freuen, wenn mir nur einige Andeus tungen gelingen. Indem ich nun dieſe allgemeinen Bemerkungen nie⸗ derſchreibe, ſtroͤmen mir ſo viele Erinnerungen zu, ſcheint das Gefuͤhl, das mich an jenem Tage ſo maͤchtig be⸗ herrſchte, in ſeiner fruͤheren Staͤrke wiederzukehren, und mein Herz iſt ſo eigen bewegt und uͤberwaͤltigt, daß ich mich ſammeln muß, um mit Ruhe und Ordnung die Erzaͤhlung zu beginnen. — "0 = Wahrlich, alle ſpaͤtern Freuden und Leiden des Amtes, alle Begeiſterung und alle Beſchaͤmung, alle große Erhe— bung und alle tiefe Demuͤthigung, die ich reichlich erfahren, waren in dem Gefuͤhle dieſes Tages zuſammen gedraͤngt. Die erſte Predigt iſt der heilige Augenblick der Weihe, der mit viel weiſſagenden Empfindungen ein ganzes Leben er— öffnet, und in Einem unausſprechlichen Gefühl die Stim— mungen und innern Schickſale der kuͤnftigen Tage vorbil— det. Jede bedeutende Erſcheinung in meinem innern Le⸗ ben, als eines Geiſtlichen, kehrt unwillkuͤhrlich zu dieſer er⸗ ſten zuruͤck und findet ſich da ſchon angelegt und begon— nen. Es iſt, als waͤren alle in ihr ſchon gegeben, und jede trete forthin nur einzeln und abgeſondert auf, um ſich fuͤr ſich beſtimmter zu entwickeln, und muͤßte alsdann, groß gezogen, zu der Mutter zuruͤck, um ſich bey ihr zu erinnern, wie ſie nur ein einzelnes Glied der Familie, ein Theil des Ganzen ſeye. So zieht ſich durch das ganze kuͤnftige Leben ein eigener, wohlthuender und alles Fol gende ordnender Glaube an die Fuͤlle des Erſten. Er kommt uns auch bey vielen andern Verhaͤltniſſen entgegen. Das erſte Bild, das wir von einer großen, durch lange Zeit ſich ausdehnenden Handlung im Gemuͤthe entwerfen, muß daſſelbe ſchon ganz enthalten; es darf nachher nichts Weſentliches hinzukommen, wenn die Handlung dieſelbe bleiben ſoll, und in jedem folgenden Fortſchritt muͤſſen wir immer zu ihm zuruͤckkehren, um nicht allein der Eins heit mit demſelben uns bewußt zu bleiben, ſondern auch um uns den Muth und die Freudigkeit des Anfangs zu erhalten. Auf gleiche Weiſe erfahren wir, daß das erſte Bewußtſeyn einer neuen Geſinnung dieſelbe mit allen ihren r EB — Gründen und Beſchaffenheiten ſchon in ſich trägt, und daß in ihr das goͤttliche neue Leben ſchon vollſtaͤndig geboren ſey und darum nennen wir es Wiedergeburt. Die darauf folgende Heiligung iſt nur Entwicklung, Durchfuͤhrung, Be⸗ ſtaͤttigung. Daß dieſe nothwendig ſey und mit dem Anz fange der Fortgang nicht uͤberfluͤſſig werde, erhellt ſchon daraus, daß das Erſte nicht das Erſte ſeyn koͤnnte, wenn es nicht eine Reihe des Folgenden anfinge. Aber das bleibt gewiß, ein begeiſterter Anfang, ein tief empfundenes Er⸗ ſtes und der entſcheidende Eintritt in ein neues Leben be⸗ halten einen Werth, den ihnen keine Zeit raubt. Jeder Menſch muß fuͤr den Beruf geboren ſeyn, wel— chen er hernach ergreifen und zufrieden ausuͤben ſoll. So gewiß ein jeder mit allen ſeinen Anlagen und Kraͤften durch das eigenthuͤmliche Verhaͤltniß, welches zwiſchen ihnen beſteht, ein eigener, beſonderer Menſch iſt: ſo gewiß muß ihm in einer Welt, die eine ewige Weisheit regiert, durch dieſes Verhaͤltniß auch der Wirkungskreis vorher beſtimmt ſeyn, in dem er ſich entwickeln und auf andere wirken ſoll. Es liegt etwas auf dem tiefſten Grunde unſers Gemuͤthes, das uns ſchon fruͤhe mit einer dunkeln Gewalt beherrſcht und ſich ſchon dann aͤußert, wenn wir noch nicht daruͤber klar werden koͤnnen. Das iſt die Ahnung des Berufes. In den Traͤumen und Spielen des Kindes kommt ſie zu⸗ erſt herauf. Der junge Menſch geht ſinnend und forſchend umher, wo ſich dann das finden wolle, was ſeinem innern Drange antworten und ihm ſagen koͤnne, was er will. Endlich kommt der gluͤckliche Augenblick, in dem eine That des Vaters oder anderer Erwachſenen ihn mit unbeſchreib⸗ licher Sehnſucht erfüllt, das große Raͤthſel feiner Neigung — 24 — loͤſet, und alle feine jungen Kräfte in Bewegung ſetzt. Ich erinnere mich noch ſehr deutlich einer feyerlichen Hochzeit von der lange vorher geſprochen war und auf die man ſich mit außerordentlichen Zuruͤſtungen vorbereitete. Ich war ein Knabe von fuͤnf Jahren. Die Erzaͤhlungen und Erwartungen meiner Nachbarn und Geſpielen hatten mich aufs hoͤchſte geſpannt. Als nun der Hochzeitstag kam und unzaͤhlige Menſchen in feſtlichen Kleidern und mit frohen Angeſichtern ſich in dem Hauſe und dem Baumhofe verſam⸗ melten, unter den hohen Eichbaͤumen die lodernden Flam⸗ men einer dahin verlegten Kuͤche aufſtiegen, dann die Hochzeits-Muſik ertoͤnte, der Braͤutigam in einem langen Zuge von Juͤnglingen und die Braut in einem gleichen Zuge von Jungfrauen zu dem im Freyen errichteten Trau⸗ altare gefuͤhrt wurden, und nun eine allgemeine Stille ein⸗ trat, ein feyerlicher Geſang ertoͤnte und verſtummte, mein Vater dann allein redete, und ſich ploͤtzlich die Augen von ſo viel frohen Menſchen mit Thraͤnen fuͤllten, und nach der Rede manche zu ihm kamen und dankend ihm die Hand druͤckten: da erſchien mir mein Vater in einer Würde und Hoheit, daß ich nicht wagte, mich ihm zu nahen. Der Eindruck, den dieſer Vorfall auf mich machte, der erſte von der Gewalt der Rede, wurde mir nie alt; aber nach und nach bildete ſich der Gedanke in mir, daß ich doch ein überaus gluͤcklicher Menſch ſeyn wuͤrde, wenn mir einſt Aehnliches vergoͤnnt waͤre. Daß ich nicht unterlaſſen konnte, im Stillen und ſelbſt in den Spielen jener Jahre das zu verſuchen, was ſeitdem mein Leben und meine Sehnſucht geworden, laͤßt ſich leicht errathen. Mit ange: ſtrengter Aufmerkſamkcit wohnte ich dem oͤffentlichen Got⸗ — 205 — tesdienſte und allen Amtshandlungen bey, und wenn in benachbarten Kirchen ein fremder Prediger auftreten ſollte, ging ich gerne einige Stunden, ihn zu hoͤren. Als der Amtsbruder meines Vaters geſtorben war, und ſeine Stelle wieder beſetzt werden ſollte, gab es vielleicht in der ganzen Gemeinde keinen, dem die Wahl mehr Herzensſache war, als mir. Spaͤterhin, als mir die Herrlichkeit des Chriſten⸗ thums, die Erhabenheit des Glaubens und das dringende Beduͤrfniß der Erloͤſung kund wurden, erhielt das, was bisher nur Spiel und Andeutung der Neigung fuͤr die Form des geiſtlichen Wirkens war, die tiefere Begruͤndung durch die Sache ſelbſt und die Neigung wurde Beduͤrfniß der Seele, Verlangen des ganzen Menſchen, alleinige Rich⸗ tung des Gemuͤthes. Dabey empfing ich aus den Ge— ſpraͤchen und Amtshandlungen meines Vaters und aus dem Anblick der jugendlichen Liebe, mit der er noch in hoͤhern Jahren ſein Amt verſah, immer neue Nahrung fuͤr meine Sehnſucht. Am Abende, wenn ſich die Familie verſam⸗ melte, fiel jedes Mal das Geſpraͤch auf kirchliche Gegen: fände, und wenn dann zuweilen die Mutter auf meine erſte Predigt die Rede brachte: ſo kam mein ganzes We⸗ ſen in eine ſolche Bewegung, daß ich nicht ſelten hinaus in die Einſamkeit gehen mußte. In ſtillen Stunden, wo ich allein war, machte es die anziehendſte Beſchaͤftigung aus, mir das Bild von der erſten Predigt immer aufs neue auszumalen. Dieß hatte für eine Zeitlang eine ſon— derbare Folge. Weiter als zur erſten Predigt kam ich zu— letzt nie. Dadurch zog ſich nun die Betrachtung des Pre— digerlebens in dieſen einzigen Punkt zuſammen und hielt ich nun das kalte, leere, matte Weſen vieler aͤltern Predi— ger dagegen, fo mußte, da ich ihnen doch die erſte Begei⸗ ſterung zutraute, der Wahn entſtehen, als wenn nach die⸗ fer Höhe es immer mehr hinabgehe. Das Heilige wollte ich lieber gar nicht, als wie etwas Vergaͤngliches beſitzen. Daraus bildete ſich der Wunſch, daß mir verliehen werden möge, die hoͤchſte Begeiſterung in der erſten Predigt zu er fahren und dann zu ſterben. So oft derſelbe zum Vor⸗ ſchein kam, wurde er, wie billig, zuruͤckgewieſen, allein er war doch gekommen und zeugte von der Hoffnung, Erwar⸗ tung und Sehnſucht, mit denen ein jugendlich Gemuͤth dem Tage der erſten Predigt entgegen ſieht. Kaum war ich von der hohen Schule zuruͤck, ſo wur⸗ den ſchon Veranſtaltungen zur erſten Predigt getroffen. Es fuͤgte ſich, daß gerade der Sonntag, an dem das neue Kirchenjahr beginnt, fuͤr den bequemſten geachtet wurde. Man liebt es nicht ohne Urſache daß ein neuer Abſchnitt in dem Leben des Einzelnen mit einem Abſchnitt, den die Gemeinde feyert, zuſammen falle, denn ſo ſcheint die Freude und die Bitte des Einzelnen vom Ganzen getragen zu wer— den, und an die gemeinſchaftliche Erinnerung knuͤpft ſich fernerhin die beſondere, einzelne. Geſpannter bin ich in— nerlich nie geweſen, als in den vierzehn Tagen, die dem erſten Advent vorhergingen. Viele Zuruͤſtungen, Gebete und Betrachtungen mußten mich vorbereiten, ehe ich eines Morgens mich niederſetzte, die Predigt zu ſchreiben. Ich konnte keinen Anfang finden, der fuͤr eine ſo heilige Rede gewaͤhlt und geweiht genug ſey. Mit zitternder Hand ſchrieb ich das Gebet nieder, welches das erſte unter ſo vielen ſeyn ſollte, die ich oͤffentlich vor Gott bringen wuͤrde. Aber als ich nun tiefer in die Darſtellung der Wahrheit ge— == rieth, die ich vortragen wollte; als mit jedem Augenblick das Gewicht dieſer Wahrheit mir fuͤhlbarer wurde und der Zweck der Arbeit, eine ganze Verſammlung zu erbauen: da war alle Wahl und Aengſtlichkeit entflohen, in raſcher Theilnahme draͤngte ſich mein volles Herz an jedes Wort, und Gedanke und Wort ſtroͤmten in ungewohnter Fuͤlle. Mich duͤnkte, meine ganze Seele ſey in den Worten. Ich glaubte auch, der roheſte und kaͤlteſte Zuhoͤrer werde nicht widerſtehen koͤnnen; eine ſolche Wahrheit muͤſſe ihn ergrei⸗ ten, uͤberzeugen und zu Gott fuͤhren. Die Predigt han⸗ delte von der unſichtbaren Gemeinſchaft der Heiligen, und gewiß habe ich ſie nie lebhafter erkannt und gewaltiger empfunden, als in dieſen Stunden. Könnten wir in ſpaͤ⸗ tern Zeiten immer mit der zugenommeuen Fertigkeit in der Behandlung noch dieſe anfängliche Gegenwart der gan⸗ zen Seele bey jedem Wort verbinden, und bey der wach— ſenden Gewalt uͤber den Gegenſtand dieſe erſte Liebe, die— ſes eigene Ergriffen ſeyn, dieſes ſich ſelbſt Verlieren in den Gegenſtand bewahren: wie viel mehr wuͤrden die geiſtlichen Reden wirken! Aber jede Zeit ſcheint ibre eigenen Vor— zuͤge zu haben und nur in ſeltenen Stunden vereint ſich ungerufen beydes. Gott Lob, daß doch dieſe auch kommen, wenn gleich nur zuweilen. Als ich zu Ende war und das ganze Werk vor mir lag und ich nun Amen ſchrieb, wurde ich von einem un⸗ erklaͤrbaren Gefühle ergriffen. Ich ließ die Feder ſinken, unwillkuͤhrlich falteten ſich meine Haͤnde und ich brachte dem gnaͤdigen Gott meine innige Freude als ein Opfer des Dankes dar. So freut ſich nur der Anfaͤnger ſeines erſten vollendeten Werkes. So dankt nur er dem Herrn — 208 — für das gluͤckliche Ende, Mit dieſer Innigkeit wird der Menſch nie wieder ſeines Thuns froh, und er ſoll es auch nicht. Wie hier die Freude ihn ſtaͤrkt, ſo ſoll hernach der Schmerz über fo viel Fehlerhaftes ihn ſtaͤrken und weiter fuͤhren. Lobt man nicht das Kind, und tadelt den Knaben? Sollen wir nicht froͤhlich ſeyn mit dem Froͤhlichen, der beym erſten Schritte in das Reich Gottes Vergebung fins det, und weinen mit dem Weinenden, der in der Arbeit ſeiner Reinigung uͤber die Langſamkeit ſeiner Fortſchritte trauert? Ich konnte meine Freude nicht allein tragen. Ich mußte hingehen und ſie dem Vater mittheilen. Der Vater in ſeiner vaͤterlichen Weisheit ſtoͤrte ſie nicht, aber er maͤßigte ſie. | Der Abend war ein Feſtabend für die Familie und in der Hausandacht konnte ich nur danken. Des andern Morgens war ich am fruͤheſten auf, und durch mehrere Tage war des Beſſerns, Einlernens und Verſuchens kein Ende. Am Freytag Abend war ich fertig. Jetzt ſollte der Verſuch im Großen vorgenommen werden. Die Fas milie verſammelte ſich in dem großen Saale. Die Mutter wollte, daß ich in der vollen Amtskleidung reden ſollte. So trat ich denn auf, und redete mit einem Ernſte und einer Anſtrengung vor dieſem kleinen Kreiſe, die vor Tau— ſenden hingereicht hätten. Der Vater war wiederum uner— bittlich ſtrenge, und beklagte am Ende, daß ein angehender Geiſtlicher ſo viel aufwenden muͤſſe an Liebe, Luſt und Kraft, bis er die Form in ſeiner Gewalt habe, und er— mahnte mich, fuͤr ſie, wie oft geſchehe, nicht ſo viel zu verwenden, daß fuͤr die Hauptſache hernach nichts mehr uͤbrig bleibe. Ich nahm eine große Hoffnung auf den Sonntag aus dieſem Verſuche mit und benutzte am Sams ſtage die Winke, die mir der Vater gegeben. Als nun die Daͤmmerung kam, erſchien mein vertrauteſter Freund zum gewoͤhnlichen Feyergange. So nannten wir, aͤhnlich dem Feyerabende, einen Spaziergang, welchen wir regelmaͤßig jeden Samſtag Abend zu einer Anhoͤhe machten, von der ſich das Einlaͤuten des Sonntags ungemein feyerlich aus⸗ nahm. Wie, als wenn ich ein neuer Menſch aus der Fremde in dieſem Augenblicke heimgekehrt waͤre, begruͤßte ich jede theuere Stelle meiner Kindheit. Nie hatte mein Herz ſo hoch der Vaterſtadt entgegen geſchlagen, als jetzt, da ich ſie von der Anhoͤhe ſah mit dem Gedanken, morgen das Wort Gottes in ihr zu verkuͤndigen. Als wir ihre Haͤuſer und Thuͤrme, ihre Wieſen und Waldungen, die Gärten unſrer Freunde, die Bleichen und die erſten ſuͤ— derlaͤndiſchen Berge, den Lauf des klaren Baches und alle die Stellen uͤberblickten, die uns an die Tage unſrer Kind⸗ heit erinnerten, — es war als laͤge unſre Kindheit ſelbſt vor unſerm Blicke — da dachten wir, wie oft wir hier ge⸗ ſtanden, wie oft wir hier dem Gelaͤute mit einer Andacht zugehoͤrt hatten, als waͤre es eine erbauliche Rede, und wie wir dann faſt jedes Mal von dieſem Abende geſpro⸗ chen. Das Gelaͤut erſchien uns, wie das Bild von der hoͤhern chriſtlichen Weihe, die unſerm fruͤhern Freundſchafts⸗ bunde nicht gemangelt hatte. Wir umarmten uns mit dem Wunſche, daß er ſolcher Weihe immer folgſamer werden moͤchte. Das Feſtgelaͤut endete, und mit der Wehmuth, die man in ähnlichen Stimmungen oft bei den vereinzel- ten, immer dumpferen, langſam verhallenden Nachſchlaͤgen der Glocken empfindet, gingen wir ſtill und ſchweigend hinab. Glockentöne. Ste Aufl. 14 — — Die Nacht ſchlief ich wenig. Als ich am Morgen aufſtand, fuͤhlte ich eine Zuverſicht, die mir ſpaͤterhin nur zuweilen vor wichtigen Reden zu Theil geworden. Ich ſahe ſie als eine Erfuͤllung des vaͤterlichen Segens an, und das mehrte ſie. Worte waren mir fuͤr mein Mor⸗ gengebet zu wenig. Es war ein ſtummes Niederwerfen der Seele vor Gott, und ein kindliches, mich maͤchtig auf⸗ richtendes Vertrauen, das mich anhaltend erfuͤllte. Die Mutter und die Schweſtern kamen, mir die Amts⸗ kleidung anzulegen. O, nie vergeſſe ich es, theure, fromme Mutter, nie, nie, ſo lange ich lebe, wie deine betenden Lip⸗ pen zitterten, als du mir den weißen Kragen anlegteſt, mit vielen Thraͤnen mich an Dein muͤtterlich Herz druͤckteſt, und aus der Fuͤlle Deines Herzens mir Gottes Beyſtand wuͤnſchteſt. Unter dem erſten Gelaͤute ging ich in den Garten hinab, und ſahe die geliebte Kirche und die Men⸗ ſchen, die ihr zueilten. Die falben Blaͤtter am Boden ka⸗ men mir wie Blumen vor, das roͤthliche Gras wie das hellſte Gruͤn der Hoffnung, Es wurde zum zweyten Male gelaͤutet. Getroſt nahm ich die Bibel und ging zur Kirche. Ich oͤffnete die Thuͤr — aber hier, in dieſem Augenblick ſank alles Vertrauen, und ich meinte zu verſinken. Das iſt der Augenblick unbeſchreiblicher Angſt, der keinem fehlt, welcher zum erſten Male in einer Gemeinde reden ſoll. Sie iſt der Zoll, den der Einzelne bezahlen muß fuͤr das Wagniß, an eine ganze Verſammlung reden zu wollen. Der Vater ſprach das ſonntaͤgliche Morgengebet am Altare. Wie war es Deinem väterlichen Herzen, ehrwuͤr— diger Vater, als Du der Gemeinde die Worte der Fürbitte fuͤr den Anfaͤnger in den Mund legteſt, der Dein Sohn 21 = war! Nach diefem Gebete fang die Gemeinde wieder, Die Mutter ſaß in der Chorkammer und weinte ſtill unter dem Geſange. Sie hatte vorgezogen, nicht geſehen und nicht ſehend der Predigt zuzuhoͤren. Jetzt faͤngt der letzte Vers an, ſagte der Vater. Er umarmte mich nnd ſprach: „Gehe mit Gott, mein Sohn.“ Muth und Furcht ſtiegen zu gleicher Zeit in meinem Herzen. Ich ging zur Kanzel. Der Geſang endete. Es entſtand eine Todesſtille und in der That, es iſt mir nie vorher, nie nachher, eine Stille fo ſtill, fo furchtbar, fo recht als Todesſtille vorge⸗ kommen. Ich ſprach das Gebet, und alles, was in mir war, betete. Nun begann der Eingang. Die Verſamm⸗ lung kam mir in den erſten Augenblicken vor, wie Ein ungeheurer Menſch, an den ich zu reden haͤtte. Zuerſt fuͤhrte ich aus, wie jeder Anfang das Unvollkommenſte und doch Schwerſte ſey, und darum Nachſicht begehre; wie er aber auch das Feyerlichſte ſey, und darum von großer Wichtigkeit und wenn man der aͤußern Darſtellung mit all gemeiner Milde, Schonung und Verzeihung zu Theil wers den laſſe; ſo muͤſſe man doch mit Recht fordern, daß das erſte oͤffentliche Wort in der Sache ſelbſt nicht irre, die vor einer chriſtlichen Gemeinde von einer heiligen Stelle verkuͤndigt werden ſoll. So halte auch ich denn fuͤr Pflicht, fuhr ich fort, es gerade heraus zu ſagen, was meines Glau⸗ bens Grund und der Wunſch und das Streben iſt, die ich darauf baue. Das Wort Gottes ſoll meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinen Wegen ſeyn. Das Heil des ewi⸗ gen Lebens, und den Glauben an den Heiland der Welt, womit man dieſes Heil ergreift, und den Frieden und die Kraft zur Beſſerung, die uns dieſes Heiles Unterpfand 14* — 72 — werden, ſoll ich verkuͤndigen. Ich darf nicht fuͤr den Ruhm arbeiten, den eiteln, fluͤchtigen von einem vergaͤnglichen Geſchlechte. Ich ſoll mich nicht ſchauͤmen das Evangelii von Jeſu Chriſto, das eine Kraft Gottes iſt, ſelig zu ma⸗ chen alle, die daran glauben. Doch ich bin ein ſuͤndiger Menſch und dazu ein ſchwacher Juͤngling. Darum hilf du mir von oben herab, Geiſt Gottes, daß die Schwachheit Staͤrke und die Jugend Erfahrung empfange! Was meine Seligkeit, die ewige, unverlierbare, was das Gluͤck meiner Jugend, und die Hoffnung meines Alters ausmacht — o Herr, gib mir Beduͤrfniß ins Herz, Geſchick in den Geiſt, und Kraft in das Wort, es zu bekennen vor der Welt! Ich zitterte, indem ich dieſes Geluͤbde ausſprach. Mit dieſen Worten war mein ganzes Leben und Reden ent⸗ ſchieden. Das große Wort, nach dem ſchon lange mein Herz verlangt hatte, war ausgeſprochen; das heilige Geluͤbde, deſſen Stunde ich Jahre lang erſehnt, war abgelegt: ich wußte, der Geiſt des Herrn war mir nicht fern. In ſol⸗ chen entſcheidenden Augenblicken, wo ein lange gefuͤhltes Beduͤrfniß des Herzens befriedigt wird, und etwas Unaus⸗ geſprochenes ſein Wort gefunden hat, empfindet man eine unbeſchreibliche Ruhe. Doch es iſt nicht Ruhe allein, es iſt auch Antrieb und Aufforderung. Eine große, feſte Sicherheit verbreitet ſich im Innern. Man fuͤhlt ſich in der Gewißheit, das Rechte gewählt zu haben, über alles Irdiſche erhaben und ſelbſt uͤber das Gefuͤhl der eignen Schwaͤche. In dieſer Stimmung redete ich weiter, und wie meinem Geluͤbde ſelbſt nichts naͤher liegen konnte, als die Betrachtung des großen Reichs Gottes, das ihm zum RA Grunde lag, fo verſetzte bie innere Verfaſſung des Ge- muͤthes, die durch das Geluͤbde hervorgebracht war, mich in die Moͤglichkeit ruhig und geziemend dieſe Betrachtung auszuführen. Ich war ungemein gluͤcklich, ich möchte ſa— gen, uͤberirdiſch gluͤcklich unter dem Vortrage, aber als ich geendigt hatte, empfand ich das, obwohl leiſer, was ich ſpaͤter gewoͤhnlich erfahre. Das Gefuͤhl uͤber eine Predigt iſt in keinem Augenblick weniger troͤſtlich, als gleich nach derſelben. Vielleicht weil es auch eine Abſpannung des Geiſtes gibt; vielleicht, weil hier die Wonne der Begeiſte⸗ rung aufhoͤrt; vielleicht, weil man beim Ruͤckblick wahr⸗ nimmt, daß man das Eigentliche, Innerſte nicht habe aus⸗ ſprechen koͤnnen. Aber nun öffnete ſich die Thuͤr der Chorkammer. Bas ter und Mutter breiteten zugleich mir die Arme entgegen, und zogen mich ſegnend an ihr Herz. Ein heiliger Aue genblick! Die Schweſtern kamen auch herzu. Es kamen noch viele Bekannte, die Jugendfreunde, die alten Lehrer und wuͤnſchten mir Gluͤck. Doch was war das Alles gegen Vater⸗ und Mutterſegen! 1 N 1600 .! Nad 15 N 10 Nane ni N Aa 685 \ 92 0 Glockentöne. — Drittes Bändchen. Vorrede. — — Eine freundliche Aufnahme muß um ſo dankbarer anerkannt werden, je mehr Nachſicht dabey geuͤbt worden. Dem erſten und zweyten Baͤndchen der Glockentoͤne iſt der Weg zu manchem Herzen ge— bahnt, das ihre leiſen, oft zitternden Umriſſe durch den eigenen Reichthum ausfuͤllen konnte. Ich weiß es, wer es iſt, der ihnen den Weg gebahnt und bete ihn an, der zuweilen das Geringe und Man: gelhafte waͤhlt, daß Er es ſegne. Habt aber auch Ihr Dank, Ihr lieben, ver: wandten Seelen, für die ſchonende Güte, womit Ihr bisher dieſen Glockentoͤnen Euer Ohr zuge— wandt. Laßt Euch nun gleichfalls die gegenwaͤr— tigen gefallen. Wenn ſie Euch veranlaſſen koͤnnen, den Propheten maͤchtig von Thaten und Worten vor Gott und allem Volk, von dem ſie zeugen, ſelbſt zu hoͤren, ſo werdet Ihr beſſere und hoͤhere Toͤne vernehmen. Wie ich geſprochen, folgen jetzt einige Mitthei— lungen, welche das weſentliche des Chriſtenthums naͤher angehen. Diejenigen Leſer, welche von den fruͤhern eigentlich geſucht worden, werden auch wohl von dieſen gefunden werden. Ich weiß freilich, daß gegen den Mittelpunkt hin die Kreiſe immer enger werden. Auch bekenne ich gern, daß ich um ſo mehr die Gebrechen der Darſtellung fuͤhle, je hoͤher ihr Gegenſtand wird. Aber es bleibt doch ewig wahr, daß erſt das innere Weſen den For— men Halt und Werth gibt. Elberfeld, den 22ſten Sept. 1819, 1. Der Geburtstag. Wenn die erſten lauen Lüfte über das Erdreich haut: chen und die fruͤheſten Blumen des Jahres ſich zeigen, im Aufgange des Lenzes: dann erſcheint auch alljaͤhrlich mei— nem Pfarrhauſe ein theures Feſt. Es iſt der Geburtstag der Pfarrfrau. Das ganze Haus ſieht ihn als den gewiße⸗ ſten Bothen des Fruͤhlings, als den feſtlichen Eingang in eine waͤrmere, hellere Zeit und als das haͤusliche Freuden⸗ thor an, das wir aus der Ferne ſchon ſich erheben ſehen, und durch deſſen Bogen wir in die Tage des Sommers ziehen. In einer Familie kann eigentlich nur der Geburtstag der Hausmutter, als ein großes Feſt begangen werden. Dem Hausvater kommt eigentlich erſt, wenn er ein Greis iſt, die aͤußere Haltung, die ein ſolches Feſt von ſeinem Gegenſtande fordert, und dem Kinde fehlt die Betrachtung, ohne welche eine ſolche Feyer nicht moͤglichſt iſt. Vey der a —— — o Hausmutter vereinigt ſich beydes und ſie iſt uͤberdieß der Mittelpunkt des haͤuslichen Lebens. In ihr wohnt die ganze Waͤrme, die daſſelbe beſeelt: ſie iſt die Bewahrerin aller lichten Farben und aller milden Toͤne, die daſſelbe verherrlichen; und man koͤnnte ſagen, wie ihr Geburtsfeſt begangen wird, ſo werden alle anderen haͤuslichen Feſte begangen. Wie ſchoͤn iſt es deßhalb, wenn ihr Geburts⸗ feſt in eine Zeit des Jahres faͤllt, die alles belebt und er— hebet! Sie iſt ja in manchem Sinne, der innere Fruͤh⸗ ling des Hauſes, der ſelbſt im Alter noch bleibt; wie lieb— lich deutet dann die Zeit ihres Geburtsfeſtes ſeinen Inhalt an! Eine Frau, die mit den Blumen geboren, erklärt ih⸗ rem Manne ſchon in dieſem Umſtande, woher es komme, daß erſt bei ihrem Erſcheinen die harte Erdrinde ſeines Herzens aufthaute vor dem mildern Fruͤhlingshauche ihres Sinnes. Uebrigens iſt es eine eigene Sache mit einem ſolchen Feſte, deren naͤchſter Gegenſtand ein Menſch iſt. Es ſetzt bey dem, welchem zu Liebe es begangen wird, eine Des muth und bey denen, welche es ihm zu Liebe begehen, eine heilige Scheu voraus, die beyde angetroffen werden muͤſ— ſen, wenn nicht ein arger Fehlgriff mit unterlaufen ſoll. Gefeyert werden darf nur das Goͤttliche, und es wird oft ſchwer dieſes feſtzuhalten, wenn es uns in einer bejtimmts ten menſchlichen Perſon erſcheint. Unter den Maͤnnern habe ich ſelten einen geſehen, der an ſolchen Tagen idie Würde der Demuth gezeigt habe, die alsdann nicht zu er— laſſen iſt. Aber bei Frauen ſieht man oft jene Zucht des Geiſtes, jene Keuſchheit des Selbſtbewußtſeyns, jenes ge— heimnißvolle Schweigen uͤber ſich ſelbſt und jene angeborne = 2 — Selbſtverleugnung, in der fie das von Natur zu haben ſcheinen, was uns erſt durch Gnade wird und nach langen, ſchweren Fuͤhrungen. Von dieſem Standpunkte aus verſuche ich, Euch von dem Geburtsfeſte der Pfarrfrau zu erzaͤhlen, und wenn ich nur das Geringere in Worte zu bringen vermag, ſo wuͤnſche ich jedem Leſer die Erfahrung, daß, wie nichts leichter iſt, als ein ſolches Feſt der dankbaren Liebe zu feyern, ſo nichts ſchwerer, als von ihm zu erzaͤhlen. Wie die Pfarrfrau den Tag in der Stille fuͤr ſich gefeyert, ehe ſie der Feyer des Hauſes ſich hingab, das habe ich wohl errathen koͤnnen, aber fie hat ſich nicht dars über geäußert. Ueber dieſer ſtillſten, geheimſten Feyer vor Gott liegt billig juͤr jedes Andre menſchliche Auge ein Schleier. In der Natur beginnt jeder neue Abſchnitt der Zeit in aͤußerer Ruhe und verſchwiegener Stille, um an— zuzeigen, daß das neue Leben nur aus der Tiefe herauf— kommen kann. Die Muͤhe und Freude des Tages ver— ſtummt; alles ruht in tiefem Schlafe; Dunkelheit bedeckt die Erde; und nun wird in geheimnißreicher Mitternacht der neue Tag geboren. Der Schooß der Erde hat im Herbſte ſeine Fruchtbarkeit erſchoͤpft; der oͤde Winter ver— huͤllt ſeine Oberflaͤche; Nacht und Kaͤlte nehmen uͤberhand; die Erde wendet ſich gleichſam in ſich ſelbſt zuruͤck und nun wird in dieſen dunkeln, kalten Wintertagen das neue Jahr geboren. Unſere Seele bedarf in ihrem geiſtigen Leben gleichfalls der neuen Abſchnitte, und ſollte es bey ihnen anders ſeyn, als in der Natur? Sie treten jedesmal ein, wenn unſer Geiſt einen neuen Zufluß bekommt aus der Fuͤlle, aus der wir nehmen Gnade um Gnade, und * billig ſollte ein neues Jahr unſers Lebens nach irdiſcher Rechnung auch ein neues Jahr in unſerm geiſtigen Leben mit ſich bringen. Das iſt eigentlich die Bedeutung der Feyer, und der innere Grund, warum ſie angeſtellt wird. Aber jenes Beduͤrfniß der Erneuerung und Staͤrkung, das unſer Gemuͤth am Ende eines vergangenen Jahres fuͤhlt, und jenes ſelige Empfangen neuer Kraft und neuen Mu⸗ thes, womit wir das folgende Jahr beginnen, weiſen auf die Nähe deſſen hin, der nur in der ſtillen, heiligen Ein⸗ kehr der Seele vernommen wird. Die Augenblicke, in de⸗ nen dieſe Einkehr Statt findet, machen die eigentliche Feyer aus, von der alle Weihe des aͤußern Feſtes herkommen muß, wenn ſie mehr als leeres Gepraͤnge und ſinnliche Ergoͤtzlichkeit ſeyn ſoll. Aber eben deßhalb find fie vers ſchwiegene Augenblicke, uͤber die man nicht ſpricht und von denen man nicht erzaͤhlt. Wie das Haus indeß den Tag aͤußerlich feyerte, da— von waͤre mehr zu erzaͤhlen, und manches davon zu ſagen, wie nicht blos die Verwandten, ſondern auch das Geſinde und ſelbſt einige uns beſonders nahen Glieder der Ge— meinde daran Theil nahmen. Aber wenn der, deſſen Ges burtstag begangen wird, von ſich ſelbſt ſchweigt, muͤſſen dann nicht auch die, welche ihn begehen, von dem ſchwei— gen, was ihre Liebe thut? Doch es gibt ein Mittleres, was nicht rein aͤußerlich, und nicht rein innerlich iſt, fondern beydes zugleich und davon mag man erzählen, Ohne unheilig Hand an das Geweihete zu legen und ohne ſich in das Gemeine zu verlieren, wuͤnſchen unſere Mit theilungen auf dieſer feinen Mittellinie hinzugehn, um bin⸗ laͤnglich das Eigenthuͤmliche zu offenbaren, ſo doch, daß ſie nicht anmaßend ſeyen, und um das gleichgeſtimmte Ger muͤth zu beruͤhren, ſo doch, daß ſie nicht zu allgemein werden. Der Morgen des Feſttages war mehr unter ſtiller Sammlung, einzelnen leiſen Andeutungen und innigen Grüßen vergangen und erſt der Mittag ſchien ein größer res, allgemeineres Feſt herbeyzufuͤhren, das alle Hausge⸗ noſſen, jeder nach feiner Weiſe, begingen. Aber die Fruͤh⸗ lingsſonne ſchien ſo mild und lieblich in die haͤusliche Wohnſtube, daß wir bald aufbrachen, den Tag auch im freyen Sonnenſchein zu feyern. Wir beſuchten die naͤch⸗ ſten Huͤgel und Gruͤnde. Ein haͤusliches Feſt ſoll ſich nicht auf die Wohnung beſchraͤnken, denn auch die umgebende Natur gehoͤrt zum Hauſe. Doch ich hatte noch einen an⸗ dern Zweck. Ich ſuchte und fand das erſte Veilchen des Jahrs. Das iſt die Blume der Demuth, denn verborgen und unſcheinbar bluͤht ſie im Thale, aber ihr feiner, zarter Duft verkuͤndigt ihr Daſeyn. Sie traͤgt die Farbe des Glaubens und der Treue, die zwar auf Erden nicht grell hervorſticht, aber in die ſich der Himmel kleidet. Ich uͤber⸗ reichte dieſen Erſtling des Fruͤhlings der, welcher es in ſo vieler Hinſicht gebuͤhrte. Die Augenblicke, in denen ſolche kleinen, aber durch ihren Sinn bedeutenden Darbringun⸗ gen im Anfange des Lenzes geſchehen, uͤben eine wunder⸗ bare Gewalt uͤber die Eheleute aus. Sie verſetzen ſich ein Paar Jahre, welche dazwiſchen liegen, zuruͤck in die Tage eines hoͤhern Suchens und Findens, eines herrliches ren Gebens und Annehmens. Mit dieſen Erinnerungen geht eine ganze Welt dem Gemuͤthe auf, die aͤußerlich wohl untergehen konnte, allein — 224 — dem Herzen immer wieder aufgeht. Vielerley kam aus ihr wieder empor und trat in ſeiner erſten friſchen jugendlichen Geſtalt vor unſre Seele. Der Hintergrund war nur lich ter und blauer geworden und aus dem Vorgrunde trat nichts Hinderndes dazwiſchen, aber viel, das ein neues Licht auf dieſe Geſtalten warf. In jeder Ruͤckſicht war uns der Frühling gekommen, als ich die Pfarrfrau heims fuͤhrte. Auf der Hausflur trat uns ein feyerlicher Mann mit ſilbernem Haar entgegen. Es war der alte Nachbar, der die Pfarrerin als Kind noch auf dem Arme getragen, und ſeit Jahren, an dieſem Feſttage zu erſcheinen, nie vergeſſen hat. Nicht bloß das Alter hat ihm die Haare gebleicht, ſondern auch das Ungluͤck. Darum lebt er von der Liebe anderer, aber nicht von Wohlthaten. Er erſcheint immer mit einem Segenwunſche, und man fühlt, er iſt der Ges bende und wir ſind die Empfangenden. Er nimmt nichts als von Menſchen; man ſieht es ihm an, er nimmt von ſeinem himmliſchen Vater durch die Hand der Menſchen, und wenn er dankt, was mit unbeſchreiblicher Demuth ge— ſchieht, ſo iſt es klar, er gibt nicht ſeinen menſchlichen Dank, ſondern er verheißt den Lohn der Gnade, der nicht verdient iſt. Man moͤchte das Haupt entbloͤßen, wenn er es nun bedeckt, und ſich ihm verbunden achten, daß er nicht verſchmaͤht, was wir bittend reichen. »Ich bin des⸗ ſelbigen in guter Zuverſicht, daß der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollfuͤhren bis an den Tag Jeſu Chriſti,“ ſagte er dieß Mal, und als er Amen ſprach, fiel die Pfarrfrau ein und beyde ſprachen es zuſammen. Als ich Euch auf meinen Armen trug, — 225 — Frau Pfarrerin, fuhr er fort, und Ihr ein ſo liebes, freundliches und beſcheidenes Mägdlein waret, habe ich des Spruches mich oft über Euch gefreut, und als ich jetzt in das Haus trat, fiel er mir wieder ein. Ich ſtand ja an den Stellen, wo ich ſo oft mit Euch geſpielt und dieſes Wortes froh geworden. Darum kann ich jetzt nichts anders wünſchen und erbitten, und die Erfüllung liegt auch ſchon darin. Wir baten ihn den Abend mit uns zuzubringen; allein es ſchien, er könne nur ſegnen und müſſe, wenn ſein Amt gethan, ſo fort von dannen gehn. Nicht um zu arbeiten, denn heute war ein Feſttag, ſon⸗ dern um den letzten Unterredungen der Pfarrfrau und des Greiſes nicht gegenwärtig zu ſeyn, ging ich auf meine Bücherſtube. Sie folgte mir nicht lange hernach. Es war gerade heute ein Samſtag, wie auch damals, als die Pfarrfrau geboren ward. Der alte Andreas, als er noch in ſeiner irdiſchen Bruſt das Heimweh trug, das ihm nun aus der triumphirenden genommen, pflegte, wenn von ſeinem Geburtstage die Rede war, zu ſagen, daß er ihn nur alle fünf oder ſechs Jahre feyere. Nur dann ſey der rechte Geburtstag, wenn der jährliche Tag mit dem Wochentage zuſammenfalle. Er meynte, wer am Sonntage geboren, könnte ihn unmöglich am Mitte woch feyern, und umgekehrt. So kirchlich war der ſelige Greis, daß er nur nach Wochen und Feyertagen zählte und faſt möchte ich ſagen, ſo prophetiſch, daß er keine Jahre, ſondern im großen Style Jahrwochen gelten ließ für das ſchöne Feſt unſers Daſeyns. Es liegt viel Wahres in ſeiner Aeußerung. Der menſchliche Körper erneuert ſich auch erſt nach einer ſolchen Reihe von Jah⸗ Glockentoͤne. te Aufl. 15 — 226 — ren. Darum freuten wir uns insbeſondere des dießjaͤh— rigen Geburtsfeſtes, wenn wir bedachten, daß auch der ſelige Andreas es würde gelten laſſen. Der alte feyer— liche Nachbar hatte uns an ihn lebendig erinnert. Der Beſuch des lebenden und die Erinnerung an den vollen⸗ deten Greis gaben unſrer Stimmung eine irdiſche Weihe, denn einem häuslichen Leben, zu dem keine Greiſe gehö— ren, fehlt der höhere Ernſt, wie dem, zu welchem keine Kinder gehören, die höhere Heiterkeit fehlt. Indeß nicht blos des alten Andreas Aeußerung, ſon— dern was heute im ganzen Hauſe als Tagesgeſchäft der Feyer zur Seite ging, führte uns darauf, wie wir es als eine beſondere Gunſt anzuſehen haben, daß der Pfarr: frau Geburtstag auf einen Samſtag gefallen. Nur in einem Pfarrhauſe erſcheint der Samſtag, ſouſt der ge— ringſte unter allen Wochentagen, in ſeiner kirchlichen Herrlichkeit. Indeß der Pfarrer unter den Vätern der Kirche auf ſeiner Bücherſtube ſitzt und aus Gottes Wort hervorlangt, was er morgen der Gemeinde vortragen will, und fein Geiftesohr an den Mund jener ehrwür⸗ digen Diener des Wortes legt, ob durch die Jahrhun— derte und Jahrtauſende hindurch nicht ein Laut ihres Geiſtes zu ihm herüber wehen wolle, geht die Pfarrfrau leiſe und ſorgend durchs Haus, ordnet bald die Rüſtun⸗ gen auf den Tag des Herrn an, und empfiehlt den Kin— dern und dem Geſinde möglichſte Stille, bald ſteht ſie den vielen Gemeindgliedern im Namen des Pfarrers Rede, die irgend in frohen oder traurigen Umſtänden, für Hochzeit und Kindertaufe, oder für Krankenbeſuch und Beerdigung den Dienſt der Kirche ſuchen. Dann — 227 — geht ſie auch wohl ſtill und kaum bemerkbar durch des ſinnenden Pfarrers Stube, um für ihn insbeſondere Eins und das Andere zu beſchicken. Könnte ihr liebend Auge wohl auf den, nur in ſolchen Stunden ihr ſchweigenden Mann, blicken, ohne alsbald gen Himmel ſich zu wen⸗ den, bittend, daß der Geiſt des Herrn heute und mors gen vorzüglich auf ihm ruhen möge? Und eben dieſes ſtille, ſo hoch wichtige und doch ſo wenig anerkannte Amt der Fürbitte iſt die höͤchſte Krone im Berufe der Pfarrfrau. Aber wird ſie ſelbſt dadurch nicht ſo recht eigentlich zu einem heiligen Samſtag Abend? Ich kann das Wort eines geiſtreichen Mannes nicht vergeſſen, der in dem höchſt anziehenden Gemälde einer wahrhaften Pfarrfrau ſagt, daß ſie nur ein heiliger Samſtag Abend geweſen. Unſere Pfarrfrau war ſogar an einem Samſtag Abende geboren und hatte ſomit ſchon in ihrer Geburts— ſtunde die Verkündigung ihres künftigen Berufes. Ihr erſter Gruß in die Welt hatte in das Abendgeläut auf den Tag des Herrn getönt, unter dem in früherer Zeit noch manches andächtige Gemeindglied fein Haupt ente blößte, oder wenigſtens die Hände faltete, um ſich und dem Seelſorger einen geſegneten Sonntag zu erflehen. Alle dieſe Einzelnheiten kamen in unſerm Geſpräche auf der Bücherſtube vor. Die Pfarrfrau hatte Tiſch und Stühle geordnet und bath mich nun, ihr meine morgige Predigt vorzuleſen. Dieß iſt gewöhnlich meine liebſte Samſtagsfeyer, fügte ſie hinzu: heute darf ſie mir um ſo weniger fehlen. Es geht den Pfarrfrauen umgekehrt, wie den Ger 15 * — 28 — meinden, verſetzte ich, ſie ziehen eine geleſene Predigt der frey geſprochenen vor. Die Mütter lieben die Kindheit, ſagte ſie. Ein Menſch, der noch auf der Mutter Schoße liegt, iſt uns wichtiger, als ein Jüngling, der in ſelbſteigener Kraft einherſchreitet. Vielleicht weil wir das Kind beſſer ver— ſtehen, oder weil das Friſche und Neue, das, was eben aus Gottes Händen kommt, uns mehr gefällt als das, was ſchon durch vieler Menſchen Hände gegangen iſt. Darum iſt uns auch ein Gedanke erbaulicher, der ſo eben dem Geiſte entſprungen und gleichſam noch den warmen Athem des Lebens an ſich trägt, als derſelbe, wenn er groß gezogen und erwachſen, ſich kühn vor aller Welt hinſtellt. Wir haben auch noch einen andern Grund, deſ— ſen wir uns gleichfalls nicht ſchämen dürfen. In Mitten des verſammelten Volkes hören wir nur den allgemeinen Seelenhirten und Euch in ſolcher Entfernung und Ent⸗ fremdung zu ſehen, iſt dem Herzen oft ſehr peinlich. Aber hier auf der Bücherflube lieſet der Mann und der Vater unſrer Kinder und der iſt nns näher und verſtänd— licher. Es mag auch wohl die Eigenliebe darin ihr Spiel miſchen, die uns zuflüſtert, wir bildeten nun die ganze Gemeinde, indem wir allein zuhören. Freilich bedenken wir dann auch, daß wir ſo viel Dank und Liebe als eine ganze Gemeinde zuſammen dafür erwidern müſſen. Doch dem ſey, wie ihm wolle; laß mich hören, in welcher Eigenſchaft Du willſt und lies. Ich entgegnete „in dem erſten Bilde bleibend, daß ja ein Geiſteskind nicht beſſer groß gezogen werden kön— — 29 — ne, als an ſolchem Mutterherzen, nahm das Blatt und fing an zu leſen. Die Predigt handelte von der Forderung, welche der Apoſtel that, das Geheimniß des Glaubens in rei— nem Gewiſſen zu haben, und zeigte, wie hierin das ganze Chriſtenthum ausgeſprochen ſey. Zuerſt wurde von dem Geſetze geredet, das Gott jedem in ſein Herz gegraben und dann auch noch klärer in Steine: wie ſich keiner davon losſagen darf, es nach Kraft zu erfüllen, und wie ſo jeder ein reines Gewiſſen zu erlangen trachten müſſe. Allein damit iſt das ganze Gebieth unſers innern Lebens nicht ausgemeſſen. Es wohnt in jeder Menſchen Bruſt eine Sehnſucht, die ihn oft unwillkührlich ergreift, und wenn er ihr Raum gibt, eine unüberwindliche Ge— walt in ihm ausübt. Sie entſteht aus der Einſicht, daß er das Geſetz nicht vollkommen erfüllt, und offenbart ſich dann in den verſchiedenſten Weiſen. Er ſchaut in die untergehende Sonne, oder ſteht am Grabe ſeiner Lieben; er blickt in den ſternebeſaͤeten Himmel oder ſieht auf ſein armes, unvollkommnes Leben: dann rinnt plötzlich eine Thräne in ſeinem Auge, es wird ihm ſo wehe in den Schranken der Zeit, er fühlt wohl, daß er nicht ſo glücklich iſt, wie er ſeyn könnte und möchte, und es treibt ihn ein Etwas, er weiß nicht was, zu einem unbe⸗ kannten, die ganze Seele befriedigenden Gute. Das iſt die letzte, heilige Spur, daß wir von Gott ſind, die uns aber auch zugleich lehrt, daß wir das höchſte Gut verloren haben. Es iſt das einzige Band, das uns mit ihm noch zuſammen hält, und das zu einem Seile der Liebe wird, an dem wir wieder zu ihm herauf gezogen — 230 — werden koͤnnen. Spotte dieſer innern weiſſagenden Sehn⸗ ſucht oder betäube fie, womit du willſt, es ſey Erdens freude oder Erdenſorge: ſo biſt du verloren und ſinkſt in eine öde, ſchaurige Gemeinheit herab. Doch das iſt nicht die einzige Gefahr. Das Kind hat ſich dieſer mor— genrothen Sehnſucht hingegeben, und meynt, ſie in irdi— ſchen Dingen befriedigen zu können, doch es weiß noch nicht, was es thut. Aber der Jüngling fühlt auch die— ſes Verlangen und ſelbſt in dem Manne erſtirbt es nicht; jener wähnt ſich in Menſchen, dieſer in Anſichten und Gütern befriedigt zu finden; in ungeheuerer Verblendung tragen fie auf dieſe Gegenſtaͤnde ihre unendliche Sehn— ſucht über; der Gegenſtand iſt zu klein, fie müſſen ſich ihn aus eigner Kraft vergrößern und ſiehe da die Schwär— merei in ihren tauſend Geſtalten. Aber über der Ge— meinheit und der Schwärmerei erhebt ſich das Licht der ewigen Wahrheit. Sie beleuchtet die Sehnſucht und wei— ſet der unbefriedigten Liebe einen unendlichen Gegenſtand an: Gott! Kaum hat die ſuchende Seele Ihn gefunden, da iſt ihr Verlangen erfüllt, ſie fühlt ſich zum erſten Mahle in ihrem rechten Verhältniß, ſie iſt ſelig in dem Anhangen an der unendlichen ewigen Liebe und das iſt Glaube. Nichts iſt klarer als das reine Gewiſſen, nichts geheimnißvoller als der Glaube; denn dort iſt menſch— liche Begreiflichkeit, hier iſt göttliche Unendlichkeit! Aber beydes thut uns Noth! Iſt auch dieſes etwas Ewiges und jenes nur der Zeit angehörig, dieſes etwas Empfan— genes und jenes erworben, und kann auch dieſes nur unſere himmliſche Verhältniſſe zu Gott und jenes das irdiſche Verhältniß zu den Menſchen angehen: nur wo — 231 — beyde ſind, da iſt das ganze Leben des Chriſtenthums, inneres Weſen und äußere Geſtalt, Wandel im Him— mel und Friede auf Erden! In einem Geheimniſſe ſind alle Räthſel des Lebens gelöſet, und durch die klare Sprache des Gewiſſens wird jede That des Lebens ge— ordnet. Die Thräne rinnt noch wohl im Auge, aber es iſt die Thräne der demüthigen Freude. Wanken dann auch die Knie im Laufe, ermüden die Hände in der Ars beit, blutet das Herz in den Leiden der Welt: die wan⸗ kenden Knie beugen ſich auf Golgatha, mit den müden Händen umfaßt man das Kreuz des Herrn und das blu— tende Herz legt ſich an die wunde Bruſt der leidenden und verſöhnenden Liebe! Selig wer das Geheimniß des Glaubens in reinem Gewiſſen trägt; das Höchſte des Lebens hat er gefunden, und iſt nicht blos ein Diener Gottes in der ſichtbaren, ſtreitenden Kirche voll Noth und Leid, ſondern auch da, wo die Perlenthore ſich an den Mauern von Jaſpis öffnen, in der Stadt des leben⸗ digen Gottes, wie der Seher ſie ſahe am Tage des Herrn. Dort, wo weder Sonne ſcheint noch Mond, ſon⸗ dern die Herrlichkeit Gottes ſie erleuchtet, da darf er wandeln auf den goldnen Gaſſen in demſelbigen Lichte und mit den Knechten des Herrn Ihm dienen, Sein Angeſicht ſchauen und Seinen Namen an der Stirne tragen! Das ſind dunkle Worte, aber dunkel vor Glanz eines ewigen Lichtes — mit einem Worte: Geheimniß des Glaubens! Und dieſes Geheimniſſes Zeuge iſt allein wiederum das reine Gewiſſen. O ſelige Tiefe des Le— bens, das mit Gott in Chriſto verborgen iſt! Geheim— niß des Glaubens in reinem Gewiſſen! goldner Apfel des Glaubens in der ſilbernen Schale der Liebe! * Eine Predigt, die noch erſt gehalten werden ſoll, iſt für einen Pfarrer eine ganz andere, als dieſelbe, wenn fie ſchon gehalten if. Ich möchte fie einem Obſtbaume im vollen Knospenreichthum, an dem erſt einige Blüthen erſchloſſen find, vergleichen und der auch für jedes Mens ſchenherz ein anderer iſt, als derſelbe, wenn er im Herbſte feine Früchte fchon abgegeben hat. Eine ſolche Predigt am Samſtag Abende iſt und bleibt eine noch nicht vollendete, wenn auch keine Sylbe an ihr verän— dert wird, und das Herz voll Liebe und Gebet ſchwebt an ihr auf und ab, und immer von neuem lebt es ſich in die Betrachtung hinein. Die Pfarrfrau hat ſie mit Recht einem Kindlein verglichen, das mit Sorge oder Glauben, mit Angſt oder Hoffnung, mit Thränen oder Freuden erſt gepflegt werden muß, wie es eben kommt, und geliebt und gezogen wird wie ein Kind. Aber darum kann ein Pfarrer ſolch eine Predigt auch nur der Gattin oder dem vertrauteſten 1 am Sam⸗ ſtag Abende vorleſen. Ich legte das Blatt zur Seite, und Rede und Ge— genrede verbreiteten ſich über die Fülle und Herrlichkeit eines ſolchen Lebens, wie das Evangelium es fordert und gibt. Das Geſpräch nahm bald die Richtung auf den heutigen Feſttag. Wir betrachteten jetzt ſeine einzel— nen Seiten in dem Lichte der Worte des Apoſtels, und bald gewannen wir in demſelben einen Ueberblick über unſer ganzes Leben, der von dem heiligſten Standpunkt aus genommen iſt. Wir ſahen, daß, wenn das Geheim— niß des Glaubens unſer Leben in Gott in ſich faßt, das reine Gewiſſen, das Leben in uns ſelbſt angeht. Aber — 233 — zwiſchen beiden, gleichſam vermittelnd und von beider Wahrhaftigkeit zeugend, ſteht das Leben der Liebe, das wir in andern führen. Dieſe drei Anſichten erſchöpfen das Leben. Wir haben Selbſtbewußtſeyn und leben in uns; wir ſind im beſten Falle, in Chriſto von Gott ge— kannt, geliebt, und leben in ihm; aber auch andere Menſchen tragen ein Bild von uns in ſich, und wir le— ben, ſo zu ſagen, in ihnen. Wie reich iſt ein Leben ſchon, das ſich dieſes drei— fache Lebens nur erſt bewußt iſt, ſagte die Pfarrfrau. Wie reich muß ein Leben ſeyn, in dem alle drey zuſammenſtimmen und ein ungetheiltes Daſeyn ausma⸗ chen, verſetzte ich; wo man Gott liebt über alles und darum den Nächſten als ſich ſelbſt! Das wird vollkommen wohl erſt jenſeits erſcheinen, erwiderte ſie, und ich fügte hinzu, daß unſere Liebe der Maßſtab ſey, wie weit es hienieden mit uns in dieſer Uebereinſtimmung gekommen ſey. Der Glaube, durch den wir in Gott leben, wird an der Demuth erkannt; die Demuth aber, die das heilige Element des Lebens in uns ſelbſt iſt, wird an der Liebe offenbar, durch die wir in andern leben. Es wurde darauf gefragt, auf welches Leben ſich dann ein Geburtsfeſt beziehe? Wir mußten geſtehen, daß es ſich eigentlich nur auf das Leben in uns ſelbſt beziehe, wie denn das Tauffeſt auf das Leben in Gott weiſe. Die Pfarrfrau äußerte, daß dieß einen Gedanken berühre, welcher ihr den ganzen Tag über oft ſtörend im Sinne gelegen. Sie habe gedacht, es ſey doch viel ſchöner und frömmer geweſen, wenn unſere Väter das — 234 — Tauffeſt gefeyert und das Geburtsfeſt hintauſetzten, und daß wir nur den Geiſt der Eigenliebe zu unſerer Zeit offenbaren, indem wir des Tauffeſtes wenig gedenken und nur das Geburtsfeſt begehen. Zeigen wir damit nicht deutlich an, daß wir die Geburt zu dieſem armen Zeitleben höher achten, als die Geburt zu dem ewigen Leben, das uns durch die Taufe im Reiche Gottes auf— geht? — Aber die Demuth, in der ein frommes Gemüth den Geburtstag begeht, iſt doch das Kennzeichen des Glaubens, wandte ich ein. Sie gab das zu und nannte es den einzigen Troſt bey dem Nachtheile, in den unſere Zeit uns gegen die Vorzeit geſetzt, aber die ganze Schön— heit eines ſolchen Feſtes, das den Anfang unſers Lebens bezeichnet, kann nur an einem Tauftage empfunden werden. Ich umarmte das liebe, kirchliche Weib, das gerne ſogar ſeinen Samſtag daran gegeben, um den Sonntag deſto herrlicher auszuſchmücken. Was war es anders, als jene Rüſtags-Demuth, die mit Freuden ſich großer Arbeit und Unruhe unterziehet, um den Tag des Herrn ſo frey und feſtlich darzuſtellen wie möglich. Noch viel ſchwebte mir auf der Zunge, das ich hierüber ſagen wollte, als ein Brief, der hereingebracht wurde, uns unterbrach. Es iſt des Vaters Handſchrift, rief die Pfarrfrau, es ſind ſeine großen deutlichen Züge! Der Brief wurde entſiegelt und verleſen. Der chrs würdige Greis hatte ſeine Gedanken und Wuͤnſche zu dem Geburtsfeſte der geliebten Schwiegertochter auf eine ſinnreiche Weiſe eingekleidet. Er begann damit, daß unſer inneres Leben ein immerwahrendes Gebet ſeyn müſſe. — 82 — Darum habe auch der Herr in dem Gebete, das er ſelbſt uns gegeben, die Grundzüge des Menſchenlebens entwor— fen und daſſelbe nach ſeinen ſieben Stufen in heiliger Verklärung vorgebildet. Es ſey merkwürdig, daß dies Gebet mit dem erſten und innigſten Worte beginne, wel— ches unſer kindlicher Mund ſtammelt, und mit dem Schluß⸗ worte, unter dem wir verſcheiden möchten, endet und in ſeinen ſieben Bitten, die zwiſchen Anfang und Ende lie— genden, ſieben Hauptſtufen des Lebens andeute. Du warſt kaum geboren unter dem Abendgeläute am Sam⸗ ſtage, fuhr er nun fort, und Deiner Aeltern Herz hatte kaum einige Tage in Vater- und Mutterfreude geſchwebt, da erbot ſich Dir der Herr des Himmels und der Erde zum Vater und weihete Dich durch feinen Nas men zu ſeinem Kinde, und war ſo die Taufe nicht Anfang und Erfüllung zugleich der Bitte: Geheiliget werde dein Name! Du erwuchſeſt und nahe an den Jahren der Jungfrau hatteſt du mit der Erkenntniß deiner ſelbſt die Erkenntniß des ewigen Heils empfan— gen, und als Du nun knieteſt am Altare und weinend und betend eingeſegnet wurdeſt, was war es anders, was erbeten wurde, als: Dein Reich komme! Das Herz erſtarkte in dieſem Segen, nun ſollte es auch einen eigenen Kreis um ſich bilden. O ich ſehe Euch noch als die neu Verlobten, wie Ihr vor den Vater tratet, der auch als Diener der Kirche vor Euch ſtand, und unter Thränen und Gebeten aller Anweſenden Eure Hände über dem Herzen des Vaters zuſammen legtet, und über demſelben von dem Herrn Trauungsſegen erflehtet! Wir beteten mit Euch: Dein Wille geſchehe auf Erden, — 286 — wie im Himmel! Indeß die Ehe, dieſe von Gott geſtiftete Ordnung hat ihre Herrlichkeit in Gott, aber auf Erden ihre Mühe. Wenn nun die Kinderſchaar ſich um den häuslichen Tiſch lagert, und Vater und Mutter mit eben ſo viel Sorge als ſtiller Herzensfreude in dem Kreiſe ſich umſehen, und aller Hände ſich falten, der Vater ſein Haupt entblößt, und aller Augen warten auf den Herrn, offenbart ſich dann nicht alle irdiſche Mühe und alle himmliſche Herrlichkeit der Ehe in der Bitte: Unſer täglich Brod gib uns heute! Indeß ein ſolches häusliches Leben tritt in gar vielerley Verhält— niſſe zur Welt; da werden Pflichten verſäumt, Hoffnun⸗ gen betrogen, und man fühlt es wohl, daß ſie im Ar— gen liegt. O Kindlein, eilet zum Altare des Herrn, und bittet um innern Frieden des Herzens und gelobt den äußern mit der Welt; empfahet das heilige Nacht— mal des Herrn, damit ihr in beyden geſtärkt werdet, und die Bitte Erhörung finde: Vergib uns unſre Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldi— gern! Allein wer könnte ſolche Erfahrungen machen, ohne daß fein Vertrauen in ſich ſelbſt gebrochen‘, und dagegen die Zuverſicht auf die Gnade des Herrn gemehrt werde? Man will fortan nur wandeln an der Hand einer allmächtigen Liebe, nur ruhen unter den Flügeln einer allweiſen Barmherzigkeit, nur ſtreiten unter dem Zeichen einer allgegenwärtigen Gnade. Nun iſt das innere Le— ben mit Gott auf ſeiner Höhe angelangt, wie früher das kirchliche und häusliche, und da ertönt die geheimniß— vollſte, aber feligſte Bitte: Führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung. Wenn dann endlich Fallen und Aufſtehen, — 287 — Siegen und Unterliegen, ſich Freuen und ſich Betrüben lange genug gewechſelt, und ein Greis, wie Euer alter Vater an den Abſchied denkt, o laßt Euch ſagen, der hat alles in die Hände jener ewigen, zuverläſſigen Er— barmung gelegt, er flehet jetzt nur, daß der Herr ihm, wenn ſein Stündlein kommt, ein ſeliges Ende beſcheeren und mit Gnaden aus dieſem Jammerthale zu ſich neh— men möge in den Himmel. Kommt es dann, ſo ſprecht ihr Amen und ich auch, und in meinem Amen liegt noch die Bitte, daß Ihr es auch einmal ſprechen möget in gewiſſer Hoffnung und bis dahin betet mit mir Erlöſe uns von dem Uebel. Wir waren unter dem Leſen in große Bewegung des Herzens gekommen und ſchwiegen. Da klangen die Töne des Abendgeläutes herein. Das waren die Augenblicke, in denen die Pfarrfrau einſt das Licht der Welt erblickt hatte. Eine ſtille, heilige Feyer war unter uns, viel un— ausgeſprochener Dank, viel Gebet, das nicht laut wurde. Die geweihten Laute drangen immer heller und freudiger in die ſtille Kammer, und machten dem tief bewegten Herzen Raum, daß wir weinen konnten vor Freude. — Solche Augenblicke können nur angedeutet werden für die, welche ſie kennen. Ewigkeit! — das iſt das einzige Wort, das für ſie paßt, in allen ſeinen Beziehungen. Nach einer Weile hörten wir Kindes-Tritte. Der kleine Adolf war es. Er ſchlug an die Thür und rief: Mutter! Mutter! Die Mutter öffnete ihm die Thüre. Er lief auf ſie zu und umfaßte ihre Knie mit einem wunderbaren Blick. Sie hob ihn auf, und er legte ſich ſtill an ihre Bruſt. Dann ſah er mit funkelnden Augen empor und reichte der Mutter einen Kranz von Immer grün, aus dem einige Veilchen hervorſahen. Die Mut⸗ ter konnte nicht antworten, Thränen drangen aus ihren Augen und ſie ſtreichelte dem Knaben die Wangen. Ich ſoll Euch rufen, ſagte er. Sie ſind alle da, Großvater, Großmutter und die übrigen alle. Ich reichte der tief bewegten Gattin den Arm und führte ſie in den glänzend erleuchteten Saal. Eine Menge von Kerzen ſtrahlte uns entgegen. — Kunſtvoll war eine reiche Beſcheerung auseinandergelegt. Eine große Geſellſchaft hatte ſich eingefunden und unbe— merkt verſammelt. Ueberraſcht, beſchämt, faſt niederges drückt von ſo viel Liebe und Zuneigung ſank ſie in die Arme der Mutter und des Vaters. O, es iſt eine nicht hoch genug zu preiſende Wohl— that des Herrn, wenn uns an unſerm Geburtsfeſte das Herz noch entgegen ſchlägt, unter dem wir das Leben empfangen, und die väterlichen Arme uns noch umſchlin— gen können, die uns damahls unter den Thränen der Freude zum erſten Mahle ſegnend emporhoben! Gewiß, die gerührteſte Feyer des Geburtsfeſtes iſt am Herzen des Vaters und der Mutter und wen der Herr lieb hat, dem erhält er ſie bis in ſpäte Jahre! Die Aeltern nahmen die Tochter in ihre Mitte. — Adolf hing ſich an das Kleid der Mutter. Die Geſchwi— ſter begannen einen Feſtgeſang, in dem wir alle ein⸗ ſtimmten. f — de 9) — * Der Oſtermorgeu. — — Es daͤmmerte in den Straßen der uralten Stadt. Die erſten matten Strahlen des kommenden Tages floſſen mit dem Lichte des erblaſſenden Mondes zuſammen. Milde und verheißungsvoll bey ihrem Verbleichen ſchauten die Sterne herab, und es war als ahne die ganze Natur ein gro— ßes feſtliches Kommen. Da ſchlug es von den vielen Thuͤr— men zugleich uͤber die ſtillen Gaſſen und verſchloſſenen Haͤuſer vier Uhr. Wir gingen zu Sophiens Grabe. Die heiligen Oſtern ſind das Feſt eines allgemeinen Wiederſehens. Das iſt oft geſagt, aber eben weil man nicht muͤde wird, es immer von neuem zu ſagen, ſo muß ein tieferer Gehalt in dieſer Anſicht liegen, den jeder in Hoffs nung hat endlich ans Licht zu bringen, der das Geſagte aufs neue ſagt. An jenem Sabbathe ſehr fruͤhe, als die Sonne aufging, erfuͤllte ſich ſo unerwartet herrlich den Juͤngern, was ihr Heer ihnen verheißen: Ich will euch wiederſehen und euer Herz ſoll ſich freuen und eure Freude ſoll niemand von euch nehmen. An demſelbigen Oſtertage ſahe die Menſchheit ihr verlornes Erbe wieder, und der verſchuͤttete Eingang zum Himmel, den lange Jahrtauſende mit Thraͤnen geſucht, war wieder erbrochen und geoͤffnet. Nun feyern die Glaͤubigen an dieſem Feſte ihres Herrn — 20 — Auferſtehung und in derſelben ihre eigene. Die Leidtragen— den gehen zu den Graͤbern und ſtaͤrken ihre Hoffnung auf die Stunde, wo auch dieſe Gräber ſich wieder öffnen wer⸗ den. Und in allen Freunden, die in der rdiſchen Entfer— nung fuͤhlen, wie nahe ſie ſich geiſtlich angehoͤren, regt ſich um Oſtern ein ſonderbarer Zug, ſich wiederzuſehen und im Bilde voraus zu nehmen, was ihnen einſt ewig zu Theil werden wird. Oder ſollte es blos der Aufgang des Fruͤh— lings nach langem Winter, und nicht vielmehr auch ein geheimer, in der kirchlichen Zeit begruͤndeter Trieb ſeyn, der ſie erregt? Als wir am heiligen Abende vom Gebirge in die Ebene kamen, wandelten ganze Schaaren von Oſtergaͤngern vor uns hin. Wir ſahen, daß mit uns noch mehrere je— nen Zug gefuͤhlt hatten und ihm gefolgt waren. Die Pfarrfrau meinte, man koͤnne uns Emmahusgaͤnger nen⸗ nen, und es zeige ſich dann auch hierein, wie die Eine Begebenheit an den erſten Oſtern ſich, wie alle die großen Erſcheinungen an jenen Tagen in viel tauſend Mal vers vielfacht, durch den Lauf der Zeit wiederhole. Vor uns lag die uralte Stadt am Strome, mit den Kirchen und Platzen, an denen ſchon vor anderthalb Jahrtauſend der heilige Abend von Chriſten gefeyert worden. Hinter uns ſchlugen die Flammen der Oſterfeuer von den Bergen gen Himmel. Vergangenheit und Gegenwart, Naͤhe und Ferne liefen gleichſam in einander, und alle Zeit der Welt ers ſchien uns endlich in unſern Gefprächen nur als ein gros ßer Oſterabend, in den bloß die Nacht herabſinken darf, um uns die ewigen Oſtern zu geben. Die gewaltigen Glockenſchlaͤge vom Dome erſchollen, als wir uͤber den Bu: — Strom ſchifften, und zwiſchen ihnen, gleichſam auf ihnen, als den Grundtoͤnen, erklang das fernere, zartere Gelaͤut aus den andern Thuͤrmen, und es war uns, als toͤne der dumpfe, ernſte Schall von Sophiens Grabe uͤber die Stadt her und lade uns ein, an ihm das Vorfeſt des Wiederſe— hens zu feyern. 3 y eun war es Oſtermorgen und in erfter Frühe mach⸗ ten wir uns auf, das theure Grab zu beſuchen. Im gar zen Jahr ſchwebt kein ſo lichter, himmliſcher Glanz um die Graͤber, als an dieſem Morgen, und man koͤnnte den Oſtermorgen den Feſtmorgen der Graͤber nennen. Das Grab bewahrt freylich nur die irdiſchen Ueberreſte, die Truͤmmer des abgebrochenen Tempels, in dem ein edler Geiſt gewohnt. Aber aus den Trümmern des erſten Tem— pels bauten ja die Erloͤſten, die ins gelobte Land zuruͤck— kehrten den zweiten Tempel, in dem Chriſtus wandelte, und der darum herrlicher war, als der erſte. Das Grab eines frommen Menſchen iſt eine heilige Stelle ſowohl fuͤr unſre Hoffnung, als fuͤr unſere Erinnerung. Aber das tagende Licht, in dem wir zum Grabe wan⸗ delten, hatte die Finſterniß noch nicht uͤberwunden. So konnten die Strahlen der himmliſchen Hoffnung auch noch nicht unſere irdiſche Wehmuth durchbrechen. Unwillkuͤhrlich erfuͤllte die Erinnerung an die ſchoͤne Vergangenheit noch unſere ganze Seele. Die Pfarrfrau hatte an jeder Hand einen der Soͤhne Sophiens. Der Bruder und ich ſchloſſen von beyden Sei: ten die Reihe. Oft blieben wir ſtehen, als wollten wir uns etwas ſagen, aber das Wort erſtarb auf der Zunge. O wenn man zu ſolch einem Grabe geht, hat man zuerſt Glockentoͤne. te Aufl. 16 — 22 — nur Thraͤnen, die an Statt der Worte reden. Selbſt die Kinder ſchwiegen. Endlich brach die Pfarrfrau das Schweigen, die fuͤr Freud und Leid das Wort dann ſicher empfaͤngt, wenn ſie beydes in einem bibliſchen Gleichniß erblickt. Sie ſagte: Von Maria, Lazari Schweſter hieß es, ſie geht zum Grabe, daß ſie daſelbſt weine. Der Gang iſt weit und dauert lange, verſetzte der Bruder. Wenn wir am Grabe nur den Herrn finden und den lebenden Todten, wie Maria! fuͤgte ich hinzu. Das Geſpraͤch ſtockte. Ich ſann den Gaͤngen nach, welche uns die Liebe gehen heißt und die ſo verſchieden ſind im Leben. Es trat jener Fruͤhlingsabend vor meine Seele, wo die Vollendete ſo voll Liebe mir entgegen kam, wo mich der Fruͤhling des Jahres geringe duͤnkte gegen den geiſtigen Fruͤhling im Herzen der bluͤhenden Schweſter, und wo ſie ſprach: O waͤre der alte, ehrwuͤrdige Vater doch hier, noch heiliger waͤre mir dieſer ſchoͤne Abend. Dann dachte ich des frohen Ganges, den ich in bruͤder— licher Liebe in ihre Wochenſtube gethan, als ſie mir ihren erſten Knaben entgegen reichte und ſprach: Gib ihm auch deinen Segen; du ſolſt fein Taufzeuge ſeyn. Ach in dies ſelbe Stube that ich hernach den Gang zu der Sterbenden, von der ich ohne Wort mit einem Haͤndedruck ſchied, weil das Herz zu viel zu ſagen hatte, als daß es Worte haͤtte finden koͤnnen. Und nun dieſer Gang zum Grabe der fruͤhe Vollendeten am Oſtermorgen mit ihrem Wittwer und ihren Waiſen! a er Die andern mochten in ähnlichen Bildern die Vergans genheit mit der Gegenwart verglichen haben, denn der Bruder ſagte: O welch einen dunkeln Weg haſt du noch wandeln muͤſſen, ſchmerzenreiche Gattin, die ich ſchon frühe eine Vol⸗ lendete glaubte! Durch welche unſaͤglichen Kaͤmpfe, Ue⸗ berwindungen und Verleugnungen, durch welche Krenzis gung auch der allerfeinſten Hoͤhen der Eigenliebe haſt du dich hindurchwinden muͤſſen, bis der Sieg auf dem Ange⸗ ſichte der Entſchlafenen glaͤnzte, wie der Mond uns noch helle ſcheint, wenn das Licht ſchon laͤngſt von ihm ausge⸗ gangen iſt. Sie hat in der That erfahren, was jenes Lied ſagt: Es glänzt der Chriſten inwendiges Leben Obſchon ſie von außen die Sonne verbrennt. Dieſes Lied und jenes andere von dem Durchbrecher aller Bande hatte ſie ſich noch in der Krankheit abgeſchrieben und immer zur Seite. Ach, wie oft erſcheint ſie mir noch, wie ſie im furchtbarſten Kampfe die Hand ausſtreckte und rief: Und dennoch, dennoch bleib' ich ſtets an Dir! Dars um war unſerm Freunde der Anblick der entſeelten Leiche ſo auffallend, als er um eilf Uhr in die Todtenkammer trat. „Das iſt nicht Sophie, ſagte er, das iſt nur die ab⸗ geſtreifte Huͤlle, das ausgezogene Gewand!“ So ſichtbar war die Scheidung des irdiſchen Bildes vom himmliſchen und jenes ſchien ſich ſelbſt nicht mehr aͤhnlich, als dieſes nicht mehr hindurch ſtrahlte. Wir bemerkten ja alle in den letzten Tagen, daß ſie nur noch an dem großen, reinen, wahrhaft herrlichen Auge kenntlich war. Als auch dieſes ſich ſchloß, hielt ich mich an das himmliſche Bild und als 16* u mir der Herr Kraft gab, vierzehn Tage nachher wieder zu predigen, konnte ich fagen: Fahre nur hinab in's Grab, du irdiſches Bild, das himmliſche lebt in mir und iſt dro— ben unſterblich! Nach einer Pauſe rief er aus: D ihr Leidensſtunden, ihr bangen Tage und Naͤchte, die noch beaͤngſtigend auf meinem Herzen laſten, bleibt mir immer gegenwaͤrtig, damit nie in mir die goͤttliche Traurigkeit erſterbe! Ich ſahe immer nur bey Sophien, ſagte die Pfarr⸗ frau, das himmliſche Bild im irdiſchen, und ich kann nicht ſagen, daß bey irgend einem andern Menſchen mir dieſes ſo ganz vor jenem verſchwunden und ſchon bey Leibes Le— ben untergegangen ſey. Zwei Grundzuͤge waren in ihrem Weſen, fuhr der Bruder fort, die ſich in ihren Leiden faſt als die alleinigen Kraͤfte ihrer Seele hervorthaten und gleichſam zuſammen zu fließen ſchienen, um für ſich allein ein menſchliches Wes ſen zu bilden. Der eine Zug war ihre Liebe zum Heilande, in der das Holdſelige und Unbewußte gegruͤndet war, das Einfache und Geheime, das jungfraͤulich Verborgene in ih— ren Gefuͤhlen und Empfindungen, das Zarte und Geiſtige, das ſich vor der Welt mit einem Schleier verbirgt, aber dem Herrn ſich oͤffnet wie eine Roſe dem Sonnenſtrahl. „So wir im Lichte wandeln, wie Er im Lichte iſt, haben wir Gemeinſchaft unter einander, und das Blut Jeſu Chriſti, ſeines Sohnes, macht uns rein von aller Suͤnde.“ Das war ihr Denkſpruch beym letzten Abendmahle, welches der Vater ihr reichte, und es iſt die Loſung ihres ganzen Lebens geweſen. Der andere Grundzug ihres Weſens war das Heimweh nach oben. Auf Erden war ſie nirgend ganz — 45 — daheim. Wie die flatternden Schwalben mit der blendend weißen Bruſt und dem ſonſt ſchwarzblaͤulichten Trauer⸗ und Glaubensgewande umherfliegen, bis ſie endlich ſich dem großen Zuge ins waͤrmere Land geſellen koͤnnen; oder wie die Taube aus der Arche umherflog, wohl ein Oehl— blatt des Friedens pfluͤckte, es brachte, um andern Freude zu machen, aber nirgend fuͤr ſich auf der Erde einen Ru⸗ hepunkt finden konnte: ſo war es auch mit ihr. Die große, uͤberſtroͤmende Heiterkeit, die man oft an ihr ſahe, beruhete auf Liebe gegen andere, und auf dem himmliſchen Frieden ihres Herzens, die in ſolchen Stunden ihr zum Bewußtſeyn kamen. Dieſer Zug nach der Heimath gab ihrem tiefen Gemuͤthe die ſinnige Beweglichkeit, das ſtill Wartende, das ſanft Geſpannte und jenes Aufſtreben, das man in ihrer Naͤhe als Aufforderung nach oben fuͤhlte. Alles, was ſie an das Streben, das ſie nur ein Heimgehen nannte, erin⸗ nerte, war ihr beſonders werth; jede Freude und jedes Leid gewann in ihrem Herzen gleich die Geſtalt der Ah nung, und oft iſt es mir zum Verwundern geweſen, wie ſowohl der Schmerz, als die Wonne nach kurzem Auf: blitzen, alsbald in der mittlern Empfindung einer ungemein wohlthuenden Ruͤhrung ſich verloren. Unter allen Blumen liebte fie vorzugsweiſe das Maͤrzgloͤcklein auf dem Schnee, das, ihr und uns unbewußt, das Bild ihres ſchnellen Bluͤ— hens und Verwelkens in dieſer rauhen Winterluft der Erde war. Es war ihr ja auch leicht etwas zu rauh, und wir ſagten oft, ſie gehoͤre nicht fuͤr dieſe niedrige Gegend. In dieſem Sinne mochte ſie wohl am Abende zu ſingen pflegen: — 246 — Kommt, Kinder, laßt uns gehen, Der Abend rückt herbei. Es iſt gefährlich ſtehen, In dieſer Wüſteney u. ſ. w. Und wenn wir ihr in den letzten Wochen, wo wirklich der Abend ihres Lebens einbrach, vorſagen mußten, ihr koͤnnt denken mit welchen Empfindungen: Es wird nicht lange mehr währen, Halt noch ein wenig aus, Es wird nicht lang mehr währen, So kommen wir nach Haus u. ſ. w. ſo wiederbolte ſie jedes Mal freundlich laͤchlend den Schluß: Wie wohl, wie wohl wird's thun! Der Bruder ſchwieg. Mich duͤnkte, verſetzt ich, da— mals als wir ihren Sarg ſchloſſen, als wenn die bleichen Lippen ſich noch einmal haͤtten oͤffnen und ſagen wollen: Wie wohl, wie wohl thut's jetzt! O es war ein heiliger Augenblick! Das Gelaͤute zur Beerdigung hatte ſchon be— gonnen. Einſame, ſtarke Glockenſchlaͤge antworteten ſich nach langen, gemeſſenen Zwiſchenraͤumen aus zwey verſchiedenen Thuͤrmen als wollten ſie in ihrer Hoͤhe ein Todtengeſpraͤch uͤber die eilende Vergaͤnglichkeit und hinfaͤllige Herrlichkeit alles Irdiſchen fuͤhren. Die ernſte Bedeutung dieſer alten Sitte iſt, mir nie klaͤrer geworden, als damals. Die Frauen hatten ſich eingeſchloſſen, ſtill zu trauern. Unten im Hauſe ſtand die Flur voll ſchwarz beflorter Traͤger und die Leichendie— ner durchkreuzten die Menge mit ihrer kalten anſtaͤndigen Eilfertigkeit um die letzten Anordnungen zu beſchicken. Die Freunde umringten Dich in dem großen Zimmer, ſchwei⸗ gend in ihre Trauermaͤntel gehuͤllt. Da winkteſt Du mir, Dir in die Todtenkammer zu folgen. Zum letzten Male a: — ſollten wir die Geſtalt ſehen, die ein liebend Herz uns ſo theuer gemacht, und ich danke Dir noch heute, daß Du es ſo geordnet, daß keine fremde Hand den Sarg ſchließen durfte. Du oͤffneteſt die verſchloſſene Kammer. Da lag in ihrem weißen Unſchuldsgewande die liebe Leiche. Das Auge blickte uns nicht mehr entgegen in ſeiner gewohnten Milde und Waͤrme, aber die Haͤnde waren noch ſo fromm gefalten, wie ehedem. O wenn nur noch Ein Mal dieſe Augenlieder ſich gehoben hätten für Einen Blick der ſchei⸗ denden aber hoffenden Liebe! O wenn nur noch Ein Wort mit dem gewohnten zarten Klange uns uͤber dieſe Lippen ein Lebewohl gehaucht haͤtte! Aber ſie war ſtumm und ſchlief im Sarge, eine Todenſtille war in der Kammer und nur von unten drang das Geraͤuſch herauf. Wir druͤckten den letzten Kuß auf die gefaltnen Haͤnde. Du ſtandeſt oben zu den Fuͤßen der Leiche. Wir hoben den Deckel auf, um ihn auf den Sarg zu legen. Ach, wer gab Dir Kraft, daß Du das Wort des Abſchiedes ſo glaͤubig aus— ſprechen konnteſt: Hier ruhe fanft in ſtiller Kammer, Du Bild der Unfhuld! nun Ade! Bis ich erlöft von allem Jammer, Im Himmel einſt Dich wieder feh'! — Oier leg' ich Dich zur ſtillen Ruhe Und unſre Thräne rinnt um Dich, Das Letzte, was ich für Dich thue, Sit Liebe, doch — — — — Da erſtickte das Wort in Thraͤnen. — Leiſe legten wir den Deckel auf den Sarg und ſchloſſen ibn. Wir knie⸗ ten nieder. Man pochte an der Thuͤr. Wir ſlanden auf RER REN und umarmten uns. Die Träger kamen und trugen den Sarg hinaus — dieſen Weg. Ja, den Sarg, und uur ihn mit der Huͤlle, ſagte der Bruder. Du biſt hingegangen, theure Sophie, rief er aus, aber einen Lichtzug haſt Du hinterlaſſen, in welchem wir Dir nacheilen. Wir wuͤnſchen Dich nicht wieder zuruͤck. Aber zu Dir zieht es uns hin und komm ich auch nicht weiter fuͤr jetzt, als zu Deinem Grabe. Der Gottesacker mit den Pappeln lag vor uns. Der friſche Morgenwind bewegte ſie, wie der Odem des Herrn, der einſt in die Gebeine hauchen wird. Das tagende Licht hatte nun die Finſterniß uͤberwunden und der Aufgang war nahe. Ziemlich entfernt von der Stadt liegt der Gottesacker mitten in einem weiten Fruchtfelde. Es war ſtille, wie es um die Graͤber ſeyn ſoll. Kein Menſch, kein lebendiges Weſen ließ ſich ſehen. Wir waren ganz allein bey den Todten. Dort, faſt dicht an der Mauer, liegt Sophiens Grab. Ein einfacher Stein bezeichnet die Stelle, wo ihr Leichnam ruht. Wir ſchritten ſchweigend uͤber die benachbarten Graͤ— ber und ſtellten uns im Kreiſe um die verſchloſſene Gruft. Wenige Worte an den Steinen ſagen, wer hier liegt. Lies einmal, Karl, ſagte der Bruder zu feinem aͤlteſten Sohne. . Das Kind las Sophiens Namen, ihren Todestag und die geringe Anzahl ihrer Jahre. An der andern Seite ſtand: „Sie war nicht von dieſer Welt. Darum it fie — 219 — „fruͤhe heimgegangen und ruft von dort: Liebt ihr zum „Himmel herauf, lieb' ich zur Erde hinab.“ Da ging ploͤtzlich vor uns die Sonne auf. Herrlich und voll hob ſie ſich uͤber der ſchweigenden Erde nach und nach herauf, um ſie ins Leben zu wecken. Unwillkuͤhrlich knieten wir nieder. Der aͤlteſte Sohn folgte dem Vater, der jüngere dem aͤltern. Der Vater kniete zwiſchen ſeinen Soͤhnen am Grabe der Mutter, und wir ihnen gegenuͤber. Wir weinten. Wir beteten. Als wir aufſtanden, ſahen wir das volle, ſtrahlende Angeſicht der Sonne uͤber den Gipfeln der Berge. Es war, als wenn eine himmliſche Macht uns aufgehoben haͤtte. Der Herr iſt auferſtanden! rief der Bruder, noch Thraͤnen im Auge. Ja, er iſt wahrhaftig auferſtanden, antworteten wir, und lebet in Ewigkeit! Amen. Amen! wiederholten Alle. Eine Lerche ſchwang ſich auf und ſang ihr Jubellied der Auferſtehung aus deu Hoͤhen herab, und ihr Geſang duͤnkte uns etwas vom Klange der Lieder zu haben, welche die Himmel bey der Auferſtehung des Erſtlings unter ſei— nen Bruͤdern ſangen, und welche ſie einſt der Auferſtehung der Glaͤubigen entgegen ſingen werden. Laßt uns auch ſingen, ſagte die Pfarrfrau, und ſtimmte nach einer der aͤlteſten und ruͤhrendſten unter allen Geſang⸗ weiſen der Kirche folgenden Vers an: Wie wird mir ſeyn, wenn ich den ew'gen Sohn Und die er heiligte Rings um ihn her und um den lichten Thron In großen Schaaren ſeh', 0 Und wenn dann auch die Meinen, Mit Palmen in der Hand Sich nähern, Wonne weinen Daß ich auch überwand! b Wir fuͤhlten jene Miſchung von tiefer Wehmuth und hoher Hoffnung in dieſem Verſe, die ſich noch in unſern Tagen bey einer ganzen Gemeinde kund that. Zum erſten Male wurde die unbekannte Weiſe in einer vollen kirch⸗ lichen Verſammlung von einzelnen zerſtreuten Stimmen geſungen, und wie dieſer Vers erklang hatte man das nur in fruͤhern, beſſern Zeiten der Kirche gewoͤhnliche Schau⸗ ſpiel, eine ganze Gemeinde durch den Geſang zu 1 geruͤhrt zu ſehen. So erklang jetzt dieſer wahrhafte Grabgeſang der glaͤu— bigen Gemeinde am Oſtermorgen und die Toͤne der Lerche wirbelten herein und die goldne Scheibe der aufgeganges nen Sonne leuchtete in unſere Augen. Wir waren unge mein erhoben. Die Graͤber ſchienen uns geoͤffnet, der große Morgen ſchon angebrochen, und die Verklärte unter uns. Jeder von uns meinte in dieſem Augenblick, es ſey hier nicht mehr die Stelle der Klage über die verlorne, ſondern die Freude uͤber die wiedergefundene Sophie. In dieſen Gedanken mochte die Pfarrfrau ſagen: Hier koͤnnte man auch anwenden: Siehe, wie hat Er ſie ſo lieb gehabt! Gewiß hat der Herr die Vollendete lieb gehabt, erwi— derte der Bruder, daß er ſie ſo fruͤhe, wenn gleich ſchmerz— lich, dem Ziele zufuͤhrte, und auch uns, daß er in der Trauer um fie uns die treibende Sehnſucht nach Ihm ger geben. Laßt uns preiſen die ewige Liebe, die uns ſucht auf jede Weiſe und in jeder dieſelbe Liebe und Barmher⸗ — 251 — zigkeit iſt. Sie läßt einen Augenblick ſterben, um ewiges Leben zu geben. Sie laͤßt das Grab ſchließen, um es für immer zu oͤffnen. Sie ſelbſt legt ſich einen Charfreitag auf, um die Oſtern ohne Ende herbeyzufuͤhren. a Eine heilige Freude lag in ſeinem Angeſichte, als er das ſagte. Wir umarmten uns. Dann ſegnete er ſeine Kinder am Grabe der Mutter. Den beſten Segen ſpricht ſie ſelbſt, ſagte er. Ihr ſeht ſie nicht, aber ihr Segen kann nicht fehlen. Das ſchoͤnſte Morgenlicht umglaͤnzte uns. Faſt fuͤhl⸗ ten wir die Strahlen, wie fie uns fein und himmliſch bes ruͤhrten. So ſtanden auch unſre Seelen in den Strahlen des goͤttlichen Lichts. Wir kehrten zuruͤck. Noch lange verbreitete ſich unſer Geſpraͤch uͤber die Liebe zum Himmel hinauf und vom Himmel herab. Wir ſahen wohl ein, welch einen Unterſchied es mache, ob dieſe Worte von dem Manne der Liebe ſelbſt, oder von einem Men⸗ ſchen, dem Er erſt dieſe Liebe gegeben, zu den Be— wohnern der Erde geſagt werden. Seine Liebe ſey eine ſchaffende, die erſt das Liebenswuͤrdige in dem, welchen er lieben will, hervorbringen muß. Der Menſchen, ſelbſt der Vollendeten Liebe ſey eine geſchaffene, die durch das ſchon vorhandene Liebenswuͤrdige hervorgebracht wird. Darum muͤſſe es erſt aus dem Munde des Herrn zu uns heißen: lieb ich zur Erde hinab, liebt ihr zum Himmel herauf, und dann koͤnnten unſre Vollendeten ſagen: liebt ihr zum Him⸗ mel herauf, lieb ich zur Erde hinab. So entſtehe dann in dieſer Liebe, von der Sophie ſagte, daß ſie nur Eine ſey im Himmel und auf Erden, ein dreyfacher Bund zwiſchen Himmel und Erde. Die ewige Liebe liebte zur Erde herab, 1 um uns zn ſich zu ziehen, dann können wir zum Himmel hinauf unſre Vollendeten und ihr Haupt, den Herrn, lie— ben und dann endlich koͤnnen ſie vom Himmel herab uns lieben. Doch vergaßen wir nicht, daß bey uns die Liebe nur die Frucht des Glaubens iſt, und auf dieſen Gedan⸗ ken gerathend, wurden wir von der Pfarrfrau gefragt, ob denn unſer Gang von Anfang bis zu Ende nicht die ſpre— chendſte Aehnlichkeit mit jenem Gange zum Grabe Lazari habe? Die geſchwiſterliche Liebe, fuhr ſie fort, hat uns ja auch hieher gefuͤhrt, wir haben den Herrn gefunden und ſeine Naͤhe fuͤhlbar vernommen, und was er dort geſpro— chen, haben wir auch erfahren: Hab' ich dir nicht geſagt, ſo du glauben wuͤrdeſt, ſollteſt du die Herrlichkeit Gottes ſehen? Das fanden wir alle und waren froh in dem Ge— danken, daß eine bibliſche Erzaͤhlung ſich in unſerm Gange wiederhole. Um ſo feſter ſchloſſen wir uns an jene Worte an, die auch in derſelben vorkommen, und die der Herr zu Martha ſprach: „Ich bin die Auferſtehung und das Leben: Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich ſterbe. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmer— mehr ſterben. Glaubſt du das? Und Martha ſprach: Herr, ja, ich glaube, daß Du biſt Chriſtus, der Sohn Got— tes, der in die Welt gekommen iſt.“ Als wir uns der Stadt naͤherten, klang das Oſterge— laͤute von allen Thuͤrmen, und wie wir in die Landſtraße bogen, und ihren Lauf durch die weiten Felder überfahen, war der Weg uͤberall mit feſtlich gekleideten Menſchen be— ſetzt und gruppenweiſe zogen ſie zu dem hohen Feſte in die Stadt. Langſam, mit unſrer ſtillen Feyer im Herzen, gin— gen wir der uralten Stadt zu und ließen die eilenden - m. - Fußgänger an uns voruͤberziehen nach gewechſeltem Oſter— gruße. Aber ſchon die oͤftere Wiederholung des Grußes mit einer Menge von Menſchen zog uns allmaͤhlig aus der innern in eine Äußere Feyer hinein, und faſt zu glei cher Zeit machten wir alle die Bemerkung, daß auch indie: ſer Hinſicht die Landleute vor den Stadtbewohnern beguͤn— ſtigt ſind. Es iſt nicht zu ſagen, welche Ahnungen eines unausſprechlichen Reichthums von der Feſtfreude innerhalb der Stadt ſich in unſerm Gemuͤthe regen, wenn aus den vielen Thuͤrmen eines Ortes das verſchiedenartige Gelaͤute in einander klingt, und dieſe Wogen des Wohllauts in die Umgegend herausſtroͤmen, und wir nun mit Hunderten ih— nen entgegen in die feyernde Stadt wallen. Drinnen muͤſſe die ganze Herrlichkeit des Feſtes wohnen, meint man und unwillkuͤhrlich werden die Schritte befluͤgelt. Wirklich, als wir an dieſem groͤßten Feſtmorgen des Jahres in die uralte Stadt kamen, waren die vielen Tat ſende in feſtlicher Gaͤhrung. Der Eingang der Haͤuſer war nach der Sitte des Landes mit weißem Sande ge— ſchmuͤckt, der in den verſchiedenartigſten Blumenformen um⸗ hergeſtreut war. Die Menge, welche die Tempel des Herrn ſuchte, draͤngte ſich in den Gaſſen. 1 Der Bruder ging allein ins Haus. Wir mochten vom Grabe der Auferſtehung nicht erſt ins Sterbhaus gehen; ſondern begaben uns gleich in das Gotteshaus. Die Ge— meinde fing an ſich zu verſammeln. Einzelne ſaßen ſchon und bereiteten ſich fill betend zur geſegneten Anhörung der Predigt. In kurzer Zeit war die Kirche angefuͤllt. Mit freudigem Halleluja begann der Chor den Oſter— vſalm, und dann ſang die Gemeinde den alten Geſang, der — 14 — von einem ſehr ſalbungsvollen Manne herruͤhrt und alſo anfaͤngt: Ich geh' zu Deinem Grabe Du großer Oſterfürſt! Weil ich die Hoffnung habe, Daß Du mir zeigen wirſt, Wie kann man fröhlich ſterben, Und fröhlich auferſtehn Und mit den Himmelserben Ins Land des Lebens gehn. Unter dem letzten Verſe dieſes Geſanges trat der Bru— der auf die Kanzel. Auf ſeinem Angeſichte ſtrahlte der milde Glanz der Grabesfeyer in der Fruͤhſtunde nach. Die Gemeinde hatte das Pilgerlied der Wallfahrt zum Grabe des Herrn geſungen, nun ſtellte er ſich gleichſam an ihre Spitze, und fuͤhrte uns zu dem entſiegelten Grabe, und ging mit den Juͤngern hinein, um uns die Antwort zu bringen: Was ſucht ihr den Lebendigen bei den Tod⸗ ten? und dann die noch hoͤhere Antwort aus dem Munde des Auferſtandenen ſelbſt: Ich lebe und ihr ſollt auch le⸗ ben. Doch ſchnell verließ er dieß Bild, mit dem er den Vortrag begonnen, und ergriff einfach den heiligen Gedan⸗ ken des Oſterfeſtes in den wahrhaft oͤſterlichen Worten: „Wie wir getragen haben das Bild des Irdiſchen, alſo werden wir auch tragen das Blld des Himmliſchen.“ Er ſchilderte zuerſt, was fuͤr ein gebrechlicher Zuſtand es ſey, in dem wir das Bild des irdiſchen Menſchen, des gefallenen Urvaters, tragen. Er war ja vom Grabe ſeiner Gattin gekommen, ein trauernder Wittwer ſtand er in der Gemeinde und ſo konnte er vom Weh der Erde — 255 — mik zwiefacher Erfahrung reden. Er zeigte wie dieſe Welt in jeder Hinſicht eine unvollkommene, und unſer Leben in ihr ein armes ſey, und dieſe Unvollkommenheit und Ar⸗ muth erſt recht ſichtbar werde an der Sehnſucht, die unſer Herz nie verleugnen kann. Wir ſtreben nach Licht und der eine zeigt uns als Luͤge, was uns der andere als Wahrheit pries. Wir lechzen nach Seligkeit, und wenn wir meynen nach Jahre langer Anſtrengung ſie nun zu er⸗ greifen, ſo umſchauert uns ploͤtzlich wieder der alte Froſt des Elendes. Wir trachten nach Tugend, und wenn die Welt uns bewundert, wirft uns ein Blick in unſer Inne res von der ertraͤumten Höhe in den Wirbel eigenfüchtiger Gedanken und unreiner Neigungen herab! Ach, muß nicht der Menſch immer im Streite ſeyn auf Erden und ſind ſeine Tage nicht wie eines Tageloͤhners? Wie ein Knecht ſich ſehnt nach dem Schatten und ein Tageloͤhner, daß feine Arbeit aus ſey: alſo arbeitet man wohl ganze Mos nate vergeblich und elender Naͤchte ſind uns viele gewor⸗ hen. Woher das alles ruͤhre, liegt am Tage. Wahrheit und Seligkeit, Licht und Waͤrme fliehen uns, weil uns die rechte Sonne nicht ſcheint. Die ſtrahlendſte Tugend iſt un⸗ rein, und die glaͤnzendſte Gerechtigkeit der Menſchen be⸗ fleckt vor dem, des Augen ſind wie Feuerflammen. Darum entbehren wir die Gewißheit Seines Wohlgefallens, dem nur gefallen mag, was ſo vollkommen iſt, wie Er ſelbſt. Aber woher ſoll uns Licht und Frieden kommen, wenn ſie von ihm nicht kommen? — Gibt es denn kein Licht fuͤr meinen irren Gang? keinen Troſt fuͤr mein zerriſſenes Herz? keine reine Gerechtigkeit fir meine unvertilgbare . Sehnſucht? So fragt die Thraͤne des verzweifelnden Ver: langens in Deinem Auge, der Seufzer aus Deiner befloms menen Bruſt und der Nothruf Deiner verirrten Seele. O laß nur ſo fragen, fuhr er fort, dann kommt die rechte Antwort gewiß. Ja es gibt Wahrheit, Seligkeit, Ges rechtigkeit für Dich. Ich bin der Weg, die Wahrheit, und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. So ſpricht Einer zu Dir, und dieſer Eine iſt Gottes Sohn, der Menſch geworden! Vergebens ſehnteſt Du Dich nach Gott, denn er wohnt in einem Lichte, zu dem niemand kommen kann. Du verlangteſt nach einer vollkommenen Welt, aber Du warſt unvollkommen. Da machte die er? barmende, fich ſelbſt erniedrigende Liebe das größte Wuns der moͤglich. Der Ewige trat in die Zeit, und das Unend— liche ließ ſich in das Endliche herab. Das begreift Dein Verſtand nicht, aber er ſoll die Moͤglichkeit glauben, wenn ihm die Wirklichkeit vor Augen liegt. Dieſer Chriſtus iſt Deine Seligkeit, denn in ihm iſt das Leben und Er iſt Dein Licht und Deine Wahrheit, denn das Leben war das Licht der Menſchen. Und er will Deine Gerechtigkeit ſeyn, denn alſo hat er ſich weiſſagen laſſen, daß man ihn nen⸗ nen wird, Herr, der unſere Gerechtigkeit iſt! Du kannſt nur erkennen, was in die Zeit fällt, nur lieben, was in Menſchengeſtalt Dir entgegen kommt, und nur dem folgen, was Dir nicht zu hoch iſt. Darum ward Gott Menſch, daß Du ihn erkennen und lieben und Dich ihm hingeben moͤchteſt. Der Gerechte, trat er für Dich in eine Welt voll Suͤnde, ein Verſoͤhner in das Leben voll Straſe, ein Sieger in die Gewalt des Todes. Weil er für Dich Dei- ner Suͤnden Sold, den Tod, erduldet, nimmt er ihn den Stachel und weil er Gehorſam uͤbend, vollendet ward, iſt * — 257 — er allen geworden, die ihm gehorſam ſind, eine Urſach zur ewigen Seligkeit! Fragſt Du nun noch nach dem vollkommnen Leben, dem lichten, ſeligen, gerechten, das Du erſehnſt? Siehe, Chriſtus iſt das vollkommne Leben, und ſein Bild iſt das Bild des Himmliſchen. Er hat Dir den Antheil daran erworben, denn um unſrer Suͤnden willen iſt er geſtorben, und um unſrer Gerechtigkeit willen auferwecket. Er lebte, litt und ſtarb auf Erden, den Menſchen die Befriedigung ibrer Sehnſucht zu geben, und als er des Grabes Riegel brach und ein Held aus dem Grabe ging, iſt er der Oſter— fuͤrſt geworden, deſſen Auferſtehung uns Vollendung ſeines Werkes, die goͤttliche Belobung deſſelben, und die Kraft unſerer Erneuerung iſt. f Der Bruder ſchloß feine Oſterpredigt, mit der Ber merkung, wie darin die Eigenthuͤmlichkeit des Evangelii bes ſtehe, daß es uns dieſe ewige Welt der Gerechtigkeit in Chriſto, welche man ſonſt nur jenſeits ahnet, ſchon hienie⸗ den ſchenke, und wie dieſes Bewußtſeyn des neuen Lebens ſowohl der Inhalt, als auch die Bedingung der Oſterfreude ſey. Du biſt jetzt ſchon, wenn Du glaubſt, Glied an dem Leibe, deſſen Haupt Er iſt. Er erſcheint Dir, wie Du es eben faſſen magſt: ſo wie Er von den Juͤngern, die nach Emmahus gingen, am Brotbrechen, von Maria am Tone des Zurufs, von Thomas an ſeinen Wundenmahlen, von dem Juͤnger, welchen Er lieb hatte, an ſeiner Verheißung und von Petrus an der dreimaligen Frage nach der Liebe erkannt ward. Wo er aber erſcheint, da eröffnet Er im— mer ein Grab, jetzt nur ein unſichtbares, einſt ein ſichtba— res. Wohlan, ſo ſchließt euch auch nur auf eine Weile, Glockentoͤne. öte Aufl. 17 ihr irdiſchen Gräber, nehmt die theuerſten Kleinode unfes rer Wallfahrt auf, und unſere Thraͤne benetze eure Huͤ— gel; ja ſey immerhin ſelbſt nur ein großes Grab, o Erde — dieſe unvollkommene Welt iſt nicht unſre Heimath. Der Menſchenſohn weihete die Graͤber, indem er ſie bewohnte, aber er bewohnte ſie nur, um ſie zu erbrechen. Auf denn, weil das Grab deſſen, der in allen Dingen den Vorgang haben mußte, erbrochen iſt, ſo brechet auf, ihr Graͤber, die man menſchliche Herzen nennt, bis einſt mit allen Graͤ— bern unſrer Lieben das große Grab, die ganze Erde entfies gelt wird und in Chriſti Gerechtigkeit ein neuer Himmel und eine neue Erde mit ihren auferſtandenen Bewohnern verklaͤrt hervorgeht. Amen. Die Gemeinde ſang; Laß des Dankes Harfe klingen, Daß das Herz vor Freude bebt, Laßt uns, laßt uns mächtig ſingen, Dem, der ſtarb und ewig lebt! Daß das Herz vor Freuden bebt! Preis und Ehre laßt uns bringen Dem, der ſtarb und ewig lebt! Dem, der ſtarb und ewig lebt! Nachdem die hohe herrliche Oſterweiſe, in der dieſer Geſang geſungen wird, verklungen war, und wir aus dem einfach erhabenen Gotteshauſe traten, zogen die feſtlichen Oſterzuͤge von Chriſten anderer Bekenntniſſe in ihrer ganz zen Pracht vor uns her. Das Kreuz wurde voraufgetra— gen, andere Oſterweiſen ertoͤnten und die ganze ſinnliche Schoͤnheit ihres Gottesdienſtes ging an uns voruͤber. Al lein das Wort von dem neuen, vollkommenen Leben, das unſerm Herzen in der Auferſtehung des Herrn aufgeht, 0 erfüllte in feiner uͤberirdiſchen Herrlichkeit unſre Seelen dergeſtalt, daß wir durch dieſe mehr aͤußerliche Feyer nicht geſtoͤrt wurden, ſondern nur das Sinnbild unſers eigenen Wallens im Lichte dieſes neuen Lebens darin fanden. Al les wurde uns heute zum Sinnbilde. Auch Nachmittags die Oſtereyer, die nach alter Sitte in den Haͤuſern darge— boten werden. Iſt denn nicht das Ey ein Bild jenes duns keln verhuͤllten Zuſtandes, in dem eine Seele ſchlummert, die noch nicht an die lichte Welt des hoͤhern Lebens er— wacht iſt, bis endlich die Schaale zerbricht und das gefluͤ— gelte Weſen an den hellen Tag geboren wird? Es hat auch noch eine andere Bedeutung, die uns im Blick auf die Grabesruhe unſerer Lieben ſehr theuer ward. Sie wurde in einer Inſchrift angedeutet, welche ſich auf einem Ey befand, das man dem Bruder uͤberreichte. Es war die Stelle aus den Pſalmen: »Ich liege und ſchlafe und ers wache, denn der Herr haͤlt mich.“ Nun, ſagte er, als er ſie geleſen, indem er ſich zur Pfarrfrau wandte, ſo moͤge denn unſer ganzes Leben ein Gang zum Grabe ſeyn, wo wir den erwachten Heiland, und die erwachenden Geliebten wiederſehen, und, — indem er mir die Hand reichte — dann wird das Oſterfeſt ein höheres Feſt des allgemeinen Wiederſehens. — — 8. Das Himmelfarthsfeſt. Nun, da liegt ja ſchon unſer Bethanien! fagte die Pfarrfrau, indem ſie munter unter den friſch belaubten Baͤumen den Berg erſtieg. Der kleine Adolph ſprang voran. Der Pfarrer mit ſeinen Freunden folgte. Zwiſchen den gruͤnen Zweigen blickten die weißen Waͤnde eines niedlichen Bauernhauſes ihnen entgegen. Bethanien? fragte der Graf verwundert. Sie werden wenigſtens geſtehen muͤſſen, entgegnete ſie, daß ſich Bethanien fuͤr das heutige Feſt wohl eignet. Eine Pfarrfrau iſt doch ein lebendiges Feſt, fiel Aftras lis ein. Meine Frau liebt es, ſagte der Pfarrer, alles, was ihr in ihrer Umgebung angenehm iſt, mit bibliſchen Namen zu ehren, und ſo jedem ſchoͤnen Gemaͤlde eines irdiſchen Gegenſtandes eine heilige Einfaſſung zu geben. Oder ſoll ich lieber ſagen, ſie lebt dergeſtalt mit der ganzen Seele in der heiligen Geſchichte, daß jedes, was im Leben ihr Herz beruͤhrt, ſie an etwas aus derſelben erinnert und es auf dieſe Weiſe lebendig vor fie hinſtellt. Wenn du meine Schwachheiten fo gern erzaͤhlſt, vers ſetzte die Pfarrfrau, ſo mußt Du mir doch in dieſem Falle einräumen, daß ich einigen Grund dazu habe. In dem N) — weißen Häuschen dort oben werten fromme Geſchwiſter, ein Bruder mit ein Paar Schweſtern, und wenn wir ſie ſogleich beſuchen, werden wir bemerken, daß der Herr bei ihnen ſo gerne einkehrt, als bei Lazarges, Maria und Mar⸗ tha, und daß auch hier der Bruder ein Auferſtandener iſt und die Schweſtern ſich in Sanftmuth und Thaͤtigkeit ge⸗ theilt haben. Ueberdieß wohnen ſie nicht weiter von der Stadt, als man mich belehrt hat, daß Bethanien von Je⸗ ruſalem entfernt geweſen. Und daß dieſes Bethanien eben ſo ſtill und ſchoͤn gelegen, und eine rechte Freyſtatt der Ruhe ſey, zu der man aus dem ſtaͤdtiſchen Gewuͤhle flieht, das ſehen ſie ſchon jetzt. Nun begreife ich, ſagte der Graf, warum Sie uns ſo angelegentlich dieſen Gang vorſchlugen. Ich meine, erwiederte ſie, man muͤſſe ſo viel wie moͤg⸗ lich, die Aeußerlichkeiten eines Feſtes den urſpruͤnglichen anpaſſen. Ganz recht, fiel Aſtralis raſch ein. Man feyert die Weihnachten bei einer, wenn auch oft nur gemalten Krip— pen, die Oſtern an den Gräbern, warum nicht des Herr Himmelfahrt auf einem Berge? Ich laſſe mir den Feſtmorgen wohl in einer Stadt ges fallen, fuhr die Pfarrfrau fort. Die herbeiſtroͤmende Menge, das Wogen des Volks zum Gotteshauſe, die Vermiſchung von Menſchen aus allen Staͤnden auf dem Einen Wege, hat etwas Herzerhebendes. Aber der Nachmittag nach dem Gottesdienſte hat in den Gaſſen der Stadt etwas ſo Un⸗ heiliges, Gemeines; es iſt ſo wenig Ruhe, Sabbath und Feyer in ihnen, daß ich jedes Mal ein Verlangen nach ländlicher Stille fühle. Nur in ihr wird das Feſt ganz — 252 — gefeyert. Alle Arbeit des Feldes ruht, hier und da wan— delt ein Landmann um ſeine Aecker, und nur Gott der Herr, wirkt! Darum, gehe ich gern, wenn die Kirchen ge— ſchloſſen ſind an Sonn- und Feſttagen aus der Stadt, und zumahl am Himmelfahrtstage, wenn man ein ſolches Bethanien in der Naͤhe hat. Treibt es indeß nicht zu weit, warnte der Pfarrer. Die Weihnacht feyert man in der Nacht; zu den Graͤbern geht man am Oſtermorgen; wer das Himmelfahrtsfeſt auf einem Berge feyern will, muß um Mittag hingehen, weil nach der Sage des Herrn Himmelfahrt um dieſe Zeit ge— ſchehen iſt. Jetzt aber iſt es ſchon weit in den Nachmit⸗ tag vorgeruͤckt. Trefflich, rief der Graf aus, ſo haben wir fuͤr alle Tageszeiten einen wichtigen Feſtgegenſtand. Die Nacht weiſet auf Chriſti Geburt, der Abend auf ſeinen Tod; der Morgen auf ſeine Auferſtehung und der Mittag auf ſeine Himmelfahrt hin. Wie aber ſtehen wir denn in dieſer Stunde zu der ei— gentlichen Hochzeit des heutigen Tages? fragte der Pfar— rer. Mir iſt darauf noch nicht geantwortet. Laͤchelnd erwiederte die Pfarrfrau daß man nicht zu aͤngſtlich und gelehrt in ſolchen Dingen ſeyn muͤſſe. Die Geſellſchaft war oben angelangt. Der kleine Knabe ſprang dem wohlbekannten Hauſe zu. Die Pfarr— frau, ihm folgend, ging hinein und kam bald mit dem Bruder der Schweſtern heraus. Maria war ſeit einigen Tagen von ihrem alten Uebel befallen, und darum hatte die Pfarrfrau angeordnet, daß die Erfriſchungen auf den u A grünen Waldplatz heraus gebracht würden. Hernach ſolle dann die Kranke beſucht werden. Eine kleine Strecke in den Wald hinein lag ein ſchoͤ— ner, geraͤumiger Platz mitten zwiſchen hohen Baͤumen. Der Boden ſtrahlte im erſten zarten Grin und die May— blumen dufteten lieblich herauf. Der Himmel ſchien ſeinen ganzen Reichthum an Licht, Farbe und Glanz auf die Erde auszugießen, und ſo auch ſeinen Theil zur Feyer eines Fe— ſtes beizutragen, das ihn beſonders nahe angeht. Die Ausſicht war frey und weit. Das ganze freundliche Thal der Wupper mit feinen ſchimmernden Bleichen und ſtattlichen Häufern lag zu den Fuͤßen, und doch war der Ort ſehr ſtill und verborgen. An der ſchoͤnſten Stelle lagerte ſich die Geſellſchaft. Der kleine Adolf war in unausſprechlicher Munterkeit und ſehr geſchaͤftig bei den vielen Gegenſtaͤnden, die ſeine Auf— merkſamkeit auf ſich zogen. Die Pfarrerin mit dem Bru— der ordnete ein kleines Mahl an. Als ſie fertig war, wandte fie ſich zu Aſtralis und reichte ihm zuerſt eine Era friſchung dar. Ihnen gebuͤhrt es zuerſt, ſagte ſie, zum Dank fuͤr Ihre Feſtpredigt dieſen Morgen. Wir armen Prediger, ſagte der Pfarrer, unterliegen dem Schickſal des Alten und Neuen, wie alles in der Welt und auch auf der Kanzel toͤnt das neueſte Lied am ſchoͤnſten, wie ſchon vor ein Paar Jahrtauſenden geſungen wurde. Haͤtt' ich doch eher von dem Grafen beſchaͤmt werden ſollen, erwiderte ſie. Haſt Du denn nicht ſelbſt oft geaͤu⸗ ßert, daß der Prediger durch die Jugend und das Neue, der Pfarrer aber durch das Alter gewinne, und daß, wenn man weder neu noch alt iſt, gerade die Zeit komme, wo N vom Gefallen weniger als vom Wirken die Rede fey, für welches der Herr ſelbſt angeordnet, daß es in der Stille und geziemender Demuth geſchehe. Was mich betrifft, ſprach der Graf, ſo weiß ich die Wuͤrde des geiſtlichen Redners zu ſchaͤtzen. Die Pfarrfrau hat in meinem Sinne gehandelt und ich habe nur zu be— dauern, daß ich nicht ſelbſt bey der Predigt s geweſen. 5 Sie wuͤrden unter andern das ſchoͤnſte Wort vom Fruͤhlinge gehoͤrt haben, das mir ihn, den ich ſo ſehr liebe, in eine himmliſche Verklaͤrung geſtellt und mir gleichſam einen hoͤhern Fruͤhling in dem aͤußern geſchaffen hat. Aſtralis meinte, die Pfarrfrau gebe einem beylaͤufigen Gedanken zu viel Gewicht. Der Graf aber bat ſehr drins gend um die Mittheilung. Sie erzaͤhlte darauf, daß der Feſtredner bei dem heutigen unvergleichlichen Lenzmorgen angeknuͤpft und zu bedenken gegeben habe, ob nicht ein uͤberraſchendes Zuſammentreffen zwiſchen den Fruͤhlingsta⸗ gen in jedem Jahre, und den vierzig Tagen, in denen der Auferſtandene mit ſeinen Juͤngern gewandelt, Statt finde; ob dieſe Zeit, wie fie ehedem im Gegenſatz der vierzig Tage der Buße vor Oſtern, die vierzig Tage der Freude gehei— ßen, es nicht alljaͤhrlich in der Schöpfung ſey, und ob der Fruͤhling etwa hoͤher geehrt werden koͤnne, als wenn man ihn ſeit dieſem vierzigtaͤgigen Wandeln des Herrn wie ein alljaͤhriges Andenken der Erde an ihre ſchoͤnſte Zeit bes trachte, ſo wie der Fruͤhling vor dieſem Wandeln dann nur eine Weiſſagung auf denſelben geweſen ſeys Der Fruͤhling der Natur ſey nur der Abglanz jenes Herrlich— ſten, was ſich je auf Erden begeben, und die Erde danke „5 es ihm, indem ſie in jedem Lenze durch das Feinſte, Zar⸗ teteſte und Koͤſtlichſte, durch Farbenſchmelz und Blumen⸗ duft und jenes erneute aufſtrebende Weſen dieſes ſe— lige Gedaͤchtniß feyere. Und, fuͤgte ſie hinzu, iſt damit nicht auch das ausgeſprochen, was wir an dieſer Stelle beim Blick auf das friſche Gras, auf dieſe Bluͤthenbaͤume und dieſen eigenthuͤmlichen Fruͤhlingsduft empfinden, der uͤber dem Thale da unten ſchwebt. Wenn die Redner Dichter werden, ſagte der Graf, fo darf man an die Wiederkehr jener Zeit glauben, wo Prie⸗ ſter und Saͤnger Eins waren. Die Pfarrfrau fragte, ob nicht jedem ſein Gefuͤhl ſage, daß das Wahrheit ſey? Man beſprach den Gedanken von verſchiedenen Sei— ten und wurde eudlich einig, daß dieß wohl das Innerſte der chriſtlichen Betrachtung des Fruͤhlings ſeyn moͤge. Zwar ging es nicht ohne Kampf ab und Aſtralis hatte von mehrern Seiten fein Wort zu vertheidigen. Er ging des— wegen tiefer ein. Wenn der Sohn Gottes, ſagte er, nicht allein der Mittelpunkt der Geſchichte, ſondern auch der Natur iſt; wenn er ſowohl das Wort iſt, durch das alles gemacht iſt, was geſchaffen worden, als auch das Haupt, unter dem alle Dinge zuſammengefaßt ſind, beide, das im Himmel und das auf Erden iſt; iſt es denn nicht natuͤr⸗ lich, daß auch die Natur in einer genauen Beziehung auf ihn ſtehe? Nimmt ſie doch uͤberhaupt ſchon an den Er— eigniſſen der Menſchheit alſo Theil, daß ſie mit dem Fall derſelben in ihren Fluch hereingezogen wurde und nun mit ihr ſich ſehnet frey zu werden von dem Dienſte des ver— gaͤnglichen Weſens, bis ſie einſt in eine neue Erde und = N "u einen neuen Himmel verwandelt werden fol. Wie begreif— lich wird es uns dann, daß fie bei den wichtigen Ereigniſ— ſen in den Tagen des Menſchenſohnes nicht ohne Theil— nahme blieb! Und wenn die Sonne bei ſeinem Tode ſich verdunkelte und ihren Schein verlor, muß ſich dann nicht ihre ganze Herrlichkeit in den Tagen ſeiner Auferſtehung und glaͤnzenden Siegesfeyer offenbaren? Das iſt mir an Deiner Predigt das Liebſte geweſen, ſagte der Pfarrer, daß Du in ihr, was den Mittelpunkt des ganzen Chriſtenthums ausmacht, ſo feſt gehalten haſt. Du haſt uns die Herrlichkeit des Glaubens geſchildert, wie ſie am Himmelfahrtsfeſte von uns erfahren wird, und mich duͤnkt, man kann an jedem Sonntage davon reden, und immer eine neue Seite darſtellen, eben weil ſie der Mit— telpunkt des Chriſtenthums iſt. Der Graf wandte ſich zur Pfarrfrau und bat ſie, in ihrer Darſtellung die ganze Predigt wiederzugeben, da ſie mit der Erzaͤhlung des Einganges ſo viel Freude gemacht. Sie lehnte es ab und wies ihn an den Redner ſelbſt, ins dem fie mit einem ſchalkhaften Blick auf ihren Mann hin: zufuͤgte, daß ſie aus Erfahrung wiſſe, wie Prediger nicht allein am beſten, ſondern auch am liebſten ihre Predigten zu erzaͤhlen wuͤßten. Das laß dich nicht abhalten, erwiderte der Pfarer, auch um Aſtralis willen, denn keine Demuͤthigung iſt einem Redner heilſamer, als in der noch friſchen Begeiſterung über ſeinen Gegenſtand die Erzaͤhlungen anderer zu hoͤren, denn immer iſt es nur ein Theil, und oft der zerſtuͤckelſte, den man wieder empfaͤngt. — — — 2 = BR — Oder keine Erhebung erwecklicher, fiel Aſtralis ein, als die eigenen rohen Gedanken in der Auffaſſung eines fei— nern Gemuͤthes veredelt zuruͤck zu erhalten. Sie ſehen, aus wie verſchiedenen Gruͤnden, ſo iſt es doch unſer aller Wunſch und Bitte, ſagte der Graf. Ich mag mich dann endlich wohl fuͤgen, ſprach ſie, da es ja auch gewiſſermaßen in dem Berufe einer Pfarr— frau liegt, das, was ſie von heiliger Staͤtte gehoͤrt, in ru— higen Gewinn für das Leben aufzulöfen. Nun erzaͤhlte ſie, wie der Prediger gezeigt, daß der Glaube am heutigen Feſt in der Herrlichkeit feines Gegens ſtandes, ſeines Grundes und ſeiner Geſtalung erſcheine. Dieß Alles liege in der bekannten Beſchreibung, welche der Apoſtel vom Glauben mache: denn ſeine Geſtalt, nach der er ein Himmel im Herzen genannt werden muͤſſe, ſey eben jene gewiſſe Zuverſicht: fein Gegenſtand, der Himmel jenſeits, eben das, was man hofft, und ſein Grund, der Herr vom Himmel, das, was man nicht ſieht, und woran der Glaube, doch nicht zweifelt. Es iſt ſehr erbaulich, fuhr ſie fort, wenn die Geſchichte des Fe— ſtes jedes Mal recht ausfuͤhrlich dargeſtellt wird, damit man doch immerdar fuͤhle, was fuͤr ein Feſt man feyert, und an dem Prediger lerne, ſeine eigenen Anſichten gerin— ger zu halten als das in Gottes Wort Ueberlieferte. Auch dafuͤr danke ich Ihnen, jedoch insbeſondere fuͤr die Stelle, in der Sie den Schluß der Feſterzaͤhlung hervorgehoben, und uns gelehrt haben, daß das die rechte Richtung des Gemuͤths im Glauben ſey, wie die Juͤnger dazuſtehen und Ihm nachzuſehen, wie er gen Himmel gefahren. — 268 — Ihm nachſehen, wie Er gen Himmel gefahren iſt und dadurch eben erfahren, daß Er in unſer Gemuͤth herab— faͤhrt! rief der Pfarrer mit großer Waͤrme aus. In der That, eine umgekehrte Himmelfahrt! Der Herr ſtebt auf der Hoͤhe Bethaniens und von der Erde hebt er ſich auf und traͤgt gleichſam in ſeinen ſiegreichen Armen die geret— tete Menſchheit in den Himmel. Und wir ſehen gen Him— mel auf und indem wir uns als Glieder der Menſchheit mit in ſeinen ſtarken Armen emporgetragen ſehen, iſt er zu uns niedergefahren, und ſchlaͤgt ſeinen Himmel voll Er— barmen und Seligkeit in unſern ſuͤndigen aber glaͤubigen Herzen auf! Iſt jenes nicht Gnade und dieſes Glaube? Ja, ſagte Aſtralis, fo hab ich es gemeint, jeder Glaube iſt ein Aufſchauen zu ihm! Willkommen! ſprach mit großer Lebhaftigkeit der Graf. Er reichte Aſtralis die Hand und fuhr fort, Du biſt in die innerſte Feyer meines Herzens, die ich dieſen Morgen be— gangen, eingetreten! Gott Lob, das Nachſehen, Anſehen und Aufſchauen zu dem, der gen Himmel gefahren, macht den Grund unſrer Reinigung, Hoffnung und Seligkeit aus. Ein Strahl der Freude glaͤnzte in Aller Augen. Adolf ſtand ſebr ernſt zwiſchen den Erwachſenen und ſchien große Ehrerbietung gegen das zu fuͤhlen, was vorging. Seine Mutter, hingeriſſen von dem Anblick des Knaben, nahm ihn geruͤhrt in ihre Arme und ſprach: O, Adolf, moͤchte der Friede und die Kraft dieſes Glaubens auch Deinem Herzen niemals mangeln! Das Kind ſtreichelte der bewegten Mutter die Wange. Eine Thraͤne kam in ihr Auge. Die Maͤnner reichten ſich die Hand. Es ent⸗ ſtand eine feyerliche Stille. Sie abneken nicht mehr ihre — 289 — Geiſtesverwandſchft; jeder erkannte daſſelbe Leben in dem andern, welches ſeine ganze Seele in dieſem heiligen Au— genblicke erfuͤllte. Es war ein geiſtiges Sehen zwiſchen ih— nen, das der Worte nicht mehr bedurfte. So moͤgen die Vollendeten nicht mehr reden, ſondern ſich ins Herz ſehen. Aber ſolche Augenblicke ſind auch nur moͤglich zwiſchen de— nen, die in Einem, der außer ihnen und hoͤher it, als al⸗ les Menſchliche, Eins ſind. Ich wollte, rief nach einer Weile der Graf aus, daß heute die ganze Welt ein ſolches Himmelfahrtsfeſt feyerte, wie wir, und alle, die ſich ſonſt auf Erden lieben, in die⸗ ſem Augenblick ſich in Ihm liebten, an den wir glauben. Dein Wunſch iſt ſo natuͤrlich, ſagte der Pfarrer, daß man nicht fühlen kann, was wir fühlen, ohne ihn zu bes gen. Aber er wird auch erfuͤllt werden, wenn die Erde voll ſeyn wird nach der Verheißung von der Erkenntniß der Ehre des Herrn, wie Waſſer, daß das Meer bedeckt. Indeß heute duͤrften wir mehr Gegner als Genoſſen finden. Wenigſtens wenn jene Weiſen aus ihren Graͤbern auf⸗ ſtaͤnden, fuhr der Graf fort, welche von ihrer Zeit und von der Nachwelt mehr bewundert als verſtanden ſind, und von denen der eine ſterbend ſich auf eine verborgene Barmherzigkeit Gottes verließ und der andere von ſolch einem Anſchauen der hoͤchſten Wahrheit und Schoͤnheit aus⸗ druͤcklich redet; ſo wuͤrden ſie ſtaunen und mit uns ſich freuen, wie ihre Ahnungen in Chriſto ſich fo herrlich erfüllt haben. Für unſere Zeit wuͤnſche ich vorerſt, daß ihre Vers ehrer, welche dieſe Ahnungen ſo hoch ſchaͤtzen, die Erfuͤl⸗ lung noch höher achten möchten, — 00 — Wir glauben und der Glaube umfaßt auch dieß ſagte Aſtralis. Und bis dahin laßt uns deſto feſter zuſammen halten und einer den andern in ſeinem Glauben ſtaͤrken. Darf ich Euch etwas vorleſen? ſagte der Graf. Ihr wißt, daß ich die Gewohnheit habe, wenn ich erwache, mit einer Stelle aus der heiligen Schrift den Gedankenlauf des Ta- ges zu beginnen. Dieſen Morgen las ich die Aeußerung des Apoſtels, wo er von dem Evangelio ſagt, daß darin geoffenbart werde die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben. Damit habe ich die Feyer des heutigen Feſtes begonnen. Als ich herfuhr, fiel mir manches daruͤber ein. Ich habe es mir in meiner Schreibtafel angemerkt, und wenn Ihr mit bloſſen Andeu— tungen vorlieb nehmen wollt, ſo will ich es leſen. Er zog die Schreibtafel hervor. Man lagerte ſich um ihn herum und er las. Das wahre Leben beginnt in dem Augenblicke, in dem wir die Forderung verſtehen: „Ihr ſollt vollkommen ſeyn, gleich wie Euer Vater im Himmel vollkommen iſt.“ Dann erkennen wir die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Aber indem wir fie denken, finden wir zugleich, daß wir ſie nicht beſitzen. | Das ift die Urfache und die Beſchaffenheit der Sehn⸗ ſucht, ohne die kein menſchliches Herz ſeyn darf. Sie ent— ſteht aus dem Gedanken an die Gerechtigkeit und beſteht in dem Verlangen nach ibr. Das tagende Licht erkennſt Du daran, daß Dein Koͤr⸗ per einen Schatten hinter ſich wirft. — — 4 — Ein chriſtlicher Weiſer eröffnet feine Bekenntniſſe mit der Anrede an Gott: „Du haft uns für dich erſchaffen und unſer Herz iſt unruhig, bis es Ruhe findet in dir!“ Aber wo ſoll es Ihn finden? Im Herzen iſt nur die Sehnſucht, in der Natur nur die Spur von ihm und Er ſelbſt wohnt in einem Lichte, zu dem Niemand kom⸗ men kann. Du findeſt ihn in ſeinem Wort, in der Offenbarung, die er ſelbſt von ſich gegeben, im Evangelium. Im Evans gelio wird die Gerechtigkeit offenbart, die vor ihm gilt und die in Chriſto iſt. Chriſtus iſt das Ziel aller Deiner Triebe, Deines Forſchens, Deines Sehnens, Dei— nes Wirkens. Haſt Du ihn gefunden, ſo iſt Deine ganze Seele befriedigt. Willſt Du die Sonnenwaͤrme genießen, jo tritt hin⸗ aus in die Strahlen der Sonne. Aber wie wird dann mein, was mir offenbart iſt? Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, kommt aus Glauben. Deine Tugend iſt unvollkommen, Dein Erkennen un⸗ genuͤgend, Dein Herz unrein. Gib Chriſto Deine Suͤnde und empfange Du ſeine Gerechtigkeit: das iſt der herr⸗ lichſte Tauſch, in welchem du das Leben gewinneſt, ſagte ein Held des Glaubens vor dreihundert Jahren. Will Dir der Weg des Glaubens nicht gefallen? Nun, wenn ſchon alle menſchlichen Dinge, Erziehung, Liebe, Handel und Verkehr auf einem Glauben der Menſchen an Menſchen beruhen, muͤſſen nicht um fo mehr alle goͤtt— lichen Dinge fuͤr uns auf dem Glauben der Menſchen an Gott beruhen? 3 SEE 0 TER — 22 — Wenn Du in die Sonne ſchaueſt, ſo erblindet Dein Auge, und dennoch, willſt Du auf Erden ſehen, fo ver magſt Du es nur in ihrem Lichte. 8 Wohin geht es denn weiter? Man hat mich gelehrt, ans dem Glauben zu den Werken. Das war eine andere Lehre, als die, welche der Apoſtel gibt, — aus Glauben in Glauben. N Nach ſeinem Glauben wird der Menſch gemeſſen und meſſen ſich ſeine Thaten. Wie viel Glaube, ſo hoch iſt Dein Ziel, ſo friſch Dein Muth, ſo andauernd Dein Ernſt. Darum waͤchſeſt Du nur, wenn Dein Glaube zunimmt. Freilich iſt ein wachſender Glaube ein lebendiger, aber ein Glaube ohne Werk iſt todt an ihm ſelber. Sieh den Baum an, der im Licht der Sonne waͤchſt. Waͤchſet er durch Blaͤtter, Bluͤthen und Fruͤchte? Nein, die fallen ab, zum Heil der kommenden Jahre; aber er waͤchſet nur, wenn der Stamm ſich höher gen Himmel hebet. Dann erfaͤhrſt Du, was der Inbegriff aller heiligen Erfahrung iſt, wie denn geſchrieben ſteht: der Gerechte wird ſeines Glaubens leben. Nichts toͤdtet die Suͤnde, als das Anſchauen der Ge— rechtigkeit Chriſti. Nichts erleuchtet den Geiſt, als der Blick zu dem, der das Licht der Welt iſt. Nichts beſeligt das Herz, als das Anhangen an dem, der vor den Augen der Seinigen gen Himmel fuhr, und verhieß, daß er ſie nicht wolle Waiſen laſſen. 8 Ms Das iſt das Leben, das im Glauben gelebt wird — ein Leben, welches der Tod ſo wenig toͤdtet, daß es erſt durch ihn recht frey wird. Der Baum, den das Sonnenlicht aus dem Kern in die Luͤfte herauf zog, mag verwelken. Nimm einen Zweig und zuͤnde ihn an, daß er eine Fackel werde. Siehe, die Flamme zuͤngelt nach oben, zur Sonne zuruͤck, auch wenn Du die Fackel abwaͤrts zur Erde wendeſt. i Der Graf ſchlug ſeine Schreibtafel zu. Die andern waren in ſtilles Nachdenken verſunken. Das iſt doch eine koͤſtliche Weiſe, ſagte die Pfarrfrau, ſo aus Gottes Wort die reichſten und lichteſten Gedanken des Geiſtes in ſich aufzunehmen, und ſie dankbar an ihm hangen zu laſſen, wie ja Bluͤthen und Fruͤchte, in Ihrem Bilde fortzufahren, nirgend ſich ſchoͤner ausnehmen, als am Baume ſelbſt. Und in ſolch einer Darſtellung iſt ja das Wort Gottes der Stamm und die aufhellenden Gedanken ſind Bluͤthen und Fruͤchte. Wenn die Pfarrfrau, wie ich ſo eben gehoͤrt, ihre Umgebungen und Begegniſſe geheiligt findet in bibliſchen Geſchichten, wie koͤnnten wir Maͤnner unſere Gedanken anders weihen, als aus bibliſcher Lebre? Ich fuͤrchte nur, dieß Mal den Gedanken zu ſehr fuͤr den Verſtand entwik— kelt zu haben, erwiderte der Graf. Sie wollen ſagen, es ſey zu boch geweſen fuͤr uns Frauen, ſprach die Pfarrfrau. Aber das iſt eigen mit der goͤttlichen Wahrheit, daß wir ſie um ſo beſſer verſtehen, je tiefer man in ſie hinabſteigt. Glockentoͤne. Ste Aufl. 18 — 274 — Du haſt Recht, ſagte der Pfarrer, ich habe auch ge— funden, daß je tiefer eine Predigt in das Weſen des Chris ſtenthums einging, deſto allgemeiner wurde ſie im Volke verſtanden. Vielleicht laßt ſich hier anwenden, verſetzte Aſtralis, wie ich irgendwo geleſen, daß der rechte Beweis immer der einfache und jeder ſchwer zu verſtehende, durch viele Umwege, Höhen und Tiefen ſich windende, nur ein Vers ſuch ſey, zu jenem zu gelangen, der nur darum fo ſchwer— faͤllig ausfalle, weil er erſt der Verſuch und noch nicht der Beweis ſelbſt iſt. Die Wahrheit iſt wie das Licht, einfach und erhaben. Als man ſo ſprach, kam Adolf in großer Haſt herbey geſprungen, und rief ſchon aus der Ferne die Mutter aͤngſtlich herbei und wies in das Haus. Die Mutter ſtand auf; die Uebrigen folgten ihr und traten mit dem Kinde hinein. Es war ein ſchrecklicher aber zugleich ehrwuͤrdiger Auf— tritt, dem ſie entgegen gingen. Die Kranke hatte, ihre ſchweren Zufaͤlle wieder bekommen. Wie eine Leiche, blaß und faſt leblos, lag ſie auf ihrem reinlichen Lager. Der Bruder ſtand vor ihr und ſtille Thraͤnen floſſen aus ſei— nen Augen. Die Schweſter hielt fie in ihren Armen, und ſah zuweilen aus dem verhuͤllten, weinenden Angeſicht auf die Leidende hin. Aber es war als wenn alle von dem Hauche eines hoͤhern Friedens bey dieſem harten Erden— leiden ergriffen worden. Keiner wagte zu reden. Es iſt voruͤber, ſagte endlich die Kranke. Der Herr hat geholfen. Deine Treue iſt groß! Bei dieſen Worten ſchlug ſie die Augen auf. Ein ſanftes Feuer belebte Auge — 275 — und Geſicht, und eine bimmliſche Milde, man moͤgte ſagen, ein Ausdruck des goͤttlichen Friedens, ſprach aus den Zuͤ⸗ gen, welche die Spuren langer Leiden trugen. Ihr ſchaut zu dem Manne der Liebe und der Schmer— zen auf, ſagte der Pfarrer, und dieſer Blick zu ihm am Kreuze der Erloͤſung hilft das eigene Kreuz tragen. O nicht bloß tragen, antwortete ſie, auch uͤberwinden und ſeliger ſeyn in Schmerzen, als außer Schmerzen. Das iſt Glaube! ſchien jeder ausrufen zu wollen. Der Herr hat mir die Gnade erwieſen, fuhr die Kranke nun auflebend fort, daß ich in den Schmerzen meines Koͤrpers nur die Armuth meiner Seele empfinde; das fuͤhrt mich zu Ihm, und zu Ihm kann man nicht kommen, ohne zu erfahren, daß der Segen ſeiner Liebe groͤßer iſt, als der Fluch unſrer Suͤnden. Darum kann ich wohl ſagen, daß ich ſeliger bin, dem Herzen nach in als außer Leiden. Nach einer kurzen Stille ſagte der Pfarrer: Wenn wir mit den Juͤngern dem nachſehen, der gen Himmel faͤhrt, ſo kann es uns nicht verborgen bleiben, daß wir auf der Erde ſtehen; aber je mehr wir fuͤhlen, daß wir noch anf der Erde ſind, deſto mehr dringt uns innere und aͤußere Noth, himmelauf zu blicken. Ach ja, erwiderte ſie, der ſchoͤne Fruͤhlingstag hatte mich faſt zu ſehr zerſtreut. Aber wie auf warme Tage leicht ein Gewitter folgt, das, obwohl wir Schwachen ſehr dabey leiden, dennoch Himmel und Erde verbindet: ſo iſt auch jetzt eins im Anzuge, und in meinem Herzen iſt es ſchon geweſen. Es war wirklich dunkel in der Luft geworden und ein Gewitter hatte ſich genahet, ohne daß wir es bemerkten, 18 * — a Es fielen bald einige Blitze. In der Ferne hallte der Donner. Es folgte ein kurzer erquickender Regen. Die Kranke ließ ſich nicht ſtoͤren, das Fenſter mußte geoͤffnet werden, ſie ſchien mit jedem Augenblicke neue Kraft zu gewinnen, und fuhr fort, von ihrem innern Leben zu erzaͤhlen. Einmal ſagte ſie, erſt unter ſolchen ſchrecklichen Leiden ſey ihr klar geworden, was ſie einſt in einem alten Buche geleſen und ihr damals unverſtaͤndlich geweſen, daß der Tod wohl nichts anders ſeyn wuͤrde, als das tiefſte, all— gemeinſte Gefuͤhl unſrer Suͤndhaftigkeit, und das Erwa— chen jenſeits das hoͤchſte und reinſte Gefuͤhl der Gnade Gottes. Der Regen hatte aufgehoͤrt. Sie begehrte, daß der Pfarrer mit ihr beten moͤchte. Er that es. Als die Geſellſchaft ins Freie gekommen, war jeder mit dem Eindruck, den dieſe fromme Leidende auf ihn ge— macht, ſo beſchaͤftigt, daß ſie lange ſtumm neben einander gingen. Der Graf brach das Schweigen zuerſt, indem er zur Pfarrfrau ſagte: ja, hier iſt Bethanien! Das iſt jenes Aufſchauen zu dem, der gen Himmel gefahren, und der Glaube, aus dem die Gerechtigkeit kommt, die vor Gott gilt, fuͤgte der Pfarrer hinzu. Wie erhaben ihre Bemerkungen uͤber Sterben und Erwachen! ſagte Aſtralis. Ich kann mich nicht davon los— reißen. Mich duͤnkt, ſie hatte jenes Wort im Sinne, der Tod iſt der Suͤnden Sold. Jedes Leiden iſt ein ſolches nahendes Sterben, das an einzelnen Punkten vorgeht und nur noch nicht allgemein iſt, wie es im Tode Statt findet. Iſt nun das Ganze der Suͤnde Sold, ſo iſt es auch das er u. Einzelne, und die Glaͤubige ſieht in jeder Strafe nur ihre Suͤnde; ſie fuͤhlt nur dieſe, denn jene waͤre nichts als ein leichtes Uebel, wenn dieſe nicht ihr Stachel waͤre. Ja eine ſolche Seele, das ahne ich wohl, kennt keine Straf als das Gefuͤhl ihrer Suͤnde, denn das iſt doch die Strafe der Suͤnde in jedem Falle, wenn fie fi, fühlen macht, entwes der in ihren aͤußern Folgen, oder in den innern. Wens det man nun hinwiederum, was von dem einzelnen Lei— den gilt, auf das allgemeine, den Tod, ſo iſt klar, daß ihr der Tod nur als das allgemeinſte, tiefſte und umfaſſendſte Gefuͤhl der Suͤnde erſcheinen muß. Aber wie jedes Ge— fühl der Sünde uns zur Verſoͤhnung treibt, und dann untergeht in ſeliger Wonne der Vergebung, ſo muß es auch beim Sterben ſeyn und das Erwachen jenſeits als das allgemeinſte, hoͤchſte und umfaſſendſte Gefuͤhl der Gnade Gottes angeſehen werden. Von dieſem Standpunkte aus ſind dann, was wir mitten im Leben hienieden empfinden moͤgen, die Reue und die Verſoͤhnung nur Anfaͤnge und Verſuche, die erſt bei einzelnen Theilen unſers Weſens be— ginnen, bis ſich beyde, nachdem ſie im Laufe der Heiligung immerfort gewachſen ſind, in jenen beyden wichtigſten Wen⸗ depunkten des Daſeyns einer ſolchen Seele vollenden. Das iſt der Tod des Gerechten. Ihn ſterbe unſere Leidende, und jeder von uns! Wir ſtehen auf Bethanien, ſagte der Graf zur Pfarr⸗ frau gewendet. Das iſt der Ort der Liebe, des Leidens und der Himmelfahrt im gelobten Lande und bier in ſei— nem Nachbilde. Ja, ſprach der Pfarrer, der an dem Orte, wo er wohl die meiſte Liebe fand, gelitten hat und aufgefahren — 278 — iſt, hat geſagt: Ich will ſie alle zu mir ziehen; und wir glauben ſeiner Verheißung. | Und da ift der Bogen des Friedens, das Siegel feis ner Verheißungen, rief die Pfarrfrau. Ein ſchoͤner, heller Regenbogen ſtand vor ihnen. Sie waren wieder auf dem weiten geraͤumigen Grasplatz im Walde angelangt, und wollten uͤber ihn einen andern Pfad den Berg hinunter gehen. Es ſcheint, als wolle ſich heute alles vereinigen, uns ein in allen Theilen vollkommnes Himmelfahrtsfeſt zu geben, ſagte die Pfarrfrau und indem ſie die Hand auf den Arm ihres Mannes legte, fuhr ſie fort: Lieber Pfarrherr, Du haſt heute am wenigſten fuͤr unſer Feſt gethan. Aſtralis hat gepredigt, der Graf eine Vorleſung gegeben, beſchließe Du nun das Feſt mit einer Rede, der Text ſteht dort in den Luͤften. Die Geſellſchaft umringte ihn, und bildete einen Kreis. So ſtand er ploͤtzlich in der Mitte. Die Pfarrfrau hatte nur ausgeſprochen, was er ſelbſt gewuͤnſcht. Er hob an: Da ſtehſt du, zwiſchen Himmel und Erde, du ſchoͤner Bogen des Friedens, du vielfarbiges Bundeszeichen, heute daſſelbe, wie vor Jahrtauſenden! 5 Als Noah aus der Arche der Rettung ging, und ein— ſam auf der leeren gereinigten Erde ſtand, war ſein erſtes Geſchaͤft, einen Altar zu bauen und dem Herrn ein Opfer zu bringen. Der Herr antwortete ihm durch den Bogen des Friedens und ſprach: Meinen Bogen habe ich geſetzt in den Wolken; der ſoll das Zeichen ſeyn des Bundes zwiſchen mir und der Erde. = u — So treten auch wir auf eine durch eine andere Til— gung gereinigte Erde und bauen in unſrer heiligen Ges meinſchaft ihm einen Altar, auf dem wir auch Opfer brin⸗ gen. Der Herr verſiegelt ſeine Verheißung und ſetzt auch uns ſeinen Bogen in den Wolken, daß er ein Zeichen ſey zwiſchen Ihm und uns. Wie er es ſey? Seht auf ſeine Entſtehung. Der Sonne himmliſch Licht bricht ſich in den Tropfen des Regens. Das Waſſer iſt das irdiſche Element, das im Regen ans Licht kommt. — So kommt unſre ſuͤndhafte irdiſche Natur durch die Thraͤnen der Buße ans Licht. Aber das Licht der ewi— gen Sonne der Gerechtigkeit bricht ſich in ihnen und ſiehe, da ſteht im Herzen der Glaube an die Verſoͤhnung, wie der glanzreiche Bogen des Friedens am Himmel! Seht auf ſeine Beſtandtheile. Wenn das reine Licht des Himmels ſich im irdiſchen Waſſer bricht, ſo ſtrahlt es in ſieben Farben. Alſo iſt ſiebenfach die Tugend eines gläubigen Gemuͤths. Aber drey Farben treten hervor; die blaue und rothe von beiden Seiten, in der Mitte die gruͤne. Iſt das nicht Treue und Liebe und in der Mitte die Hoff— nung? und wenn Treue und Hoffnung ſich beruͤhren, iſt das nicht Freude? und wenn Liebe und Hoffnung in ein⸗ ander fließen, iſt das nicht Friede? Seht auf ſeine Geſtalt. Der Bogen des Friedens verbindet Himmel und Erde, und iſt der Glaube nicht das Band, worin ſich der Herr mit den Menſchen, das Haupt mit den Gliedern vereinigt? Aber jener Bogen verbindet Himmel und Erze, indem er auf der Erde ſteht, und in die Luͤfte reicht, und haben wir den Gauben nicht als das Aufſchauen erkannt, das von dem fehlſamen Herzen ſich zu = Bi dem Herrn im Himmel erhebt! Doch wire beides moͤg⸗ lich, wenn er nicht die runde, vollkommene Form ange⸗ nommen und vermoͤchte man ſo viel vom Glauben zu ruͤhmen, wenn man von ihm nicht behaupten koͤnnte, daß er, wo er iſt, immer ein ganzer und vollkommner ſey, dem boͤchſtens nur Wachsthum Noth thut? O, m. Fr., wie ſchoͤn es ſich durch den Bogen des Friedens in den Himmel ſchauen laͤßt! Wie ein himmli⸗ ſches Thor ſteht er da und ladet uns ein. So ſey uns heute am Himmelfahrtsfeſte, am Feſte des Aufſchauens, Nachſehens, Hinuͤberblickens gen Himmel, ſey uns willkom⸗ men, du ſchoͤne glaͤnzende Himmelsthuͤr! Jetzt ſehen wir auf und glauben, aber der Glaube woͤlbt ſich wie Du zum heilgen Thore des Eingangs, und einſt ziehen wir ein durch den Glauben in die ewige Heimath und indem wir bitten: Thut uns auf die Thore der Gerechtigkeit, daß wir dahin⸗ ein gehen, und dem Herrn danken, wird, ſo gebe Gott, der, um deſſen Stuhl ſelbſt ein Regenbogen ſeyn wird, ſagen: Das iſt das Thor, des Herrn; die Gerechten wer⸗ den da hinein gehen! Amen! Der Bogen erbleichte. Die Freunde mit der Pfarr frau und dem Kinde gingen von der Hoͤhe hinab. Je tie— fer ſie ins Thal hinunter kamen, deſto lauter ſcholl das Geraͤuſch der Welt ihnen entgegen. Aſtralis und der Va ter nahmen den Knaben bei der Hand. Der Graf reichte der Pfarrfrau den Arm und ſagte: So oft ich noch ein Himmelfahrtsfeſt erleben werde, wo ich auch ſeyn mag, im Geiſte bin ich auf Ihrem Bes thanien. 0 —— u 4. Die Pfingſteu. — — Die ſchoͤnen Tage der Pfingſten waren gekommen. Es ſind die letzten, hohen Feſttage des Kirchenjahrs. Die Weihnachten und Oſtern ſind voruͤber; ein ganzes halbes Jahr iſt in Feſten oder in Zubereitung auf dieſelben vergangen, und nun folgt die lange Reihe von Trinitatisſonntagen, die auch nicht durch Ein hohes Feſt unterbrochen wird. Es ergeht dem Kirchenjahre wie dem Leben, das auch alle ſeine hohen Feſttage in der erſten Haͤlfte feyert. Aber ſchon dieſe Stellung muß die Pfingſten einem ſolchen Geiſt⸗ lichen theuer machen, der im Kirchenjahre, wie im Leben, ſich innerhalb ihrer Zeit befindet. Der Fruͤhling pflegt an ibnen ſich in ſeiner Fuͤlle und Lieblichkeit entfaltet zu haben. Das Laub iſt vollſtaͤn⸗ dig heraus. Die Wieſen ſtehen dicht mit Blumen beſaͤet. Die Obſtbaͤume tragen, dem Feſte zu Ehren, ihre Bluͤthen⸗ kronen. Jenes allmaͤchtige Walten des Geiſtes, welches wir in dieſen Tagen in der Kirche anbeten, ſcheint ſich auch in der Natur zu regen und das letzte hohe Feſt des Jahrs ſcheint endlich ſelbſt die Natur zur Theilnahme ver— mocht zu haben. Was muß dem Geiſtlichen ſolch ein Feſt ſeyn, an dem Leben, Kirche, und Natur ſich zu Einer Feyer verbinden! — 282 — Freylich in der Gemeinde finden dieſe Feſttage unter allen andern die wenigſte Theilnahme; Weihnachten und Oſtern haben eine viel groͤßere Wichtigkeit fuͤr das Volk, und faſt ſollte man darin die Bemerkung beſtaͤttigt finden, daß die Kirche im geraden Gegenſatze mit der Natur ſtehe. Wenn die Natur am ſtillſten, dann feyert die Kirche am lauteſten, und wenn jene ihre fchönften Tage hat, beginnt in dieſer die gewöhnliche uͤnfeſtliche Zeit. Dieſe Anordnung beruht auf einem hoͤhern Grunde; aber in ihrer tiefen Weisheit iſt ſie auch dem Herzen wohlthuend, da ſie die unfreundliche Jahrszeit durch mehrere herrliche Tage auf— hellt, indeß im freundlichen Sommer ſich auch nicht Ein Feſt findet. Was indeß die Pfingſten der Gemeinde nicht ſind, das ſind ſie in vollem Maaße dem Pfarrer. Sie geben ihm das innerlichſte Feſt, das billig erſt am Ende der Feſtreihe als die Frucht und das Ergebniß der vorherge— henden Feyer eintreten kann. Es iſt das Feſt der Ausgies ßung des heiligen Geiſtes, mit welchem das Amt des Gei— ſtes in der entſtehenden Kirche und der erſte große Segen der Verkuͤndigung des Evangelii zuſammenfaͤllt. Sind das nicht drey Feſtgegenſtaͤnde, die den Geiſtlichen insbeſondere nahe angehen? Wenn die Weihnachten ſich den Kindern und die Oſtern ſich den Sterbenden zuneigen, ſo iſt nicht zu verkennen, daß die Pfingſten ſich vorzüglich den Dies nern des Worts hold erzeigen. Iſt das nicht die achtungswertheſte Geſellſchaft? rief der Pfarrer am Abende des erſten, Pftugſttages aus, als er die vorſtehenden Gedanken bey ſich erwog. Gibt es denn eine edelere Geſtalt des menſchlichen Lebens, als die der Liebe in den Kommenden, und die der Hoffnung in den hr — — — Heimgehenden? Was ſind wir, daß wir in ihre Reihe treten duͤrfen und ſie gleichſam beſchließen? Es iſt das Amt des Glaubens, das uns ihnen zugeſellt, fuhr er ant- wortend in dem Selbſtgeſpraͤche fort. Was der Geiſtliche redet, ſoll er reden als Gottes Wort, an dem ſeine Weis— heit keinen Theil hat. Hat er das Amt, ſo ſoll er es thun, als aus dem Vermögen, das Gott darreicht, und kein an— derer Zweck darf ſeinen Arbeiten vorſchweben, als daß Gott geprieſen werde durch Jeſum Chriſtum, welchem ſey Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Nir⸗ gend beſtraft es ſich empfindlicher als bey ihm, wenn er den Beruf als ſein Werk, aus eigener Kraft und zu eige— ner Ehre treibt. Ihm ſoll es immer gegenwaͤrtig ſeyn, daß das Werk, das er ausrichtet, Gottes Werk ſey; daß die Kraft, deren er bedarf, ihm von oben kommen werde; aber auch die Ehre nicht ihm, ſondern dem Herrn gebuͤhre. In jeder Ruͤckſicht iſt es das Amt des Glaubens, das fo ſehr auch das Amt der Demuth iſt, daß wenn ſein Stand nicht mehr der der Demuth bleibt, er auch nicht mehr ein geiſtlicher Stand iſt. Doch das iſt ja eben, was die Epi⸗ ſtel am Sonntage vor den Pfingſten ihm insbeſondere zur Vorbereitung auf das Feſt zu bedenken gibt. Unter ſolchen Selbſtgeſpraͤchen wandelte der Pfarrer in ſeinem Pfarrgarten. Seit das Andenken an das Pfingſt⸗ feſt des Volkes Iſrael, das zunaͤchſt ein Aerntefeſt war, in der chriſtlichen Kirche zuruͤckgetreten iſt, hat ſich auch die Sitte der aͤlteſten Zeit verloren, in der man auf Pfing⸗ ſten die Tempel mit gruͤnen Graͤſern zierte. Was ſich in der Kirche verloren, ſollte ſich in dem ſtillen, haͤuslichen Leben des Pfarrers nicht verlieren, und darum liebte er — 284 — es, am Abende des Pfingſttages das Gruͤne in ſeinem Gar— ten zu beſuchen und dann dachte er ſich die ganze Welt als das große Gotteshaus. Indem er ſo hin und herwandelte in dem großen Tempel, der nicht mit Menſchenhänden gemacht iſt, em— pfand er, daß ein Pfarrer zu keiner Zeit die hohen Feſte inniger genießt, als am Abend des erſten und am Mor⸗ gen des zweiten Tages. Dieſe Abend- und Morgens ſtunden fallen in die Mitte des Feſtes. Es iſt uoch eben ſo viel Feyer zukünftig, als vergangen. Er hat ſchon zum Volke geredet, und die Ermüdung des Kör— pers ſo wie die erhebende Nachfeyer der Seele geben ihm das Gefühl des Sonntag-Abendes. Aber am fol— genden Morgen ſoll er wieder auftreten, und es iſt in dieſer Rückſicht die Hoffnung und Spannung des Sams ſtag-Abendes in feinem Herzen. So vereinigen ſich die köſtlichſten Zeiten in dem Leben eines Pfarrers in den Abendſtunden des erſten Feſttages. Gewöhnlich zeichnen ſich dieſe Abende auch durch eine Stille im Pfarrhauſe aus, die man Feſtſtille nennen möchte, und auf die an⸗ zuwenden wäre das Sprichwort, daß die tiefſte Freude die ſtillſte ſeyÿ. Man gönnt dem Pfarrer Ruhe und Muße, um in gebührender Eingezogenheit ſolche Stunden zur Stärkung in ſeinem Amte zu benutzen. Dieſen Abend aber ſollte es anders ſeyn. Es öffnete ſich das Thor des Pfarrgartens und ein junger Mann aus der Gemeinde trat zu ihm. Der Pfar- rer ſchätzte ihn wegen ſeines Geiſtes und ſeiner Kennt— niſſe. Alles, was zu unſrer Zeit von einem gebildeten nein == (u Manne gefordert wird, befaß er in einem hohen Grad. Vieler fremden Sprachen mächtig, ein ausübender Freund der Kunſt, tüchtig in dem bedeutenden Staatsdienſte, den er mit Ehren bekleidete, war er ſogar in den Schriften des heidniſchen und chriſtlichen Alterthums bewandert. Doch dieß Alles hätte ihm bei dem Pfarrer nur eine mäßige Werthſchätzung zu Wege bringen können; aber er empfand eine nähere Theilnahme für ihn, da er bei demſelben eine ſeltene Liebe zu den göttlichen Dingen und eine lebendige Sehnſucht nach dem höhern Leben be— merkte. Freylich konnte man dieſe Liebe und Sehnſucht noch nicht im eigentlichen Sinne chriſtlich nennen; es mangelte ihnen eine beſtimmte Richtung, und ſie verirr— ten ſich noch zu oft bald in Kunſtgefühlen, bald in den Lehren menſchlicher Weisheit. Aber wer hofft nicht, daß vom edeln Erze einmal die Schlacken abfallen und das reine Gold gewonnen werde! Ich freue mich, Sie im Garten zu finden, ſagte der Eintretende, denn da Sie mit Ihrer Feyer bey der Na— tur zu Gaſte ſind, werden Sie es mir um ſo eher ver— zeihen, wenn ich auf einige Augenblicke mich bei Ihnen mit der meinigen zu Gaſte bitte. Aber ob man, wo man ſelbſt ein Gaſt iſt, andere aufnehmen darf? fragte der Pfarrer. Nun das prieſterliche Geſchlecht iſt das königliche, verſetzte der junge Mann, wenigſtens am Pfingſtfeſt in der Natur, und — Laſſen Sie uns nicht weiter gehn, fiel der Pfarrer ein. Sie ſind mir immer willkommen, beſonders an die— ſem ſchönen Frühlingstage, — — Wo endlich der Frühling aus der Luft auf die Erde herabgekommen iſt, ſagte jener. Sie ſpielen auf eine frühere Bemerkung an, aber ich darf jetzt fragen, eignet ſich ſolch ein Lenztag nicht ſo recht zum Pfingſtfeſte? Der Frühling, wie alles Himmliſche, muß von oben herab zu uns kommen, wenn wir es genießen ſollen. Um Oſtern iſt der Frühling höchſtens in den Lüften. Die Erde iſt ſchon in die Nacht⸗ gleiche getreten, die Sonne ſcheinet wärmer, und die Luft hat den milden Frühlingshauch, der uns in den erſten Tagen des Lenzes ſo fröhlich belebt. Aber die Erde iſt noch kahl und wie erſtorben; ſie liegt noch zu— weilen unter Schnee; die Bäume haben keine Blätter, und wir haben den Frühling noch nicht auf der Erde; wir ſchauen gleichſam erſt zu ihm auf und er iſt noch nicht unſer. Jetzt aber, um Pfingſten, iſt der Frühling vom Himmel zur Erde gekommen, er iſt unſer, und wir genießen ſein. Es iſt immer eine reizende Betrachtung, die Bezie— hung zwiſchen dem, was im Reiche der Natur und dem, was im Reiche des Geiſtes vorgeht, aufzufinden. Ich ahne was jene Beobachtung uns ſagen ſoll; verſetzte der junge Mann. a Nichts anders, als was uns Oſtern und Pfingſten auch in der Kirche ſagen, erwiderte der Pfarrer. Das Oſterfeſt lehrt uns, daß der Gekreuzigte und Auferſtan⸗ dene die Erlöſung vollbracht und beſiegelt, und jene Ge— rechtigkeit, die vor Gott gilt, erworben habe. Aber die erworbene Gerechtigkeit iſt deßhalb noch nicht zugeeignet. Sie iſt ein neues Leben, das erſt im Himmel über uns u = webt. Das Pfingſtfeſt belehrt uns, daß es Gottes Geiſt iſt, der aus der Höhe zu uns herabkommt und jene Ge⸗ rechtigkeit aus dem Himmel zu unſerm gläubigen Herzen trägt. Das iſt der Frühling, der aus der Luft zur Erde kommt und Blüthen und Laub hervortreibt. — Sie bringen mich zu der Veranlaſſung meines Feſt⸗ beſuches, fuhr der Gaſt fort. Erlauben Sie, daß ich vorläufig frage: wie kommt der Frühling auf die Erde? Sie berührten ſo eben die Nachtgleiche. Es hat ſich die Erde in ihrem Lauf gedreht. Die Sonne, die ſichtbare und jene ewige, beide leuchten immer mit derſelben Kraft, aber die Erde muß ſich drehen und der Menſch ſich be— kehren, wenn das innere Leben kommen ſoll. Das verneine ich nicht, verſetzte der Pfarrer, aber wenn Sie daraus ſchließen wollen, daß der Eintritt in das neue Leben eigentlich nur eine menſchliche That und nicht eine höhere Begebenheit ſey, ſo bitte ich einen Schritt weiter zu gehen. Iſt es nicht der Zug der Son⸗ ne, der die Erde in Bewegung ſetzt? Niemand kann zu mir kommen, ſpricht der Herr, es ziehe ihn denn der Vater. — Laſſen Sie mich unverhüllt ſagen, warum ich zu Ih⸗ nen komme, ſprach der junge Mann. Ich wollte ſehen, ob ich das Pfingſtfeſt nicht Abends in Ihrer traulichen Unterredung feyern konnte, da ich dieſen Morgen in Ih⸗ rer öffentlichen Rede nicht dazu zu kommen vermochte. Sie kennen meine Achtung für das Evangelium, ich ge⸗ ſtehe gerne ſeine Erhabenheit ein; aber ich ſtoße überall auf Schwierigkeiten, die mich jedes Mal wenn ich ihm recht nahe zu ſeyn meyne, eben ſo weit wieder von ihm entfernt. 4 Sie leugnen ja dieſe Blume nicht und nehmen ihren Duft auf, ehe Sie ihre Entſtehung wiſſen. Ja, Sie laſſen es ſich auf der Welt gefallen, deren Schöpfung Sie doch nie begreiffen mögen. Warum wollen Sie That— ſachen aus der höhern Welt beſeitigen, bis Ihnen alles an denſelben klar geworden? Laſſen Sie einſtweilen dieſe Dunkelheiten auf ſich ſelbſt beruhen. Das kann und mag ich nicht. Jene liegen vor mir und Sie ſollen mir hinüber helfen. Hören Sie, ob ich Sie dieſen Morgen recht verſtanden habe. Ich will Ih— ren Gedankengang in meinen unkirchlichen Worten wie— derholen. Sie hatten zum Grunde des Vortrages die Worte des Apoſtels gelegt: Wir haben nicht empfangen den Geiſt der Welt, ſondern den Geiſt aus Gott, daß wir wiſſen können, was uns von Gott gegeben iſt. Sie gingen von der Geſchichte des Feſtes aus und ſtellten eine Betrachtung über den Zuſtand einer menſchlichen Seele an, welche den Geiſt empfangen hat. Zuerſt zeig— ten Sie, daß im Geiſte das Wiſſen der Wahrheit ſey und beriefen ſich auf einige vorgehenden Worte des Apo— ſtels, in denen geſagt wird, daß der Geiſt als inwoh— nend in Gott, wiſſe, was in Gott iſt, und die Tiefen der Gottheit erforſche. Dann wurde gezeigt, wie die Ausgießung des heiligen Geiſtes am erſten Pfingſtfeſte, die Offenbarung deſſen für die Menſchheit geweſen, was ihr von Gott in Chriſto gegeben iſt; und wie natürlich der Geiſt Gottes der Menſchheit nicht die Tiefen der Gott— heit, ſondern nur die Fülle ihrer Gaben offenbaren könne. Endlich wurde nachgewieſen, wie der einzelne Menſch dann den Geiſt habe, und aus Gott wiedergeboren ſey, wenn er, was der Geiſt der Welt nicht errathen kann, wiſſe, was ihm von Gott gegeben iſt. So war die drey— fache Bedeutung des Feſtes, als Feſt des heiligen Geiſtes der Stiftung der Kirche und der Wiedergeburt dargeſtellt. Von nun an verweilten Sie bei der letzten Bedeutung. Sie erklaͤrten, wie der Menſch von Natur nur den Geiſt der Welt habe, der nichts vernehmen kann von dem Geiſte Gottes, und blieben dann bei der hauptſaͤchlichſten Gabe ſtehen, die den Menſchen von Gott gegeben iſt und rede ten, nachdem Sie auf den Reichthum der uͤbrigen nur hin⸗ gewieſen hatten, von der Rechtfertigung des Lebens, die in Chriſto über alle Menſchen gekommen. So weit konnte ich mit ganzer Seele folgen. Aber nun fuͤgten Sie hinzu, man werde nur durch Gottes Geiſt faͤhig zu wiſſen, daß uns von Chriſto jene Rechtfertigung erworben ſey. Dieſes feſte, zuverſichtliche und gewiſſe Wiſſen ſey nur im Glau⸗ ben moͤglich, und wie es durch den Geiſt, der aus Gott iſt, komme, ſehe man daraus, daß zugleich mit dieſem Wiſ— ſen ſich das hoͤhere Leben, ſein Friede, ſeine Kraft und ſeine Hoffnung einſtelle. Sie haben ganz richtig wieder gegeben, Face der Pfarrer. Neulich nannten Sie dieſes Wiſſen auch das An⸗ ſchauen der Gerechtigkeit Chriſti, fuhr er fort: aber wie iſt es moͤglich, daß darin allein ſolcher Friede, ſolche Kraft und ſolche Hoffnung liegen? Sie haben die Antwort ſchon ſelbſt vorgebracht. Es iſt ein goͤttliches Wiſſen, das vom Beſitze nicht getrennt werden kann. So bald man im Glauben um jene Gerech— tigkeit, die vor Gott gilt, weiß, iſt uns dieſelbe wirklich gegeben. Glockentoͤne. te Aufl, 10 — 200 — Hier find wir bey einer andern Schwierigkeit. Wie kann mir eine fremde Gerechtigkeit zugerechnet werden? Daß es ein fremder Frieden kann, ſehen Sie an eis nem Fuͤrſten, deſſen Friede mit einem andern Volke auch den Unterthanen Frieden gibt erwiderte der Pfarrer. Aber das betrifft nur ein aͤußeres Verhaͤltniß, ſagte der junge Mann. Es ſollte auch nur ein Beiſpiel ſeyn, entgegnete der Pfarrer. Ich will ein anderes von geiſtigen Angelegen— heiten anfuͤhren. Ein erfinderiſcher Geiſt entdeckt eine Wahrheit. Sie iſt ſein. Wir lernen ſie von ihm, und ſie wird auch unſer, obgleich wir fie nicht erworben, ſondern nur empfangen haben. Sie iſt uns gleichſam nur zuge⸗ rechnet dadurch, daß wir ſie wiſſen. Indeß auch hier iſt noch nicht von ſittlichen Dingen die Rede, ſagte jener. Wie kann eine fremde Tugend die meinige werden? Vergeſſen Sie nicht, verſetzte der Pfarrer, es iſt die Tugend und Gerechtigkeit des Sohnes Gottes. Wir duͤr⸗ fen hier nicht an die gewöhnlichen Begriffe von Gerechtig⸗ keit der Menſchen und von Recht zwiſchen Menſchen den⸗ ken. Hier waltet ein höheres Verhaͤltniß. Es gilt nicht eine Zurechnung fremder Gerechtigkeit zwiſchen Gleichen, wo der eine vermag was der andere, denn ein Bruder kann den andern nicht erloͤſen, wie die Schrift ſagt; fons dern zwiſchen dem hoͤchſten Weſen und den gefallenen Menſchen, zwiſchen dem, der Alles in Allem iſt und dem, der alles verloren hat. Der Menſch in ſeinem jetzigen Zuſtande kann eine vollkommene Gerechtigkeit nicht leiſten und doch wird ſie von ihm gefordert; folglich iſt nur der Eine Fall denkbar, daß fie ihm gegeben werde. Es gebt damit, wie mit dem Daſeyn ſelbſt. Der Menſch konnte es ſich ſelbſt nicht ſchaffen, da gab ihm Gott das Daſeyn; und es duͤnkt mich, wer das irdiſche Leben aus Gottes Hand angenommen, darf fi nicht ſchaͤmen, auch das hoͤ⸗ here von ihm anzunehmen. Mit Einem Worte, ſo wie die Zurechnung eines fremden menſchlichen Verdienſtes dem Weſen der Tugend widerſpricht, ſo iſt die Zurechnung des göttlichen Erwerbes das einzige denkbare Mittel zu unſe⸗ rer Seligkeit. Aber ſollte Gott mehr von uns fordern, als wir zu leiſten im Stande ſind? fragte der junge Mann; ſollte von ihm nicht erwartet werden koͤnnen, daß er den guten Willen ehren und das Uebrige uͤberſehen werde? Kann der Vollkommene in feinem Gerichte das Un, vollkommene ehren? fragte der Pfarrer dagegen, und zus dem iſt es ſeine Schuld, daß der Menſch in den Zuſtand der Unfaͤhigkeit gekommen? Wenn ich dieß Alles auch zugeben muß, ſo duͤnkt mich doch, eine ſolche Lehre hebe alles Streben nach Beſſerung auf, ſagte, gleichſam den letzten Angriff verſuchend, der junge Mann. So duͤnkt es uns, antwortete der Pfarrer, bis wir jenes Wiſſen ſelbſt erleben. Alles, was von Gott kommt, iſt lebendig und kraͤftig, und was von ihm kommt, fuͤhrt zu ihm zuruͤck, die Suͤnde aber fuͤhrt von ihm ab. Ja, ich muß noch mehr ſagen. Der Glaube haͤngt ſo genau mit der Heiligung zuſammen, daß man, Pe dieſe fehlt, auch jenen verloren hat. 19° — 202 — — Wie ſoll ich es dann erfahren? ich ſtehe immer noch gleich fern! rief jener aus, faſt verdrießlich. Und werden ſo lange gleich fern ſtehen, als Sie auf dieſem Wege zum Glauben kommen wollen. Sie haben geſehen, man kann alle Einwuͤrfe beantworten, ohne fer— nere Antwort zu beſorgen; allein dieſes Zugeben iſt noch nicht Glauben. Der kommt aus dem Worte und demuͤthi— ges Vertrauen auf das Wort Gottes iſt ſein Anfang. Wie kann ich aber auf das Wort vertrauen ſo lange mein Verſtand noch zweifelt? ſagte der junge Mann. Hier ſind wir auf dem rechten Punkte angekommen, ſchloß der Pfarrer. Ein anderes Beduͤrfniß, als das des Verſtandes, wird voraus geſetzt, und das kann Ihnen das Pfingſtfeſt auch geben. Darf ich Ihnen einen Rath erthei— len? Sie fuͤhlen, daß Sie das Feſt als Feſt des Geiſtes nicht feyern koͤnnen; ſo feyern Sie es, wie die Welt es auch vorher feyern mußte, als Feſt des Geſetzes. Dem chriſtlichen Pfingſtfeſt ging das Juͤdiſche vorher, das nicht allein ein Aerntefeſt, ſondern auch ein Feſt des Geſetzes war. Vielleicht feyern Sie es kuͤnftiges Jahr als Feſt des Glaubens und des Geiſtes, wenn Sie es dieſes Jahr nur recht ernſt und gruͤndlich als Feſt des Geſetzes begehen, das unter Blitz und Donner aus einer dunkeln Wolke ge— geben ward. Der Pfarrer wurde abgerufen. Er ließ den Sinnen— den allein. Schnell kam er zuruͤck und ſprach: Kommen Sie, Ihr Freund liegt im Sterben. Zu ſeinem alten, leider ſelbſt ſchwer verſchuldeten Uebel iſt ein neues ge— kommen. Der Arzt glaubt nicht, daß er noch eine halbe Stunde leben werde. — 28 — Sie gingen hin. Die Gattin fand troſtlos an feinem Bette, die Kinder weinten. Mit bedenklicher Miene war der Arzt geſchaͤftig, noch Eins und das Andere zur Lin— derung des Kranken zu verſuchen. Wie er den Pfarrer ſah, trat er zuruͤck. Der Kranke lag in ſichtbar großer Unruhe, und man ſahe, daß er noch mehr an der Seele, als am Koͤrper litt. Sie leiden ſehr, redete ihn der Pfarrer an. Der Sterbende richtete ſich auf. Mein Ende iſt naͤ— her als ich vermuthete; o, es iſt ſchwer zu ſcheiden! ſagte er und ſah mit einem troſtloſen Blick um ſich herum. Der Glaube iſt der Sieg, der die Welt uͤberwunden bat! ſprach der Pfarrer. In dieſem Glauben iſt Berges bung der Suͤnden und Erloͤſung von aller Sorge fuͤr das Zeitliche. Der Sterbende antwortete: Herr Pfarrer, ich ſterbe, aber ich habe ein gutes Gewiſſen; ich habe niemand be— eintraͤchtigt und geſchadet. Aber doch ſich ſelbſt, ſetzte der Pfarrer ernſt, aber milde hinzu. Ich bin ein rechtſchaffener Mann, das will ich vor Gott behaupten, ſprach der Kranke, faſt zuͤrnend. Es griff ihn an, Er legte ſich zuruͤck. Der Arzt eilte herbey. In einigen Augenblicken lag die Leiche da. Das Jammergeſchrey war entſetzlich. Der junge Mann ſtuͤrzte innerlich erſchuͤttert, heraus. Es war eine ſchreck— liche Stunde. Der Reſt des Tages war nicht feſtlich mehr fuͤr den Pfarrer. Das Bild des ungluͤckſeligen Sterbenden, die verzweiflungsvelle Leerheit feiner Seele an Friede und a. Troſt, der vergebliche Kampf, den fein Stolz mit dem Ge wiſſen kaͤmpfte, die unbegreifliche, muͤhſam errungene Ue⸗ berredung beim Gedanken an ſein Schickſal jenſeits — dieß Alles trat unaufhoͤrlich vor die Seele des Pfarrers. Die Erinnerung an aͤhnliche Vorgaͤnge kam hinzu und ein inneres Grauſen durchdrang ihn, indem er dachte, wie die Mens ſchen ſo elend ſind und doch nicht die Hand der helfenden rettenden Liebe annehmen wollen, die aus dem Himmel nach ihnen herabreicht. Nur ſo viel Pfingſtartiges war in ſeinen Betrachtungen, als er lebendig fuͤhlte, wie der Menſch im Leben und Tode ohne Ruhe und Friede ſey, wenn ihm der Geiſt fehlt, durch welchen wir wiſſen, was uns von Gott gegeben iſt. Er legte ſich nieder in der Anbetung deſſen, der in ſeiner Weisheit uns zum Feſte die Stimmung gibt und entzieht, und in beiden doch die ewige Liebe iſt. ü Fruͤhe erwachte er. Es war noch nicht Tag. Wie koͤnnte auch ein Pfarrer jo ruhig, wie die Gemeinde ſchla— fen in der Nacht zwiſchen zwey Feſttagen, an denen der erſte ſo viel Freude und ſo viel Schmerz gebracht? Die Sterne ſchienen ſo hell am Himmel, als wollten fie. vor ihrem Erbleichen der Pfingſtnacht noch ihren gan⸗ zen Glanz zuſenden. In den Baͤumen ſchlugen einige Nachtigallen und ihr Lied ſcholl durch die feyerliche naͤcht⸗ liche Stille, wie Weihelied zum Feſte. Ein ſolcher Sang iſt das Lied der wachenden Liebe in Nacht und Dunkel. Die ſtarken Duͤfte der Bluͤthen trugen gleichſam den Ge— ſang wie auf Weihrauchopfer zum Himmel. In den Thau⸗ tropfen glaͤnzte das Sternenlicht wieder, und eine friſche doch liebliche Morgenluft wehete durch die Schöpfung. — 195 — Der Pfarrer fühlte ſich erneut und erquickt, als ſolle er die Erinnerung von geſtern hinter ſich laſſend, zu einem neuen ſchoͤnern Feſttage erwachen. Es lockte ihn hinaus in den feyernden Morgen. Er wollte auf dem Berge die Sonne aufgehen ſehen und mit den erſten Strahlen des Fruͤhroths die ſchlafende und erwachende Gemeinde einſegnen. In dem eigenen Gefuͤhle, mit dem man in den letzten Augenblicken der Nacht durch die ſtillen Gaſſen und Feld⸗ wege geht, ſchlug er den Weg zu dem nahen Huͤgel ein. Oben ging eine kraͤftige Maͤnnergeſtalt Auf das Verneh— men von Fußtritten ſchien ſie ſtille zu ſtehen, und den Pfarrer zu erwarten. Es war der junge Mann von ges ſtern Abend. Der Pfarrer erkannte ihn ſchon in einiger Entfernung und rief ihm zu: Nun, das iſt ſchoͤn: ein ſolches Zuſammentreffen kann nicht von ohngefaͤhr ſeyn. Gegen mein Vermuthen, aber nicht gegen meinen Wunſch, ſagte jener. a ö Wollten Sie die Sonne aufgehen ſehn? fragte der Pfarrer. Ach, entgegnete jener, was foll mir dieſe aͤußere Sonne. Die innere iſt mir nicht aufgegangen. Nicht die Hoffnung, ſondern die Unruhe hat mich herausgetrieben. Ich gehe hier ſchon ſeit einer Stunde. Mir hat der geſtrige Vorfall auch einen ſchweren Abend gemacht, verſetzte der Pfarrer. Laſſen Sie uns davon nicht reden, erwiderte der junge Mann. Ich leide uͤber meinen Jugendfreund und uͤber mich ſelbſt. Wuͤrde ich mich weniger auf mein Gewiſſen berufen, ſo wuͤrde ich doch auch nicht mehr Troſt und Ruhe, als er empfinden, wenn heute meine Todesſtunde kaͤme. Ich ahne eine unendliche Welt voll unausſprech— lichen Friedens, oder beſſer, ich denke ſie, aber ich lebe nicht in ihr. Ihr Wunſch iſt in eine ſchreckliche Erfuͤllung gegangen. Des Geſetzes Unendlichkeit und meine unvoll— kommene Erfuͤllung, das ſind bei mir die Gedanken dieſer Pfingſtnacht geweſen. Wohl Ihnen, ſagte der Pfutdey, am Stolze haben Sie Demuth gelernt; und den Demuͤthigen gibt Gott Gnade. Es hindert Sie nur noch Eins. Geſtern in un— ſrer Unterredung konnte ich es Ihnen noch nicht nennen, weil eher etwas von der Art in Ihnen vorgehen mußte, wie nun wirklich vorgegangen iſt. Sie ſtehen in der Mei— nung, daß die Beruhigung und Erneuerung nicht aus ei— ner gaͤnzlichen Wiedergeburt und Umwandlung, ſondern aus allmaͤhliger Steigerung der ſchon vorhandenen Kraͤfte und des angebornen Guten hervorgehen muͤſſe. Aber das iſt ein Grundvorurtheil, von dem Sie nur die Betrachtung des Geſetzes heilen kann. Pruͤfen Sie mit ſeinem Maß— ſtabe Ihr bisheriges Leben, Ihre Thaten und Worte, ſamt teigungen, Gedanken und Begierden, und bedenken Sie, daß das Geſetz ſogar ſagt: Laß dich nicht geluͤſten! Be— trachten Sie dagegen die ernſthaften Vorſaͤtze, die feurigen Entſchluͤſſe, die heiligen Ruͤhrungen und Ahnungen Ihrer beſſern Stunden, und was nun auf dieſelben gefolgt. Dann wird Ihnen klar werden, daß, wenn gleich dieſe Steigerung und allmaͤhlige Beſſerung allerdings eine Auf— gabe des Lebens bleibt, doch jener vollkommene Troſt und jenes wahre neue Leben aus einer ganz andern Reihe von Dingen, und zwar aus einer durchaus von der hieſigen verſchiedenen und ewigen Welt kommen muͤſſe. — m. — Das ift mir ſehr klar, verſetzte der junge Mann. Aber wenn nun jenes hoͤhere Leben nicht erworben werden kann, weil es in einer Reihe von Dingen liegt, die nicht in un— ſrer Gewalt find, wie kommen wir denn dazu? Wir ſollen es empfangen. Jene hoͤhere Welt iſt eine Welt der ewigen Liebe; ſie laͤßt ſich in Chriſto zu uns herab und wir duͤrfen nur annehmen. Wie wir das irdi— ſche Leben empfangen haben und ſeiner uns freuen, weil wir es haben, ſo ſollen wir auch jenes hoͤhern Lebens, das uns geboten wird, dankbar genießen. Doch, ſetzte der Pfar— rer hinzu, laſſen Sie uns eilen, daß wir den Huͤgel errei— chen. Der Aufgang der Sonne iſt nahe und ich hoffe, der Aufgang der unſichtbaren in Ihrem Herzen gleichfalls. Sie ſtanden, bald auf der Spitze des Berges. Der kuͤhle Morgenwind ſtrich friſch durch ihre Haare. Um ſie her war eine heilige Stille, gleich als wenn die Natur in frommer Erwartung des großen Schauſpiels waͤre, das ſich begeben ſollte. Ein ſchmaler Streifen Licht zog ſich am Fuße des oͤſtlichen Himmels hin; und ein matter Schein tagte uͤber der Welt. Es war, als wenn einzelne blaſſe Strahlen ſich durch die Schoͤpfung bewegten. Es wird Licht! rief der Pfarrer feyerlich durch die Stille. Die Sterne erbleichten, nur der Morgenſtern, der Stern froher Botſchaft, leuchtete noch im funkelnden Glanze. Der Streifen Licht wurde immer breiter, und ging immer hoͤher hinauf, und wie ſein Licht weiter ſtrahlte, um ſo ro— ſiger wurde fein Saum. Die ſanften Wimper der Mor; genroͤthe bewegten ſich jo zart, fo lieblich, fo ſchlagend. Tief im Himmel ging die Tagesblaͤue hervor. Die Sterne A ſchwanden allmaͤhlig vor der Morgengluth in Oſten, und ſelbſt der Morgenſtern wurde nun blaß. Aber die Erde huͤllte ſich in Nebel. Der Himmel nur war Licht; und die Erde tauchte unter in ein wogendes dunkles Meer. Es wird Licht am Himmel! rief der Pfarrer zum zwei— ten Male feyerlich durch die Stille. Alles ſchwieg noch. Es entſtand eine große Pauſe. Die Nebel zogen voruͤber. Es hoben ſich die Thuͤrme aus dem verlaufenden Meere. Die Berge ſchauten hervor im Morgenroth. Das Thal und die Fluren gingen auf. Die Flamme in Oſten ſpiegelte ſich im Thau. Die Erde ſchwamm im ſchimmernden Morgenduft. Es wird Licht auf Erden! rief der Pfarrer zum drit— ten Male feyerlich durch die Stille. Himmel und Erde ſahen ſich an, und ſchienen zu ſtaunen beym Wiederſehen. Beyde ſchwiegen wie in gros ßer Ueberraſchung. Die Stille ward ſtiller. Da zog ernſt und langſam der Gluthball hinauf. In hoher Majeſtaͤt, mit den feurigen Strahlen himmliſcher Glorie kam die Koͤ— nigin des Tages. Stroͤme von Licht und Glanz und Feuer ergoſſen ſich aus ihrer glaͤnzenden Fuͤlle. Da ſtand ſie, groß und herrſchend und hob ihren Blick gen Himmel und ſenkte ihn ſegnend zur Erde. Die Sonne geht auf! rief der Pfarrer zum vierten Male feyerlich aus. Wunderbar waren beider Herzen ergriffen. Wunder⸗ bar ſchien die ganze Schoͤpfung ergriffen. Sie ſchauten hinaus: da glaͤnzte in ſilbernen Wellen der Strom im Thale. Sie ſchauten hinauf: da ſtieg die Lerche hoch und hoͤher, mit dem Geſang ihrer Kehle. Tauſend Stimmen mon. wurden wach. Es rauſchte in den Zweigen, und hoch in den Luͤften ſchien eine neue Welt voll Klang und Sang geboren. Der Himmel lebt! rief der Pfarrer zum fuͤnften Mal feyerlich in die Hoͤhe hinauf. Da ward auch das Leben auf der Erde rege. Die Strahlen der Koͤnigin, ihre himmliſchen Worte, ſchienen alles zu wecken und zu beleben. Hier ſprang ein Wild durchs Gebuͤſch; dort trat ein Landmann aus ſeinem Hauſe, und aus der Ferne erſcholl das Gelaͤut einer Kirche. Ein Ton des Lebens nach dem andern unterbrach die Stille, - Die Erde lebt! rief der Pfarrer zum ſechsten Male. Sie ſchauten in den Tag. Wie lag alles, Himmel und Erde, ſo hell und lieblich vor ihnen! Wie war die ganze Welt eine andere, ſeit das Licht über ihr aufgegan⸗ gen! Welch ein Unterſchied zwiſchen Nacht und Tag, zwiſchen Sternenlicht und Sonnenſchein! Welch ein Friede, eine Zuverſicht, eine Kraft, welch eine Fuͤlle des Lebens ſeit dem Aufgange der Sonne gegen die kuͤhle, ſchreckende, geheimnißvolle und dunkle Nacht! Der Pfarrer hob un— willkuͤhrlich die Arme auf, indem er ſich zur Stadt wandte, als wolle er andeuten, wie er fie in feinem Herzen ſegne. Es iſt Tag! Das war der ſiebente feyerliche Ausruf des Pfarrers. Er umarmte den bewegten, ſchweigenden Juͤngling. Thraͤnen bebten in beider Augen. So wird Ihnen auch die hoͤhere Sonne aufgehen, ſagte der Pfarrer. Kommen Sie dieſen Morgen zur Kirche. Ich bitte Gott, daß Sie dort im Segen hören mögen, was Sie hier im Segen geſehen haben. Sie gingen mit einander hinab. Vei den erſten Haͤuſern ſchieden ſie. Durch das Geſpraͤch am fruͤhen Morgen ward der Pfarrer veranlaßt zu dem Entſchluſſe, das fruͤher Vorbe— reitete zu verlaſſen und mit der heutigen Predigt in dem Gange ſeiner Betrachtungen vom geſtrigen Abende und von dieſem Morgen zu bleiben. Der vollſtaͤndige Anblick des Sonnenaufganges, der ihm ſo unvermuthet geworden; die Bewegung, worin ſein ganzes Gemuͤth ſich befand: die Ruͤckſicht auf den jungen Mann, der in der Zeit einer durchgreifenden Entſcheidung ſtand, und endlich der Um— ſtand, daß ſich ſolch eine Betrachtung dem Feſte ſehr bes quem anſchließe: — ſo viel Gruͤnde hatten ihn nicht lange im Zweifel gelaſſen, was er heute zur Gemeinde zu reden habe. Er hatte uͤberdieß noch einige Stunden zur Vorbe— reitung, bis der Gottesdienſt anging. Jeder, der die Aeu— ßerlichkeiten einer Rede gewiſſermaßen in ſeiner Gewalt hat, weiß es, wie unbeſorgt man um die Ausfuͤhrung und die ganze Geſtalt der Rede ſeyn kann, wenn ſolch eine Stimmung uns zu Theil wird. Waͤre man gewiß, daß uns ſo jedes Mal zur Stunde noch gegeben wuͤrde, was Herz und Geiſt allmaͤchtig bewegt, ſo waͤre jede aͤngſtliche Vorbereitung, welche eigentlich nur auf die unguͤnſtige Stimmung berechnet iſt, uͤberfluͤſſig. Gewoͤhnlich wenn ein Pfarrer ſich vorbereitet, weiß er nicht, fuͤr wen er arbeitet, und welches ſeiner Worte ein aufgehendes Samenkorn ſeyn wird. Glaͤubig geht er und nimmt die Saat und ſtreut ſie aufs Land, und wenn er gleich nicht weiß, welches Korn bald gruͤnen und welche Stelle fruchtbar ſeyn werde, fo traut er doch feinem Herrn, daß, weil der Same gut und das Land bearbeitet iſt, der Tag der Garben nicht fehlen werde. Er thut, was der Herr ihm geheiſſen, und den Erfolg uͤberlaͤßt er Ihm. Aber es gibt auch zuweilen ſolche Augenblicke, wo man fuͤhlt, fuͤr wen man reden werde, und wo eine verborgene Stimme ſagt, was aufgehen ſoll. Doch das ſind geheime Erfahrungen, die nicht mitgetheilt werden, aber die Freu— digkeit des Amtes mehren ſollen. Desgleichen wurde dem Pfarrer in dieſen unvergeßlichen Morgenſtunden gegeben. Es bebte ein freudig Hoffen durch ſeine Seele, als zur Kirche gelaͤutet wurde. Er zog mit dem Haufen der Ge— meindeglieder zum Hauſe des Herrn. Die Feyer begann. Nachdem der Feſtgeſang geſungen und das gemeinſame Morgengebet vom Pfarrer geſprochen war, trat er unter einem kurzen Vorbereitungsliede auf den Lehrſtuhl. Er kuͤndigte gleich zu Anfange an, daß, wie er geſtern von der Beſchaffenheit des in Gottes Geiſt gefuͤhrten Lebens ge— handelt, er heute die Entſtehung deſſelben zum Gegenſtande ſeines Vortrages machen wolle. Es ſey dieſer zweyte Pfingſttag der letzte große Feſttag des Jahres. Das halbe Jahr, in dem die Geſchichte des Heilandes, welcher der Gegenſtand des Glaubens iſt, uns ein Feſt nach dem ans dern gebe, ſey nun zu Ende, und die folgende Haͤlfte des Jahres ſey beſtimmt, die Wirkungen des Glaubens im Le— ben, Leiden und Sterben zu lehren. Am kuͤnftigen Sonn⸗ tage werde das Trinitatisfeſt gefeyert, das den ſchoͤnſten Uebergang zu dieſer zweiten Reihe mache, indem es an die nun gewonnene Lehre von dem dreyeinigen Gott die Lehre von der Wiedergeburt anknuͤpft. Natürlich muͤſſe erſt der Menſch ſelbſt gut werden, ehe er gute Werke thun — 302 — koͤnne. Aber dieſes Trinitatisfeſt gehoͤre eigentlich noch zum Pfingſtfeſte, wie denn auch der bibliſche Abſchnitt für jenes einen Theil des Geſpraͤchs unſers Herrn ausmache, von dem ein anderer Theil fuͤr den heutigen Feſttag be— ſtimmt ſey. Darum wolle er heute von Wiedergeburt han— deln, da ja das Feſt der Pfingſten die allgemeine Wieder⸗ geburt der Menſchheit durch den Geiſt des Herrn feyere. Er verſprach nun von den beiden Schoͤpfungen zu reden und das Werk des Herrn in der unſichtbaren Welt durch das in der ſichtbaren zu erklaͤren. Darauf ſang die Gemeinde das folgende Lied: Eh' der Schöpfer ſprach: „Es werde!“ Im Anfang ruhte noch die Erde, Sie lag im Dunkel wüſt und leer, Da erſchien ſein Geiſt und ſchwebte, Auf ödem Waſſer und belebte Die Millionen Keim' umher. Die Erd im Sternenchor Stieg auf und ſang empor, Dir no Vater! Im lichten Strahl Trug Berg und Thal Gewächs und Leben ohne Zahl: Der Pfarrer verlas nun die erſten Blaͤtter der heili— gen Schrift, welche uns die Schoͤpfung der Welt erzaͤhlen. In wenigen kraͤftigen Zuͤgen ſchilderte er den Sonnenauf⸗ gang. Er zeigte, wie die ſieben einzelnen Erſcheinungen uns die ſieben Tagewerke der Schoͤpfung vor dem Auge voruͤberfuͤhren und pries die Gnade und Weisheit des Herrn, die auch ſpaͤtern Geſchlechtern das Andenken an ſeine erſte große That in der Zeit erbaͤlt und an jedem 3 — Morgen uns das Gedaͤchtniß ferner Schöpfung er⸗ neuert. 8 So iſt die ſichtbare Welt geſchaffen, fuhr er fort und auf aͤhnliche Weiſe erſchafft ſein Geiſt auch das unſicht⸗ bare, ewige Leben in unſerer Seele. Wie dort Himmel und Erde ſchon geſchaffen waren, aber die Erde wuͤſte und leer da lag, nur umſchwebt vom Geiſte des Herrn: ſo iſt auch das Herz ſchon da und das neue Leben in der Ges rechtigkeit vor Gott, welche Ehriſtus erworben; aber das Herz liegt wuͤſte und leer, und nur Gottes Geiſt went daruͤber und bewegt es. Hierauf zeigte er, wie zum erſten Tagewerk der Gnade es Licht werde im Herzen, eine tiefe Sehnſucht im Innern herumziehe, das Verlangen nach einem ewigen und voll— kommenen Leben uns die Nacht des Zeitlichen offenbare, und Ein Strahl des Lichtes nach dem andern ſich durch unſer Gemuͤth verbreite und jene daͤmmernde und tagende Stimmung hervorbringe, die den Grund zu dem ganzen kuͤnftigen Leben lege. Im zweiten Tagewerke ſtrahle uns der Himmel entgegen, man ahne eine vollkommene Welt, man fuͤhle, wie erhaben das Geſetz des Herrn ſey, das Morgenroth der Verheißungen Gottes gehe uns auf, und in ſeliger Freude mache man ſich anheiſchig das Gebot des Herrn ſo vollſtaͤndig, wie Er ſelbſt es begehrt, in dieſer unvollkommnen Welt zu erfuͤllen. Aber dann ſchwinden im dritten die Nebel, die uͤber der Erde liegen, unſer Herz mit ſeinen Tiefen und Hoͤhen kommt ans Licht, der kuͤhne Muth wird gebrochen, der falſche Friede zerſtoͤrt, und man ſieht wohl ein, daß ſolch ein fehlſam Herz das Geſetz des Herrn nicht erfüllen koͤnne. Jetzt, nach ſolchen Borberei = MM — tungen, gehet uns die Sonne der Gerechtigkeit und in Chriſto volles Licht genuͤgender Troſt und ſichere Hoffnung auf. Die Sehnſucht iſt geſtillt, das Verlangen erfuͤllt und in einem unendlichen Gegenſtande fühlt der Trieb zu uns endlicher Liebe ſich befriedigt. In Chriſto iſt uns das ewige Leben gewiß, anſchaulich und faßlich geworden, und ſeit er ſich den Weg, die Wahrheit und das Licht genannt, iſt es nicht mehr moͤglich, den Gedanken an eine goͤttliche Welt fuͤr Schwaͤrmerei zu halten. Das iſt das vierte Tagwerk. In dem Glauben an den Namen des eingebornen Sohnes iſt uns der Himmel belebt, und wir ſchauen ihn erfuͤllt mit goͤttlicher Gnade und Erbarmung. Das Leben ſenkt ſich hierauf zum ſechsten Tagewerke ins Gemuͤth und er— neuert es, ein reines Herz und ein gewiſſer Geiſt wird uns zu Theil und an den Spuren und Werken des Lebens kann es nicht fehlen. Endlich am ſiebenten Tage, dem heiligen Sabbath, empfindeſt Du den ſeligen Frieden des Herzens, Vergebung der Suͤnde und die Verſicherung der göttlichen Gnade. Die ganze Gemeinde ſchien nur Ein Ohr zu ſeyn. Der Pfarrer hielt einen Augenblick inne, in ſtummem Er ſtaunen die Wege des Herrn anzubeten. Dann ſagte er: Das Licht und das Leben, mit Einem Worte, der Tag kommt vom Himmel herab. Zuerſt erhellt und belebt es den Himmel, dann die Erde. Die Bewohner der Erde ſollen nur nicht zuruͤck treten und ſich ihm entziehen, dann werden ſie beſchienen von ſeinen Strahlen, und ſie leben froͤhlich in Licht und Waͤrme. Die Erde ſelbſt ſoll nur dem Zuge der Sonne folgen und ihr ſich zuwenden, ſo iſt es Tag an ſo vielen Seiten, als ſie der Sonne entgegen nu - kehrt. Aber alle fieben Tagwerke beziehen ſich vorwärts und ruͤckwaͤrts auf die Erſcheinung der Sonne, — im Reiche des Geiſtes auf unſern Herrn Jeſum Chriſtum. Er iſt in jedem Sinne Deines Geiſtes Sonne, und haſt Du Licht, ſo iſt es ſein Licht. An ſeiner Weisheit erkennſt Du Deine Thorheit; an ſeiner Gerechtigkeit Deine Unge— rechtigkeit, an ſeines Geiſtes Gabe Deine Schuld, und an ſeiner Seligkeit Deine Unſeligkeit. Aber jedes Gefuͤhl Dei— nes Elendes werde ein Lobgeſang ſeiner Gnade. Auf jede Nacht folge ein Morgen. Die Sonne gehe Dir immer von neuem auf. Endlich komme ein Tag, der nie unter— geht, und an ihm moͤgeſt Du nichts in Dir gewahren als die Wonne der Verſoͤhnung, den Frieden der Rechtfertigung und den Lohn der Gnade. Die Gemeinde ſang das alte Loblied: Dank ſagen wir alle, Gott, unſerm Herrn Chriſto, Der uns mit ſeinem Wort hat erleuchtet Und uns erlöfet mit feinem Blute, u. ſ. w. Es war unter der Rede eine ſtille Andacht in der Kirche geweſen. Der Pfarrer ſelbſt war geruͤhrt und geho— ben, wie noch nie an einem Pfingſtfeſte. Er fuͤhlte aufs innigſte, daß es das Feſt der Geiſtlichen, oder vielmehr ei— ner geiſtlichen Gemeinde und eines prieſterlichen Volkes ſey. Der Lobgeſang am Schluſſe, toͤnte mit feinen erhabes nen Gedanken und Klaͤngen in ſeiner Seele unaufhoͤrlich nach, als er die Kirche verließ. Vor dem Pfarrhauſe trat der junge Mann zu ihm. Ein ſtrahlendes Licht leuchtete aus ſeinen Augen; in ſeinem Geſichte lag ein goͤttlicher Friede und ſein ganzes Weſen Glockentoͤne. te Aufl. 20 — — war wie in Wonne getaucht. Schöner hatte ihn der Pfarrer nie geſehen. Er bat ihn, ins Haus zu treten. Der Juͤngling verweigerte es. Er ſprach kein Wort. Aber er ſahe den Pfarrer an mit leuchtenden Augen, druckte ihm die Hand und entfernte ſich ſchnell. W. Die Michaelisfeyer. — — Ein geliebter Amtsbruder hatte uns zu einem Sins derfeſte eingeladen, das in feiner Gemeinde am Tage Mis chaelis gefeyert zu werden pflegte. Wer es auch nur in einer Geſellſchaft empfunden hat, wie wohl es thut, wenn man anhaltend geredet, nun zu ſchweigen und zu hoͤren, der hat Aehnliches von dem erfahren, was einem Pfarrer begegnet, wenn er in einer fremden Gemeinde ſich unter die Zuhoͤrer miſchen und das Wort des Lebens aus dem Munde eines Amtsbruders ver— nehmen kann. Ich meyne nicht zu viel zu ſagen, wenn ich behaupte, daß gewoͤhnlich, wie kein aufmerkſamerer, ſo auch kein dankbarerer Zuhoͤrer in der Kirche ſey, als ein fremder Pfarrer, der im vollen Sinne als Gaſt ſich beim Gehör des göttlichen, Wortes eingefunden. Darum hatte ich mit Freuden dieſe Einladung angenommen. Des Morgens hatten wir, die Pfarrfrau im Hauſe, ich in der Gemeinde, zwiefachen Fleiß angewendet, die Nachmittagsſtunden frey zu gewinnen. Gleich nach Mit⸗ . — = tag nahm fie ihren Adolf an die Hand, von dem fie wuͤnſchte, daß er frühe die kirchlichen Feſte lieb gewinnen moͤchte. Ich ergriff meinen Hirtenſtab und ſo 1 wir uns auf den Weg. Der Tag war heiter und lieblich. Zwar zeigte ſchon hier und da ein Baum das verwelkte Laub; aber die bald rothen, bald gelben, bald braunen Blaͤtter ſchienen nur auf dem noch grünen Grunde der Waldung wie neue Bluͤ⸗ then zu prangen. Die Sonnſtrahlen, die noch belebend auf die Erde fielen, brachen ſich nirgend in jener dicken Nebelluft, wodurch das Herbſtlicht ſeine eigenthuͤmliche, ruͤh⸗ rende Färbung erhalt. Die Luft zeigte ſtatt der ſonſt um Michaelis gewoͤhnlichen Spannung und Abkühlung jene friſche Wärme, die uns im Fruͤhlinge fo jugendlich anregt. Dieſe auffallende Erſcheinung, wie an manchen Tagen eine Jahreszeit faſt ganz aus ihrer Weiſe heraustritt und in eine andere hinuͤber ſpielt, iſt auch oft in den uͤbrigen Jah⸗ reszeiten zu bemerken. Wie oft gibt es Tage im Winter, an denen uns ganz ſommerlich zu Muthe wird, und wer iſt nicht ſchon im Fruͤhlinge uͤberraſcht worden durch das wahrhaft herbſtliche Gepraͤge eines Tages. Es ſcheint auch hierin eine verborgene Weisheit der ewigen Liebe ſich offen; baren zu wollen, die der frohen Zeit den Ernſt des Herb⸗ ſtes und des Winters und der duͤſtern, traurigen den Troſt des Lenzes und Sommers recht nahe bringen will. Der heutige Tag konnte ein lenzartiger Herbſttag heiſſen. Indem wir den Hügel hinanwandelnd, uns dieſe Brr merkungen mittheilten, wandte die Pfarrfrau ſie auf das be⸗ vorſtehende Feſt an, und meinte, der Amtsbruder habe mehr von Gluͤck, als von Verdienſt zu ruͤhmen, daß an dieſem 20* Kinderfeſte die Natur ihn durch einen Ruͤckſchritt in den. Lenz beguͤnſtige, denn ein Kinderfeſt eigne ſich doch nicht fuͤr den Herbſt, ſondern fuͤr den Fruͤhling und wie er es denn wohl habe anfangen wollen, wenn eben ein rechter Herbſttag eingefallen waͤre, die Kinder in dem alten ſchoͤ— nen Bilde die Blumen im Garten des Herrn zu nennen. Darin wurden wir bald einig, daß ein Fruͤhlingstag im Herbſte doch mehr werth ſey, als im Lenze; aber die Pfarrfrau beſtand darauf, daß das nur als eine Gunſt an⸗ geſehen werden koͤnne, die vielleicht in vielen Jahren ſich nicht wiederholte, und was denn ein Kinderfeſt an einem duͤſtern, neblichten Herbſttage ſey? Ich entgegnete, es ſey unter allen jährlichen Feſten keines ſo geeignet zum Kinderfeſte, als das Michaelisfeſt. Es ſey das Feſt der Engel und von ihnen koͤnne man in der ganzen Menſchheit nur die Kinder zu Bildern nehmen, wie ſie denn auch von jeher durch die Kuͤnſtler in Geſtalt himmliſcher Kinder dargeſtellt worden, und uͤberdieß rede von den beiden kirchlichen Abſchnitten aus der heiligen Schrift, die fuͤr dieſes Feſt beſtimmt ſind, der eine von Engeln und der andere von Kindern. Aber dagegen fand es die Pfarrfrau nun ſelbſt auf— fallend, daß die Vaͤter der Kirche dieß Feſt in den Herbſt verlegt hatten. Läßt ſich ein ſolcher Gegenſatz nicht faſt bey allen Feſten bemerken? fuhr ich fort. Sollte nicht aus demſel— bigen Grunde das Feſt der Engel und Kinder in den Herbſt fallen, aus dem die Weihnachten in den Winter und Char— freitag in den Fruͤhling? Das Reich der Gnade ſteht im umgekehrten Verhaͤltniß zu dem der Natur. Das ſollte ſelbſt in der Stellung der Feſttage ſichtbar werden, und fo feyert man die froͤhliche Geburt des Heilandes in der Zeit der Abgeſtorbenheit der Natur, ſeinen Tod in den Tagen der wiederauflebenden Schoͤpfung und das Feſt der Kinds keit im Alter des Jahrs. Es iſt durchaus im Geiſte des Chriſtenthums, ein Kinderfeſt im Herbſte zu feyern, damit die kindliche Freude auf dem Ernſte des Alters ruhe, und der Ernſt der Erwachſenen in der Froͤhlichkeit der Kinder eine Weiſung nach dem Frieden empfange, der l Alter mit den Gaben der Kindheit ausſchmuͤckt. Jetzt verſtehe ich auch dieſen ſeltſamen Herbſttag, er⸗ widerte die Pfarrfrau. Er iſt eine Stimme dieſer Wahr⸗ heit mitten in der Natur ſelbſt. Es iſt doch eine wunder⸗ bare, unbegreiflich tiefe Liebe, die dieſe Welt ſchuf! Sie hat die Sinnbilder des geiftlichen Lebens, das fie in uns ſchafft, in dieſe ſchoͤne Schoͤpfung niedergelegt. Und durch die ſonderbarſten Erſcheinungen ruft ſie uns aus den Schran⸗ ken dieſer Welt heraus; durch Widerſpruͤche, die ſie ſchein⸗ bar entſtehen laͤßt — durch einen Fruͤhlingstag zur Herbſt— zeit — laͤßt ſie uns eine hoͤhere Einheit errathen, und wie wir auf ſie nur rathen, iſt ſie uns ſchon gegeben. Nun erſt genoſſen wir den ſchönen Herbſttag in ſei— ner ganzen Lieblichkeit, als uns gleichſam ſein höheres Verſtändniß aufgegangen war. Im ſüßeſten Gefühle der Schönheit der Natur empfindet die Seele eine ſchmerz⸗ liche Lücke, wenn fie nur an der Geſtalt derſelben ver— weilen kann und ihren höhern Sinn nicht verſteht. Darum kann man wohl ſagen, daß nur in der Zeit des Chriſten— ſtenthums, ſeit der Herr der Natur ſichtbar in ihr ge— wandelt und gelitten, ihre Herrlichkeit recht empfunden — 310 — worden und daß wir nur in dem Grade eines wahrhaft erquickenden Gefühls von ihrer Schönheit fähig ſind, als uns Chriſti Geiſt geſchenkt iſt. Dem Sinne der Welt iſt die Schöpfung eine dunkle, nach ſtarren Geſetzen gerez gelte Maſſe, die höchftens nur durch ein zufälliges Spiel dieſe oder jene Schönheit unvollkommen genug zum Borz ſchein treten läßt. Wie ganz anders, wenn der Gläu— bige ſie als Gabe der ewigen Liebe, als Schauplatz ihrer Wunder und als Spiegel ſeines eigenen, geiſtlichen Ler bens erkennt und im ſichtbaren Bilde das Räthſel ſeiner unſichtbaren Verhältniſſe gelöſet findet. Das iſt der Kin⸗ derſinn, mit dem man die Schöpfung betrachten ſoll, wie denn auch hier den en die großen N geoffenbart ſind. In dieſen Betrachtungen wandelten wir am n Abhange des Hügels den ſchönen Laubgang hin, der fern von der Unruhe der Landſtraße doch ihren Lauf weit hin beherrſcht, und das ganze Thal mit ſeinem Fluſſe, ſeinen Bleichen, ſeinen Häuſern und Anlagen bis an die begränzenden Bergwände überſieht. Der kleine Adolf ſprang vor uns, ſuchte die Blumen, wie er das gefärbte Laub nannte, und konnte kaum die unausſprechliche Freude ſeines Her— zens ſo an den Tag geben, wie er wünſchte. Ihm war es ein rechter Frühlingstag. Aber das führte uns auf einen neuen Grund für die Stellung des Feſtes, auf die Kunſt des kindlichen Gemüthes, ſich jede Jahrzeit in einen Frühling zu verwandeln. Höchſtens nur wir Er— wachſene bedürfen eines ſolchen Herbſttages, wie er heute war; die Kinder haben immer Frühling, wenn ſie ein Feſt haben. — 311 — Ach, wie tief iſt des Heilandes Wort: Werdet wie die Kindlein! Sind wir das geworden, ſo wird uns die Natur zu dem, was wir eben bedürfen. Damit wir hö⸗ here Kinder werden, muß ſie ſcheinbar ihre Geſetze ver— laſſen, und im Herbſte uns ihr Kindesantlitz zeigen, und ſind wir es, dann zeigt ſie uns daſſelbe 18 wenn ſie ihre Geſetze nicht verläßt. Wir hatten ſchon auf dem Gange zum Kinderfeſte ſo viel von ihm gefeyert, daß von allen Seiten das Gleichartige in uns überſtrömen konnte. Als wir den langen, ſchönen Laubgang mit der weiten Ausſicht unter den hohen Bäumen weg, durchgingen, klang. auf einmal nahe von einem Hauſe, das unten am Fuße des Hügels ſtand, der Geſang zweier hellen Stimmen her⸗ auf. Richtig, zuweilen meiſterhaft erhoben ſich die Töne, und ſchwebten unter dem Rauſchen des durchſchimmernden blauen Fluſſes herauf. Wir ſtanden ſtill und hörten zu. Es wurde mir unbeſchreiblich wohl. Es dämmerte gleichſam eine alte untergegangene Welt in mir auf. Ein Ton nach dem andern ſchien mir ſeit langer, ferner Zeit bekannt. Nun tauchten ganze Stellen der Singweiſe aus tiefer Vergeſſen⸗ heit auf. Je mehr und mehr ergoß ſich eine unbeſchreiblich wonnevolle Erinnerung durch mein Gemüth. Meine Seele ſehnte ſich und ahnete und rieth, und nur das war mir ſchmerzlich, daß ich oft nahe daran war, eine ganze ver⸗ lorene Welt von Gefühlen wiederzufinden und ſie doch verfehlte. Endlich als die Weiſe von neuem angeſtimmt wurde, mit dem erſten Klange, fand ich fi. Es war ein Geſang, den mein Vater zu ſingen liebte, wenn er mich als kleinen Knaben auf ſeinem Schoße wiegte. Ich — 312 — kann nicht ſagen, wie mir wurde bei dieſer Entdeckung. Das ſpätere Leben fiel gleichſam von mir ab. Die Em⸗ pfindungen der kindlichen Jahre kamen in einer Klarheit zurück, wie ich ihrer ſeit vielen Jahren mir nicht bewußt geweſen. Ein heiliger Schauer fuhr durch meine Glie— der, unbeſchreiblich mild, und unausſprechlich heiter umfing mich meine Kindeswelt! Die Thränen kamen mir ins Auge. Der kleine Adolf mochte ſie geſehen haben. Er drängte ſich an mich heran, und ſtreichelte meine Hand, unverwandt in mein Auge heraufblickend. Ich nahm das Kind in meine Arme und drückte es in namen⸗ loſer, gerührter Freude an mein Herz. Die Mutter wurde unruhig und fragte, was mir überkomme? — Die ganze Fülle der Kindheit! rief ich. Höre nur! Das iſt der Geſang meiner Jugend! — In einer ſteigenden Ruͤh⸗ rung, den Knaben an meinem Herzen haltend, hörte ich den Geſang aus und als er ſchon lange verhallt war, horchte ich noch zu, um immer mehr aus dem Meere jugendlicher Erinnerungen zu empfangen. Dieſe Augen⸗ blicke ſind mir ſeitdem unvergeßlich geblieben. Die Mut⸗ ter ſtand vor uns und ſchien ſich zu weiden au dem An⸗ blicke des Vaters und Sohnes. Ich reichte ihr den Kna— ben und ſagte: O möchte einſt diefen ein Wort oder Lied, oder fonſt etwas, ſo an ſeine Mutter und ſeinen Vater erinnern, wie mich heute und möchte dann ſeine Ehrfurcht und Liebe nicht geringer ſeyn dürfen! Endlich gingen wir weiter. Ich fühlte, daß ich hente ein Kinderfeſt feyern ſollte, wie ich noch nie eins gefeyert hatte. Der Weg geht am Ende der Gebüſche abwärts und läuft über eine Wiefe an deren Ende ſich „ 1 ein ſchöͤnes Bauerhaus aus den Bäumen hervorhebt. Wir waren ſchon in eine fremde Gemeinde getreten; und das iſt bei einem Pfarrer mit demſelben Gefühle verbunden, wie bei einer Hausfrau, wenn fie über die Schwelle ihres Hauſes tritt. Die Fenſterladen an dem Hauſe waren beigelegt. Das iſt hier zu Lande ein Zeichen, daß eine Leiche im Hauſe ſey. Die Familie, welche dieſes Haus bewohnte, hatte früher zu meiner Gemeinde gehört, und war ſeit einem Jahre hierher gezogen, ſie war mir lieb geweſen, und ich konnte, da ich einen Todesfall vermuthen mußte, nicht vorübergehen. Es iſt eine merkwürdige Wechſel— wirkung zwiſchen den Gränzen des Lebens und den Die— nern des Worts. Wo Menfchen geboren werden und ſterben, in jedwedem Sinne; da bedarf man ihrer am meiſten, und ſie hinwiederum fühlen einen faſt unwill— kührlichen Zug dahin, wo Geburt oder Tod vorfällt. Wir traten in das Haus. Am hellen Mittage ge— noß es nur halbes Licht. Alle ſeine Bewohner waren ſchwarz gekleidet. Als die Hausfrau mich ſahe, rief ſie ſchluchzend mir entgegen: Herr Pfarrer, ein guter Engel führt Euch zu uns ins Haus. Der liebe Gott hat uns unſer einziges Kind, das Söhnchen, das Ihr vor drey Jahren getauft, genommen. Ach wir müſſen nun ſeyn, wie einer der ſeiner Kinder gar beraubt iſt. Sie reichte mir die Hand, beugte weinend ihr ſchweres Haupt auf dieſelbe nieder und ſahe mich dann an mit jenem Blicke, in dem eine leidende Seele neben ihrem ganzen Jammer auch ihr ganz Vertrauen ausſpricht. Das geiſtige Band, das einen Pfarrer und die Ge— a Bi, meinde verbindet, dauert auch noch innerlich fort, wenn es äußerlich nicht mehr beſteht. Wer ein Mahl zu einer feſtlichen Stunde in dem Kreiſe einer Familie Gottes Wort verkündigt hat, der ſcheint fortan auf eine höhere, geheimnißvolle Weiſe mit ihr zuſammen zu hangen und was ihr im Laufe der Zeit auch begegnen mag, er fühlt eine ganz beſondere und innige Theilnahme. Nun trat auch der trauernde Vater herzu. Er hieß uns gleichfalls an dieſem Trauertage willkommen und bath um ein Wort des Troſtes. Ich ließ es daran nicht fehlen. Wo iſt auch mehr Grund zum Troſte, als beim Tode eines ſolchen Kindes. Freilich es find die ſchön⸗— ſten Hoffnungen, deren Untergang man bedauert; es iſt das Bild eines ganzen Lebens, wie es älterliche Liebe entwirft, das vor unſern Augen zerrinnt; es iſt die innigſte und tiefſte Liebe, die es unter Menſchen gibt, die Liebe eines Vater- und Mutterherzens, die da leidet. Aber wo ſieht man klarer, daß hienieden nur der Anfang iſt und der Tod nicht das Ende des Daſeyns ſeyn kann? Wo darf es uns gewiſſer ſeyn, daß das folgende Leben ein ſeliges ſey, als bei einem Kinde, dem in der Taufe Gottes Gnade zugeſagt worden und das noch durch keine wiſſentliche Sünde ſie verſcherzt hat? und wo wird die Liebe ſicher ſtärker ſeyn als der Tod, als zwiſchen froms men Aeltern und ihrem unſchuldigen Kinde? Wie oft haben wir in-dieſen Tagen von Euch ge⸗ ſprochen, Herr Pfarrer, ſagte die Mutter. Als Ihr uns vor drey Jahren das Kind tauftet — ach es war einer der glücklichſten Tage, die ich auf dieſer Welt ge— lebt habe! — und ſeine Taufzeugen, ich und ſein Vater — 315 — und die Uebrigen betend umherſtanden, und Ihr das Waſſer über feine Stirne goſſet und ihn tauftet im Na⸗ men des Vaters und des Sohnes und des heiligen Gei— ſtes — o ich habe es nicht vergeſſen konnen! — da ſah er Euch an mit ſeinen klaren, blauen Aeuglein und lä⸗ chelte. Da habt Ihr uns eine Rede gehalten über das Lächeln der kleinen Kinder und uns gelehrt, was das im Geiſtlichen bedeute. Wie oft habe ich wieder an Eure Wünſche und Gebete gedacht, wenn ich ihn ſpäter lächeln ſahe und mir das Herz dabei hüpfte. Als das Kind nun krank wurde, war es ſo ruhig und geduldig, daß ich immer weinen mußte über ſeine himmliſche Geduld. Vorgeſtern Abend ſaß ſein Vater bei der Wiege. Das Kind litt viel, das konnte man ſehen. Es ſtreckte die Arme zu ſeinem Vater aus, als ſolle ihm der helfen. Da traten meinem Manne die Thränen in die Augen, denn er konnte es nicht. Das Kind wurde wieder ruhig, ſchlug die Augen auf und — lächelte uns an. Da ſchloß es fie wieder, ſtreckte ſich und war todt. Ach Herr Pfar⸗ rer, ich kann Euch nicht beſchreiben, wie mir armen Weibe war. Ich legte mich über die Leiche und rief das Kind und konnte nicht glauben, daß es uns wirklich geſtorben ſey. Aber das iſt uns oft in dieſen Tagen zum Troſt geweſen, daß es ſein Leben mit Lächeln begon⸗ nen und auch geendet hat. O es war ein Lächeln, wie eines Engels! Ihr habt mit Recht davon geredet bei ſeiner Taufe, denn ſein ganzes Leben war ſolch ein himmliſch Lächeln. Nun darf ich doch auch hoffen, daß Euer Wunſch in Erfüllung gehe, und es uns einſt mit einem Lacheln, noch viel himmliſcher, wie das irdiſche, = = — willkommen heißen werde jenſeits! Aber feht nur, Frau Pfarrerin, ob nicht ſelbſt im Sarge auf feinen Zügen noch ein Lächeln ſchwebt. Sie bat uns, mit ihr in die Todtenkammer zu gehen und die ſchöne Leiche zu ſehen. Wir folgten ihr. Wie ein Bild der Unſchuld lag der holde Knabe da in ſeinem kleinen Sarge. Das Angeſicht hatte nichts Todtes. Um ſein Köpfchen war ein Kranz von Immergrün gelegt, das Zeichen der im Grabe nicht ſterbenden Hoffnung. Die fromm gefaltenen Händchen lagen auf dem weißen Todtenkleide und hielten eine unentfaltete Roſenknospe; das Bild der Liebe, die in dem Herbſte der Erde nur Knospe bleibt, aber droben im ewigen Frühling ſich entwickeln wird. In ſeinen Mienen war kein verſtellter Zug. Die unveränderte Geſtalt ſeines Gemüths lag in dem Geſichte und jeden Augenblick meinte man, das. ſchlummernde Kindlein wolle lächeln in einem ſchönen Traum. s Trauert nicht, lieben Leute, ſagte ich, dieſe lächelnde Leiche ſey Euch ein Unterpfand des ſeligen Lebens, daß der kleine Himmelserbe jenſeits empfangen. Er hat nur gleichſam einen Blick in die Zeit thun ſollen und iſt fo fort in das ewige Leben gegangen. Die ewige Liebe hat ihn nicht für die Erde geſchaffen; darum hat fie ihn gleich in ihren Himmel genommen. Er iſt nur zum Bes ſuche bei Euch geweſen, ein theurer Gaſt auf eine kleine Weile, und hat darauf in die Heimath zurück kehren müſſen, als die Tage des kurzen Beſuches zu Ende was ren. Ihr habt ihn hier nur geſehen, damit ihr ihn dort wieder kennet. Ihr habt ihn auf Erden beſeſſen, damit Ihr ihn einſt Euer Kind nennen dürft. Ihr habt ihn in Schwachheit, aber in Liebe in dieſer Welt pflegen müſſen, damit er in einer vollkommnern Euer in Liebe ge— denke. Darum trauert nicht, und bittet den Herrn der Euer Kind in Liebe zu ſich gezogen, daß er auch Euch immer mehr zu ſich ziehe, und vergeſſet nicht, daß einen fröhlichen Geber Gott lieb hat. Vater und Mutter reichten uns die Hand. Wir wünſchten ihnen nochmals den Troſt des Glaubens und verließen in einer eignen Stimmung das Haus. Die Pfarrfrau hatte wenig reden können. Weinend hielt fie ihren Adolf feſt, der ſtumm und ganz verlegen auf die Leiche blickte. Als wir nun aus dem Haufe was ren, und unſern Weg fortſetzten, fragte er: Mutter, war das Kind todt? Die Mutter nahm ihn in ihre Arme, ein großer Schmerz ſchien in ihrem Herzen zu kämpfen und ſchluchzend ſagte ſie mit einem Blicke gen Himmel: Des Herrn Wille geſchehe! Schweigend gingen wir neben einander. Nach einer Weile fiel es mir auf, wie ſonderbar dieſer Beſuch mit dem Kinderfeſte zuſammen falle. Der Frühlingstag im Herbſte, Adolfs Freudigkeit, dann die Erinnerung an die eigene Jugend hatten mich für das Feſt, zu dem wir gingen, in eine angemeſſene, kindliche Stimmung verſetzt. Aber was uns in jenem Hauſe be— gegnet war, ſchien einen dunkeln Ernſt herein zu tra— gen. Indem ich die Auflöſung dieſes Widerſtreites in einem dritten, höhern Gedanken ſuchte, lag das freund— liche Dorf in ſeiner lieblichen Stille vor uns. Die feſt— lich gekleideten Kindlein eilten auf dem Wege vor uns ee hin, und nicht lange dauerte es, fo fing das erfte Ges läut an. Im Dorfe war alles voll Leben. Die Haufen der Landleute ſtanden erwartungsvoll bei der Kirche, bei der Schule, auf dem Marktplatze. Wir mußten unaufhörlich grüßen. Im Pfarrhauſe trafen wir noch einen andern lieben Amtsbruder mit ſeiner Gattin, und wünſchten dem Pfarrer des Orts Gottes Segen zu ſeinem Feſte. Aber es war keine Zeit zu verlieren. Das zweite Geläut bes gann. Wir folgten dem Pfarrer in die Schule. Die Kinder hatten ſich auf dem geräumigen Schulplatze, je zwey und zwey geordnet, erſt die Knaben, dann die Mädchen, in lange Reihen geſtellt. Der Pfarrer bot den Kindern ſeinen Gruß, und wie er durch die Reihen ging, reichten ihm die fröhlichen Kinder ihre Händchen. Dann drückte er dem alten Schulmeiſter die Hand. Der würdige Greis, der ſchon die Väter und Mütter dieſer Kinder unterwieſen hatte, ſtand mit ſichtbarer Rührung und einer kindlichen Freudigkeit unter dem zweiten Ge— ſchlechte, dem er Lehrer war. Die dieſes Jahr eingeſegnet waren, wollten noch gerne Kinder bleiben und hatten ſich den Reihen ange— ſchloſſen. Auf dieſe folgten, um den Geſang vierſtimmig zu machen, einige Schullehrer aus der Nachbarſchaft mit ihren Gehülfen. Vor dem Schulhauſe begann der Ge— ſang. Uns die wir etwas abſtanden, klangen Geſang und Geläute in einander, und bildeten ein Tonſtück im großen Style, das freilich auch nur unter freiem Himmel in dem großen Gotteshauſe an ſeiner Stelle iſt. Nach dem erſten Verſe ſetzte ſich der Zug in Bewe— — 319 — gung. Vorauf ging der Schullehrer mit den kleinen Kin⸗ dern. An ihrer Spitze war das jüngſte, ein blondes Lockenköpfchen mit himmelblauen Augen, das noch ge— führt werden mußte. Ein glänzendes Band zog ſich durch ſeine Haare; blendend weiß war ſeine Haut wie ſein Anzug, roſenfarben die Wangen, wie die Schleifen ſeines Kleides, und eine ſeltene Miſchung von Ernſt und Freund⸗ lichkeit lag in ſeinem Weſen. Zwey größere Kinder tru— gen einen Korb vor ihm her, aus dem es den Weg mit Blumen beſtreute, und dann immer wieder in die Höhe ſah, als ſuche es den Himmel. Sein Gang war unſicher, er unterſchied ſich ſichtbar von dem derben Zutreten größe— rer Kinder und ſelbſt wenn es in den Blumenkorb langte, ſchien es eine gewiſſe Scheu an den Tag zu legen, die alle Zuſchauer ergriff. Zu beyden Seiten hatten ſich die Erwachſenen geſtellt. Die Kinder zogen ſingend hindurch. Wo ſich das klei— ne, Blumen ſtreuende Kind zeigte, da ſtaunte die Menge, überall hörte man den Ausruf des Wohlgefallens und ei- nige Muͤtter, denen ihre Kinder geſtorben, fingen an zu weinen, denn es war ihnen, als ſaͤhen ſie das Ebenbild ihrer verklaͤrten Kleinen. Zwiſchen den kleinen und etwas groͤßern Kindern ging der Pfarrer. Die Conſirmanden beſchloſſen den Zug. Treflich ſtieg der vierſtimmige Geſang empor, und erfuͤllte das Dorf und die Gemuͤther. Der Zug ging um die Kirche; dann zum Kirchhof. Wie er an die Stelle kam, wo die Kinder beerdigt werden, oͤffneten auch die uͤbrigen Kinder ihre Haͤnde, in denen jedes einen Strauß von Graͤſern und Herbſtblumen trug und warfen das Opfer auf die ED Gräber ihrer Geſpielen. Als fie die ganze Stelle umzogen hatten, bogen ſie ſich rechts zum Grabſtein des letzten hier verſtorbenen Pfarrherrn, der die meiſten von ihnen noch getauft hatte. Sie hingen an dem Denkſteine einen großen Kranz auf, in dem viele Vergißmeinnicht zu erkennen waren. Dann ging es in die Kirche. Aus dem freien, großen Gotteshauſe zog ſich der Geſang in das, welches mit Menſchenhaͤnden gemacht war. Wir waren voranges gangen und empfingen jenen eigenen Eindruck eines erſt fernen, dann immer naͤher kommenden, endlich laut in die Kirche hereinſchallenden Geſanges. Er wurde immer ſtaͤrker und ſtaͤrker, fo wie immer mehrere Glieder des Zuges in der Kirche anlangten. Drinnen erklangen ſchon die leiſen, feis nen Toͤne der kleinen Kinder, als drauſſen noch die ſtaͤr— kern und groͤbern der Erwachſenen in der Ferne erſchalle⸗ ten. Da fiel die Orgel ein. Das macht einen Eindruck, von dem jeder, der ihn einmal erfahren, geſtehen muß, daß es nichts gibt, was die Seele in ſolchem Grade zum Gottesdienſte vorbereitet und eine ſo lebhafte Ahnung von ſeiner Herrlichkeit einfloͤßt. Es iſt, als zoͤge die ganze Welt, fingend und betend, in den heiligen Tempel des Herrn. Der Geſang endete. Die Orgel ſpielte leiſe in freien Erguͤſſen und Wendungen die Singweiſe fort. Die Kin— der ordneten ſich auf dem Chore und die Erwachſenen auf ihren Sitzen. Dann begann der eigentliche Gottesdienſt mit einem Wechſelgeſange, in dem die Gemeinde alſo die Kinder anredet: O liebe Kinder, ſeyd bereit, Mit uns vor Gott zu treten! u. ſ. w. a Die Kinder antworten in einer andern Singweiſe: Hier ſind wir, unſerm Gott und Herrn, Vereint ein Lied zu fingen u. ſ. w. So ging es noch einige Mal in wechſelnden Anreden und Antworten zwiſchen der Gemeinde und den Kindern fort. Es war, als wenn ein untergehendes und ein kom— mendes Geſchlecht vor Gott ſtaͤnden und ein heiliges Ge— ſpraͤch bildeten von ihrem kuͤnftigen Zuſammenſeyn dort oben. Der Pfarrer trat vor den Altar und ſprach zuerſt im Allgemeinen, wie ſchoͤn es ſey, daß alljaͤhrlich ein Feſt der Engel gefeyert werde, und wie es unſere Zeit eben nicht zum guten Zeugniſſe gereiche, daß dieſer Boten des Herrn, dieſer ſeligen Geiſter, ausgeſandt zum Dienſt um derer willen, die ererben ſollen die Seligkeit, ſo ſehr vergeſſen wird. Aber, fuhr er fort, die Betrachtung auf eine andere Seite lenkend, ein ſolches Feſt darf nicht ohne beſondere Theilnahme der Kinder bleiben. Das darf ja ſchon jedes andere kirchliche Feſt nicht. Sind unſere Kinder doch ſo genau in unſer ganzes Leben verflochten, daß ein Vater und eine Mutter ſich kein Bild von der Zukunft in irdi— ſcher Ferne entwerfen kann, in welchem ſie nicht vorkom⸗ men ? Sie ſind freilich ſcheinbar die Geringern in der Menſchheit. Aber ruht nicht uͤberall das Große auf dem ſcheinbar Geringen und wird nicht das ganze menſchliche Leben mit allen ſeinen Freuden, Leiden und Sorgen groͤß— tentheils von der Kinderſchaar, als die Grundlage von dem Allen getragen? Wenn ſich nun dieſe Kleinen ſo tief in unſer ganzes Daſeyn verweben, wie koͤnnten wir ihrer ent— behren, wenu fein Silberblick, ich meine, ein Feſttag ers ſcheint? Kein Feſt iſt ein inniges, an dem Kinder fehlen, Glockentoͤne. öte Aufl. 21 und auch kein allgemeines, da es ja mehr Kinder als Er- wachſene gibt und ſelbſt kein herrliches, da ja nur Kinder im vollen Sinne des Wortes zu feyern verſtehen. Wir Erwachſenen muͤſſen erſt wieder Kinder geworden und wies dergeboren ſeyn um zu feyern, wie ſie feyern. Sehet das leuchtende Auge, den warmen froͤhlichen Blick, die heitere Gehobenheit eines feſtlich gekleideten Kindes, und feine Bes gierde ſich mitzutheilen und alles in ſeine Freude hereinzu— ziehen, — das iſt der rechte Feſtſinn. Darum ſind haͤus— liche Feſte ſo ſchoͤn, weil die Kinder einen ſo großen Theil von ihnen ausmachen. Und aus demſelbigen Grunde nahm der Herr, unſer Gott, bei der Anordnung des Paſſahfeſtes für Iſrael fo beſtimmte Ruͤckſicht auf die Kinder. Dieß al les hat auch uns veranlaßt, das frohe Feſt, das der Tag Michaelis herbeifuͤhrt, an dem wir der Weſen gedenken, die mehr ſind, als wir, beſonders mit denjenigen, und fuͤr diejenigen zu feyern, welche nach weltlicher Meinung wer niger ſind, als wir, die aber der heiligen Menſchenkenner uns zum Muſter aufſtellt. Nun trat der geiſtvolle und kindliche Mann unter ſeine Schaͤflein, ein treuer Hirt. Er unterredete ſich mit ihnen über die ſchoͤne Geſchichte aus dem Leben des Herrn, als die Juͤnger die Muͤtter anfuhren, die ihre Kinder zu Jeſu brachten, daß er fie anrührete; wie er unwillig war, da er das ſahe und ſprach: Laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ſolcher iſt das Reich Gottes, und wie nun der heilige Kinderfreund ſie auf ſeine Arme nahm, und fie herzte, die Hände auf fie legte und ſie ſegnete. | Der Amtsbruder beſitzt eine außerordentliche Gabe, — 23 — ſich zu den Kindern hinabzulaſſen und fie alsdann zu ſich beraufzuziehen. In der vollen Verſammlung ſprachen die Kinder mit der Freimuͤthigkeit, die ſie ſonſt nur im ver— traulichen Zwiegeſpraͤch aͤußern, und es kam manche Ant; wort an den Tag, deren tiefer Sinn den Erwachſenen faſt zu tief war. Aus der ganzen Unterredung ſprach ein ſo frommer Sinn der Demuth und Liebe; es war alles ſo ernſt und doch ſo freundlich, und in den Kindern zeigte ſich eine ſo warme Lebe zu dem Kinderfreunde, der im Himmel wohnt, daß die Gemeinde mit Thraͤnen in den Augen zuhoͤrte und nicht wußte, wie ihr geſchah. Endlich rief der Pfarrer aus, den Blick gen Himmel gerichtet: Va⸗ ter, aus dem Munde der Unmuͤndigen und Saͤuglinge haſt Du Dir Lob zugerichtet! Hoͤre in Gnaden ihr Loblied! — Er wandte ſich darauf zu den Kindern und forderte ſie auf, ihr Lieblingslied zu fingen. Da erhoben ſich ihre zars ten Stimmen und fangen allein jenes koͤſtliche, unvergeß⸗ liche Lied eines ehrwuͤrdigen, kindlichen Mannes, der es wuͤnſchte, damals gelebt zu haben, als der Herr auf Er; den wallte, daß auch ſeine Thraͤne dem Heilande gebebt baͤtte. Dieſes Lied führt uns die ganze Geſchichte vor, wie der Herr die Kindlein ſegnet. Die Kinder begannen: Heil uns! des Vaters Ebenbild, Das droben herrlich thronet, Hat hier auf Erden hehr und mild Gewandelt und gewohnet! Und ſeine Huld und Herrlichkeit Umhüllt ein ſchlichtes Pilgerklnid. Mit großer Ruͤhrung boͤrte die Gemeinde den Geſang und man fühlte es der Verſammlung an, daß es einen 21° — 824 — ungemeinen Eindruck machte. Der Pfarrer ſtand indeß wieder vor dem Altare und nahm das Wort das nun an die Gemeinde gerichtet war. Er legte ihr ans Herz, was der Herr von ihr fordere: wenn er gebietet: Laßt die Kind— lein zu mir kommen! Doch hielt er ſich nicht zu lange dabei auf, da er oft, wo es nur die Gelegenheit gab, uͤber dieſen Gegenſtand ſprach. Er verweilte laͤnger bei den folgenden Worten: Wahrlich, ich ſage euch, wer das Reich Gottes nicht empfaͤngt, als ein Kindlein, der wird nicht hinein kommen, und folgerte aus denſelben einen Gedan— ken, der als die Krone aller Betrachtungen an Kinderfeſten angeſehen werden muß. Seine Darſtellung begann bei dem, was man Unſchuld der Kinder nennt. Er pries ſie als etwas uͤberaus Herrliches, aber nachdem ihr das gebuͤh— rende Lob widerfahren war, erklaͤrte er, daß doch dieſe aͤu— ßerliche Unſchuld noch nicht die rechte ſey. Im Verhaͤlt— niß des Menſchen zum Menſchen ſey allerdings das Kind ſchuldlos, verglichen mit den Erwachſenen; aber vor Gott ſey kein Menſch von Natur ſchuldlos, und die allgemeine Gebrechlichkeit ſowohl, als der Mangel an vollkommner Gerechtigkeit, die allein vor Gott gilt, findet ſich bei den Kindern, wie bei den Alten, und beiden, ihnen wie uns, thut eine hoͤhere, goͤttliche Unſchuld Noth, die auch vor je— nen Augen beſteht, die da ſind wie Feuerflammen. Wo kein Gefuͤhl der Schuld mehr im Innern wohnt, das nicht verklaͤrt wird in Gewißheit der Vergebung, wo der Geiſt aus der Hoͤhe in uns das hoͤchſte Weſen Vater nennt, und uns das Zeugniß gibt, daß wir ſeine Kinder ſind: da iſt bei Alten und Jungen die rechte Unſchuld, und die ſoll, wie bei denen, welche am Anger ſpielen, ſo auch bei de— nen, welche graue Haare tragen, den Werth und reinen Adel des Daſeyns ausmachen. Was wir gewoͤhnlich Un— ſchuld der Kinder nennen, iſt nur das irdiſche Abbild von jener wahren Unſchuld, und damit man beide ja nicht ver; wechſele, muß jene Unſchuld untergehen und mit den Jah⸗ ren ſchwinden, und einem andern Abbilde Platz machen, dem Feuer der Jugend, und dieſes wieder einem an— dern, der Kraft des Mannes, und dieſes endlich wieder einem andern, der Weisheit des Alters. Alle dieſe Abbilder ſind ehrwuͤrdig, in menſchlicher Hinſicht, aber ihr wahrer Werth wohnt ihnen nur dann ein, wenn ſie in das, was ſie ab⸗ bilden, verwandelt werden. Ob das geſchehen, kann man dann ſehen, wenn ſie bleiben, denn das Goͤttliche vergeht nicht. Die Unſchuld der Kindheit muß ſich in Gewißheit der Vergebung, der Jugend Feuer in Liebe zum Herrn, des Mannes Kraft in Gewalt des Glaubens und des Al— ters Weisheit in Erleuchtung verwandeln. Was ſo ver⸗ wandelt worden, hat feinen Zweck erreicht und was fo um: geſtaltet iſt, das bleibet ewiglich. Iſt dieſe Unſchuld wahre Unſchuld geworden, fo ſchwindet fie nicht in den ver⸗ ſuchungsvollen Jahren des Juͤnglings, man erblickt ſie noch im Herzen des Mannes mitten unter den Sorgen des Lebens, und ſelbſt bei den Entſagungen des Alters wohnt ſie in der Bruſt des Greiſes. In dieſem Sinne koͤnne man von einem wahrhaften Chriſten ſagen, er werde nie alt. Das Beſte aus der Kindheit hat er bewahrt, und er bleibt in feiner heiligen Unſchuld, Liebe und Kraft immer jung, wenn der Koͤrper auch Meldung genug thut, daß ſeine gute Zeit voruͤber ſey. Hier lenkte der Pfarrer zu dem Worte des Herrn zu— — 326 — ruͤck, wovon er ausgegangen und lehrte uns, wie dieſe hoͤ— here Unſchuld die Folge ſey, wenn man das Reich Gottes empfaͤngt als ein Kindlein, und daß man als ein ſolches empfange, wenn man in unverſtellter Demuth und zwei— felloſem Glauben ſich zum Herrn nahe. Dann ermahnte er uns, die Wehmuth, welche Erwachſene beim Anblicke des Gluͤckes der Kinder empfinden, und die Sehnſucht in die Kindheit zuruͤck, welche die Erinnerung an dieſelbe in uns erweckt, doch ja nicht anders zu betrachten, als einen goͤttlichen Zug zu dieſer hoͤhern Unſchuld und darum ihm freudig zu folgen, damit wir, wenn wir es nicht geblieben, als Juͤnglinge, Maͤnner und Greiſe doch wieder Kinder wuͤrden. Dazu verhieß er aus dem Munde des Herrn den Bittenden Empfang und den Suchenden ein ſeliges Finden. Es wurde ein Schlußgeſang geſungen, der Segen des Herrn geſprochen und die Kinder zogen zur Schule zuruͤck. Die ganze Feyer hatte mich erbaut; aber die Rede beim Schluß ergriff mich ſo maͤchtig, daß ich mich kaum enthalten konnte, dem Amtsbruder mitten in dem Zuge zu danken. Ich hatte die Aufloͤſung des Gegenſatzes gefunden, welche ich auf dem Heimwege ſuchte. Die ganze irdiſche Herrlichkeit der Kindheit war mir zuerſt in dem lenzarti— gen Herbſttage, in den Erinnerungen, welche das Lied ge— weckt, und in den Spielen meines Sohnes aufgegangen. Aber ich ſollte gelehrt werden, daß ſie nicht bleiben koͤnne und ſolle, damit die hoͤhere Herrlichkeit der wahren Un— ſchuld aufgehe, darum wurde ich zu der Kindesleiche und den Anblick des Todes gefuͤhrt, ohne deſſen geiſtliches Ge— genbild ja das neue Leben voll Unſchuld nicht geboren werden kann. Ich fuͤhlte mich unausſprechlich ſelig, daß 827. — jene Gegenſaͤtze in einem boͤhern Zuſtande gelöfet waren, und verlor mich in Anſtaunen der Schoͤnheit und des Reichthums des Evangelii, das nichts Edles und Schönes im Leben will untergehen laſſen, ſondern es in einem hoͤhern Sinne fuͤr immer wieder ſchenkt, wenn es aͤußerlich verloren iſt. Bei der Schule ſprach der wuͤrdige alte Schulmeiſter noch einige Worte zu den Kindern, zu dem Pfarrer und der Gemeinde, die bis hierher gefolgt war. Er weinte ſelbſt und die ganze Verſammlung weinte mit ihm. Fuͤr den Fremden ſogar war es ruͤhrend zu ſehen, welch ein Geiſt der Eintracht, der Liebe und des Zuſammenwirkens von allen Seiten in dieſer Gemeinde herrſcht. Die Kinder kuͤßten dem ehrwuͤrdigen Greife die Hand, die Väter und Muͤtter kamen in großer Bewegung des Herzens zu ihm, der Pfarrer umarmte den ehrwuͤrdigen Greis, und dann nahmen die Aeltern ihre Kindlein bei der Hand und fuͤhr⸗ ten ſie heim. Wir begleiteten den Pfarrer in ſeine Amtswohnung. Als wir in dem baumreichen Hof angelangt waren, kamen mehrere Männer und Frauen aus der Gemeine, unter des nen ſogar viele bejahrte waren und blieben fern ab ſtehen, als wagten ſie es nicht, herzuzutreten. Der Pfarrer ging auf ſie zu. Da trat eine alte Mutter hervor und bat ih⸗ ren Seelſorger um das ſchoͤne Lied, das die Kinder geſun— gen; es ſey ihr ins Herz gedrungen, ſie koͤnne nicht ſagen, wie ihr dabei geworden, und den übrigen ſey nicht anders zu Muthe geweſen. Der Herr Pfarrer moͤge es ihr doch verſchaffen, ſie wolle es in ihren alten Tagen noch lernen, und bei der Arbeit ſingen. Beſonders jene Worte: Ach hätt? auch damals ich gelebt, als Er auf Erden wallte, — — haͤtten fie fo fehr erfreut, daß fie dieſelben nicht vergeſſen konnen. Dieſen Wunſch, habe fie ſchon oft gehabt, aber nicht gewagt, ihn zu aͤußern. Nun ſtehe er in dem Liede ſo ſchoͤn und frei ausgedruͤckt. Sie wolle das Lied fleißig ſingen, bis ſie einſt druͤben mit Ihm wandeln koͤnne, den ſie hinieden mit lieblichen Augen zu ſehen nicht gewuͤrdigt wor⸗ den. Der Pfarrer freute ſich uͤber dieſe Aeußerungen, und verſprach den lieben Leuten, ſie noch heute mit einer Ab⸗ ſchrift des Liedes zu beſchenken. Unſer geliebter Amtsbruder war noch unverheirathet. Still und einſam lebte er im Pfarrhauſe. Die Gemeinde war ſeine Braut, und ihre Kinder waren ſeine Kinder. Dennoch war fuͤr dieſen Tag alles ſo ſorgfaͤltig im Haufe fuͤr viele Gaͤſte angeordnet, als wenn eine Pfarrfrau es beſchickt haͤtte. Die Nachbarinnen hatten mit dieſer Muͤhe ihrem theuern Pfarrherrn eine Freude machen wollen. Der alte Meiſter mit ſeinen Amtsgenoſſen kamen zu uns. Die Geſellſchaft mehrte ſich und fuͤllte den großen Saal des Hauſes, der ſelten, aber dann immer geliebte und dankbare Säfte umſchließt. Wir festen uns um den feſtlich belade⸗ nen Tiſch, die beiden Pfarrfrauen verſahen das Amt der Hausfrau, nicht ohne einige leiſe Scherze uͤber des Amts⸗ bruders Verlaſſenheit. Aber das ſtoͤrte den Ernſt des Hauptgeſpraͤches nicht, der ein heiterer Eruſt war. Den ehrwuͤrdigen Greis hatten wir obenan geſetzt. Er ſprach viel uͤber die Kindheit und wie ihm immer jener hoͤhere Sinn, der in ihr liege, wichtig geweſen. Er muͤſſe beken⸗ nen, in dieſem heiligen Sinne habe er fuͤr ſein Amt die Weihe empfangen, und in dem Amte Kraft und Freudig⸗ keit. Daß der Pfarrherr ihn heute fo erbaulich hervorge⸗ u hoben, habe ihn uͤberraſcht, aber wahrhaft geſtaͤrkt. Er begreife nicht, wie man ohne die Richtung, welche die Lehre von der hoͤhern Unſchuld dem Amte gibt, ſeiner auf. die Dauer froh bleiben koͤnne. Das Geſpraͤch wurde allgemeiner. Man kam auf die Art und Weiſe, wie man in jener Unſchuld das Ziel der Erziehung, ſo wie ihren Anfang ſuchen muͤſſe, welche Schwierigkeiten ſich dabei ergeben und wie keiner ein chriſt— licher Lehrer und Vater ſeyn kann, der nicht ſſelbſt dieſe Unſchuld beſitze. Um zu ſolcher Unſchuld zu erziehen, und um ſolche Unſchuldige zu behandeln, muͤſſe man fchlechter; dings ſelbſt in ſolchem Sinne unſchuldig ſeyn. Dadurch kam man auf die Verbindung der Schule mit der Kirche zu reden und einer der anweſenden Geiſtlichen meinte, ſelbſt eine Taufrede koͤnne nicht ſeyn, was ſie ſeyn ſoll, wenn dem Geiſtlichen dieſe hoͤhere Unſchuld mangelt. Mit vorzuͤglicher Vorliebe betrachte ich dieſen Theil der Amtsfuͤhrung und hielt deshalb das Geſpraͤch auf dies ſem Punkte feſt. Wir fanden in einer Taufgeſellſchaft die vertraulichſte unter allen kirchlichen Verſammlungen. Das Kind, die Mutter, der Vater, die Großaͤltern, die naͤchſten Verwandten und Freunde find zuſammen; aus den Ge ſpraͤchen uͤber das, was der Herr auf's neue gethan an dieſer Familie, erhebt ſich der Pfarrer und benutzt dieſen oder jenen Umſtand, um eine ernſte Betrachtung anzuſtel⸗ len, daß die Gemuͤther zu der Feyer des Sakraments vor— bereitet werden. Bald laͤchelt der Taͤufling und es wird von der Freude geredet, die mit dem Frieden der Uns ſchuld verknuͤpft iſt. Bald weint ein anderer und man ſucht die tiefere Bedeutung dieſer Beobachtung auf. Jetzt bemerkt ein Anweſender, wie des Kindes erſte willkuͤhrliche Bewegung ein Hinwenden des Auges zum Lichte iſt und es wird gehandelt von der Sehnſucht nach Licht, die unſe— rer Seele einwohnt. Dann ſprechen die Frauen von dem genauen Bande zwiſchen Mutter und Kind, wornach das Kind die Naͤhe der Mutter ſo gern mit der bequemen Wiege vertauſcht und das gibt Veranlaſſung von der Sehnſucht nach Waͤrme und Liebe zu reden. Nun ſpielen die aͤltern Kinder zu den Fuͤßen des Vaters und man findet, daß die Anhaͤnglichbeit an die Mutter nebſt der Nachahmung des Vaters die beiden Grundkraͤfte in der Entwickelung des Kindes ausmachen und ſich hernach im Glauben an Chri— ſtum und in Nachfolge Chriſti umbilden ſollen. So zeigt es ſich bei dieſen Gelegenheiten von unzaͤhligen Seiten, wie es des Herrn Wille iſt, daß die Erloͤſung erſt menſch⸗ lich gelernt werden muͤſſe, ehe fie göttlich empfangen wird und alle ſolche Reden, wie ſie unmittelbar dem Leben und der Gegenwart entſpringen, klaͤren uͤber dieſe heilige Regel auf und enden in jenem großen Gedanken von der Un⸗ ſchuld in Chriſto, die der Erfolg wie der Anfang der Erz ziehung und die Kraft der Ausfuͤhrung ſeyn ſoll. Jeder erzaͤhlte aus ſeinem eigenen Leben die Geſchichte ſeiner Tauffeſte. So kam der Abend herbey. Die Frauen trieben zum Aufbruch. Es iſt kein Wunder, daß unſer Geſpraͤch nur uͤber Einen Gegenſtand ſich verbreitet hat, ſagte der ehrwuͤrdige Schulmeiſter, als er aufſtand, ich ſehe wir haben hier das koͤſtliche Gemaͤlde von Jeſu, wie er die Kindlein ſegnet, neben uns hangen. Der Pfarrer, ein Freund der Kunſt, hatte das treffliche Stuͤck erſt in den letzten Tagen erhalten. Er hatte uns zur Erhoͤhung des * — Feſtes damit überrafchen wollen, aber es war das Ge— ſpräch gleich ſo lebhaft geworden, daß er es nicht hat unterbrechen mögen. Wir ſahen es und bewunderten die Gabe, mit Pinſel und Farbe ſo hohe Gedanken ſichtbar darſtellen zu können. Alles ſprach in dieſem Bilde: Wer⸗ det wie die Kindlein! Wir fanden es ſehr angemeſſen, daß dieß Bild zuletzt vorgekommen, nachdem ſein Ge— danke von allen Seiten in die Rede gezogen war, damit des Bildes Eindruck, durch keine ſpätern Geſpräche ver⸗ wiſcht, in jedem Gemüthe das Andenken an dieß ſchöne Kinderfeſt bewahren könne. Adolf hatte ſich früher dem Zuge zugeſellt und war bei den Kindern geblieben. Jetzt war er mit ihnen im Pfarrhof. Die Mutter rief ihn und, ſchnell zu gehor— chen gewöhnt, verließ er ſeine Geſpielen und wußte der Mutter nicht genug von den guten Kindern zu erzählen. Sie nahm ihn bei der Hand und wir gingen im Abend— rothe heim. Als wir bei dem Haufe, das aus den Bäumen her- vorblickt, anlangten, ſahen wir vor uns die Leiche des lächelnden Knaben wegtragen, und eine große Menge von Freunden die trauernden Aeltern zum Grabe begleiten. Glückliche Aeltern, rief der Vater, glücklich mitten in euerm Schmerze; euer Sohn iſt in zwiefacher Unſchuld heimgegangen! — 332 — 6. Der Thomastag. —— Es gibt zuweilen Wintertage, die beſtimmt zu ſeyn ſcheinen, äußerlich und innerlich den Jammer unſers ar⸗ men Lebens auf Erden abzubilden. Ein ſolcher Tag kam mir heute. Gott Lob, daß er der kürzeſte des Jahres war! In der langen Nacht hatte kein Stern geſchienen. Spät wich die dicke Finſterniß. Matt war das Licht des Tages. Es fielen einige Schneeflocken, aber fie zerflof- ſen in dem Augenblicke, wo ſie die Erde berührten. Seit mehrern Tagen hatte es gethaut. Hier und da lag al tes, braunes Eis. Die Luft war nicht kalt, aber naß. Die vorhergehenden Tage hatte ich größtentheils unter Armen und Kranken zubringen müſſen. Die Kla⸗ getöne der erſten ſchwebten noch um mein Ohr und bei demjenigen unter den Kranken, bei dem ich geſtern Abend zuletzt geweſen, hatte ich nichts als den Anblick einer troſtlos unentſchiedenen Seele gefunden. Ich war mit körperlichem Schmerzgefühl aufgeſtan⸗ den. In meinem Innern war es nicht beſſer beſtellt. Es haftete eine läſtige Trägheit in meinem Herzen. In meinem Geiſte fehlten Klarheit und Leben. In mir, aus ßer mir war es öde und dunkel. Der Glaube war nicht — — 333 — erſtorben, aber es fehlte ihm alle Freudigkeit. Das Ge⸗ fühl des geiſtlichen Elends ſchien allein mein ganzes Ge— müth auszufüllen. Es war nicht mehr frühe; doch mußte noch auf der Bücherſtube ein Licht brennen. Feuchte Nebel lagen auf dem Thale. An den Fenſtern raſſelte der Regen. Da klang das erſte Geläut des Sonntags. Die be— kannten Töne weckten alte, liebe Erinnerungen; aber ſie dienten nur, wie Blitze, die Dunkelheit, in der ich mich befand, recht ſichtbar zu machen. Ich ergriff das Wort Gottes. Ich ſchlug auf und unwillkührlich traf mein Blick auf den Pſalm, in dem die Verheißung gegeben wird: dem Gerechten muß das Licht immer wieder auf— gehen und Freude den frommen Herzen, nachdem es vor— her heißt: Wolken und Dunkel ſind um den Herrn her! Das war ein rechtes Wort des Troſtes für meine leidende Seele. Ich hielt mich an ihm feſt. Ich nahm es auf als eine Gottes Gabe. Ich verlor mich in ihm und vergaß, was mich von innen und von außen drückte. Ich ließ es nicht, bis ich geſegnet war und ich wurde es. So getröftet, beſchloß ich über dieſes köſtliche Wort zu predigen, und es lehrend, ſelber immer mehr von ihm zu lernen. a Das zweite Geläut ſcholl dumpf über die Stadt hin. Die Straßen waren leer; die Kirche nicht voll. Doch war es auch nicht ſtill in ihr, was ſonſt wohl kleinere Verſammlungen um ſo erbaulicher macht. Die der Wit— terung zum Trotz des Herrn Haus geſucht hatten, — wann ſollte man es mehr ſuchen, als an ſolchen Tagen? — 334 — — waren zum Theil erkältet. Es ſchien auch hier, als Tolle Gottes Wort allein der Menſchen Seele erheben. Der Gottesdienſt begann mit dem Geſange: Kommſt du, kommſt du, Licht der Heiden? Ja, du kommſt und ſäumeſt nicht, Weil du weißt, was uns gebricht, O du ſtarker Troſt im Leiden! u. ſ. w. Unterdeß hatte ſich alles mehr geordnet in der Ver⸗ ſammlung, und ich begann den Vortrag mit der Bemers kung, daß da wir in dem nun bald abgelaufenen Jahre an manchem frohen und traurigen Tage uns vor dem Herrn verſammelt geſehen, jetzt die Gemeinde an dem kürzeſten Tage des Jahres zuſammen gekommen ſey. Er falle dieß Mal, wie nicht immer, auf einen Sonntag, und darum ſcheine es angemeſſen, ihn zum Gegenſtande unſerer Betrachtung zu machen, und ſeine höhere Bedeu— tung aufzuſuchen. Die Heiden haben dieſelbe ſchon ge— ahnet, indem ſie einige Tage nachher das Feſt der ſie— genden, wieder ſteigenden Sonne gefeyert; aber unſre chriſtlichen Väter haben ſie klärer aufgefaßt, indem ſie dieſen Tag dem Andenken des Apoſtels gewidmet, der uns beſonders wichtig iſt durch das Wort, das der Herr zu ihm geredet: Selig ſind, die nicht ſehen und doch glauben. richt ſehen und doch glauben! fuhr ich fort, das iſt es, was uns der kürzeſte Tag predigt. Aber was ſollen wir dann glauben? Nun las ich die Worte der Verheißung aus dem Pſalm und erklärte, daß wir ſie zum Grunde unſers Nachdenkens legen wollten, damit fie uns eine Feuerſäule in der Nacht würden. Das Volk Iſrael leitete der Herr des Tages mit einer Wolke, des Nachts mit einem hellen Feuer. Der Tag iſt das Bild des irdiſchen Wohlſeyns; da erſcheint uns das Ewige, als eine dunkle Wolkenſäule, in der alle Herr— lichkeit der Erde ſich erſt verlieren muß, und warnt ernſt und ſtrenge den Glücklichen, daß er ſeine Hoffnung nicht ſetze auf den ungewiſſen Reichthum, ſondern auf den lebendigen Gott. Die Nacht iſt ein Bild des Elends auf Erden; da leitet der Herr ſein Volk mit einer hellen Feuerſäule; er iſt den Unglücklichen mild und gewogen; er ruft die Mühſeligen und Beladenen zu ſich, auf daß er ſie erquicke. So führt der Herr immer durch Ernſt und Liebe, durch Warnung und Troſt, und das iſt eben die Eigenthümlichkeit des Chriſtenthums, daß es den ſtrengſten Ernſt und die weichſte Milde verbindet. Aber dieſe ſetzt jene voraus, und in den kürzeſten Tagen, muß oft der ſtrenge Ernſt erſcheinen, damit die Milde deſto herrlicher ſich hinter ihm und über ihm erhebe. Indeß iſt es auffallend, daß das Evangelium ernſt iſt, wo die Welt uns lächelt, und lieblich, wo ſie uns herbe behan— delt. Doch darin beſteht ja eben der Troſt und die Kraft des Evangelii, darum eben iſt uns ein Chriſtus fo noth— wendig und theuer, daß in ihm uns eine Welt gegeben wird, die der, in welcher wir uns von Natnr befinden, gerade entgegen geſetzt iſt. Jene iſt eine ewige, dieſe eine zeitliche; jene vollkommen, dieſe unvollkommen; jene ſelig, dieſe elend. Weil beide ſich entgegen ſtehen, ſo gibt es begreiflich eine zwiefache Art von Menſchen. Einige leben nur in dieſer Welt hier unten, andere aber eigentlich mit ihrem Herzen und Sinne in der höheren. — 336 — Dieſe find es, die in Chriſto gerecht vor Gott gewors den, und ihnen muß das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen. Indem ſie hienieden den Lockungen und den Verfolgungen der Welt ausgeſetzt ſind, und die mächtigſte Welt gar in ſich ſelbſt tragen, ſo kann es nicht fehlen, daß wie Licht, ſo Freude des Glaubens wohl einmal unterzugehen ſcheinen in dem treuen, frommen Gemüthe; aber beide gehen doch wieder auf, denn der Glaube ſelbſt geht nicht unter, wenn auch ſein Licht für den Verſtand und ſeine Freudigkeit fürs Herz. | Indem ich dieſe Gedanken, welche hier freilich nur ſehr kurz angedeutet werden, vortrug, mochte ich dem gegenwärtigen Gefühl keinen Zaum anlegen, und nach allem, was der Predigt vorhergegangen, war ich in der Verfaſſung die Erfahrungen über dieſe Wahrheiten eben nicht kurz und kärglich darzuſtellen. Aber wenn ein irdi⸗ ſcher Schmerz oft ſtärker und zerrüttend wird, wenn man ihn ausſpricht und nicht ſelten eine zerſtörende Gewalt auf das Gemüth empfängt, ſo iſt es mit dem heiligen Schmerze ganz anderer Art. So wie man ihn im Ela ren Gedanken auffaßt, und in Worten vor das gläubige Gemüth hinſtellt, behält er freilich feine zerſtörende Kraft, aber er richtet ſie nun gegen ſich ſelbſt. Wenn man in dunkeln Stunden ſich nur ſolch einen Schmerz hat nen⸗ nen können: ſo iſt er ſchnell hinweg. Wie ich meinen Zuſtand dargelegt, und das Vertrauen auf die Wahrs haftigkeit der göttlichen Verheißung bekannt hatte: da war mir auch ſchon wirklich Licht und Freude wieder auf gegangen. Das fühlte ich, und fand mich dadurch auf⸗ — — 337 — gefordert, in den Beobachtungen, die man an dem Fürs zeſten Tage macht, kindlich die heilige Wahrheit zu er— klären und zu verkündigen. Wir begannen mit den erſten allgemeinſten. Der Thomastag iſt bei uns ein Tag, an dem es ſechszehn Stunden finſter und nur acht Stunden hell iſt. Wenn einmal die Zeit vorüber gegangen, wo Tag und Nacht gleich lang ſind, dann geht es ohne Aufhören tiefer in die Nacht hinab; die Macht der Finſterniß wächſet; die Fluren verlieren ihre gewöhnliche Farbe; die Wälder werden braun und ſchwarz; der Himmel überzieht ſich mit Wolken, und immer früher ſinkt die Sonne, immer länger weilt die Nacht, bis endlich heute die Gewalt der Dunkelheit aufs höchſte ſteigt; zwei Drittel füllt die Nacht aus, und nur ein Drittel der Tag. Es iſt der kürzeſte Tag. Aber bedenke, am kürzeſten Tage iſt es doch Tag. Das Licht kommt ſpät, aber es kommt doch. Es weilt nicht ſehr lange, aber es iſt doch da, und es ſind acht Stunden nicht Augenblicke, ſondern Stunden und — acht Stunden, da es Tag iſt am kürzeſten Tage. Freilich muß man wachen, um es zu ſehen. Wir erhe— ben uns aus dem Schlafe, dieweil es noch Nacht iſt, aber wir vertrauen, daß der Tag kommt, darum ſtehen wir auf, und alsbald erblicken wir ſeinen Anfang. Siehe, ſo iſt es auch mit Deinem Geiſte. Wache auf, der du ſchläfſt, und ſtehe auf von den Todten, ſo wird dich Chriſtus erleuchten. Das iſt freilich eine lange Nacht, wenn du endlich die Ueberzeugung gewinneſt, wie alles eitel iſt unter dem Monde und dein Geiſt ſelbſt, Glockentoͤne. te Aufl. 22 — 338 — der das erkennt, ſündhaft. Aber ſtehe nur auf von den Todten, erwarte die Stunde, traue der Verheiſſung des Herrn. Dich wird Chriſtus erleuchten. Fürchte nicht und glaube nur. Du wirſt gerecht werden in ihm und das Licht wird dir aufgehen und die Freude dem from— men Herzen. Der Thomastag iſt ein Feſttag des Glaubens. Wir gingen zu einer andern Beobachtung über, Es iſt zwar hell am kürzeſten Tag, aber die Sonne läßt ſich ſelten ſehen und wenn ſie ſich ſehen läßt, doch kurz und matt. Wir fragten nach dem Grunde. Es ziemte ſich nicht, in Erörterungen einzugehen, die der Wiſſen⸗ ſchaft gebühren, und es wurde nur die Hauptſache ans geführt, welche die Unterſuchung der Sternkundigen her— ausgebracht. Wenn der kürzeſte Tag erſcheint, ſind wir der Sonne am nächſten. Im ganzen Jahre ſind wir ihr fo nahe nicht, als an dieſem Tage. Aber unſere Stel— lung gegen ſie iſt von der Art, daß ihre Strahlen nur ſchief auf unſre Gegend fallen können und darum nur matt und ſehr kurze Zeit ſcheinen. Siehe, gerade ſo verhält es ſich auch, wenn dein Herz den kürzeſten Tag hat. — Die Kinder Korah fins gen: „Gott der Herr iſt Sonne!“ Und dieſe ewige Sonne iſt dir auch am nächſten, wenn du leideſt. Im Leiden iſt ſeine Liebe eine verhüllte, aber eine um ſo größere Liebe. Eine zaͤrtliche Mutter iſt ja nie zärtlicher, als wenn ſie ſtraft. Und du weißt ja, daß du nur ſo viel das Ewige empfangen kannſt, als du dem Zeitlichen entſageſt, daß die Gnade ſo viel in dir wächſet, als du m — in dir ſelbſt abnimmſt, und mit Einem Worte nur fo viel der Herr dein Gott, das heißt, dein Eins und Al— les iſt, als du aufhöreft, es dir ſelber zu ſeyn. Aber das weißt du auch, daß es ein ſchmerzlich Leiden iſt, ſich ſelbſt vom Thron herabzuſetzen, damit ein anderer hin⸗ aufſteige, und du wirſt auch erfahren, daß das nicht leich⸗ ter geſchieht, als wenn du eben leideſt. Oder ſoll ich ſagen, wie ich lieber möchte, ſiehe, im Elende iſt die ewige Liebe für dich zu groß, du könnteſt ſie in dem Au⸗ genblicke nicht faſſen, wie ſie dich liebt, umfängt und ſucht, ſie iſt dann über das Maß deiner Empfänglichkeit dir gewogen, denn ſie iſt ja eine unendliche. Da hat fie dann Mitleid mit dir, und fchonet deiner Schwachheit und hüllt ſich in Kreuz und Schmerz und kommt dir in dieſer Knechtsgeſtalt vor dein Herz, denn ſo kannſt du fie erkennen. Aber das ſiehſt du ja wohl, du bekümmer— tes und Leide tragendes Herz, dir iſt ſie alsdann am nächſten und preiſet dich ſelig. Wir haben ein Sprüch⸗ wort, das eben dieß ſagt: Wo die Noth am größten iſt, da iſt der Herr am nächſten. Und Gottes Wort ſagt es noch deutlicher. Die der Herr lieb hat, züchtiget er. Nur leider, wir erkennen es nicht. Daſſelbe Loos theil— len mit der Mutter Erde, die Menſchen, ihre Kinder. So lange wir noch Erdgeborne, Kinder der Welt und. nichts weiter ſind, ſtellen wir uns in eine ſchiefe Lage gegen die ewige Sonne der Gerechtigkeit und wenn ſie uns am uächſten iſt, ſetzen wir uns in ein ſolches Ver— hältniß zu ihr, daß ihre Strahlen nur matt und kurze Zeit uns berühren. Ach, das hängt uns ſelbſt ſpäter noch an, wenn wir auch mehr ſind, als Erdgeborne. — 2 * — 340 — Wenn wir ſchon Kinder Gottes geworden, dann noch er— kennen wir gewöhnlich an dem kürzeſten Tage nicht, daß die Sonne uns gerade am nächſten iſt, und wir ſtellen uns ihr ſchief gegenüber. Aber wir wollen es lernen, und wenn wir es erkennen, wie der Herr uns ſo unſäg— lich zuerſt geliebt, ihn wieder lieben, und dieſe Liebe iſt dann die Frucht der Erfahrung, daß dem Gerechten das Licht immer wieder aufgeht und die Freude dem from— men Herzen. | Der Thomastag iſt ein Feſttag der Liebe. Wir kamen ſodann auf eine fernere Beobachtung. Am kürzeſten Tage wendet es ſich und die Tage nehmen wieder zu. Das Ziel der fortſchreitenden Macht der Finſterniß iſt gekommen, und iſt erſt die längſte Nacht vorüber, ſo werden alle folgenden kürzer. Wir ſind zum Wendepunkt gekommen und nicht lange dauert es mehr, dann iſt der Frühling da und der Sommer folgt. Man ſage nicht, daß dennoch erſt nach dem kürzeſten Tage der Winter eigentlich anfange, der ſtrengſte Froſt erſcheine und der meiſte Schnee falle. Dieſer Umſtand iſt zwar nicht zu leugnen, aber man kann alljährlich be— merken, daß er unſere Hoffnung nicht lähmt, ſondern ſie noch höher hebt. Es ſcheint auch in der menſchlichen Natur zu liegen, ſich durch jedes Hinderniß, das uns aufhalten will, nur zu neuem Muthe aufgeregt zu füh— len, wenn die Erreichung des Zieles nur gewiß iſt. Ue— berdieß iſt es ja mit dem Frühlinge nicht anders, als mit dem Winter. Er läßt ſich erſt am Himmel ſehen, und ſchwebt dann in milden Lüften nach einiger Zeit auf — 341 — die Erde herab. So iſt auch der Winter erſt am Him— mel, und zieht ſich dann in ſtrengen Nächten auf die Erde nieder. Aber hat ſich dort oben ſchon die Sonne gewendet, ſo mag noch ſo viel Froſt und Schnee kom— men, wir wiſſen, daß ihr Urtheil ſchon geſprochen, und daß es der wärmern Jahrszeit entgegen geht. Siehe, dieſes Bild lehret dich, wie es auch mit dir gehen werde, o gläubige Seele! Da du in deinem Kummer haßeſt, war dir die ewige Liebe am nächſten, ſie hatte deine Sehnſucht geſehen und den ſtillen Seufzer deiner Bruſt gehört und fie war gekommen, dich nur nä— her an ihr reiches, ſegnendes Herz zu nehmen. Sie hat es gethan und du biſt ihr mehr eigen geworden. Ein neuer Abſchnitt deines geiſtlichen Lebens hat begonnen und wenn du es auch deſſelben Augenblicks nicht gewah— reſt, die Sonnenwende iſt am Himmel geweſen. Dein Leid kann nur deinen Glauben mehren. Dein Kämpfen nur das Siegen erhöhen. Ja, wenn auch ſogar, noch ſtrenge Winternächte folgen ſollten. Die Tage ſind dir doch länger geworden ſeit dem kürzeſten, und der Früh— ling des ewigen Lebens bleibt nicht aus und die Erfül— lung aller deiner Bitten, die du an jenes reiche Herz voll Liebe heraufſpracheſt. Es iſt je gewißlich wahr, dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen, und ſie müſſen dir immer früher aufgehen, bis ſie einſt nie wieder untergehen. Der Thomastag iſt ein Feſttag der Hoffnung. Wir ſchloſſen unſere Betrachtungen. Der Blick in das Reich der Natur hatte unſere Erkenntniſſe von dem — 342 — Reiche der Gnade bewährt. Wir wandten ihn nun aus dem geiſtigen Leben zurück, um zu ſehen, wie jenes in dieſem verklärt wird. Der kuüxrzeſte Tag geht nur drei Tage vor dem Chriſtfeſte her. Es iſt von den Vätern der Kirche ſicherlich nicht zus fällig angeordnet, daß der kürzeſte Tag, den wir einen Feſttag des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung ge— nannt haben, drey Tage vor dem Geburtsfeſte deſſen ers ſcheint, der der Anfänger und Vollender des Glaubens, der Gegenſtand unſerer höchſten Liebe, und der Grund unſerer Hoffnung iſt. O nun weiſet der kürzeſte Tag des Jahres auf den hin, von dem wir geglaubt und ers kannt haben, daß er ſey Chriſtus, der Sohn des leben— digen Gottes! Siehe, wie ſchoͤn! Heute der kürzeſte Tag und die längſte Nacht im Reiche der Natur, und dann gleich die heilige Nacht des Segens, in der das Licht in die Fin- ſterniß ſchien! Jetzt noch die dunkele, verſchloſſene Erde, und dann der offene ſtrahlende Himmel! Jetzt noch die verhaltenen Seufzer der armen, leidenden Menſchen und dann nach dreien Tagen der Freudenruf der Engel: Euch iſt heute der Heiland geboren! Jetzt noch die irdiſche Klage, die nur mühſam beſchwichtigt wird und dann der himmliſche Lobgeſang: Ehre ſey Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menſchen ein Wohlgefallen! — Kann man ſich eine höhere Stellung denken? Die Adventszeit iſt eine ſo werthe, ſehnſuchtreiche und heilige Zeit; aber wann iſt ſie es mehr, als nahe bei ihrem Schluſſe, am kürzeſten Tage des Jahres? Auch an ihm feyern wir ſie, aber erſt, wenn er verlebt, kann die ee Weihnacht kommen. Du fühlt jene heilige Sehnſucht nach dem Herrn in dir, aber vorher lerne die Angſt der Finſterniß, die Qual der Sünde und das Weinen der Reue kennen; dann kann der Eine, der dir alles gibt, was du bedarfſt, in dir geboren werden; und dann heißt es von da an auch bei dir, dem Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen und Freude dem frommen Herzen. | Der Thomastag iſt ein Adventstag. Das iſt das Siegel auf alles Andere, was er uns ſeyn will. Kun begrüßten wir im Rückblick auf die ganze Be— trachtung den kürzeſten Tag des Jahres als einen Feſt— tag des Glaubens, der Liebe, und der Hoffnung und feyerten ihn als höchſten Adventstag mit dem feſtlichen Rufe: Hoftanna, gelobt fer der da kommt in dem Na⸗ men des Herrn! Hoſianna in der Höhe! Die Gemeinde wiederholte ihn in dem Schluß⸗ geſange: > Sey willkommen, o mein Heil, Hoſtana, o mein Theil! Richte du auch eine Bahn Dir zu meinem Herzen an! Es war unter dem Gottesdienſte immer heller und lichter geworden, wie in meinem Herzen, ſo auch in der Natur. Jetzt als die Gemeinde ihr Hoſianna anſtimmte, fiel ein wohl matter, aber ſehr freundlicher Sonnenſchein in die Kirche. Er dauerte nicht lange, aber die ganze Gemeinde fühlte ſich erhoben. Einem bewegten Gemüthe, ſey es in Freud oder Leid, wird leicht jedes auffallende — 344 — Ereigniß zu einem himmliſchen Zeichen, wodurch der Herr zu uns redet und die der Seele eben klar gewor— dene Wahrheit bekräftigt. Dankbar nahm ich dieſen uns erwarteten Sonnenſchein zu einem ſolchen Zeichen an und ich kann nicht läugnen, daß, wenn mir gleich das in⸗ nere Licht wieder aufgegangen war, doch meinem Her— zen die Freude, die ich nicht anders nennen kann, als Genuß des Lichtes, erſt jetzt vollſtändig aufging. Wenn wir die Nähe des Herrn ſo lebendig fühlen, daß wir von ſeiner wahrhaften Gegenwart in unſerm Herzen überzeugt ſind, ſo iſt es leicht zu begreifen, wie wir nun auch außer uns bei jedem unerwarteten Ereig— niß, das mit unſerm innern Zuſtande zuſammen ſtimmt, ſeine beſondere Wirkſamkeit anerkennen. Sollten wir darin irren? Es wäre traurig, wenn das der Fall wäre, denn in unſern höchſten Augenblicken wären wir einer Taäuſchung anheim gefallen. Allein müſſen wir nicht ge⸗ ſtehen, daß es ſicher tauſend Mal mehr Zeichen gibt, als wir ahnen? Iſt das nicht ſogar einer der Zwecke f den die äußere Schöpfung hat, daß ſie Zeichen und Zeugniß ablegen ſoll? Muß nicht, wenn das ganze Reich der Natur in einem ſo genauen Zuſammenhange mit dem Reiche der Gnade ſteht, wie uns die Schrift lehrt, auch das Einzelne in dieſem mit dem Einzelnen in jenem ge— nau verbunden ſeyn, wenn wir es auch nur ſelten aner— kennen? Und wer mag die Linien ziehen, wo die allge— meine Wirkſamkeit aufhört und die beſondere anfängt. Dabey mag ſich aber jeder warnen laſſen, ſo lange ihm Wahrheit theuer bleibt, nicht eine Beute des Aberglau— bens zu werden. Die Gränze iſt ſcharf gezogen, welche Glaube und Aberglaube ſcheidet. Keiner traue einem äußern Zeichen, bis das Gottes Wort in ihm klar ge— worden. Das Wort iſt unſer Licht, und der einfache Glaube an daſſelbe, iſt die einzige Gewähr gegen Schwär— merei. Am Nachmittage wurde ich zu dem Kranken geru⸗ fen, den ich geſtern Abend zuletzt beſucht und deſſen un— entſchiedendes Weſen den eigenen trüben Zuſtand meines Innern nur vermehrt hatte. Ich ging hin. Als ich in die Krankenſtube trat, richtete er ſich munter auf und ohne mich zu grüßen, rief er in raſchen fröhlichen Worten: Herr Pfarrer, nun weiß ich wieder, an wen ich glaube. Sein Blick hatte eine geſunde Kraft gewonnen und auf ſeinem Geſichte lagen Friede und Geneſung. Mit dieſem Manne hatte es ſich auf beſondere Weiſe verhalten. Er gehörte zu jenen mehr geiſtigen Menſchen deren körperliches Befinden meiſt an den Zuſtand der Seele gebunden iſt. Ich hatte ihn ſchon ſeit Jahren als einen frommen Mann geachtet, der nicht ſelten eine be— ſondere Innigkeit und Fröhlichkeit des Glaubens an den Tag legte. Seit einiger Zeit aber hatten ſich dieſe köͤſt— lichen Gaben vermindert, er war oft trübe und traurig geſtimmt und klagte, daß das gläubige Hinwenden zum Herrn von Tage zu Tage ſchwächer würde. Es moch— ten auch wohl körperliche Urſachen mitgewirkt haben, da Leib und Seele bei ihm in ſo genauem Einklange ſtan— den. Er war wirklich krank geworden. Aber das ge— ſtand er ſelbſt, daß er ſich der Seele nach kränker fühle, als dem Leibe nach. Er war wie einer der das Gleich— gewicht verloren und hin und her ſchwankend, nimmer — 346 — Ruhe findet. Er lag in einer ſchweren Verſuchung. Wenn er über ſeinen Zuſtand ſo ſprach führte er gewöhnlich die Worte des Propheten an: Dein Schaden iſt verzweifelt böſe und deine Wunden ſind unheilbar. Wies man ihn dann auf den Schluß dieſer Rede des Herrn hin, wo er ſagt: „aber ich will dich wieder geſund machen,“ dann klagte er, wie er dieß Wort nicht verſtehe. Oft war man in der Furcht, daß er ſeinen Verſtand verlieren würde. So hatte ich ihn noch geſtern gefunden. Dieſen Morgen hatte man die Unvorſichtigkeit ges habt, ihm einen ſehr ſchmerzlichen Beweis, wie wenig man den Worten der Menſchen im gemeinen Leben trauen könne, nicht vorzuenthalten. Dieſe Wortbrüchig⸗ keit ſtürzte ihn in ein bürgerliches Gedränge; aber mit— ten in dem Unmuthe uͤber den Mangel an Wahrhaftig⸗ keit der Menſchen denkt er an die Fülle der Wahrhaf⸗ tigkeit des Herrn. Das bewegt ſeine Seele. Er erin— nert ſich, daß unſer Herr ſelbſt in ſeinen Tagen auf Erden immer den ſtärkſten Beweis aus Gottes Wort führt und wenn er den vollkräftigſten Grund vorbringt, ſagt: Es ſteht geſchrieben. Er ſieht es ein, daß man dieſem Worte trauen könne. In demſelben Augenblicke denkt er an jenes bisher nicht verſtandene Wort: Ich will dich wieder geſundmachen. Es iſt ihm nun klar. Er glaubt dem Worte. Und wie er es glaubt, da hat er, was er glaubt. Er fühlt ſich geſund an Seele und Leib. Der frühere Friede kehrt zu ihm zurück, und es iſt ihm, als wenn ein Strom von Geſundheit ſich durch den Körper ergieße. Der Arzt hatte ihm gerathen, aus Vorſicht fein Lager noch nicht zu verlaſſen, aber er war unausſprechlich heiter. Ich ſtaunte über die Gewalt des Gemüthes Körper, die ich bei dieſem Manne ſahe; und über die noch wun⸗ derbare Gewalt des Glaubens. Ein Beiſpiel, welches die Natur und Art des Glaubens ſo klar darſtellt, war mir noch nie vorgekommen. Der Geneſene konnte nicht Worte genug für ſeinen wiedergekehrten Frieden finden, ein Ausdruck des Dankes folgte dem andern und Weib und Kinder weinten Freudenthränen über den Vater, deſ— ſen theueres Leben ihnen nun wieder geſchenkt war. Auch hier beſtätigt es ſich, ſagte ich beim Abſchiede, daß dem Gerechten das Licht immer wieder aufgehen muß und Freude dem frommen Herzen. g Als ich heimging, ließ ſich in Weſten die unterge— hende Sonne ſehen; ihre goldenen Strahlen verklärten die Erde, wie an den ſchönſten Abenden; hinter purpur⸗ rothen Wolken ging ſie unter und ein ſchönes glühendes Abendroth ſtand am Himmel. Die Luft war klar gewor⸗ den, und ihre ſteigende Kälte verkündeten uns einen ſtren⸗ gen Froſt. 1 Das Abendroth erſchien mir wie eine bildliche Weiſ— ſagung des Weltunterganges. Dann hat die Erde auch ihren kürzeſten Tag, aber dann wendet es ſich gleichfalls. Doch kaum mit Einem Gedanken berührte ich dieſe Be— deutung des Abendrothes und eine andere lag mir heute näher. Dieß iſt der rothe Liebesſchein, womit der Herr dunkle Tage noch am Abende ſchmückt, wenn er ihnen fröhliche will folgen laſſen, dachte ich und kam in der reinſten, friedevollſten Freude heim, um die erben gen auf das nahe Chriſtfeſt zu beginnen. Doch ehe ich daran ging, habe ich mich niederge— ſetzt und ſchreibe die Geſchichte dieſes mir ſo merkwür— digen Thomastages nieder, damit ich mich in Zukunft recht lebhaft ſein erinnern möge. Die Erfahrung bringt - ja Hoffnung. Die Hoffnung aber läßt nicht zu Schan⸗ den werden. 76 Die Einweihung zum Amte. — — Ehe ich von Euch ſcheide, muß ich noch von einem Tage erzählen, welcher der ernſthafteſte meines Lebens iſt. Bei den frühern Erzählungen ſchwebte er mir im— mer vor der Seele, und ſollte Euch in irgend einer von denſelben eine Stimmung unverſtändlich geblieben ſeyn, ſo muß ſie Euch klar werden, wenn ich von dieſem Tage erzähle. Ich könnte ihn den Grundton neunen der in allen andern Glockentönen wiederkehrt, und der recht eis gentlich zu dem leiten möchte, der das ganze Leben zu einem ernſten und heitern Feſte machen kann. Sollte dann auch Wort und Ton dieſes Mal ernſter werden, als je vorher; ſollte es mir nicht erlaubt ſeyn, in den ernſten Betrachtungen, welche die Erinnerung an die Einweihung zum Amte in mir hervorruft, einer unterge— oroneten Empfindung und einem nur begleitenden Ge— — 349 — danken das Wort zu geben; ſollte in der Erzaͤhlung von jenem feyerlichen Morgen, jeder Blick auf Umgebung und äußere Zuſammenſtimmung vermieden und das Auge nur auf die Bewegungen des Innern gerichtet werden müſſen, fo wollet Euch deßhalb nicht wegwenden. Wo⸗ mit könnte ich beſſer von Euch ſcheiden, als mit Ernſt! Ich mag die wenigſten unter Euch kennen, die Ihr einſt dieß Blatt in Eure Hand nehmt, ihr verſchwiſterten Ges müther, mögt ihr frommen Frauen, erfahrnen Männern oder jungen Geiſtlichen angehören, aber es iſt die Weh— muth ſcheidender Liebe, mit der ich Euch jetzt in das geiſtige Angeſicht blicke, und Wehmuth iſt ernſt. Häͤtt' ich gar ein Amt an Dich gehabt, weil unſer Herr mich dazu einmal bei Dir gebrauchen wollte, und hätte Dir auf irgend eine Weiſe der Geiſt, der höher iſt, als der Deinige und der meinige, geſagt, was für ein Ernſt in dieſen oft ſpielenden Worten verborgen geweſen: o dann iſt ja zwiſchen uns beiden ein ſehr ernſtes Verhältniß eingetreten. Wir gehen nun, Du und ich, nach dieſer Stunde jeder ſeinen Weg, und wenn wir uns auch hie— nieden von Angeſicht nicht ſehen ſollen, woran auch we⸗ nig liegt; dann ſehe ich Dich doch jenſeits, wie ich hoffe, und drücke Dir die Freundeshand, daß Du unten auf der Erde mit mir zu weinen und zu glauben und fröh— lich zu ſeyn nicht verſchmäht haſt, und das wird dann von neuem ein ſehr ernſter Augenblick ſeyn. So laßt mich dann mit dem Ernſthafteſten, das ich noch zu erzählen habe, den Schluß machen. O, wenn Gott es mir gäbe, den Nachhall dieſes Tages, der nie erſterben wird in meinem Herzen, treu und rein auszu— — 350 — ſprechen! Fern ſey in dieſer Stunde, wie an jenem Tage, meiner Seele alles Störende! Nichts möge mein Gemüth beſchäftigen, als der Abſtand göttlicher Gnade und menſchlicher Unwürdigkeit! Und wenn ich im Ers zählen meine ſpätern Erfahrungen nicht ganz verläugnen kann, da ſchon ſeit jenem Tage ein Jahrzehnt verfloſſen iſt, ſo möge ſich nur das horvorthun, daß ſeitdem mir beide größer erſcheinen! Frühe, ehe die Sonne aufgegangen war, erwachte ich in dem fremden Lande. Bei der wichtigſten Feyer meines Lebens ſollte ich unter lauter unbekannten Men⸗ ſchen allein ſeyn. Der Vater, die Mutter, die Schwe— ſtern, die Freunde und Lehrer waren fern, und Ort, Ges gend und Menſchen mir unvertraut. Ich kannte niemand hier, als meinen Herrn und Heiland. Zwar hatte ſich ein geiſtiges Band geſtern beim Einzuge zwiſchen der Ge— meinde und mir gebildet, allein das war noch ſo zart und allgemein, daß ich mich nicht daran halten konnte. Als ich die Weihung zu dem Amt erhielt, das uns in den Worten der Stiftung ſchon auferlegte, in die Welt zu gehen, — ach ging der, welcher es ſtiftete, und auf Bethanien ſtand, nicht noch zur ſelben Stunde zum Va⸗ ter und ließ die Jünger allein ohne ſeine ſichtbare Ge⸗ genwart? — da ſollten auch bei mir auf Ein Mal alle Bande des vorigen Lebens durchſchnitten, und ein neues begonnen werden. Dieß war ſchwer genug für den, der gewohnt war, immer nur im Kreiſe der Ver— trauten, Liebe nehmend, Liebe gebend, ein Feſt zu feyern. Indeß Eins ſtärkte mich. Es war die Weihe, welche der Vater vor dem Abſchiede mir ertheilt und von der er — 351 — geſagt hatte es ſey die dritte, welche er mir erflehe, und ſo könne kein Menſch ſie mir wieder ertheilen, wie er in der Stille des Älterlichen Hauſes, als eben die Sonne zum Abſchiedsmorgen aufgegangen war. Tief fühlte ich heute in der Dämmerungsſtunde, wie den Schmerz, ſo den Troſt des heiligen Tages. Ich ſchüttete mein Herz vor dem himmliſchen Erzhirten aus, der ja der unſichtbare Freund der Seinigen iſt. Dann, als der helle Tag ſich verbreitete, verwandte ich die früheſten Stunden, mich aus Gottes Wort zu ſtärken. Ich las den erſten Brief an den Timotheus, den der Apoſtel nicht von Menſchen, auch nicht durch Menſchen, im Beginn ſeiner Heidenreiſen ſchrieb und in dem er ausruft: Wer ein Biſchofsamt begehrt, der begehrt ein köſtliches Werk; darauf den an den Titus, den er mehr in der Mitte ſeines Wirkens ſchrieb, und in dem er er— mahnt: Halte ob dem Wort, das gewiß iſt und lehren kann; und zuletzt den zweiten Brief an den Timotheus, den er am Ende ſchrieb und in dem er ſagen konnte: Ich habe den Lauf vollendet und den Glauben gehalten; hinfort iſt mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit. Es iſt für ein großes Glück zu achten, daß wir drey Briefe in der heil. Schrift beſitzen, welche ſich lediglich mit dem Amte des Worts beſchaͤftigen, und die von dem Apoſtel unter ſo verſchiedenen Umſtänden verfaßt ſind, daß man für jede beſondere Lage, worin das Amt uns ſetzen mag, Licht, Kraft und Troſt bei ihnen holen kann, und wenn man ſie nach einander lieſet, einen lies berblick über den ganzen Lauf eines ſolchen Lebens gewinnt. Oft hielt ich inne, wurde in die Tiefe einer einzelnen Aeuße— rung verſenkt, oder hob mich an einer andern hinauf. Ich fühlte, daß alle Gewalt und Seligkeit des Amtes auf dem Glauben an das Wort beruhe. Aber keines goß einen ſolchen Strom von Muth und Frendigkeit in meine Seele, als jenes köſtliche Wort in dem letzten Briefe: Glanben wir nicht, ſo bleibt er treu; er kann ſich ſelbſt nicht leugnen. Unwillkührlich wurde ich an den Ausſpruch eines frommen Kirchenvaters erinnert, daß wie Feuer ein Metall bewähre, ſo das Lehramt die Probe einer chriſtlichen Geſinnung ſey. Furchtbar er— tönte in meiner Seele, was mein Vater oft von den Söhnen Aarons geſagt hatte über das fremde Feuer, das nicht ungeſtraft auf den Altar gebracht werden dürfe. Wenn ich mein Verhältniß zu dem heiligen und gerechten Gott in irgend einer Erſcheinung meines Lebens erfaßte, und ſie einzeln vor ihm prüfte und ſie nicht im Zuſammenhange mit einer ganzen Führung betrachtete: ſo mußte ich alle frohe Ahndungen und Triebe, alle ernſten Vorbereitungen, alle gelungenen Verſuche, die von meiner Kindheit an durch die Jahre des Jünglings hindurch auf dieſes Amt gingen, verdammen, denn ſie waren nicht rein vor dem, der Augen hat wie Feuers flammen. Aber da goß jenes köſtliche Wort den Strom von Muth und Freudigkeit in meine Seele und rief noch manche andere Worte zu ſich, ünter denen vorzüglich mich folgendes ergriff: Aber das Alles von Gott, der uns mit ihm ſelber verſöhnt hat durch Jeſum Chriſtum und das Amt gegeben, das die Verſöhnung predigt. Eine Stunde vor dem Anfange des Gottesdienſtes, erſchienen mit den Aelteſten die Pfarrer, welche mir die — 353 — Hände auflegen ſollten. Es waren drey Greiſe. Es freute mich, als ich ſie ſahe, denn ich hatte immer ges meint, es ſollten nur ſolche Greiſe weihen. Bei ihnen nemlich pflegt ſich jene Verbindung von Ernſt und Milde zu finden, die ſich, vom menſchlichen Standpunkte aus betrachtet, zum Träger einer himmliſchen Salbung eige— nen. In dieſem Lande hatte Gottes Gnade jene freye Geſtaltung der Kirche erhalten, nach der nur Einer der Meiſter iſt, und die übrigen Brüder. Das ſcheint je— dem die möglichſt höchſte Würde, ein Diener des Wor— tes zu ſeyn; und nur das Maß der göttlichen Gabe zu Rath und That ſetzt den einen vor dem andern in grö— ßere Thätigkeit. Den Alten wird wegen ihrer Erfahs rung beſondere Achtung, und weil dieſelbe freyer iſt, iſt ſie auch inniger und tiefer. Das Geſpräch verbreitete ſich über den gegenwärti— gen Zuſtand der Gemeinde Chriſti auf Erden, über die Hoffnungen, welche ſie für die Zukunft nähren darf, und über die erſten, blühenden und lebendigen Zeiten der chriſtlichen und dann der wiederhergeſtellten Kirche. Es war ſo viel Feſtigkeit und Milde, ſo viel Glaube und Liebe in ihren Aeußerungen, daß die Aelteſten mit ge— faltenen Händen zuhörten. Wäre ein Weltmann in die— ſem Augenblicke eingetreten, ſo hätte er geſtehen müſſen, daß kein Stand in der menſchlichen Geſellſchaft dem Greiſe ſo angemeſſen ſey, und keiner aus ſeinen Die— nern in einer langen Reihe von Jahren das zu machen verſtehe, was der geiſtliche. Wie ſollte dieß auch feh—⸗ len, da er ſeinen Dienern auferlegt, ſich unabläſſig mit den höchſten Gedanken der menſchlichen Seele zu beſchäf— Glockentoͤne. 6te Aufl. 23 Pr tigen, fein Ohr unverrädt an den Mund des Geſandten Gottes zu halten, und was er vernommen, ſelbſt zu le— ben und zu erfahren, auf daß er es predigen könne. Schweigend hörte ich dem ſalbungsvollen Geſpräche zu und betete im Stillen zu Gott, daß er mir verleihen möge, ſolchen Segen des Amtes zu empfangen. Unter den erſten Schlägen der Glocke brachen die drey ehrwürdigen Greiſe auf. Wir gingen zur Kirche und die Aelteſten folgten. Ich erinnere mich, wie die letztern beim Aufbruche äußerten, es werde eine halbe Stunde geläutet, es ſey deßhalb noch Zeit; und wie ei— ner der Greiſe antwortete: es zieme den Dienern der Kirche, die erſten im Hauſe des Herrn zu ſeyn, um die Gemeinde, die aus der Welt herein kommt, zu empfanz gen. Mir war dieſe Bemerkung um ſo angenehmer, da ſie mir Hoffnung gab, eine hinlängliche Zeit ſtill in der ſchweigenden Verſammlung mich auf die Feyer zu ſam⸗ meln. Es gibt keine feyerlichere Vorbereitung, als eine ſolche. So frühe wir in das Haus des Herrn eintraten, ſo war es doch ſchon beſetzt und füllte ſich mit jedem Augenblicke mehr. Bald ſaß jeder an ſeiner Stelle, die feſtliche Verſammlung ſahe ſich ſchweigend an, und die Frömmern beteten. Das ſind mir unvergeßliche Augen— blicke geblieben. Eine ſolche Verſammlung, ſchweigend in heiliger Scheu vor dem Angeſicht des Herrn, iſt das erhabenſte Bild von der Erſcheinung der Welt vor dem Throne des Richters, und wenn eine ſolche Verſamm— king um die Gnade ihres allgegenwärtigen Herrn betet, fo erweckt fie umwillkührlich die Ahnung von der trium⸗ — 355 — phirenden Gemeinde im Himmel. Und nun bethete diefe Verſammlung für einen ihr noch unbekannten Jüngling, von dem fie mehr erwartete, als er fühlte geben zu kön⸗ nen, für den ſte aber bethete, daß der Herr es ihm für ſie geben möge. Wie mir war, drücken Daniels Worte aus: Wir liegen vor Dir, Herr, nicht auf unſere Ge⸗ rechtigkeit, ſondern auf Deine große Barmherzigkeit! Die Stille wurde durch einige, ernſte, würdige Töne der Orgel unterbrochen. Der Vorſänger trat vor, und die Gemeinde ſang mit ihm den alten kunſtloſen, aber gediegenen Geſang: Ach Gott wie herzlich Tieoft Du doch, Uns arme Leut auf Erden Daß Du uns von dem Himmel hoch Dein Wort kund läſſeſt werden, u. ſ w. Unter den letzten Zeilen des Geſanges trat ich auf den Lehrſtuhl. Zitternd beugte ich mich nieder und bes thete Worte aus den Pſalmen, jenen tiefſten Seufzern aus der menſchlichen Bruſt, geheiligt durch Gottes Geiſt! Darauf verlas ich die Erzählung von der Weihe des Propheten Jeſaias, die in ihrem Weſen ſich an jedem folgenden Diener des Wortes wiederhohlen muß. Der Prophet ſahe in dem Jahre, da König Uſias ſtarb, den Herrn in feinem Tempel auf einem hohen, erhabenen Stuhle, die Seraphim bedecken ihr Antlitz vor ihm und einer ruft dem andern zu: Heilig, heilig, heilig iſt der Herr Zebaoth, alle Lande find feiner Ehre voll! Wie nun der Prophet ſeufzet: Wehe, ich vergehe, denn ich, bin unreiner Lippe, da kommt der Seraphim einer zu ihm geflogen, eine glühende Kohle in der Hand, die er 23* — 356 — mit der Zange vom Altare genommen und rührt des Propheten Mund und ſpricht: Siehe, hiermit ſind deine Lippen gerührt. Und wie nun eine Stimme gehört wird: Wen ſoll ich ſenden? wer will unſer Bothe ſeyn? Da antwortete der geweihte Mann: Hier bin ich, ſende mich! Nachdem dieſe heilige Geſchichte verleſen, wurde der Abſtand, in dem ſie mit dem Falle der Anwendung ſich befand, in ſeiner ganzen Größe beherzigt, aber auch angedeutet, wie das Weſen der Weihung heute noch daſſelbe, und in den Worten ausgeſprochen ſey: Vergib uns alle Sünde und the uns wohl, fo wollen wir opfern die Farren unſrer Lippen. Nach dem Vorbilde eines erleuchteten Kirchenvaters, der auch ſein Amt mit dieſen Worten begonnen, nahm ich ſie zum guten Zeichen des Anfanges. Ich zeigte wie der Diener des Wortes ein Herz voll höherer Unſchuld, die im Glauben an Jeſum Chriſtum gewonnen wird, beſitzen und im täglichen Ge— bet um das Wohlthun Gottes wandeln müſſe, und dann opfern könne die Farren der Lippen. Das Amt des Worts iſt eine Darbringung des Opfers der Lippen, indem es von der einen Seite die täglich wiederholte Selbſtverleugnung fordert und von der andern ſtatt der eigenen Weisheit die von Gott in ſeinem Worte dar— bringt. Die innige Heilighaltung des Amtes, die mein Herz empfand, konnte ich in dieſem Gedankengange aus— ſprechen, und ſchloß mit der Anrede an die geiſtlichen Greiſe: Dünkt Euch, ehrwürdige Väter, dieſe Geſin— nung nicht ungeeignet für einen Jüngling, der ſein gan— zes Leben dem Dienſte des göttlichen Wortes hingeben möchte; erkennt Ihr in den ſchwachen Worten die Spu— =... 2 ren des Geiſtes, durch den wir wiſſen, was uns von Gott gegeben iſt; haltet ihr dafür, daß ich reden dürfe, weil ich glaube: wohlan, ſo rufet mich im Namen des Herrn und ich komme in dieſem Namen. Die Gemeinde ſang: Nun bitten wir den heiligen Geiſt u. ſ. w. Die drey Greiſe führten mich zu der Stufe des Al— tars und gingen ſelber hinauf. Der älteſte unter ihnen verlas die Worte der Stiftung des Predigtamts, die unſer Herr vor ſeiner Himmelfahrt ſprach. Dann las er die weitere Erklärung dieſer Beſtallung, wie er ſeine Jünger zu ſich rief mit den Worten: die Aernte iſt groß, aber wenige ſind der Arbeiter, darum bittet den Herrn der Aernte, daß er Arbeiter in ſeine Aernte ſende; und nun ſie ausſendete, ihnen Schlangenklugheit und Tau— beneinfalt befahl, und daß er ihnen geben würde, was ſie reden ſollten und endlich vorherſagte, wie Noth und Ungemach ihnen nicht fehlen, aber ſie ſelig ſeyn würden, wenn ſie bis an das Ende beharreten. Nach dieſen ern— ſten Forderungen an die Bothen des Evangelii las er Jeſu hohenprieſterliches Gebet für dieſelben, und hatte ſo aus Gottes Wort Stiftung, Gebot und Verheißung des Amtes dargeſtellt. Indem er las, kniete ſchon der Einzuweihende. Es wurden ihm die drey umfaſſenden Fragen vorgelegt und als das bebende Ja gehöret worden, rief der Greis die Gemeinde zum Gebete auf. Er kniete mit ſeinen beiden Gehülfen nieder. Nun flehete er für den künftigen Diener des Worts, daß der Herr ſein Herz reinigen, ſeinen Geiſt heiligen, ſeine Hand füllen, ſein Auge erleuchten, ſein 3 Ohr öffnen, feine Zunge bewahren, feine Lippen rühren, ſein Haupt ſalben, ſeine Lenden umgürten, ſeine Knie ſtärken und ſeine Füße wolle lieblich ſeyn laſſen, wie da lieblich ſind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, und zu Zion ſagen: Dein Herr iſt König! Die Greiſe ſtanden auf vom Gebete. Es war eine heilige Stille. Da legten ſie mir nach apoſtoliſchem Ge⸗ brauch die Hände auf und hießen mich empfangen den heiligen Geiſt, Schutz und Schirm vor allem Uebel, Stärke und Kraft zu allem Guten von der gnädigen Hand Gottes des Vater und des Sohnes und des vr gen Geiſtes! Amen. Der Chor fiel ein und fang leiſe, erſt feyerlich dan— kend, dann innig bittend einige Verſe von dem alten Liede: Mein Gott dir will ich ſingen, Von Herzen Lob und Dank, Daß du zu hohen Dingen, Gefordert meinen Gang, u. ſ. w. Derjenige unter den Greiſen, den noch am meiſten das Feuer der Jugend zu beſelen ſchien und der in der ganzen Nachbarſchaft durch die Gabe des beredten Mun— des bekannt war, nahm das Wort, und indem er brü— derlich dem jungen Bruder Glück wünſchte, äußerte er, daß man zu keinem andern Amte in der Welt fo Glück wünſchen könne, als zu dem, das die Verſöhnung pre— digt. Er nannte dieſes Amt, das die Verſöhnung pres digt und ein Amt, des neuen Teſtaments, nicht des Buchſtabens, ſondern des Geiſtes iſt, und jene heilige Klarheit hat, mit Nachdruck ein Amt des Wortes. Um des Wortes willen, das zur Gemeinde geredet worden, ſey ſie, wie weiland die Apoſtel, rein geworden, und nun ein auserwähltes Geſchlecht und ein königliches Prie— ſterthum. Darum kann es in einem prieſterlichen Volke nicht einen beſondern prieſterlichen Stand geben. In den Zeiten der Weiſſagung habe derſelbe eine prophetiſche Bedeutung gehabt, die nun erfüllt ſey. Iſt denn ein Diener des Worts, ein Mann, der es nicht allein wagen darf, ſondern ſogar das Amt hat, Gottes Wort an die Menſchen zu bringen, nicht unvergleichlich mehr in einem prieſterlichen Volke, als ein durch menſchliche Abgrän— zung erhöhter Prieſter in einem Volke welches ſich im Gegenſatze gegen ihn als das gemeine betrachten muß 2 Hierin liegt die Wuͤrde des Amts, eine Würde, die freilich das ſinnliche Auge nicht ſieht, ſondern nur das Auge, welches im Stande iſt, auch ein königlich Prie— ſterthum zu ſehen. Daß jede Wirkſamkeit durchs Wort etwas Wunderbares hat, wollte der Redner nicht weiter ausführen, und berührte nur, wie durch das geringſte Mittel, durch ein Wort, einen Hauch des Mundes, das Höchſte, eine Veränderung in menſchlichen Seelen, her— vorgebracht werde. Aber, rief er aus, wie heilig iſt dieſes Mittel in dem Amt, das wir zu führen gewür— digt ſind! Es iſt Gottes Wort, Strahl des ewigen Lichts in unſerer Finſterniß, Mittheilung, welche die höchſte Vernunft an unſere gefallene macht. Und nun kam er darauf, wie ſelig der Zweck des Amtes ſey, nicht Veränderung bloß, ſondern gänzliche Veredlung der menſchlichen Seele, Verſöhnung mit Gott, Friede in der friedeloſen, Ruhe in der unruhigen, Kraft in der ohnmächtigen, Hoffnung in der furchtvollen Seele! Ein ſeltenes, ſtrahlendes und dennoch mildes Feuer ergriff ihn, wie er nun zeigte, wie köſtlich es ſey, den Men— ſchen die Lehre von der Gnade Gottes, die frohe Both— ſchaft von ſeiner allgemeinen Liebe, das einladende Wort vom Kreuze verkündigen und bitten zu dürfen an Chriſti Statt: Laßt euch verſöhnen mit Gott. O ſelber ſich ge— rettet zu fühlen aus Nacht und Eiend der Sünde und ihrer finſtern Gewalt, und erſt an ſich ſelbſt die Seg— nungen des Wortes erfahren zu haben, und dann im Freudenjubel der erſten und immer ſteigenden Liebe den Brüdern zuzurufen: Schmecket und ſehet, wie freundlich der Herr iſt! Kommt her zu ihm alle, die ihr mühſelig und beladen ſeyd, Er will euch erquicken! Wer zu ihm kommt, den will Er nicht hinausſtoßen! und dann zu ſehen; wie das Wort überſchwenglich wirkt, wie ſie kommen, die Mühſeligen, und gleich beim erſten Schritt finden, was fie ſchon aufgegeben, je zu erlangen, — wahrlich, das iſt das Seligſte, was man auf Erden erfahren kann. Es iſt ja Liebe und die höchſte Liebe, die auf das ewige Heil der Brüder geht. Dieſe Seligkeit wird im Amte als jene große Freudigkeit des Glaubens empfunden, von welcher der Apoſtel ſchreibt, daß fie von demjenigen, welche wohl dienen, erworben werde, Von ihrer Rede gilt, was die Alten ſagten, daß jedes Wort entweder ein Blitz oder ein Thautropfen ſey. Ih— nen wird gegeben, was ſie reden ſollen, und wer ſie hört, vergißt fie über der Rede. Sie predigten nichts als Verſöhnung und ihre Früchte, und nichts ſo begei— ſtert und unaufhörlich, als Gnade, Vergebung und Frie— — 361 — den und darum erwarten ſie es freudig, daß ſie an je— nem Tage aus ihren Worten gerechtfertigt werden. Doch, ſagte er endlich, was ſoll ich mehr vorbringen, als der Geiſt der Weiſſagung ſelbſt, der uns verheiſſet: des Prieſters Lippen ſollen die Lehre bewahren, daß man aus ſeinem Munde das Geſetz ſuche, denn er iſt ein En— gel des Herrn Zebaoth! Die Gemeinde war hingeriſſen. Sie hing an dem Munde des Greiſes. Es war, wenn er einen neuen, vollwichtigen Gedanken vorbrachte, als wenn derſelbe jedes Mal wie ein Blitz in Einem Augenblicke alle Her- zen und Geiſter der Verſammlung durchzucke. Er ſprach fo recht eigentlich nur das Ereigniß des gegenwärtigen Augenblicks aus, und dann iſt es zuweilen der Fall, daß das göttliche Wort ſo alle Gemüther ergreift, daß die ganze Verſammlung nur Ein Gemüth zu ſeyn ſcheint. Solche Reden laſſen ſich nicht mit Feder und Tinte wie— dergeben. Wie hätte ich auch in einer ſolchen Stunde die äußere Geſtalt des Vortrages beachten können. Ich habe nur erzählt, ſo viel mir von dem Gedankengange des Ganzen erinnerlich geblieben. Aber das weiß ich noch klar, in welchem heiligen Entzücken meine Seele unter der Anhörung dieſer Rede ſchwebte. Der Greis ſchloß mit einem Segensſpruche und der Chor fang, un— gemein paſſend, aus Luthers geiſtvollſten Lied den Schluß, der ſich für eine Einweihung eignet: Was ich gethan hab' und gelehrt, Das ſollſt du thun und lehren, Damit das Reich Gotts werd' gemehrt Zu Lob und ſeinen Ehren. Glockentoͤne. te Aufl. 24 — 362 — Und hüt dich vor der Menſchen G'ſatz Davon verdirbt der edle Schatz. Das laß ich dir zuletzt« Der andere Geiſtliche, ein ſehn milder und ſtiller Greis, der vielen Kummer in ſeinem Amt und Leben zu tragen gehabt, nahm das Wort und redete mich alſo an: Wenn unſer Bruder dir Glück gewünſcht, zu der Würde des Amtes, ſo laß mich dir Glück wünſchen zu feiner Bürde. Preiſet der Herr doch feine Apoſtel ſelig über das, was ſie zu erdulden finden würden! In ſeinen Leiden erkennt man die Hoheit eines Amtes und der Chriſten Herrlichkeit hienieden iſt das Kreuz! Auf dem Lehrſtuhle freilich erſcheint uns das Kreuz in der Ferne und läßt ſich wie ein Stern anſehen, und darum, wenn von der öffentlichen Lehre in unſerm Amte die Rede iſt, ſo iſt das der rechte Ort von ſeiner Würde zu ſpre— chen. Aber wenn wir von jenem Stuhle hernieder ſtei— gen und von dorther das Wort Gottes aus der großen Verſammlung in die Häuſer des Elendes, in die Kam⸗ mern der Sterbenden, und in die Herzen der Unglückli— chen tragen ſollen, dann kommt uns das Kreuz ſo nahe, daß wir ſelbſt es mittragen müſſen. Bey der Seelſorge muß von der Bürde des Amtes geredet werden. Du haſt gelobt, die Farren deiner Lippen dem Herrn zu bringen, und wir haben dich dazu eingeſegnet. Jetzt fordere ich dich auf und lade dich ein mit jenem ernſten Worte: Nun habt ihr eure Hände gefüllt dem Herrn, tretet herzu und bringet her die Opfer! Ich rede nicht von der Bürde der Seelſorge in dem Sinne derer, die — 363 — ſich beliebig die Würde aus dem Amte herausnehmen, und die Bürde verſchmähen und denen zur Strafe nun ſelbſt die Würde hat eine Bürde werden müſſen. Ich nenne die Seelſorge eine Bürde, in ſo fern ſie jedes Mal mit Trauer beginnt und nicht ſelten in Trauer endet. Es iſt der Anblick eines Lebens ohne Glauben, ohne Frieden und Hoffnung und Troſt, der unſer Herz zu ſolchem Mitleid ſtimmt, daß wir eilen müſſen, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbin— den, zu predigen den Gefangenen eine Erledigung, den Gebundenen eine Oeffnung und ein gnädiges Jahr des Herrn. Aber wie oft verkennt man, was wir dieten, wie oft verwirft man als Beleidung die Frage, welche nur Liebe thut und weiſet mit der Liebe auch das eigene Heil ab. Und was noch das Schlimmſte iſt, oft wird es angenommen und wieder aufgegeben, und die Sor— gen der Welt, die Reitzungen der Sünde, welche nie gewaltiger zu wirken pflegen, als gerade dann, führen ſie dahin wieder zurück, woher ſie eben entflohen waren. Doch ich bitte unſern Herrn, daß du fähig ſeyeſt, das höchſte Leid und die ſchwerſte Bürde des Amtes zu tra— gen, darum will ich dir auch von dem reden, was oft ſelbſt von ſolchen nicht geahnet wird, welche ſich am rüſtigſten erblicken laſſen. Das it jener feinſte und ver— nichtende Schmerz, der immer folgt, wenn ein Seelſor— ger aufhört, im Namen des Herrn zu wirken, und in ſeinem eigenen fortfährt. Ich meine, wenn er, der Menſch, bekehren, er in feinem Namen zu Gott führen, in eigener Kraft erwecken und demnach das armſelige Werkzeug den Meiſter abgeben will. Bruder! je höher 24* — 364 — wir ſtehen, deſto tiefer können wir fallen. So fallen Gerechte, aber ſie fallen oft ſo tief, daß ſie nicht wieder aufſtehn. Das iſt die Angſt, die unſerer Thätigkeit zur Seite geht, und deren Schmerz wir mit Geduld tragen müſſen. Die Würde des Amtes fühle in feiner Freudigs keit, feine Buͤrde nimm in Geduld auf dich! Aber dann wirſt du auch die Wonne der Geduld erfahren und das Unglaubliche verſtehen, wie man leidend ſeliger ſeyn kann, als wirkend. So wird der Herr Levis Erbe, und iſt unſer großer Lohn. Das werde dir zu Theil! Der Herr gebe dir des Amtes tiefſte Leiden und ihren heiligſten Segen. Er erfülle ſo an dir, was er verſprochen: Ich will der Prieſter Herz voll Freude machen, und mein Volk ſoll meiner Gaben die Fülle haben, ſpricht der Herr! Er endete und der Chor fiel ein mit den Worten: Wie lieblich iſt der Bothen Fuß, Die von dem Berge kamen, Und brachten Zion einen Gruß In ſeines Königs Namen! Zuletzt öffnete auch noch der Altefte unter dieſen geiſt— lichen Greiſen den Mund, derſelbe, der vorher die hei— lige Handlung geleitet hatte. Er zeigte weder das Feuer des einen, noch die Wehmuth des andern. Es war bei— des in ihm, aber es wurde bei weitem von etwas An— derm überwogen, das man geiſtliche Kraft, Salbung, nennen möchte. Viel ruhiger, wie der erſte, viel heite— rer wie der zweite, mit einem Feuer, an dem das Blut wenig Theil zu haben ſchien, mit einer Milde, die nicht im irdiſchen Leide, ſondern im Umgange mit der ewigen Milde gelernt war, erhaben und einfach, ſprach er. Ich — 365 — wage es nicht, ſeine Worte nachbilden zu wollen, und indem ich ſeinen Vortrag andeute, bin ich mir bewußt, das Tiefſte und Eigenthümlichſte, wie es damals mein Gemüth auffaßte, nicht wieder geben zu können. Nur das will ich noch bemerken: wenn dort Pauli Feuer und Petri Wehmuth ſichtbar zu ſeyn ſchienen, ſo war hier vielmehr Johannis Salbung zu verſpüren. Er begann mit der Klage, die unter jener Bürde, und ſelbſt wohl unter der Würde des Amtes erklingt. „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und brächte meine Kraft umſonſt und unnütz zu, wiewohl meine Sache des Herrn und mein Amt meines Gottes iſt.“ Er lehr— te, dieſe Klage müſſe dem weiſen Hirten kommen, der weder durch den Schimmer des Beifalls, noch durch die Blüthen der Erweckungen ſich täuſchen laſſe und durch den Schein auf das Seyn blicke. Aber eben dieſe Klage werde der Saame ſeines Wachsthums, wie das Blut der Märtyrer der Saame der Kirche geworden und führe ihn über Würde und Bürde des Amts hin zu ſeiner Weihe. Wenn er ſo einmal geklagt in dem unbefrie— digten Feuer der Liebe: dann ſoll er glauben lernen, ob— wohl er nicht ſiehet, und im Glauben die Saat auswer— fen, wenn er auch nicht an die Garbenfreude zu reichen hoffen darf. So wahr Gottes Wort von ihm an die Herzen der Menſchen gebracht wird, und ſo gewiß er bey ſich ſelbſt iſt, daß er dieſes verkündigt und nicht Menſchen Weisheit an ſeine Stelle ſetzt, ſo ſicher ſoll er wiſſen, daß ſeine Predigt wirken muß und gewirkt habe, wenn auch nichts davon, bekannt würde. Denn alſo ſpricht der Herr! Gleichwie der Regen oder Schnee vom Him— — 366 — mel fällt und nicht wieder dahin zurückkommt; ſondern feuchtet die Erde und macht ſie fruchtbar und wachſend, daß ſie gibt Samen zu ſäen und Brot zu eſſen: alſo ſoll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch feyn. Es ſoll nicht wieder zu mir leer kommen, ſondern thun, das mir gefällt, und ſoll ihm gelingen, dazu ich es ſende. Hienieden iſt ja nicht die Zeit der Aernte, ſondern der Saat. Trauert der Landmann, wenn er die Winterſaat in die Erde gelegt und das Feld ſchwarz da liegt oder der Schnee es bedeckt? Giebt es auch irgend etwas Ge— fährlicheres, als die Frucht ſeiner Arbeit zu ſehen, und muß uns das Nichtſehen nicht vorbereiten, daß wir einſt ohne Sünde ſehen? So bildet ſich in ihm das felfenfefte Vertrauen, das da glaubet und nicht ſiehet! In dieſem Glauben iſt er heilig und der Herr erfüllet ſo gnädig durch ſeine Führung, was er ſo ernſt gefordert: Wer den Altar anrührt, ſoll heilig ſeyn! Ein ſolcher Diener des Worts wirkt und lebt nicht mehr aus ſich und in ſich, ſondern ſein Leben iſt mit Chriſto verborgen in Gott! Er iſt erhaben über die Welt und ſelbſt über den Wech⸗ ſel, dem das Edle in ihr unterworfen iſt. Er iſt es, der jene entſchloſſenſte Abgeſchiedenheit von der Welt in der vielſeitigſten Oeffentlichkeit behaupten kann. Ihn ſporut der Menſchen Beifall nicht mehr und ihn lähmt der Man— gel an ſichtbarem Erfolge nicht mehr Er iſt nur Die— ner — und ſteht und fällt feinem Herrn! Auf die überraſchendſte Weiſe führte er dieſen Ad⸗ lergedanken des Glaubens durch alle Tieſen des geiſtli— chen Lebens. Auf einmal hielt er inne und ſich zur Ge— meinde wendend, ſprach er: Rede ich hier zu Einem? DT dein zu Euch allen! Zu einerlei Glanben und Erkennt⸗ niß des Sohnes Gottes ſollen wir alle hinan kommen und ein vollkommener Mann werden, der da ſey in der Maße des vollkommenen Alters Chriſti! Dann ſchloß er, indem er das Wort an mich richtete: Wandle deinen Weg, wie er dir gezeichnet iſt! Freue dich als Jüng⸗ ling der Würde des Amtes in Freudigkeit des Glaubens! Trage als Mann mit Geduld ſeine Bürde! Aber als Greis möge dir ſeine Weihe genug ſeyn! Amen. Es ſang die Gemeinde: Die Lehrer der Gemeinde müſſen, Erſt ſelbſt der Gnade recht genießen, Dann bringt ihr köſtlich Amt durchaus Auch Fried' ins Herz und Freud ins Hans! Darauf wurde der Segen des Herrn geſprochen, und ich begann mein Amt. | Buͤſchlerſche Buchdruckerei. * In der Büſchlerſchen Berlags- Buchhandlung erſchien: Helons Wallfahrt nach Jerulalem. Hundert und neun Jahr vor der Geburt unſers Herrn. Vom Verfaſſer der Glockentöne. 4 Bändchen. 3 Thlr. 16 Ggr. od. 3 Thlr. 20 Sgr. Diejenigen, die es zu wiſſen wünſchen, wie die reli— giöſe Gegenwart mit einer großen Vergangenheit zuſam— menhängt, und ſich von ſo manchem, was zur Geſchichte des Glaubens gehört, unterrichten wollen, finden hier reichen Stoff, und Referent hat bereits in der Erfahrung Belege, mit welcher Liebe dieß Buch von heitern und liebevollen Gemüthern angenommen iſt. Die Taufe im Jordan. Aus dem zweiten Jahrhundert der chriſtlichen Kirche. Preis 20 Ggr. od. 25 Sgr. 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